Wenn man in der Kindheit etwas Schlimmes erlebt hat, kann es dann sein, dass man sich als Erwachsener gar nicht mehr daran erinnern kann und dieses Erleben völlig ausgeblendet hat? Ist das vielleicht so eine Art Schutzmechanismus?
Ja, das ist nicht nur möglich. Das ist so.
Genau das nennt man Verdrängung.
Genau das ist die Aufgabe eines Psychoanalytikers -meiner Ansicht nach- diese verdrängten Traumata wieder ins Bewusstsein zu rufen.
Liebe Grüße.
Noch einen kleinen Zusatz:
Warum wird verdrängt?
Es wird verdrängt, weil es nicht möglich ist, die Gedanken und vor allem die Gefühle zu erleben, weil sie einfach zu heftig sind. Sie sind nicht aushaltbar. Außerdem ist es meistens so, dass das Kind auch keine adäquate Begleitung von den Eltern bekommt, so dass es die Gefühle hätte erleben könnnen und das Trauma nicht verdrängen müsste.
Deshalb werden die Eltern meistens idealisierend dargestellt, also als „gute“ Eltern. Die schlechten Seiten der Eltern unterdrückt man meistens.
Erschwerend kommt hinzu das kleine Kinder auch noch gar nicht wissen, dass eine Person gut und böse zu gleich sein kann. Sie ist entweder gut oder nur böse.
Da kein Kind böse Eltern haben will, werden die Elternteile tendenziell idealisiert und als gut empfunden.
Deshalb muss alles schlechte was die Eltern einem Antun verdrängt werden, sonst könnte sich das gute Bild von den Eltern nicht halten.
Liebe Grüße.
Ja, das ist nicht nur möglich. Das ist so.
Genau das nennt man Verdrängung.
Genau das ist die Aufgabe eines Psychoanalytikers -meiner
Ansicht nach- diese verdrängten Traumata wieder ins
Bewusstsein zu rufen.
Und dann? Was habe ich davon, wenn ich mir traumatischer Erlebnisse wieder bewußt mache? Verarbeiten? Ja, wenn ich dazu in der Lage bin, aber wie? Nachträglich kann man an dem Geschehen ohnehin nichts mehr ändern, was vielleicht zum Zeitpunkt des Geschehens noch möglich gewesen wäre. Also die Sache nochmals durchleiden? Was gewinne ich damit wenn die Verletzung bleibt?
Wolfgang D.
Hallo Wolfgang,
deine Frage ist durchaus berechtigt. Ziel der Psychoanalyse wäre, das traumatische Erlebnis im Nachhinein so zu verarbeiten, dass man besser damit leben kann. Das ist oft ein langwieriger und schmerzhafter Prozess - nicht für jeden etwas.
Je nach persönlicher Situation des Betroffenen kann es besser sein, verdrängte Erlebnisse da zu lassen, wo sie sind und sich in der Psychotherapie darauf zu konzentrieren, dass man Auswirkungen des traumatischen Erlebnisses „in den Griff bekommt“ - z.B. durch das Erlernen bestimmter Techniken, mit denen man Angst machende Situationen im Leben meistern kann.
Aus meiner Sicht gehört es auch zu den Aufgaben eines Psychotherapeuten, sich vor Beginn einer analytischen Therapie zu vergewissern, dass ein Umfeld gegeben ist, in dem durch das aufdeckende Therapieverfahren „losgetretene“ Erinnerungen und Reaktionen darauf aufgefangen werden können.
Ein Beispiel hierfür habe ich an meinem Arbeitsplatz. Die von mir betreuten Menschen sind bei uns zu einer (durch den Geldgeber) zeitlich begrenzten Ausbildungsmaßnahme. Ausbilder, Lehrer und Pädagogen im Wohnbereich sind zwar geschult für den Umgang mit Menschen mit besonderen Problemlagen, aber weder der Personalschlüssel noch der Ausbildungsrahmenplan lässt das Auffangen extremer „Störungen“ oder „Abstürze“ zu. In dieser Situation wäre es ein Fehler, mit einem Auszubildenden eine analytische Psychotherapie zu beginnen (die außerdem sehr wahrscheinlich länger dauern würde als die Ausbildungsmaßnahme und so einen Therapeutenwechsel erforderlich machen würde).
Liebe Grüße
Heike
Hallo,
Und dann? Was habe ich davon, wenn ich mir traumatischer
Erlebnisse wieder bewußt mache?
Du gehst davon aus, dass der- oder diejenige gut lebt.
Meist besteht aber ein gewisser Leidensdruck, warum man überhaupt in einer Therapie landet.
Solange es mir gut geht und mein Leben einigermaßen funktioniert, werde ich nicht in Therapie gehen und somit nicht herausfinden, dass ich etwas verdrängt habe.
Gruß
Elke
Verbalisierung
Hallo!
Und dann? Was habe ich davon, wenn ich mir traumatischer
Erlebnisse wieder bewußt mache? Verarbeiten? Ja, wenn ich dazu
in der Lage bin, aber wie? Nachträglich kann man an dem
Geschehen ohnehin nichts mehr ändern … Was gewinne ich damit wenn die
Verletzung bleibt?
Zumindest gewinnt man die Fähigkeit, darüber sprechen zu können.
Über erlittene Verletzungen sprechen zu können ist immens wichtig, nicht nur in Therapien, auch im Alltagsleben. Es gibt ja beispielsweise kaum pathogenere Familiensituationen als diejenigen, in denen bestimmte Themen fortwährend tabuisiert sind, etwa chronische Erkrankungen eines Elterteils usw.
Ansonsten ist das aber völlig klar und unumstritten, dass allein mit dem Bewusstmachen von „Traumata“ ( ℂ Λ ℕ Ð I Ð €
Es ist relativ simpel, was du davon hast:
Du hast 2 Möglichkeiten:
- Du bleibst der Sklave deines Unbewussten
- Du ermächtigst dich deines Unbewussten und versuchst dein Verhalten zu steuern
Du kannst also selber entscheiden, ob du ein Mensch sein willst, der von den unbewussten Kräften kontrolliert wird, oder, du machst dir diese Kräfte bewusst und lernst damit umzugehen, um dein Verhalten zu steuern/verändern.
Ich weiß nicht, wie es dir ergeht, aber ich bin nicht gerne ein Sklave von unbewussten Prozessen. Ich bin mehr der Typ der sich die unbewussten Sachen bewusst macht, die Zusammenhänge erkennt und dann kann ich entscheiden, ob ich etwas ändern will, oder nicht.
Das Bewusst-machen der unbewussten Prozesse ist aber notwendige Vorraussetzung, um etwas an einem Verhalten zu verändern, welches einst unbewusst war.