Das letzte Mal sah ich es, als Großmutter starb: verhängte Spiegel im Trauerhaus
Sie starb nachts im eigenen Bett. Die Tote wurde erst am späten Vormittag abtransportiert. Am frühen Morgen schon suchte Opa Decken und Laken und Tücher zusammen und verhängte alle Spiegel in der Wohnung. So blieb es auch noch einige Tage.
Falls das wichtig ist: Die Großeltern waren nicht sonderlich religiös; eher „pseudo-christlich“, wie es in der DDR weit verbreitet gewesen ist. Ihre Elternhäuser sind katholische gewesen.
Könnt Ihr mir erklären, ob da jemand oder etwas geschützt oder beschützt werden soll? Opa kann ich nicht mehr fragen… er ist mittlerweile auch tot.
die Sitte kenne ich auch, sie ist vermutlich ein alter Aberglaube:
Ist der Spiegel nicht verhängt, wird der Verstorbene darin sichtbar und zieht andere mit sich.
ich finde es immer wieder erstaunlich, wieviele Bräuche aus dem Judentum sich auch im Christentum wiederfinden, wenn auch oft mit anderen Bedeutungen.
So verhänge wir auch alle Spiegel, solange ein Toter in dem Raum ist. Dieses hat mit den Trauernden zu tun, damit diese nicht den Toten mehrmals sehen müssen. Vielleicht haben Christen diese Praxis gesehen und übernommen?
Spiegel"zauber" ist wohl fast so alt wie die Menschheit selbst - auch die sogenannten Naturvölker, deren einziger Spiegel Wasserflächen sind, kennen schon Riten in Zusammenhang mit unheilvollen Spiegelbildern.
Man verhängt den Spiegel, damit die Seele des Toten dort nicht im Abflug stoppt und sich erstmal ansieht. Man hat jahrelang von der Seele gehört, nun will man sie sich auch mal ansehen! Also Tuch drüber und die liebe Seele hat Ruh und saust davon!
Spiegel"zauber" ist wohl fast so alt wie die Menschheit selbst
auch die sogenannten Naturvölker, deren einziger Spiegel
Wasserflächen sind, kennen schon Riten in Zusammenhang mit
unheilvollen Spiegelbildern.
Damit sind wir aber wieder im Aberglauben gelandet. Ich wollte aufzeigen, dass dahinter aber nichts mystisches stecken muss, sondern etwas ganz psychologisches.
Man verhängt den Spiegel […] Seele hat Ruh und saust davon!
Ist das jetzt deine Idee dazu oder hast Du das von jemanden so gelernt und wenn ja von wem. Das würde mich interessieren. Ausserdem hätte ich da noch eine Frage, auch an andere, ob bei euch die Seelen sausen und an welchen Ort? Ich frage das, weil nach meinem Glauben die Seele zwar den Körper verlasst, aber auch diese Welt.
also, daß ich ausgerechnet Dir jüdische Sitten erklären darf… *lach*
Für die Sitte, die Spiegel zu verhängen, weißt Kolatch darauf hin, daß es mehrere Deutungen gibt, wohingegen das progressive Judentum feststellt, daß entweder verhindert werden soll, daß sich die Seele in einem Spiegel verfängt, „in eine Falle gelockt wird“, oder daß sich der Leichnam darin spiegelt und bald ein zweiter Tod im Haus verkündet wird. Weiter ist zum Spiegel noch anzumerken, daß es eine „moderne“ Auslegung gibt, die sich mit der menschlichen Eitelkeit befaßt und daran festhält, daß es unangemessen sei, in einen Spiegel zu schauen, wenn man gerade einen Menschen verloren hat.
Damit sind wir aber wieder im Aberglauben gelandet. Ich wollte aufzeigen, dass dahinter aber nichts mystisches stecken muss, sondern etwas ganz psychologisches.
wie definierst Du „mystisch“ im Vergleich/Gegensatz zu „psychologisch“?
Und in welchem Zusammenhang steht das zu Deinem Ausgangsposting?
wie definierst Du „mystisch“ im Vergleich/Gegensatz zu
„psychologisch“?
Wenn ich Spiegelbildern irgend eine Macht (Seelen festzuhalten, weitere Tote anzukündigen) geben, dann ist das für mich mystisch oder im Fall hier Aberglaube.
Psychologisch bezog sich einfach darauf, dass man wegen der Gemütsverfassung der Trauernden diese vor weiteren „Bildern“ bewahren will. Dieses hat aber nichts damit zu tun, dass diese Bilder macht über die Trauernden hätten, sondern das es momente gibt, wo man den Toten nicht sehen will oder kann. Wenn es im Zimmer lauter Spiegel gibt, kann man aber nicht wegsehen.
Übersehe ich dabei etwas oder warum deine Nachfrage?
Für die Sitte, die Spiegel zu verhängen, weißt Kolatch darauf
hin, daß es mehrere Deutungen gibt, wohingegen das progressive
Judentum feststellt, daß entweder verhindert werden soll, daß
sich die Seele in einem Spiegel verfängt, „in eine Falle
gelockt wird“, oder daß sich der Leichnam darin spiegelt und
bald ein zweiter Tod im Haus verkündet wird.
Aha. Sind das nun Annahme des Reformjudentums woher der Brauch kommt und glaubt man daran wirklich? Ich frage hier so ungläubig nach, weil mich Letzteres völlig überraschen würde. Und ja, die Bräuche und Ansichten des Reformjudentums muss man mir immer erklären.
Ein Punkt ist noch offen: Die „psychologische“ Variante führst Du in Deinem Ausgangsposting (wenn ich Dich richtig gelesen habe) als jüdische Tradition an.
Tessa zitiert in ihrem Talmud-Link jedoch eine Deutung, die der von Dir als „mystisch“ definierten Tradition näher steht.
Das es im Judentum verschiedene Richtungen gibt, welche hier wohl verschiedene Ansichten vertreten. Und Letztlich kann ich auch nur das vertreten, was ich bislang gelernt habe.
Schalom,
Eli
PS. „Tessa zitiert in ihrem Talmud-Link“
Das ist nur eine Quelle im Internet, welche sich so benennt und hat mit der mündlichen Lehre erst einmal nichts zu tun.
PS. „Tessa zitiert in ihrem Talmud-Link“
Das ist nur eine Quelle im Internet, welche sich so benennt und hat mit der mündlichen Lehre erst einmal nichts zu tun.
*ächz* Kannst Du mir diesen Unterschied (Talmud = mündliche Lehre) auch noch mal erläutern? Es klingt so, als habe die mündliche Lehre mehr Gewicht als die Schrift? Oder ist das nur bei den Orthodoxen so?
*ächz* Kannst Du mir diesen Unterschied (Talmud = mündliche
Lehre) auch noch mal erläutern?
Welchen Unterschied? Zwischen mündlicher und schriftlicher Lehre? Nu, wie der Name schon sagt wurde der eine Teil der Lehre schriftlich weitergegeben und der andere mündlich. Die Begründung dafür ist einfach, dass die Lehre für das Leben ist und dieses sich ständig ändert, somit muss auch die Lehre hier flexibel sein. Darum wurde diese anfänglich nicht aufgeschrieben, erst als dieses historisch notwendig wurde, hat man diesen Schritt gemacht.
Es klingt so, als habe die mündliche Lehre mehr Gewicht als
die Schrift?
Nein, beides bildet eine Einheit und ergänzt sich. So steht in der einen ja nichts, was der anderen widerspricht. Aber hier haben wir es auch wieder mit einem Henne-Ei-Problem zu tun.
Oder ist das nur bei den Orthodoxen so?
Ist mir nicht bekannt. Wichtiger ist die Tanach und diese wird auch zuerst gelehrt. Erst später fängt man mit der Mischna an, bevor dann der Talmud gelernt wird. So gesehen hast du hier schon eine Priorität. Aber Gewicht hat beides, da alles zusammen für uns Tora ist.
Schalom,
Eli
PS. Für die nächsten Fragen wäre es gut, wenn Du im Titel sagst, um was es geht. Vielleicht interessiert sich noch jemand dafür
wird erläutert, wie die verschiedenen Richtungen das sehen.
Bei Orthodoxen hat schriftliche und mündliche Torah den gleichen Stellenwert.
In den liberalen also den nicht-orthodoxen Richtungen des Judentums ist die mündliche Torah der schriftlichen untergeordnet.
„tradition (die mündliche ist hier gemeint) has a vote but not a veto“
Eine Talmudseite und die Erklärung der Struktur findest Du hier:
Hallo Tino!
>Das letzte Mal sah ich es, als Großmutter starb: verhängte Spiegel im Trauerhaus Sie starb nachts im eigenen Bett. Die Tote wurde erst am späten Vormittag abtransportiert. Am frühen Morgen schon suchte Opa Decken und Laken und Tücher zusammen und verhängte alle Spiegel in der Wohnung.
Da das Kirchen-Christentum aus dem Heidentume dadurch hervorgegangen ist, daß man das Heidentum mit dem eigentlichen Christentume nur ein wenig gesalzen* hat, ist nicht verwunderlich, daß sich nun in ihm allerhand Sitten finden, denen man irgendeine Wirkung zuschreibt.
Nun zur Seele. Sie ist geistiger Natur, also weder materiell faßbar, sichtbar und auch nicht zerstörbar. Wenn die Seele den Leib auszieht, weil dieser für ihre Zwecke nicht mehr brauchbar ist, dann kümmert sie sich nicht darum, ob ein Spiegel da ist oder nicht da ist, ob er bedeckt oder nicht bedeckt ist. Sondern sie ist in dem Moment schon im Mittelreich, wird von den Engeln empfangen, belehrt, und kann, wenn sie will, von ihnen weitergeführt werden.
Gruß Helmut
ich finde es immer wieder erstaunlich, wieviele Bräuche aus
dem Judentum sich auch im Christentum wiederfinden, wenn auch
oft mit anderen Bedeutungen.
So verhänge wir auch alle Spiegel, solange ein Toter in dem
Raum ist. Dieses hat mit den Trauernden zu tun, damit diese
nicht den Toten mehrmals sehen müssen. Vielleicht haben
Christen diese Praxis gesehen und übernommen?
Schalom,
Hallo Elimelech,
Wieso erstaunlich ? Das Christentum ist eine Erweiterung (oder Sekte)des Judentums. Der Islam eine Kopie davon !
Mit anderen Worten: das Judentum ist die Mutter aller monotheistischen Religionen:
Mit Gruss: Hardy
Falls das wichtig ist: Die Großeltern waren nicht sonderlich
religiös; eher „pseudo-christlich“, wie es in der DDR weit
verbreitet gewesen ist. Ihre Elternhäuser sind katholische
gewesen.
Gegenfrage:
Bei der Gelegenheit möchte ich doch kurz eine Frage zur Pseudo-Christlichkeit los werden.
Ich dachte immer, dass gerade in der DDR den Christen eine recht massive Abneigung entgegenschlug. Weshalb sich nur die Leute, denen der Glaube wirklich etwas bedeutete zur Kirche bekannten.
Deshalb sind ja heute in den ehemaligen DDR-Gebieten noch so viele Atheisten unterwegs.
Ich schlussfolgerte also, dass die Christen, die trtzdem Christen blieben doch eher mehr oder weniger „echte“ Christen waren.
Oder führte die Situation dazu, dass sich alle DDR-Feinde im Schutz der Kirche zusammenfanden?
Oder waren es deshalb Pseudo-Christen, weil sie ihre Rituale mehr oder weniger versteckt haben, um nicht aufzufallen.
Wäre Dir oder den anderen Experten hier für Aufklärung der Lage wirklich dankbar.