Vergessene Geschichtsdaten

Hi!

In den letzten Tagen ist mir wieder aufgefallen, wie bestimmte Geschichtsdaten, die eigentlich enorm wichtig sind, vergessen werden oder unter den Tisch fallen.

So wird/wurde im Fernsehen sehr massiv auf das 60. Jubiläum der alliierten Landung in der Normandie (6.Juni 1944) hingewiesen, mit Live-Übertragungen von den Festlichkeiten, mit Dokumentationen auf allen Kanälen, mit Interviews von Beteiligten.

Derzeit ist die 60. Wiederkehr des Attentates auf Hitler (20.Juli 1944) geschichtliches Schwerpunktthema. Da gibt es Neuverfilmungen im Fernsehen, die Wiederaufführung von Mehrteilern oder die Präsentation eines deutschen Spielfilms aus den 50ern.

Unbestritten sind beides Ereignisse, die bedeutsam sind. Leider decken sie damit ein anderes Ereignis zu, das ich für mindestens gleichwichtig, wenn nicht sogar für wichtiger halte:

Das Attentat von Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz-Ferdinand in Sarajewo am 28.Juni 1914 (90. Wiederkehr).

Immerhin führte dieses Ereignis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, mit der Folge, dass das Deutsche Kaiserreich unterging und den Nährboden für nazi-Deutschland bildete; Österreich-Ungarn zerfiel und neue Staaten entstanden (Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Österreich); das russische Zarenreich verschwand und wurde durch die Sowjetunion ersetzt; Finnland, Polen, Estland, Lettland und Litauen wurden unabhängig. Die USA wurden endgültig zur Weltmacht und lösten damit Großbritannien als Macht Nr. 1 ab.

Kurzum: Der Erste Weltkrieg veränderte viel mehr die Geographie und politischen Machtverhältnisse als der Zweite Weltkrieg. Er war das Ende eine europäischen Epoche. Warum also werden die Ereignisse des Jahres 1914 so stark den Ereignissen von 1944 untergeordnet? Weil es kein Wochenschau-Material gibt? Oder weil es zeitlich einfach zu weit weg ist?

Wie seht ihr das?

Grüße
Heinrich

Hi Heinrich,

Das Attentat von Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz-Ferdinand
in Sarajewo am 28.Juni 1914 (90. Wiederkehr).

Bei arte gab es einen Spielfilm über Herrn P.

Immerhin führte dieses Ereignis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges, mit der Folge, dass das Deutsche Kaiserreich
unterging und den Nährboden für nazi-Deutschland bildete;

Das mangelnde Talent der Staaten, sich über Prinzipien der internationalen Rechtshilfe bei Antiterrorermittlungen zu einigen, führte in den 1. WK, würde ich sagen. Attentate gab es ja viele, z.B. auf Sissi; ohne dass das immer gleich solche Folgen hatte. Das heikle ist ja, dass der „westlich“ inspirierte Weltordnungsanspruch zu einem Antiterrorstandpunkt gefunden hat, der dem österreichisch-Ungarischen von 1914 ziemlich nahe kommt und die Herrschaften Bush, Rumsfeld und & für den k.u.k. Zorn auf den „Schurkenstaat“ Serbien womöglich Verständnis aufbringen müßten, wenn sie sich mal mit dem Fall beschäftigen würden.

Österreich-Ungarn zerfiel und neue Staaten entstanden
(Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Österreich); das
russische Zarenreich verschwand und wurde durch die
Sowjetunion ersetzt; Finnland, Polen, Estland, Lettland und
Litauen wurden unabhängig. Die USA wurden endgültig zur
Weltmacht und lösten damit Großbritannien als Macht Nr. 1 ab.

„Schurkenstaaten“ zu decken endet in Kleinstaaterei, Groll und Despotismus, würde Bush in einem Interview wohl sagen, wenn ihn jemand zur Beschäftigung mit Geschichte genötigt hätte; vielleicht, wenn er eine Wette verloren hätte, oder so.

Kurzum: Der Erste Weltkrieg veränderte viel mehr die
Geographie und politischen Machtverhältnisse als der Zweite
Weltkrieg. Er war das Ende einer europäischen Epoche. Warum
also werden die Ereignisse des Jahres 1914 so stark den
Ereignissen von 1944 untergeordnet?

Insbesondere der Anfang vom Ende der Europäischen Kolonialepoche. Deren Ablösung durch eine Suprematie von Amerika und Russland nebst modernisiertem Kapitalismus und etwas Utopieexperimenten ist ja zuvor auch schon klugen Köpfen geweissagt worden. Von Torqueville, glaub ich. Und was 1944 angeht, so finde ich liegt die Aufmerksamkeitskonjunktur für den D-Day darin, dass ohne Landung in Westeuropa „der Westen“ nichts mehr zu bestellen gehabt haben dürfte. Bei einem eurokontinentalen Alleinsieger Stalin hätte man womöglich gar niocht erst von einem „Westen“ gesprochen, sondern von eher von so etwas wie „Post-Ententemächten“, die sich fein rausgehalten haben und deswegen nichts zu bestellen hätten.

Der D-Day war die Manifestationsbekräftigung des Westens, ohne die man ihn für eien bolsse Himmelrichtung gehalten hätte.

Weil es kein Wochenschau-Material gibt? Oder weil es zeitlich einfach zu
weit weg ist?

Schon auch wegen dieser Verlegenheit einer zu-Wort-Meldung aus einer strategisch verkrümelten Hinterhandposition heraus.

Wie seht Ihr das?

Im Prinzip eher gelassen.

Grüße,

Thomas

Hallo,

In den letzten Tagen ist mir wieder aufgefallen, wie bestimmte
Geschichtsdaten, die eigentlich enorm wichtig sind, vergessen
werden oder unter den Tisch fallen.

Ja, z.B. das Sorge-Telefonat mit Stalin (woraufhin dieser
bedenkenlos nahezu sämtliche sibirischen Divisionen nach
Moskau holte).

So wird/wurde im Fernsehen sehr massiv auf das 60. Jubiläum
der alliierten Landung in der Normandie (6.Juni 1944)
hingewiesen, mit Live-Übertragungen von den Festlichkeiten,
mit Dokumentationen auf allen Kanälen, mit Interviews von
Beteiligten.

Fernsehen? Sagtest Du Fernsehen?

Derzeit ist die 60. Wiederkehr des Attentates auf Hitler
(20.Juli 1944) geschichtliches Schwerpunktthema. Da gibt es
Neuverfilmungen im Fernsehen, die Wiederaufführung von
Mehrteilern oder die Präsentation eines deutschen Spielfilms
aus den 50ern.

Das ist ein Modethema. Dafür fliessen wahrscheinlich
Auftragsgelder an die Produktionsfirmen.

Unbestritten sind beides Ereignisse, die bedeutsam sind.
Leider decken sie damit ein anderes Ereignis zu, das ich für
mindestens gleichwichtig, wenn nicht sogar für wichtiger
halte:
Das Attentat von Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz-Ferdinand
in Sarajewo am 28.Juni 1914 (90. Wiederkehr).

Das „Attentat“ ist als solches imho nicht sehr
bedeutend. Etwa die Größenordnung wie das Attentat
auf Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan am 7.
November 38.

Immerhin führte dieses Ereignis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges, mit der Folge, dass das Deutsche Kaiserreich
unterging und den Nährboden für nazi-Deutschland bildete;
Österreich-Ungarn zerfiel und neue Staaten entstanden
(Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Österreich); das
russische Zarenreich verschwand und wurde durch die
Sowjetunion ersetzt; Finnland, Polen, Estland, Lettland und
Litauen wurden unabhängig. Die USA wurden endgültig zur
Weltmacht und lösten damit Großbritannien als Macht Nr. 1 ab.

OK, aber das Attentat als „Begründung“ herzunehmen, war
eine vollkommen beliebige Entscheidung. Es hätte auch
jede andere Entscheidung getroffen werden können.

Kurzum: Der Erste Weltkrieg veränderte viel mehr die
Geographie und politischen Machtverhältnisse als der Zweite
Weltkrieg. Er war das Ende eine europäischen Epoche. Warum
also werden die Ereignisse des Jahres 1914 so stark den
Ereignissen von 1944 untergeordnet? Weil es kein
Wochenschau-Material gibt? Oder weil es zeitlich einfach zu
weit weg ist?

Weil die Bindung zu den Ereignissen fehlt. „Frühere Ereignisse“
sind fast immer „viel bedeutendere“ Ereignisse. Man denke an den
kleinen Zufall der Kreuzigung des Sohns eines Tischlers.
Oder als der Führer der 20-Mann-Südaffenpopulation „Grkoogi“
vor 4 1/2 Millionen Jahren nach Norden statt nach Westen
losmarschierte.

Zum zweiten Weltkrieg und den Ereignissen dieser Zeit hat
fast jeder von uns eine persönliche Beziehung. Da ist es doch
natürlich, dass ein vitales Interese besteht. Die „Frage
nach dem Herkommen“ ist für fast alle Deutschen eben „damit“
verbunden.

Grüße

CMБ

Hallo,

Ja, z.B. das Sorge-Telefonat mit Stalin (woraufhin dieser
bedenkenlos nahezu sämtliche sibirischen Divisionen nach
Moskau holte).

Mit wem hat Väterchen Stalin telefoniert? Dem Tenno?

Fernsehen? Sagtest Du Fernsehen?

Da wird doch immer behauptet Guido Knopp wäre Historiker, oder?

Gruss Jan

Hallo,

Ja, z.B. das Sorge-Telefonat mit Stalin (woraufhin dieser
bedenkenlos nahezu sämtliche sibirischen Divisionen nach
Moskau holte).

Mit wem hat Väterchen Stalin telefoniert? Dem Tenno?

:wink:

„telefoniert mit Stalin“ war ein wenig symbolisch gemeint.

Interessanter Artikel hierzu:
http://www.wienerzeitung.at/frameless/lexikon.htm?ID…

Es gab da jedenfalls im Oktober 1940 dieses berühmte 
Telegramm von Dr. Richard Sorge, dem sowjetischen Meisterspion 
in Japan, und Kim Philby hat es aus London bestätigt. 
**Auf dieses Telegramm hin, mit der Bestätigung, Japan   
werde den Deutschen in Sibirien nicht zu Hilfe kommen, hat   
Stalin hasardiert und jene Million Soldaten aus Sibirien   
heranholen lassen, die Schukow zur Verteidigung Moskaus brauchte**. 
Das war der Wendepunkt. Nicht der Wintereinbruch vor Moskau, 
obwohl ich in meinem zweiten Buch auch darüber schreiben werde. 
Der Hinge-Factor war diese eine Million Mann.
...

Fernsehen? Sagtest Du Fernsehen?

Da wird doch immer behauptet Guido Knopp wäre
Historiker, oder?

„Guido Knopp“ mag ein netter Mann sein und
hat bestimmt auch seine Stärken. Aber
„Historie“? Vielleicht ist Knopp der
„Fernsehhistoriker“ wie etwa Fliege
der „Fernsehpfarrer“ ist?

Grüße

CMБ

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Hi!

In den letzten Tagen ist mir wieder aufgefallen, wie bestimmte
Geschichtsdaten, die eigentlich enorm wichtig sind, vergessen
werden oder unter den Tisch fallen.

So wird/wurde im Fernsehen sehr massiv auf das 60. Jubiläum
der alliierten Landung in der Normandie (6.Juni 1944)
hingewiesen, mit Live-Übertragungen von den Festlichkeiten,
mit Dokumentationen auf allen Kanälen, mit Interviews von
Beteiligten.

Derzeit ist die 60. Wiederkehr des Attentates auf Hitler
(20.Juli 1944) geschichtliches Schwerpunktthema. Da gibt es
Neuverfilmungen im Fernsehen, die Wiederaufführung von
Mehrteilern oder die Präsentation eines deutschen Spielfilms
aus den 50ern.

Unbestritten sind beides Ereignisse, die bedeutsam sind.
Leider decken sie damit ein anderes Ereignis zu, das ich für
mindestens gleichwichtig, wenn nicht sogar für wichtiger
halte:

Das Attentat von Gavrilo Princip auf Erzherzog Franz-Ferdinand
in Sarajewo am 28.Juni 1914 (90. Wiederkehr).

Hallo!
Glaube dass das auch etwas verschieden ist von land zu Land.
Bei uns im österreichischen Fernsehen gab es z.B: eine Doku über das Attentat von Sarajewo.
Keine Ahnung ob das für deutsche TV-seher überhaupt von Interesse wäre
cu Christian