Hallo,
ich weiss, dass dies ein umfangreiches Thema ist
ja, das ist es. Hier ist auch nur begrenzt Raum, um dieses Thema zu behandeln.
- Hat man eine Vorstellung davon, durch welche
physiologischen Details Intelligenz vererbbar sein könnte?
Vorstellungen gibt es. Intelligenz wird als polygenetisch beeinflußtes latentes Persönlichkeitsmerkmal i.w.S. angesehen, das mit verschiedenen neurophysiologischen Korrelaten in Verbindung gebracht wird. Hypothesen über diese Korrelate beziehen sich auf die schnelle und weniger fehlerbehaftete synaptische Übertragung. Es gibt Hinweise auf eine niedrigere Latenz evozierter Potentiale bei höher intelligenten Personen, darauf, daß bei höher intelligenten Personen auf unerwartete Reize hin größere EP-Amplituden, auf erwartete Reize niedrigere EP-Amplituden zu beobachten sind, eine negative Korrelation zwischen der Durchblutung von aktiven Hirngebieten mit Intelligenz bei der Bearbeitung von Aufgaben usw. Man müßte nun Gene identifizieren, die diese biologischen Parameter beeinflussen. Klar ist: Die kognitive Entwicklung und damit die der Intelligenz ist zwar genetisch beeinflußt, aber nicht voll davon abhängig. Umweltfaktoren haben ebenfalls eine große Bedeutung.
- Über die Zwillingsforschung von Zwillingspaaren, die
getrennt aufgewachsen sind, habe ich einmal gelesen, dass die
Statistik unzureichend war
Was meinst Du genau mit „die Statistik ist unzureichend“? Die statistischen Forschungsbefunde oder die statistischen Methoden?
Es ist zwar beides in gewisser Weise zutreffend, meine Antwort könnte sich aber mehr auf den einen oder den anderen Aspekt beziehen, wenn ich wüßte, was Du genau mit Deiner Frage meinst.
Tatsache ist, daß die Zwillingsforschung wichtige Informationen liefern kann, daß aber weder ihre Methoden noch ihre bisherigen Ergebnisse unproblematisch sind. Aber das trifft auf jeden Forschungszweig zu.
(und vielleicht sogar ein
Betrugsfall in der Wissenschaft aufgetaucht ist?) - letzteres
mit grosser Vorsicht, denn ich erinnere mich nicht genau.
Es gab und gibt Anschuldigungen gegen die Arbeiten eines verstorbenen britischen Forschers, Sir Cyril Burt. Es sollen Daten aus verschiedenen Untersuchungen sehr ähnlich gewesen sein (man spricht von Koeffizienten, die bis auf die dritte Stelle nach dem Komma gleich gewesen sein sollen). Untersuchungen zu diesem Thema sollen ergeben haben, daß einige seiner aussagekräftigsten Daten (und Probanden) unauffindbar gewesen seien.
Andererseits sollen einige Anschuldigungen später widerlegt worden sein. Und: Untersuchungen anderer Forscher haben ähnliche Ergebnisse erbracht wie die von Burt.
Der Fall „Burt“ ist vielleicht für sich ein Problem, die (übrige) Forschung zur Erblichkeit von Intelligenz hat trotzdem wichtige und - Stand von heute - zutreffende Befunde erbracht.
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht allzuviele
Zwillinge gibt, die sofort nach der Geburt getrennt und viel
später wieder zusammengeführt wurden.
Es gab bis 1990 (Bouchard-Studie) 117 getrennt aufgewachsene monozygote Zwillinge, die wissenschaftlich untersucht worden sind (ohne die 53 Zwillinge, die Burt untersucht hat). Die Schätzungen der Erblichkeit, die sich auf deren Daten beziehen, sind sich ziemlich ähnlich und geben an, daß sich die Populationsvarianz der Intelligenz zu ca. 70% auf genetische Varianz in der Population zurückführen läßt. Das versteht man unter „Erblichkeit von Intelligenz“.
Wenn man dagegen in die
Statistik auch solche Paare eingehen lässt, die z.B. nach 1
Jahr getrennt wurden, halte ich das Vorgehen für fragwürdig.
Deshalb meine Frage zu Punkt 2: Ist die Zwillingsforschung an
nach der Geburt getrennten eineiigen Zwillingspaaren ein Stein
in der Forschung über die Vererbbarkeit von intelligenz? Gibt
es statistisch relevante Untersuchungen zu diesem Thema?
Ja, die Forschung an monozygoten Zwillingen ist eine wichtige Informationsquelle für die Erblichkeitsforschung, auch im Bereich Intelligenz. Neben der Forschung an monozygoten Zwillingen tragen weitere Untersuchungsmethoden (z.B. Adoptionsstudien) zur Erblichkeitsforschung bei. Deren Ergebnisse stützen ihre Befunde. Plomin zieht daraus den Schluß:
„A prudent person has no alternative but to reject the hypotheses of zero heritability of tested cognitive ability“.
(Ein vernünftiger Mensch hat keine andere Wahl, als die Annahme zurückzuweisen, daß die Erblichkeit von Testintelligenz Null beträgt).
Wie groß die Erblichkeit aber ist und was eine solche Zahl für eine inhaltliche Bedeutung hat, kann man diskutieren. Erst einmal ist sie nur ein Varianzanteil. Dann kommen Leute, die eine gesellschaftspolitische Botschaft haben und diese Botschaft an andere Leute bringen wollen, und interpretieren in diese Zahl vieles hinein, was die Zahl nicht hergibt. Das Phänomen kann man ja z.B. auch in Bezug auf die PISA-Studien und ihre Ergebnisse beobachten, auch im Hinblick auf Intelligenz und PISA.
- Wie ich gelesen habe, stammen die meisten Erkenntnisse aus
dem Vergleich von gemeinsam aufwachsenden ein- und zweieiigen
Zwillingspaaren.
Das würde ich so nicht sagen. Es gibt zwar die meisten Daten aus solchen Vergleichen, aber der Informationsgehalt aus einem solchen Vergleich ist als geringer zu werten als der aus anderen Untersuchungsdesigns.
In dem Maße, wie Intelligenz bei den
eineiigen weniger streut als bei den zweieiigen, hält man sie
für ererbt - ist das richtig?
Indem Maße, wie die Übereinstimmung zwischen den monozygoten Zwillingen im untersuchten Merkmal größer ist als die Übereinstimmung zwischen den dizygoten Zwillingen, ja. Es kommt dann noch darauf an, die richtige Formel zu benutzen, was selbst schon ein Thema für sich ist.
Allerdings möchte ich einwenden,
dass die geringere Streuung bei den eineiigen Zwillingen auch
daran liegen könnte, dass sie ihre Zeit stärker gemeinsam
verbringen und sich stärker miteinander identifizieren.
Du bist nicht die erste, die diesen Kritikpunkt anbringt. Er wird seit langem diskutiert und in Lehrbüchern abgehandelt. Die Lehrbücher nennen auch die Gegenargumente, unter welchen Bedingungen dieses Argument nicht zutreffend ist und es gibt …
Kann
man das Ausmass solcher Einflüsse absehen? Zum Beispiel, in
dem man die Intelligenzstreuung mit der Streuung von eindeutig
erworbenen Eigenschaften vergleicht?
… Forschungsbefunde, die zeigen sollen, daß dieses Argument die Befunde der Erblichkeitsforschung zur Intelligenz nicht gefährdet.
Grüße,
Oliver Walter