Hallo […],
Du mutmaßt, dass Dein depressives Verhalten und Erleben vergangenheitsbedingt ist. Das mag sein, nach heutigem Stand der Wissenschaft geht man jedoch von vielfältiger Entstehungsherkunft aus (multikausaler Genese) und es gibt eine Reihe von Erklärungsmodellen. Je nachdem welchem gedanklichen Entstehungsmodell ich mich als Psychologe näher fühle, dieser „Schule“ schließe ich mich an und verlagere meine therapeutische Ausrichtung und Angebot entsprechend.
Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass es eine Reihe von Bedingungen braucht, um sich, wie es bei Dir zu sein scheint, depressiv zu zeigen, dann kann die Vergangenheit nur 1 möglicher Punkt sein. Hätte jeder in Deiner Lebenslage zwingend mit Depressionen geantwortet, so als rhetorische Frage?
Deine Herkunft, Deine Genetik, Deine familiären und kulturellen Einflüsse sind ebenso von Bedeutung, welche Vorbilder hattest Du und was sind Deine eigenen, gewohnten Denkstrukturen uvm?
Warum Denkstrukturen fragst Du jetzt möglicherweise?
Nun, Deine persönliche Bedeutungsgebung durch Deine Gedanken sind oftmals sehr mitentscheidend für Deine Empfindungen (Bsp: Alleinsein bedeutet tragische Einsamkeit und ich bin nur ein halber Mensch, macht mir ein anderes Empfinden als der Gedanke: Ungebunden sein ermöglicht mir eine Menge an Möglichkeiten, Freiheiten und Kontaktmöglichkeiten.
Auch Deine höchstpersönlichen Bedürfnisstrukturen sind von elementarer Bedeutung bei dieser Betrachtung und mit welchen hilfreichen oder eher suboptimalen Strategien Du diese zu erfüllen trachtest.
Da gibt es oft viele Möglichkeiten, jedoch erscheinen uns die Möglichkeiten in Phasen der eingeengten Erlebensform (Depression) oft sehr reduziert und es fehlt der Mut, die Zuversicht und der kreative Zugriff auf weitere Möglichkeiten.
Wahrscheinlich ist, dass auch die Biochemie Deines Körpers ins Ungleichgewicht geraten sein wird (Ansatzpunkt für Medikation), jedoch unklar ist, inwieweit dies durch Deine Verfassung bedingt ist, oder ob die Biochemie Äuslöser für Deine Verfassung ist(Huhn und Ei Aspekt).
Wenn Dir die Medikamente schon etwas helfen, sodass ein therapeutischer Ansatz möglich geworden ist, ist ein wichtiger Schritt gegangen!
Eine vergangenheitsorientierte (analytische) Therapie kann, muß jedoch nicht die erste Wahl sein.
Wichtiger könnte für Dich das Hier und Jetzt und Morgen sein. Wo willst Du hin , was willst Du erreichen, was anders machen und erleben, welche Deiner Verhaltensweisen und Denkmuster und Erlebensstrukturen Dir bei der Depression helfen und Wohlbefinden verhindern.
Welche Fehler Vater und Mutter und die anderen, für Dich bedeutungsvollen Menschen gemacht haben und dass Dein Leben kein bunter Teller war, ist, vereinfacht gesagt, sicher auch eine Wahrheit…
Ein Verhaltenstherapeut wird die Dinge eher von dieser Verhaltens- und gedanklichen Bedeutungsgebungsseite aus betrachten um mit Dir gemeinsam hilfreichere und für Dich annehmbare Ansätze zu entwickeln, wie und wann Du Dich wohlbefindlich erlebst.
Welcher Typ Mensch als Therapeut und welche Betrachtung Dir selbst näher liegt, kannst Du nur im face to face Test erleben. Das würde für Dich bedeuten, Dich in ein Gespräch begeben, Dir die therapeutischen Aspekte erläutern lassen, schauen, ob Dir das gedanklich und emotional entgegenkommt und Du Dich bei dem Menschen, dem Du Dich anvertrauen willst, auch gut und sicher aufgehoben empfindest.
Es ist völlig natürlich, gesund und selbstfürsorglich sich Zeit für diese Auswahl zu nehmen, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Der/die Erstbeste ist nicht immer das Beste, Du wirst es spüren.
Das war ein längeres Statement, sorry dafür und viel Erfolg bei Deinen Bemühungen Deine Ziele in absehbarer Zeit zu erreichen 
Herzliche Grüße
Nic
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