Verbale Scheinheiligkeit

sagt man das eigentlich so zu der Tatsache, wenn jemand mit dem was er sagt und wie er es formuliert etwas verschleiern will,(häufig in der Politik)

z.Bsp, eine neue Herausforderung annehmen (wenn Leute eigentlich im Groll eine Fa verlassen), Keiner will eine Mauer bauen usw (wobei letzteres ja schon eine direkte Lüge war :smile:)) aber als ambivalent wahrgenommen wird,

Was hilft erfolgreich diese Sprache zu entlarven und den Sprecher / die Sprecherein zu zwingen konkreter zu werden.

danke Vg Miss

Moin,

ja, das kann man durchaus so sagen.
Mit Hilfe von http://wortschatz.uni-leipzig.de/ habe ich noch andere Möglichkeiten gesucht. Wahrscheinlich passt nicht jede unbedingt, aber trotzdem:

Abwiegelung, Ausrede, Bemäntelung, Beschwichtigung, Betrug, Deckmantel, Doppelzüngigkeit, Falschheit, Getue, Heuchelei, Irreführung, Lippenbekenntnis, Lügerei, Manager- und Politikergesülze, Schönfärberei, Schönrederei, Schwindel, Tarnung, Täuschung, Umkehrung, Unaufrichtigkeit, Verbrämung, Verdrehung, Verhüllung, Verlogenheit, Verschleierungsgerede, Verstellung, Verzerrung, Vortäuschung

Was hilft erfolgreich diese Sprache zu entlarven

Genau hinhören

und den Sprecher / die Sprecherein zu zwingen konkreter zu werden.

Man kann ihm ein paar dieser Worte an den Kopf werfen und ihm seine Scheinheiligkeit unter die Nase reiben. Das geht aber fast nur, wenn man im eher privaten Bereich auf gleicher Ebene redet.
Zwischen Führungskräften, Interessenvertretern usw. geht das schon nicht mehr so gut, das merkt man täglich bei der Zeitungslektüre.
Und zwischen Otto Normalverbraucher und jemandem aus den höheren Ebenen erst recht nicht.

Grüße
Pit

Hallo Miss,
ein sehr interessantes Thema! Ich denke, man nennt es „Euphemismus“. Man sagt: „Ich gehe mir die Nase pudern“ und meint: „ich gehe mal aufs Klo“.

Dieser Tage habe ich einen Gewerkschafter gehört. Er sprach von Verhandlungen über Flexibilisierung der Arbeitszeit. Gemeint war die Änderung der Wochenarbeitszeit von 35 Stunden auf 38,5 Stunden. Ich denke, diese Verhandlung hat er schon vorher verloren, weil er die verniedlichende Sprache der Gegenseite übernommen hat. Das richtige Wort wäre: Lohnkürzung.

In diesem Sinne glaube ich, dass hier auch die Machtverhältnisse durch die Sprache zum Ausdruck kommen.

Es gibt unendlich viele solcher Situationen. Ich frage gerne nach - etwa: „Was meinen Sie genau …“. Klappt leider nur im persönlichen Gespräch.

Schöne Grüsse

Uli

danke für die doch sehr interessanten Antworten mmmh - was mich noch interessieren würde, wo lernen die, die diese Sprache sprechen das eigentlich, es kommt so selbstverständlich rüber, als hätte es das mit der Muttermilch gegeben und was am erstaunlichsten ist, das es dem bzw. derjenigen keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten scheint :smile:))es scheint nicht unangenehm zu sein

und - ja und es ist tatsächlich oder scheinbar ein häufig erfolgreich eingesetztes Machtinstrument

Ich habe dazu noch aus veragngenen Zeiten ähnliches gefunden, V. Klemperer: LTI (Die Sprache des dritten Reiches) was wohl ein wenig ähnliches Thema beleuchtet.
Und bei den chinesen die Kunst der List

D.h. heißt es die dt. Sprache in dt. Sprache zu übersetzen.

man o man
VG
Miss

Ich habe dazu noch aus veragngenen Zeiten ähnliches gefunden,
V. Klemperer: LTI (Die Sprache des dritten Reiches) was wohl
ein wenig ähnliches Thema beleuchtet.
Und bei den chinesen die Kunst der List

D.h. heißt es die dt. Sprache in dt. Sprache zu übersetzen.

Hallo Miss,

so weit zurück musst Du gar nicht gehen. Nimm mal das Wort „Ethnische Säuberung“. das heisst auf deutsch. Völkermord! Aber was ist an einer Säuberung schon Schlimmes? Unsere Medien benutzen dieses Wort immer wieder. Wenn man dieses Wort benutzt, akzeptiert man doch gleichzeitig, dass vorher eine Verschmutzung da gewesen sein muss. Hier übernehmen unsere Medien doch die verharmlosende Sprache der Mörder.

Oder: Man sagt nicht, dass Soldaten töten - man schaltet Gegner aus. Als könnte man sie auch wieder einschalten. Mit dem Töten hätte ein junger Mann sicher eher ein Problem als mit dem „Ausschalten“.

Das sind sehr ernste Beispiele. Manchmal kann ich mir richtig vorstellen, wie 26-jährige Marketingexperten in schwarzen Anzügen zusammen sitzen und sich lachend auf die Schenkel klopfen wenn sie ein neues Wort gefunden haben wie „Flexibilität“, wenn sie einen 48 jährigen IT - Fachmann im Stadtpark die Papierkörbe leeren lassen wollen.

Man muss halt immer aufpassen, dass man nicht zu weit in diese Verblödungsmühle hineingerät. Auch bei ARD und ZDF - man muss immer noch seinen eigenen Grips benutzen.

Alles Gute
Uli

Moin, Miss,

wo lernen die, die diese
Sprache sprechen das eigentlich,

meine Vermutung: vieles haben „die da oben“ auf ihrem Karriereweg gelernt, weil sie wegen zu offener, ehrlicher Meinungsäußerungen dann und wann zurückgeschubst wurden.
Wenn eine Führungsgruppe eine neue kritische Situation auf sich zukommen sieht, dann setzen sie sich zusammen und überlegen, mit welchen phraseologischen Tricks sie es dem Volke beibringen können.
Und um nicht ungerecht zu sein: im Privatleben sind viele von denen bestimmt nicht so.

Lies zu dem Begriff „Euphemismus“, den uli schmitz in seinem ersten Kommentar genannt hat, mal den entsprechenden wiki-Artikel
http://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus

Und ich kann das auch: es tut mir leid, dass ich micht ausführlicher und fachmännischer äußern konnte

Pit

Hallo, Miss,
ich empfehle in diesem Zusammenhang die Lektüre des Romans „1984“ von George Orwell, in dem „Neusprech“ http://de.wikipedia.org/wiki/Neusprech und „Doppeldenk“ http://de.wikipedia.org/wiki/Doppeldenk eine zentrale Rolle spielt.

Gruß
Eckard