Verfassungsrechtsfrage - Wahlbeteiligung

Liebe Experten!

Ist es in der Verfassung (für mich ist die österreichische relevant, aber natürlich interessiert mich die Antwort auch für Deutschland oder andere Länder) festgehalten, ab welcher Wahlbeteiligung eine Regierung legitimiert ist? In meinem Verständnis ist z.B. eine extrem niederige Wahlbeteiligung von einigen Dutzend Bürgern nicht ausreichend, um eine legitimierte Regierung einzusetzen. Gibt es hierzu irgendwelche Regelungen, Empfehlungen, Richtlinien oder dergleichen?

Danke für die Antwort,
gyuri

Hallo,

bei Wahlen gibt es in Deutschland kein Mindestquorum, die Wahlbeteiligung wirkt sich nicht auf die Gültigkeit der Wahl aus. Insoweit schießen sich idR diejenigen, die Wahlenthaltung als politische Aktion propagieren, selbst ins Knie.
Bei Abstimmungen gibt es Mindestquoren im kommunalen Bereich, die Vorschriften sind aber je nach Bundesland unterschiedlich und differieren stark.

&Tschüß

Wolfgang

Hallo!

Da gilt ganz einfach der Grundsatz: qui tacet consentire videtur - wer schweigt scheint zuzustimmen

Gruß
Tom

Ergänzung
Hallo!

Weil du geschrieben hast, wann eine Regierung legitimiert ist. Die österreichische Regierung wird nicht gewählt. Am 1.10.2006 wählen wir den Nationalrat, also die erste Parlamentskammer, nicht jedoch die Regierung!

Die Bundesregierung wird vom (direkt gewählten) Bundespräsidenten ernannt - damit ist sie auch legitimiert. Der Bundespräsident muss aber die Regierung abberufen, wenn die Mehrheit des Nationalrates dies verlangt. Daher benötigt eine Bundesregierung rein praktisch sowohl die Zustimung des Bundespräsidenten als auch eine Mehrheit von Mandataren im Nationalrat, die die Regierung stützt. Sind diese Voraussetzungen gegeben ist eine Regierung auch legitimiert.

Und wie gesagt: wer nicht wählt, stimmt jedem Ergebnis zu und lehnt nicht etwa jedes Ergebnis ab - den typischen Protestnichtwählern ist das aber leider zu hoch.

Gruß
Tom

Die österreichische Regierung wird nicht gewählt. Am 1.10.2006
wählen wir den Nationalrat, also die erste Parlamentskammer,
nicht jedoch die Regierung!

Gut, das ist mir klar. Aber sagen wir die Wahlen sind das einzige, womit der Wähler einen Einfluß auf die Regierungsbildung ausüben kann. Und seine Mittel sind begrenzt…

Die Bundesregierung wird vom (direkt gewählten)
Bundespräsidenten ernannt - damit ist sie auch legitimiert.

Könnte es also theoretisch sein, daß der BP der Meinung ist, die Wahlbeteiligung sei nicht ausreichend gewesen, um die Regierung einzusetzen? Was ist das Protokoll in solch einem Fall (Neuwahlen, die alte Regierung bleibt solange an der Macht?)?

Und wie gesagt: wer nicht wählt, stimmt jedem Ergebnis zu und
lehnt nicht etwa jedes Ergebnis ab - den typischen
Protestnichtwählern ist das aber leider zu hoch.

OK, und welche Möglichkeit hat man, wenn man seinen Protest zeigen möchte? Ungültig wählen beeinflußt ja die Sitzverteilung auch nicht wirklich…

Hallo!

Gut, das ist mir klar. Aber sagen wir die Wahlen sind das
einzige, womit der Wähler einen Einfluß auf die
Regierungsbildung ausüben kann. Und seine Mittel sind
begrenzt…

Den größten Einfluss auf die Regierungsbildung hat der Wähler natürlich durch die Nationalratswahl und die Bundespräsidentenwahl, aber eben nur indirekt. Leider vergessen das viele Leute, diese wählen eine Partei nur deshalb, damit sie den Bundeskanzler stellt und sind dann ganz verwundert, wenn z.B. die drittstärkste Partei den Bundeskanzler und die zweitstärkste den Vizekanzler stellt, wie das 2000 im Kabinett Schüssel I der Fall war. Gewählt wird die Legislative und nicht der Kanzler - daher sollte für die Wahlentscheidung das Programm wichtiger sein als die Personen.

Man kann verfassungsrechtlich sogar noch spitzfindiger sein: die Bundesregierung hat keine Amtsperiode. Theoretisch muss also nach einer Nationalratswahl keine neue Regierungsbildung stattfinden, sondern kann die alte im Amt bleiben. Es ist allerdings in Österreich eine Usance, dass die Bundesregierung immer zur Nationalratswahl ihren Rücktritt erklärt, um eine Neubildung zu ermöglichen. Verfassungsrechtlich zwingend ist das nicht.

Man sieht also, die Gewaltentrennung zwischen Exekutive und Legislative ist in Österreich stärker ausgeprägt, als etwa vergleichsweise in Deutschland, was historische Hintergründe hat.

Die Bundesregierung wird vom (direkt gewählten)
Bundespräsidenten ernannt - damit ist sie auch legitimiert.

Könnte es also theoretisch sein, daß der BP der Meinung ist,
die Wahlbeteiligung sei nicht ausreichend gewesen, um die
Regierung einzusetzen?

Ja, kann er, weil er keine Vorgaben hat.

Nach der NR-Wahl 1999 gab es so lange keine neue Regierung, weil BPräs Klestil das Kabinett Schüssel I verhindern wollte und die Regierung in der ursprünglich von Schüssel zusammengesetzen Form (wegen der rechten Einstellung mancher FPÖ Leute) nicht angelobt hat. Die Ministerliste musste zuerst geändert und weniger radikale FPÖ Leute vorgeschlagen werden, erst dann ernannte Klestil die Regierung.

Was ist das Protokoll in solch einem
Fall (Neuwahlen, die alte Regierung bleibt solange an der
Macht?)?

Der Bundespräsident kann Neuwahlen ausschreiben, allerdings nur auf Vorschlag der Bundesregierung. Entweder die alte Regierung schlägt ihm das vor oder der Bundespräsident ernennt eine neue Regierung, die ihm diesen Vorschlag macht. Diese Bundesregierung würde zwar vom NR sofort abgewählt, kann aber vorher noch den Vorschlag machen.

Es bleiben im Übrigen grundsätzlich sowohl Nationalrat als auch Bundesregierung immer im Amt, bis es eine(n) neuen gibt.

Und wie gesagt: wer nicht wählt, stimmt jedem Ergebnis zu und
lehnt nicht etwa jedes Ergebnis ab - den typischen
Protestnichtwählern ist das aber leider zu hoch.

OK, und welche Möglichkeit hat man, wenn man seinen Protest
zeigen möchte? Ungültig wählen beeinflußt ja die
Sitzverteilung auch nicht wirklich…

Protest gegen alles ist destruktiv und nur schädlich - das ist meine politische Meinung. Wer was verbessern möchte, sollte konstruktiv und nicht destruktiv sein. Protestwähler sind eine Gefahr für die Demokratie (und haben meiner Erfahrung nach politisch überhaupt keine Kenntnis). Nur zu protestieren ist zu wenig - sinnvolle Alternativen sind gefragt und da hilft nur selbst in verschiedener Form mitzumachen.

Tendenziell sind im Übrigen die Anhänger radikaler Parteien keine Nichtwähler, daher steigt durch die Anzahl der Nichtwähler in der Regel der Stimmenanteil der Radikalen - wer also nicht wählt, was bei NR-Wahlen sein gutes Recht ist, stärkt den Radikalismus. In einer Demokratie trägt jeder Verantwortung, derer er sich nicht entledigen kann. Wer das vergisst, schadet dem demokratischen System. Dass viele Leute bei uns nur protestieren, den unschätzbaren Wert, den unser System hat aber nicht erkennen wollen, halte ich für ganz schlimm und dumm. Aber es ist nunmal so, dass man das was man hat nicht schätzt, schade eigentlich.

Gruß
Tom

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OK, und welche Möglichkeit hat man, wenn man seinen Protest
zeigen möchte? Ungültig wählen beeinflußt ja die
Sitzverteilung auch nicht wirklich…

Oh doch. Das ist genauso schlimm wie Nichtwählen und begünstigt in der Regel extreme Parteien.

Levay

Hallo,

Gut, das ist mir klar. Aber sagen wir die Wahlen sind das
einzige, womit der Wähler einen Einfluß auf die
Regierungsbildung ausüben kann. Und seine Mittel sind
begrenzt…

Wie kommst Du darauf, dass seine Mittel begrenzt sind. Er kann z.B. selbst in die ihm nahestehendste Partei eintreten, sich dort engagieren und Leute von seinem Standpunkt überzeugen. Ist er nicht nur ein Schaumschläger und Spinner, hat er angesichts des massiven Mitgliederschwundes der Parteien gute Chancen relativ schnell in Positionen zu kommen, in denen er Verantwortung trägt und Dinge mitbestimmen kann. Fühlt er sich bei keiner Partei gut aufgehoben, kann er auch seine eigene Partei gründen, und das Spiel geht auch da wieder wie bei der Arbeit in einer etablierten Partei los.

Jetzt höre ich natürlich schon wieder die Stimmen, die dies für blanke Theorie halten. Dem ist aber nicht so. Die Gründung der „Grünen“ auf Bundesebene ist sicherlich das beste Beispiel für den Erfolg einer solchen Bewegung in der Bundesrepublik. Und wenn man sich ansieht, in wieviel Komunen inzwischen unabhängige Wählergemeinschaften (die sich aus kosmetischen Gründen ungern Parteien nennen wollen) den Bürgermeister stellen oder zumindest im Rat zu den starken Fraktionen gehören, dann kann man gut das Gegenteil beweisen (in meiner früheren Heimastadt ist ein Unabhängiger Bürgermeister und eine von ihm dann gegründete Initiative auf Anhieb drittstärkste Kraft geworden).

Das Problem liegt aber eher bei den Protestlern selbst, denn während es natürlich einfach ist, gegen etwas zu sein, ist es umso schwieriger für etwas zu sein, und insbesondere dafür dann auch die finanzielle Verantwortung tragen zu müssen. Ich erlebe da immer wieder blaß werdende Gesichter, wenn man auf Forderungen im Bereich der so genannten „Freiwilligen Leistungen“ einfach mal darauf hinweist, dass hierfür angesichts gestiegener Sozialausgaben z.B. in unserer Stadt zeitweise nur noch € 1,-- pro Nase p.a. zur Verfügung steht, wovon dann alle Vereine und Verbände und viele bestehende „gute Ideen“ schon leben müssen. Da ist es dann kein Wunder, dass die Leute mit den radikalsten Forderungen und Ansichten üblicherweise nur eine Legislaturperiode überleben, weil sie spätestens dann an den Realitäten gescheitert sind.

Gruß vom Wiz

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merci
Nun gut, danke für alle Antworten! Für eine weiterführende Diskussion sind wir wohl im falschen Brett.

Hallo,

Protest gegen alles ist destruktiv und nur schädlich - das ist
meine politische Meinung. Wer was verbessern möchte, sollte
konstruktiv und nicht destruktiv sein. Protestwähler sind eine
Gefahr für die Demokratie (und haben meiner Erfahrung nach
politisch überhaupt keine Kenntnis). Nur zu protestieren ist
zu wenig - sinnvolle Alternativen sind gefragt und da hilft
nur selbst in verschiedener Form mitzumachen.

genau darin lag ja eines der großen Probleme der Weimarer Verfassung. Der Kanzler bzw dessen Minister konnten einfach abgewählt werden (destruktiv). Mit der heutigen deutschen Verfassung kann kein Kanzler mehr abgewählt, sondern nur ein neuer Kanzler gewählt werden (konstruktives Misstrauensvotum). Das stabilisiert die Regierung ganz ungemein.

Gruß, Niels