Hallo Merit,
mir geht das Ganze auch nahe. Die Zahlen, die täglich von Asien gemeldet werden, würden bedeuten, dass die Stadt, in der ich lebe, fast ganz ausgelöscht wäre.
Aber deswegen hilft es keinem der Betroffenen, wenn ich hier bestürzt durch die Gegend laufe. Zumal ich keinen der Betroffenen kenne.
Im Sommer lag der beste Freund meines Freundes im Sterben. Das ging mir wesentlich näher, da ich den Betroffenen kannte. Aber auch da bin ich nicht jammernd durch die Gegend gelaufen, weil es ihm nichts gebracht hätte.
Einem Verwandten wurde im Dezember ein Bein amputiert. Ist dem geholfen, wenn ich in Mitleid versinke? Dem hilft es mehr, wenn ich etwas für ihn direkt tue wie Botengänge oder im Haushalt helfe.
Meine Mutter ist alles andere als gesund. Sie kann z.B. stellenweise keine 100 Meter schmerzfrei gehen. Hilft es ihr, wenn ich bestürzt dasitze? Ihr bringt es mehr, wenn ich ihr Arbeit abnehme und z.B. dafür sorge, dass sie ihre Medikamente nimmt, die ihr helfen.
Bedauert irgendwer hier diese drei Menschen? Nein. Und das zu recht! Schließlich kennt sie niemand. Und helfen würde es ihnen auch nichts.
Was hat ein Thailänder davon, wenn ich hier sitze und ihn bedauere?
Was bringt es einem Indonesen, wenn ich mich hier irgendwo in ein Kondolenzbuch eintrage, dass er doch nie zu sehen bekommt?
Ich bewundere dafür lieber all die Menschen, die da unten im Einsatz sind, täglich Schlimmes sehen und damit irgendwie umgehen müssen. Menschen, die teilweise ihr eigenes Leben dafür gefährden.
Für mich gibt es lediglich zwei Dinge, womit ich den Menschen da unten wirklich helfen kann: Spenden oder Hilfe vor Ort. Alles andere bringt den Opfern nichts.
Ob und wieviel man spendet, ist wieder ein anderes Thema. Es gibt so viele Möglichkeiten, sein Geld Bedürftigen zukommen zu lassen…
Was ich aber gar nicht mag, wenn man Unbeteiligten versucht, ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie nicht gleich den Geldbeutel und das Konto für Spenden öffnen.
So geschah es bspw. vor Jahren in nem kleinen Ort. Der Pfarrer besuchte einen Mann, und hielt ihm vor, er wäre der einzige, der nicht gespendet habe im Ort bei einer Spendenaktion. Ob er das denn nicht nachholen wolle?
Ich halte es für fragwürdig, ob der Mann wirklich der einzige war, der nicht gespendet hat. Ist dieser Mann dann automatisch ein schlechterer Mensch?
Mir sind - auch wenn ich dafür gleich gesteinigt werden sollte - die Menschen in meinem direkten Umfeld wichtiger. Da weiß ich, wie ich helfen kann. Und vor allem weiß ich, dass bzw. ob meine Hilfe was bringt. Vom Bemitleiden wird es auch nicht besser. Weder bei den Menschen in meinem Umfeld noch bei den Flutopfern in Asien, den Kriegsopfern im Irak oder den Opfern vom 11. September in New York.
Und wenn jemand sein Bedauern und Mitleid bekundet - wer weiß, ob das nicht geheuchelt ist, weil es bei den umstehenden Personen, auf Papier oder vor der Kamera nur gut rüberkommt?
Und wenn jemand spendet - wer weiß, ob das nicht auch nur getan wird, um gut dazustehen?
Wobei man da ganz klar sagen muss, dass die Spende zumindest noch was bringt, egal aus welcher Absicht heraus sie getätigt wurde.
Ich halte mich für keinen schlechten Menschen, nur weil ich nicht täglich für andere hör- oder lesbar mein Bestürzen über das Seebeben und seine Opfer verkünde. Wer mich für einen halten will, dem sei das freigestellt.
Viele Grüße
Merlinchen