Hallo Helfer,
Ich stelle meine Frage absichtlich ins Psychologie- und nicht ins Sucht-Brett, weil ich irgendwie das Gefühl habe, dass hier nicht Abhängigkeit und Sucht im Vordergrund stehen, sondern etwas anderes, was ich aber noch nicht greifen kann und auch nicht weiß, ob meine Gedankengänge absoluter nonsense sind, oder ob da was dran ist.
Folgende Situation:
78 jähriger Mann, Alkoholkonsum seit Jugend, Neigung zu Abhängigkeit (Problemlösung - Angst, Depression - durch Alkohol, ohne sich des Zusammenhangs bewusst gewesen zu sein - keine Aufklärung dazumal, kein aufmerksamer Arzt).
Letzte 10 - 15 Jahre eskalierte Alkoholabusus. Wegen allgemein schlechten geistig-psychischen Zustand Krankenhausaufenthalt und „automatisch“ Entzug.
In den ersten Wochen Einsicht. Alkoholabusus wurde zugegeben, er schrieb sogar seinen „Werdegang“ als Alkoholiker auf und übergab das Schreiben seiner Familie.
Mit dem Entzug und der Abstinenz war das Grundproblem natürlich nicht gelöst - das Leben warf sich in seiner gesamten Realität auf ihn und musst erst einmal ertragen werden…monatelange Aufenthalte im Krankenhaus…medikamentöse Therapie (Depressionen, Panikattacken, Lebensüberdruß, Hypochondrie). Jede weitere Therapie (Psychotherapie) aussichtslos, da geistiger Verfall, Gedächtnisstörungen.
(Beispiel: nach 10 Tagen Krankenhausaufenthalt mit unzähligen Gesprächen mit dem Psychiater fragte er nach dem Entlassungsgespräch: „Wer war denn das? Und warum bin ich hier?“)
Status quo: kann sich an keinen einzigen Krankenhausaufenthalt erinnern, kann sich an die gesamte Therapie nicht mehr erinnern. Kann sich an nichts aus den letzten Jahren erinnern.
Beherrscht den „Alltag“ - aufstehen, anziehen, Körperpflege, einfache Gespräche, TV, Zeitung lesen usw.
Beginnt, wieder zunehmend am Leben teilzunehmen. Sieht und freut sich, dass die Sonne scheint. Merkt, dass die Vögel zwitschern. Hört gerne Musik. Kleidet sich neu ein (starke Gewichtsabnahme, keine passende Kleidung mehr). Legt Wert auf gepflegte Kleidung.
Und jetzt kommts: Ist auch wieder in der Lage, auswärts essen zu gehen und…bestellt sich ein kleines Bier. (hier funktioniert die Erinnerung: Bier ist etwas, was „man“ zum Essen trinken kann).
Er versteht den allgemeinen Aufschrei nicht. Versteht nicht, warum die Familie halb ohnmächtig wird.
Was soll man tun? Ihm das Bier entreißen? Im Lokal zu streiten beginnen? Es ist ähnlich wie bei einem kleinen Kind, das nicht begreift, warum es nicht über die stark befahrene Straße laufen darf, um den Hund dort drüben zu streicheln und zu brüllen beginnt, weil die Mutter es festhält.
Gut: es wurde geschimpft, er wurde zurechtgewiesen. Er verstand die Welt wirklich nicht. Er trank die Hälfte und ließ den Rest stehen.
Schon einige Stunden später konnte er sich an den Vorfall nicht mehr erinnern.
Frage: hat es einen Sinn, die Situation anzusprechen?
Ihm das ins Gedächtnis zu rufen? Vielleicht dadurch etwas ins Rollen zu bringen?
Oder Mantel des Schweigens darüber breiten? Grenzt das nicht an Wegschauen? Gerade das, was man nicht tun sollte?
Vielleicht habt Ihr ein paar Denkanstöße für mich.
Danke.
Irene