Lieber Frank,
schon seit einiger Zeit verfolge ich hin und wieder Deine überabzählbar unendlich vielen Diskussionen mit Physikern, Astronomen und Philosophen, die einfach nicht Deiner Auffassung sind. Obwohl ich Deinen Standpunkt meistens nicht begreife, meine ich, daß Du mit Deinem Standpunkt zumindest eines besonders gut darlegst: Die Relativitäts- und die Quantentheorien sind Theorien und keine in Stein gemeißelten Verkündigungen der Wahrheit. Das mag mancher schwer zu glauben finden (und sich darüber aufregen), aber darüber muß man sich nicht sorgen. Andererseits solltest Du akzeptieren lernen, daß Dein Standpunkt in der Minderheit ist, weil die genannten Theorien sehr gut empirisch belegt sind und sehr viele Physiker keine (gravierenden) logischen Fehler in ihnen entdecken können. Außerdem solltest Du darüber nachdenken, ob Du nicht - wie viele meinen (ich auch) - wirklich sehr schwer zu verstehen bist - nicht unbedingt, weil das, was Du meinst (!), falsch ist, sondern weil es oft sprachlich absolut unverständlich ausgedrückt ist, was Du meinst.
Nachdem ich schon einmal rein für mich einen Versuch unternommen habe, versuche ich jetzt erneut einen Anlauf mit einer gehörigen Portion Psychologie und Philosophie:
Wenn ich „Wega“ (!) sehe, dann kann dies natürlich von dem Licht abhängen, das von Wega (!) auf die Erde gekommen ist, und da ich alles, was ich sehe, jetzt sehe, sehe ich jetzt"Wega". Die Physiker fügen hinzu, daß Wega 26 Lichtjahre von der Erde entfernt ist, daß ein Teil des Lichts, das Wega vor 26 Jahren emittiert hat, heute auf die Erde gelangt ist und daß die Photonen, die heute chemische Reaktionen in meinen Stäbchen und Zapfen auslösen, vor 26 Jahren auf Wega waren. Damit sehe ich jetzt „Wega“, wobei die Reize, die mit diesem Sehen zusammenhängen (es „auslösen“), u.a. aus Licht bestehen, das vor 26 Jahren Wega verließ. Stimmst Du dieser Situationsbeschreibung soweit zu?
Sehen ist ein Prozess, der natürlich ausschließlich von gegenwärtigen Faktoren bedingt ist, von denen aber einige von Faktoren, die in der Vergangenheit wirksam waren, beeinflußt wurden. Ein solcher gegenwärtiger Faktor ist z.B. die Struktur und Funktionsweise des Organismus, der sieht, und dieser Faktor ist in der Vergangenheit (Phylogenese und Ontogenese) beeinflußt worden von anderen Faktoren, so daß beim Sehen auch indirekt vergangene Faktoren eine Rolle spielen. Trotzdem findet Sehen immer in der Gegenwart statt unter dem Einfluß gegenwärtiger Faktoren.
Was ich sehe, das hängt also von gegenwärtigen Faktoren ab, aber ich sehe nicht alle diese Faktoren. Das Rhodopsin sehe ich nicht, den Okzipitallappen meines Gehirns sehe ich nicht, selbst die Photonen sehe ich nicht. Ich sehe z.B. „Wega“, aber „Wega“, das ich sehe, ist nicht gleich Wega. „Wega“ sehen ist nämlich etwas, was ich tue (ein Prozeß), während Wega der Stern (ein Objekt) ist. Der Prozeß findet natürlich immer in der Gegenwart statt und manchmal in Abhängigkeit von Faktoren, die mit dem Objekt zu tun haben, dessen Name mein Sehen bezeichnet (nämlich den Photonen, die vor 26 Jahren den Stern Wega verlassen haben). Aber das Objekt und sein Bezug zur Zeit müssen für diesen Prozeß keine Rolle spielen. Denn wenn ich jetzt „Wega“ sehe, dann kann Wega z.B. explodiert sein. Trotzdem kann ich „Wega“ sehen. Der Alkoholiker im Delirium kann „rosarote Elefanten“ sehen, ein Kind das „Monster unter dem Bett“, obwohl es weder rosarote Elefanten gibt noch ein Monster unter dem Bett, und ein Liebhaber kann seine „Angebetete“ sehen, obwohl die dazugehörige Frau im Nachbarraum steht und kein Photon, das von ihr reflektiert wird, durch die Wände auf seine Netzhaut dringt.
Deshalb sehe ich nicht Wega, egal, ob nun vor 26 Jahren, vor 1 Million Jahren oder in 3000 Jahren oder aber auch in der Gegenwart, sondern ich sehe „Wega“ und das tue ich natürlich in meiner Gegenwart.
Wenn Du diesen Standpunkt meinen solltest, dann verstünde ich ihn.
Gruß,
Oliver Walter