Verbindung Mörder-Ermordeter

Hallo,

gerade lese ich alte Zeitungsartikel zu einem Mord im früheren Westpreußen im Jahr 1900, bei dem die Leiche erst nach und nach zerstückelt wieder auftauchte. Der Rumpf z.B. wurde in einem See, der rechte Arm auf einem Friedhof gefunden.

Es gebe, so ein Zeitungsartikel, eine Vorstellung, wonach ein Ermordeter seinen Mörder nach sich ins Verderben zieht, wenn die rechte Hand des Gemordeten nicht auf geweihtem Boden ruht. Der Ermordete war evangelisch und darum brachte der Mörder den rechten Arm auf den Friedhof, um das Verhängnis von sich abzulenken.

Wer weiß, was hinter so einer Vorstellung steckt?

Für Hilfe dankt Zerni

Hi Zerni,

der Mord von dem du liest, wurde nie gelöst.

Falls das mit der geweihten Erde, in einem dieser Artikel angesprochen wird, ist es (denke ich) schlichter Aberglaube.

Da man „gute Christen“ immer in geweihter Erde begraben sollte, musste man sich ja einen Grund ausdenken was passiert wenn eine Leiche nicht in geweihter Erde begraben wird. Die Erklärung - sein Geist wird solange umgehen, bis seine Leiche in geweihter Erde begraben ist. D.h. bei einem Mord, würde schon das Verscharren der rechten Hand ausreichen, das der Verstorbene im Jenseits Ruhe gibt und selbst helfen das sein Mord umgesühnt und unentdeckt bleibt.

Dieser Aberglaube mit geweihter Erde, bzw. Heimaterde ist schon ziemlich alt. Selbst jeder anständige Vampir will in seinem Sarg etwas Heimaterde haben.

Ich hoffe das es einen kleinen Teil deiner Frage erklärt?

Gruß
Helena

…die Leiche wurde zerstückelt aufgefunden, das ist Fakt.
Es kann sein das du einen der Artikel gefunden hast, der diesen Aberglauben nimmt, um die Zerstückelung und „teilweise Auffindung“ der Leiche zu erklären.

Es wurden damals sehr viele seltsame Erklärungen für diesen Mord geschrieben. Alle führten an den naheliegenden Spuren vorbei. Und auch dieser Artikel geht für mich in die Richtung, die damals alle Artikel nahmen - Aberglaube / Vorurteil / Sündebocksuche im Irrelevanten.

Nach dem Mord gab es in dieser Stadt immense Umruhen und antisemitische Ausschreitungen, selbst die Armee musste ausrücken um der Lage Herr zu werden.

Die Zerstückelung der Leiche fabulierte man sich damals mit den Schächtungsrutualen der ansässigen Juden zusammen und glaubte das Juden den Schüler erst geschächtet hätten, um bei geheimen Ritualen sein Blut zu trinken, dann, um vom Verdacht auf sich abzulenken, die Leiche zerstückelt und nur teilweise, über die Stadt verteilt, auftauchen lassen.

Da der ganze Fall von Aberglauben, Lügen, Vorurteilen, Anmaßung und Dilettantismus nur so überlief, konnte nie der echte Schuldige gefunden werden.

Gruß
Helena

Hier ein Buchtip mit einer späteren Aufarbeitung des Falles:

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3525362676/qid…

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Hallo Helena,

da Du den Mordfall wohl sehr gut kennst, meine Frage: wen hältst Du denn für den Mörder ? [Rezensionen zu dem von Dir empfohlenen Buch findest Du übrigens auch auf meiner Internetseite]. Warum aber gerade die rechte Hand in diesem Aberglauben eine so große Rolle spielt, möchte ich gerne noch herausbekommen.

Danke. Zerni

Hallo Zerni,

ich denke der ortsansässige Metzger war der Mörder. Eifersucht das Motiv. Vielleicht hat er seine Frau mit dem Jungen erwischt. Vielleicht war es eine Art Totschlag, oder „Unfall mit Todesfolge“.

Immerhin spielte dieser Metzger auch eine Schlüsselrolle bei den Unruhen, hatte die Kenntniss die Leiche fachgerecht zu zerteilen, ebenso die Örtlichkeiten (Schlachthaus) und war, ebenso wie fast alle anderen, ein Mensch mit vielen Abneigungen gegen die jüdischen Mitbürger. Da sich das Opfer am Tage seines Todes noch damit brüstete das er „Mädchen vögeln geht“, vermute ich hinter der Aussage mehr als nur Angeberei.

Und wieso die rechte Hand? Nun ja, die genaue Legende um die rechte Hand kenne ich auch nicht - die damalige Welt in Ost-Preussen war noch sehr abgergläubisch und Lügen/Märchen wurde mehr Glauben geschenkt, als Fakten. Daher auch die beliebte Mordszene der Schächtung auf vielen Bildern die damals verkauft wurden.

Die rechte Hand war die richtige Hand, die Schwurhand, die Hand mit der man sich begrüsst. Die linke Hand war die unreine, falsche. Man legt heute noch die rechte Hand auf die Bibel um einen Schwur zu bekräftigen. Amerikaner schwören auf die Verfassung mit der rechten Hand auf dem Herzen! Mit der rechten Hand führte der Ritter sein Schwert (ist zwar Blödsinn, weil die Dinger so schwer waren das man beide Hände brauchte, aber was solls!). Immerhin hing die Schwertscheide links, so das die rechte Hand das Schwert zog. Rechts = richtig, liegt nicht zufällig so nach beieinander. Das Sprichwort „dafür gebe ich meinen rechten Arm“ zeigt wie wichtiger die rechte Seite war. Der Gegensatz, die linke Hand - wird nur von „Wahrsagern“ benutzt, oder ist im Orient die „richtige, weil reine Hand“. Die rechte Hand war mit dem Intellekt, dem Glauben (natürlich dem christl.) verbunden, die linke Hand war die der Emotionen, des ES, der dunklen Gefühlswelten und Mysterien.

Und - da fast alle Menschen rechtshändig sind/waren und damals Linkshänder noch gezwungen wurden mit rechts zu schreiben (bis in die 1960er ging der Kampf gegen mit links schreibende Kinder), muss die rechte Hand natürlich etwas besonderes sein. Sie kann schreiben, ist meißt gelenkiger und geübter als die linke. Denk mal nach „linkisch“, bedeutet unbeholfen, tapsig oder auch verschlagen. Links ist negativ belegt.

So, mehr fällt mir dazu nicht ein. Vielleicht suchst du mal ein Buch über Aberglauben (eines hatte ich mal, leider durch Umzug verschollen. „Dreimal schwarzer Kater“ war der Titel, vielleicht gibt es das noch).

Ausserdem würde ich diesem Aberglauben nicht zuviel Bedeutung beimessen. Falls mein Verdacht bzgl. dem Mörder richtig wäre, hat er die Leiche nur wegen des Schockeffekts zerteilt und teilweise auftauchen lassen. Der Mörder spielte mit dem Schock der Menschen, der Verwirrung und den Märchen/Gerüchten/Lügen.

Wie ist dein Verdacht? Und warum?

Gruß
Helena

Hallo Helena,

danke für Dein ausführliches statement zur „Rechten“.

Ich vermute ein Eifersuchtsdelikt (möglicherweise von einem Mitschüler des Ermordeten: diese Gruppe wurde bisher noch gar nicht berücksichtigt, so weit ich das sehe) unter Zuhilfenahme von jemand, der gut Leichen zerstückeln kann.
Bestimmt gibt es ein Wörterbuch des Aberglaubens oder so was. Mal gucken.

Schöne Grüße: Zerni (Linkshänder)

Bestimmt gibt es ein Wörterbuch des Aberglaubens oder so was.
Hallole,

ja, so etwas gibt es: „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“. Leider kann ich dazu keine näheren Angaben machen. Volkskundler arbeiten aber nach meiner Kenntnis damit. In einer gut sortierten Bibliothek wirst Du es finden (bei uns wäre es z.B. die Landesbibliothek).
Dann sehe ich noch eine andere Möglichkeit, wo man noch probieren könnte: Solche Volksglauben sind oft nicht genau niedergeschrieben - das hat erst so um die Zeit von Goethe so richtig angefangen (das eigentliche „Volk“ schreibt ja noch nicht so lange). Aber in alten überlieferten Volksliedern finden sich manchmal Hinweise auf solche Glaubensriten, die oft noch aus heidnischer Zeit stammen. Ruf mal beim Volksliedarchiv in Freiburg an - die Leute sind nicht nur sehr kompetent, sondern auch noch nett und hilfsbereit.
Über die Tel - Auskunft wirst Du es bestimmt finden.
Viel Glück auch -
Gruß
Uli