Lieber Andreas
Deine Vermutung ist mit grosser Wahrscheinlichkeit richtig. Du musst dir aber bewusst sein, dass ihre Ängste eine Teil der Symptomatik ist und nicht etwa etwas, etwas du einfach umgehen kannst. Es wird also in meinen Augen wenig helfen, ihr versuchen einzutrichtern, dass ihre Beschwerden vielleicht aufgrund der psychischen Belastung zustande kommen.
Ich kenne deine Kollegin und auch ihr Umfeld nicht. Deshalb steht es mir nicht zu, zu beurteilen, woher genau die Beschwerden kommen. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass es nicht ganz auszuschliessen ist, dass deine Kollegin vielleicht emotionale, physische oder auch sexuelle Gewalt erlebt oder erlebt hat. In diesem Fall würdest du dich - und sie - überfordern, ihr helfen zu wollen. Wie gesagt, es geht mir nicht darum, hier Horrorszenarien an die Wand zu malen, denn ich kenne die Situation nicht. Trotzdem sind diese Art von Beschwerden und die Weigerung, sie als psychische Belastungszeichen anzuerkennen, häufig bei traumatischen Erlebnissen anzutreffen, weshalb ich diese Möglichkeit zumindest nicht völlig ausschliessen möchte.
Das wichtigste ist sicher, dass deine Kollegin professionelle Hilfe bekommt - egal, was genau der Hintergrund für die Beschwerden ist. Ich würde empfehlen, eine Behandlungsweise zu finden, die sowohl die körperlichen als auch die psychischen Aspekte berücksichtigt und die von deiner Kollegin subjektiv als erfolgversprechend akzeptiert werden kann - anders wird keine Behandlung möglich sein, das ist klar.
Es gibt in diesem Bereich sicher viele Möglichkeiten, vielleicht hast du selbst Erfahrungen und kannst deshalb eine Empfehlung an deine Kollegin geben. Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit Shiatsu gemacht. Allerdings ist es sehr wichtig - da es hier verschiedene Ausbildungen gibt - eine/n sehr erfahrene/n, gut ausgebildete/n Therapeuten/in zu finden, die sich möglicherweise auch in Traumaarbeit auskennt. Deine Kollegin kann dem/r Shaitsu-Therapeuten/in alle Symptome schildern, die Ursache dafür ist für die Behandlung letztlich egal, weil Shiatsu auf allen Ebenen wirkt - auch unabhängig davon, was die/der Klient/in selber glaubt.
Viele Shiatsu-Therapeuten bieten Schnuppersitzungen an, wodurch Interessierte die Möglichkeit haben, die Methode kennenzulernen und selber für sich zu beurteilen, ob sie es in ihrem persönlichen Fall als hilfreich erleben. Für deine Kollegin ist dies der wichtigste Punkt. Daneben steht es ihr natürlich frei, weiterhin nach möglichen körperlichen Ursachen zu forschen - aber bis zu dem möglichen Zeitpunkt, wo eine Diagnose gestellt werden kann, kann sie bereits etwas zur Linderung ihrer Beschwerden tun. (Dies als Begründung ihr gegenüber - falls es sich um eine Hypochondrie handelt, werden die Ängste im Laufe der Behandlung von alleine abnehmen, denn denke daran, dass sie in diesem Fall Symptome sind und nicht unabhängig von der Erkrankung).
Für dich ist es in meinen Augen wichtig, zwischen deinem Mitgefühl und deiner Hilfsbereitschaft auf der einen Seite und deinem Bewusstsein für die Fähigkeit jedes Menschen, selber über sein Schicksal zu entscheiden, auf der anderen Seite zu unterscheiden. Unterdrücke dein Mitgefühl nicht und biete alle Hilfe, die du mit gutem Gefühl geben kannst, an. Akzeptiere aber auch, wenn deine Kollegin deine Hilfe ablehnt oder sogar Dinge tut, die du vielleicht für kontraproduktiv hältst. Gib ihr die Möglichkeit, selbst mit ihrer Situation zurechtzukommen - auch in dem Bewusstsein, das möglicherweise weit mehr dahinter steckt, als wir von aussen sehen können. Deine Kollegin ist stark und in der Lage, ihr Schicksal zu tragen - wenn sie Hilfe will, wird sie diese anfordern.
Ich hoffe, ich konnte etwas Hilfreiches beitragen. Wie gesagt, ich kenne weder dich noch deine Kollegin und kann nur das sagen, was sich für mich in dieser Situation richtig anfühlt. Ich vertraue jedoch darauf, dass du das richtige Gespür hast, um diejenigen Informationen „herauszufiltern“ die für dich stimmig und hilfreich sind und alle anderen einfach beiseite zu lassen.
Ich wünsche dir viel Kraft!
Liebe Grüsse
Patrizia aus der Schweiz