Verdrängung als neue 'Mode-Erscheinung'?

Huhu!

Ich mag diese „Was haltet ihr davon?“-Fragen nicht, aber eine Meldung von heute hat mich doch ziemlich verblüfft:

_Forscher: Ins Unbewusste abgeschobene Traumata sind eine Erfindung der vergangenen zweihundert Jahre

Die Vorstellung verdrängter traumatischen Erinnerungen existiert erst seit etwa zweihundert Jahren, glauben amerikanische Wissenschaftler. Ihr Argument: Vor dem Jahr 1800 gibt es keine einzige Beschreibung eines Falls, bei dem sich ein ansonsten geistig klarer Mensch jahrelang nicht an ein einzelnes traumatisches Erlebnis erinnern kann. Das gilt sowohl für die Fach- und Sachliteratur als auch für Romane, Erzählungen oder Gedichte. Erinnerungen zu verdrängen ist demnach wahrscheinlich kein biologisch-neuropsychologischer Mechanismus, sondern ein Produkt der modernen westlichen Kultur, schließen die Psychologen und Literaturwissenschaftler um Harrison Pope daraus…_


Quelle und der ganze Artikel:
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/274661…

Mal angenommen, die Autoren haben Recht (was ich angesichts des „Beweises“ etwas bezweifle):
Ich kann mir nicht vorstellen, daß so ein gravierender (Schutz?-)Mechanismus erst vor kurzem entstanden sein soll. Klar, das Gehirn und die Psyche damit auch entwickeln sich mit dem Laufe der Zeit, aber Traumata haben Menschen doch schon immer erlebt?

Eure Meinungen?

Gruß,
Sharon

Sozial Konstruierte Störungsbilder
Hallo Sharon!

Ich kann nicht beurteiteilen, in welchem Maße, die Autoren Recht oder Unrecht haben. Ich möchte allerdings eine alternative Erklärung anbieten, die ihre These plausibler macht.

Du bist davon ausgegangen, dass sich die psychischen Beschwerden (Realität) verändert haben müssten. Dies ist in der Tat sehr unwahrscheinlich. Tatsächlich verändert haben sich dagegen die Grundannahmen der Gesellschaft über Traumata. Die Grundannahmen der Psychologen und Psychiater bestimmen ihre Diagnosen. Wenn ein Psychiater davon ausgeht, dass Patienten traumatische Erlebnisse stets erinnern, wird er nie ein „vollständig verdrängtes traumatisches Erlebnis“ diagnostizieren. Der Patient hat allerhöchstens einen Gedächtnisverlust erlitten. Die Symptome werden dann anders erklärt oder bleiben ungeklärt.
Wenn ein Psychiater andererseits davon überzeugt ist, dass es schwere traumatische Erlebnisse eine entscheidende Rolle spielen und häufig vollständig verdrängt werden, wird er dies auch entsprechend oft diagnostizieren. Dies kann auch dann passieren, wenn in Wirklichkeit kein solches Erlebnis stattgefunden hat.
Nicht zuletzt wird auch die Selbstwahrnehmung des Patienten durch populäre Theorien beeinflusst. Wenn alle an „absolute Verdrängung“ glauben, ist auch der Patient eher dazu geneigt, sich eine solche zuzusprechen.

Nicht zuletzt gab es auch Psychoanalytiker, die ihre Fallbeschreibungen manipuliert oder gar frei erfunden haben sollen, um ihre Theorien zu stützen.

Viele Grüße,

Falk

Hi,

erst mal noch ein weiterer Link dazu zum Nachlesen:
http://www.nature.com/news/2007/070205/full/070205-5…

Eure Meinungen?

meine unstrukturierte Meinung:

  1. „Verdrängung“ ist ein Konstrukt, das grundsätzlich nicht ohne spezifische theoretische Annahmen „gesehen“ werden kann;
    so unterscheidet sie sich weitgehend von anderen viel offensichtlicheren/untheoretischeren Dingen wie etwa dem Wahn oder einem Krampfanfall oderoder.

  2. Dementsprechen hat Falk Recht, dass sich eben der Blick des Beobachters historisch verändert hat und so erst dann „Verdrängung“ sehen konnte;

2a) Wie Harrison Pope sagt, ist dieser Blick ein kultureller;
leider sagt er das nur, nimmt es aber nicht voll zur Kenntnis;
damit will ich sagen, dass er ganz natürlich in alten literarischen Schriften keine „Verdrängung“ finden kann, da es diesen Blick eben, der Verdrängung beschreiben hätte können, zu der Zeit noch nicht gab …
Pope scheint m.E. vorausszusetzen, man hätte „Verdrängung“ zu einer Zeit schon beschreiben können als man es noch gar nicht „sehen“ konnte;
m.E. kommt er hier in Widersprüchlichkeiten, jedenfalls finde ich seine Schlussfolgerung: „vor 1800 nicht beschrieben, ergo keine neurologische Störung“ sehr übermutig.

  1. Pope fasst m.E. „Verdrängung“ sehr eng, spricht von „dissoziativer Amnesie“.

  2. Pope und viele andere halten allgemein nicht viel von „Verdrängung“; vgl. z.B.:
    „Verdrängungsmechanismen und deren Relevanz für die Entstehung neurotischer Störungen konnten bisher weder experimentell erklärt noch statistisch erwiesen werden. Vor allem statistischen Methoden, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts in der Psychologie zunehmend eine größere Rolle spielten und maßgeblich zur Bildung einer eigenständigen psychologischen Wissenschaft geführt haben, ist die Verdrängung nur schwer zugänglich. Verdrängte Vorstellungen gelten immer als individuell und können demnach nur in Einzelsitzungen untersucht werden, die zudem jeweils durch unterschiedliche Therapeuten durchgeführt werden.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Verdr%C3%A4ngung_%28Psy…

„Competent studies of more than 10,000 trauma victims found none that repressed or recovered memories of trauma. See Pope HG Jr, Oliva PS, Hudson JI. Repressed memories.“

http://en.wikipedia.org/wiki/Repressed_memories#Rese…

Scheinbar findet Pope also auch in der Gegenwart nicht viel Verdrängung …

  1. Man muss den Streit um die Verdrängung im amerikanischen Kontext verstehen, spezifischer in dem der amerikanischen Rechtspraxis; vgl. z.B. die Schlusspassage aus dem Eingangslink:

„But the idea that it is not a neurological disorder does have implications for legal claims, he says. He warns that people who feel they have remembered repressed memories may not be recalling real events.“

oder auch:
http://en.wikipedia.org/wiki/Repressed_memories#Famo…

Das alles findet in den USA ansonsten unter dem Schlagwort „False Memory Syndrome“ statt:

http://en.wikipedia.org/wiki/False_memory_syndrome

und hat in gewisser Weise sehr viel mehr mit der dortigen Rechtssprechung zu tun als mit psychologischer Forschung.

Pope jedenfalls publiziert selbst unter diesem Label:

http://www.amazon.de/Child-Sexual-Abuse-Memory-Syndr…
(als Kontributor)

Viele Grüße
Franz

Hallo,

ohne den Text von Pope und anderen genau zu kennen, möchte ich auf etwas Grundsätzliches hinweisen: Sicherlich gibt es bestimmte Vorstellungen über verdrängte Traumata erst seit einer gewissen Zeit. So wie es beispielsweise bestimmte Vorstellungen über die „Natur“ des Lichts erst seit einer gewissen Zeit gibt. Insofern handelt es sich um eine triviale Aussage, daß es erst seit einer gewissen Zeit bestimmte Vorstellungen über etwas gibt.

Daraus läßt sich aber nicht ohne Weiteres schlussfolgern, dass es die Phänomene, auf die sich diese Vorstellungen beziehen, erst ab dem Zeitpunkt gibt, als sich die Vorstellungen über die Phänomene gebildet haben. Daher halte ich diese Art von Argumentation für nicht überzeugend.

Wenn man Zweifel an dem theoretischen Konzept der Verdrängung hat (was man durchaus haben kann), sollte man versuchen zu zeigen, daß dieses Konzept die Phänomene nicht gut beschreiben kann (bzw. andere Konzepte sie besser beschreiben können) oder daß das Konzept schlecht ausgearbeitet ist oder Widersprüche enthält bzw. zu Widersprüchen führt.

Grüße,

Oliver Walter

Hi!

Wenn ein Psychiater davon ausgeht, dass
Patienten traumatische Erlebnisse stets erinnern, wird er nie
ein „vollständig verdrängtes traumatisches Erlebnis“
diagnostizieren.

Stimmt. Ich denke auch, daß es diesen Mechanismus schon immer gegeben hat, nur war er bis dato unbekannt bzw. wie du sagst, die Symptome wurden mißinterpretiert und anderen Störungen untergeordnet.
Ich fand den „Beweis“ hierbei sowieso merkwürdig: nur weil man nichts findet, heißt es doch noch lange nicht, daß es grundsätzlich nicht existent sei.

Nicht zuletzt wird auch die Selbstwahrnehmung des Patienten
durch populäre Theorien beeinflusst. Wenn alle an „absolute
Verdrängung“ glauben, ist auch der Patient eher dazu geneigt,
sich eine solche zuzusprechen.

Auch eine mögliche Erklärung :wink:

Gruß,
Sharon

Hi!

Wow, das nenn ich mal einen guten Artikel :wink:
Da ich in Psychologie nicht so bewandert bin, kannte ich den Hintergrund nicht - danke für die Info!

Gruß,
Sharon

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Hi!

Daraus läßt sich aber nicht ohne Weiteres schlussfolgern, dass
es die Phänomene, auf die sich diese Vorstellungen beziehen,
erst ab dem Zeitpunkt gibt, als sich die Vorstellungen über
die Phänomene gebildet haben. Daher halte ich diese Art von
Argumentation für nicht überzeugend.

Genau meine Rede :wink:

Also, ich sehe schon, meine Skepsis angesichts dieser Meldung war wohl gerechtfertigt.

Danke allen, die geantwortet haben! :wink:

Gruß,
Sharon

Hallo Sharon

Ich las, dass viele psychische Erkrankungen (z.b. Depression, Zwangsstörungen) in China erst jetzt so ganz langsam und vereinzelt wahrgenommen werden. Ich weiß nicht, wie es viel früher einmal war, jedenfalls im kommunistischen China gab es keine Psychotherapeuten, und seelische Erkrankungen bildeten keine eigene Rubrik. Offiziell gab es solchen Firlefanz nicht.
Daran sieht man, wie sehr der kulturelle Hintergrund die Wahrnehmung und Erklärung der Welt prägt.
Die Frage „Was war zuerst da: Die Erklärung (Verdrängung) oder das Phänomen (Verdrängung)?“ erinnert an das Henne-Ei-Problem.

Viele Grüße, Tychi