Verhalten bei Unglücken

Hallo Experten,

ich bin nich sicher, ob meine Frage im Psychologiebrett richtig ist, vielleicht doch eher Sonstiges oder Plauderei?

Mir fällt immer wieder, auch grade hier bei w-w-w auf, das es Leute gibt, die bei Katastrophen alles an sich abprallen lassen können. Wie z.B. jetzt bei der Flutkatastrophe. Da schreiben einige, dass sie betroffen sind, das sie mit den Betroffenen trauern, das sie spenden usw. Es geht einfach vielen nahe.

Dann kommt die andere Gruppe, die eigentlich jeden Unfall oder jede Katastophe „abwertet“ mit den Argumenten „jeden Tag verunglücken X Leute und keiner regt sich auf“, „jeden Tag verhungern mehr Kinder und niemand trauert“, „wem hilft das, wenn ich Trauer zeige“ usw.

Ich selber finde dieses Verhalten kalt und taktlos, will den Leuten aber dies nicht so einfach unterstellen.
Ist das einfach deren Art, Schlimmes zu verdrängen? Es gibt immer etwas Schlimmeres also tu ich nichts und lass das alles nicht an mich ran?

Kann mir das Verhalten jemand erklären?

Viele Grüsse
Merit

Hi Merit!

Ich werde da manchmal leider das Gefühl nicht los, daß es sich vor allem um rhetorische Kniffs handelt, um die Diskussion am laufen zu halten oder sich von der breiten Masse abzugrenzen.

Gruß
Peter

Hallo Merit,

ich weiß, daß es vielen schwer fällt, diese vermeintliche mir-doch-scheißegal-Haltung nachzuvollziehen…

Es ist in der Tat so, daß jeden Tag zig Tausend Kinder auf der Welt elendig verrecken - es kümmert sich keine Sau darum. Kommt es zu einer Katastrophe, fangen wieder alle zu heucheln an und beruhigen ihr Gewissen mit großzügigen Spenden.

Hier gibt es allerdings noch einige Untergruppen, die für gewöhnlich im Stillen agieren: Ärzte, Sanis und Schwestern, die runterfliegen und helfen; Menschen, die private Hilfsorganisationen gründen, etc., etc., etc.

Stell Dir vor, Ärzte, Schwestern & Co. würden jetzt auch noch anfangen hysterisch zu kreischen und das Leid lautstark zu beklagen. Es gab nun einmal einen Tsunami - wir können es nicht ändern, aber wir können sehr wohl helfen. Da hilft kein Herumgejammer, da hilft nur Anpacken. Du mußt Dir Südasien im Moment wie eine Intensivstation vorstellen: wir haben keine Zeit für Diskussionen oder sonstwelchen Scheiß - wir haben uns im die Leute (scheißegal, woher sie kommen) zu kümmern. Wer in Deutschland geblieben ist, ist beim KIT oder sonstwo, wo man gerade gebraucht wird.

Wir haben in der Sekunde schlicht keine Zeit, darüber nachzudenken, daß sich jemand ob des ach so unverschämten Spruchs ‚verdammt nochmal, gehen Sie sofort zur Seite‘ (oder Ähnlichem) auf den Schlips getreten fühlt. Es ist in diesem Augenblick sowas von scheißegal, wie Du es Dir nur vorstellen kannst.

Ist das einfach deren Art, Schlimmes zu verdrängen?

Nein. Notärzte, Schwestern und Sanis arbeiten fast automatisch - durch diesen Automatismus kann man in jedem Team arbeiten. Was wir dabei nicht brauchen können, sind Leute, die glotzend dabei stehen und bei der Arbeit stören.

Es gibt
immer etwas Schlimmeres also tu ich nichts und lass das alles
nicht an mich ran?

In diesem Moment darfst Du nichts an Dich ranlassen, sonst kannst Du nicht arbeiten. Es klingt selstsam, aber in solchen Situationen braucht man zwei Seelen.

Gruß

Renee

Wem ist damit geholfen?
Hi,

vorab:
Die Flutkatastrophe beeindruckt zwar ein wenig, hat.
aber ansonsten keinen Einfluss auf mich.

Mir fällt immer wieder, auch grade hier bei w-w-w auf, das es
Leute gibt, die bei Katastrophen alles an sich abprallen
lassen können. Wie z.B. jetzt bei der Flutkatastrophe. Da
schreiben einige, dass sie betroffen sind, das sie mit den
Betroffenen trauern, das sie spenden usw. Es geht einfach
vielen nahe.

Wem hilft es? Niemandem.
Wem schadet es? Allen „Betroffenen“.

Dann kommt die andere Gruppe, die eigentlich jeden Unfall oder
jede Katastophe „abwertet“ mit den Argumenten „jeden Tag
verunglücken X Leute und keiner regt sich auf“, „jeden Tag
verhungern mehr Kinder und niemand trauert“, „wem hilft das,
wenn ich Trauer zeige“ usw.

Genau. Wem hilft es? Es schadet nur.

Ich selber finde dieses Verhalten kalt und taktlos, will den
Leuten aber dies nicht so einfach unterstellen.
Ist das einfach deren Art, Schlimmes zu verdrängen?

Das ist der entscheidende Punkt:
Es ist kein Verdrängen, sondern der sachliche Umgang damit, das Verstehen lernen, weshalb es passiert ist, usw.

Es gibt
immer etwas Schlimmeres also tu ich nichts und lass das alles
nicht an mich ran?

„Nichts tun“ ist ja wohl etwas ganz Anderes als deswegen tagelang herumzutrauern.
Das sind 2 ganz verschiedene Verhaltensweisen.

Kann mir das Verhalten jemand erklären?

Erklären kann ich es nicht. Ich bin aber froh drum, so zu sein.
Ausserdem würde unser Gesellschaftssystem zusammenbrechen, gäbe es nicht genug Menschen mit dieser Eigenschaft.

Gruss,

Politische Betroffenheitsorgien
Hi,

lassen können. Wie z.B. jetzt bei der Flutkatastrophe. Da
schreiben einige, dass sie betroffen sind, das sie mit den
Betroffenen trauern, das sie spenden usw. Es geht einfach
vielen nahe.

Dann kommt die andere Gruppe, die eigentlich jeden Unfall oder
jede Katastophe „abwertet“ mit den Argumenten „jeden Tag
verunglücken X Leute und keiner regt sich auf“, „jeden Tag
verhungern mehr Kinder und niemand trauert“, „wem hilft das,
wenn ich Trauer zeige“ usw.

Ich selber finde dieses Verhalten kalt und taktlos, will den
Leuten aber dies nicht so einfach unterstellen.
Ist das einfach deren Art, Schlimmes zu verdrängen? Es gibt
immer etwas Schlimmeres also tu ich nichts und lass das alles
nicht an mich ran?

Diese zur Schau gestellte Betroffenheit ist der Mechanismus, das eigene Gewissen zu beruhigen, nicht die vermeintliche Kälte. DAS ist Verdrängung. Nämlich die Verdrängung der Tatsache, daß jeden Tag auf der Welt unzählige Menschen ohne eigene Schuld sterben. Wer mit dieser Tatsache nicht klarkommt, braucht offenbar ein bis zweimal im Jahr irgendwas, wo er so richtig schön betroffen sein kann (eine Farce an sich - betroffen sind die Betroffenen, nicht die Mitleider), um dann wieder schön in den Alltag zu gehen.

Wer das hingegen wirklich an sich heran lässt, wie Du sagst, wird lernen, damit schlicht zu leben und den Tod, auch durch Unglücke, Verbrechen wie den Irakkrieg o.ä. als normalen Bestandteil des irdischen Lebens zu akzeptieren. Wenn jemand helfen möchte, steht es ihm frei, das zu tun. Jeder kann sich in entsprechenden Organisationen engagieren - es gibt weit mehr als genug hilfsbedürftige Menschen, in nah und fern, auch direkt vor Deiner Haustür. Aber mal eben vom warmen Fernsehsessel aus eine 0900er Nummer anzurufen, um 5 EUR zu spenden und einen ach so betroffenen Beitrag in einem Internetforum zu schreiben, empfinde ich schon fast als Heuchelei - Respekt oder Anerkennung hab ich dafür jedenfalls nicht übrig, die bekommen die Leute, die etwas TUN.

Mal davon abgesehen, denke ich daß es niemanden etwas angeht, was mir nahe geht und was nicht. Diese Bedauerungsthreads sind also lediglich eine Ego-Geschichte.

Gruß,

Malte.

Hallo Merit,

die Welt ist grausam, die Realität ist brutal. Ich schau nach rechts und nach links und sehe in meinem direkten Umfeld jede Menge dramatische menschliche Tragödien. Arbeitslosigkeit, Armut, Sucht, Suizid, verzweifelte Menschen in meiner unmittelbaren NÄHE. Ich bin mir sicher Du würdest sie auch SEHEN- wenn Du hinschauen würdest.

Meine Frage die ich Dir stelle, ist: Warum schaust Du in die Ferne (Fernseher?) Könnte es nicht so eine Art Selbstschutz sein, den Du da betreibst?

Du lässt diese Tragödien und Katastrophen (die sich in Deiner Nähe abspielen) vielleicht nicht an Dich rankommen. Vielleicht köntest Du ja dann direkt damit konfrontiert werden? Vielleicht MÜSSTEST Du dann etwas unternehmen?

Es lässt sich prima trauern vor der Glotze (ich sage das jetzt mal ein wenig überspitzt, es ist nicht böse gemeint und nicht an Dich persönlich gerichtet) Es lässt sich prima erzählen wie betroffen man ist und was die Experten doch alles hätten vorher tun können.

Ich bin mir beinahe sicher, dass Du das, was Du hier einigen nachsagst- nichts an sich rankommen lassen- selber übst.

Jeder „Helfer“ im professionellen Bereich hat gelernt diese Dinge zu verarbeiten- sonst könnten die Tausenden und Abertausenden „Helfer“ Ihren Job nicht machen.

Spenden sind wichtig und gut- aber wenn Du wirklich etwas menschliches vollbringen möchtest- dann wende Dich doch einfach an Deinen Nachbarn.

Mit Nächstenliebe und der Bereitschaft für meine Mitmenschen etwas zu tun würde unsere Welt sicher ein wenig besser aussehen- nur das ist wahrscheinlich schwieriger als vor einem Fernseher zu trauern- leider.

Ein lieber Gruß

Frank

hallo!
was mich jetzt nur noch interessieren würde…wie gehst DU damit um, wenn ein DIR nahestehender verunglückt/stirbt/es ihm schlechtgeht? bist du dann zu demjenigen genauso „passiv“, hilft es dir oder ihm dann auch nicht, sich mit dem thema zu befassen und es innerlich zu verarbeiten? möchtest du da nicht mal mit jemandem drüber reden, einfach um sich etwas von der seele geredet zu haben? oder denk ich da jetzt wieder zu „weiblich“…bekanntlich suchen männer ja immer nach ner lösung, frauen wollen nur diskutiern.

interessierte grüße
yvi

Hi,

was mich jetzt nur noch interessieren würde…wie gehst DU
damit um, wenn ein DIR nahestehender verunglückt/stirbt/es ihm
schlechtgeht? bist du dann zu demjenigen genauso „passiv“,

Das Wort „passiv“ gefällt mir überhaupt nicht.

hilft es dir oder ihm dann auch nicht, sich mit dem thema zu
befassen und es innerlich zu verarbeiten?

Wenn ich mich damit befasse, dann kommt es sehr wahrscheinlich zu einer Besserung des Zustandes des Betroffenen.
Ich selbst brauch das nicht lange zu verarbeiten.

möchtest du da nicht
mal mit jemandem drüber reden, einfach um sich etwas von der
seele geredet zu haben?

Ich weiss gar nicht, was so etwas soll?

oder denk ich da jetzt wieder zu
„weiblich“…bekanntlich suchen männer ja immer nach ner
lösung, frauen wollen nur diskutiern.

Ich hätte es nicht geschrieben, aber deine letzten 3 Zeilen treffen den Kern absolut scharf.
Gruss,

Hallo Merit!

Meiner Meinung nach muss ein Unterschied gemacht werden zwischen zur Schau gestellter Gefühlsduselei und tätiger Hilfe.

Renee hat von den Helfern geschrieben, die vor Ort im Einsatz sind. Wer dazu nicht die Möglichkeit hat (beispielsweise mangelnde Qualifikation), soll spenden.

Wenn Du bestürzt bist über ein Unglück und darüber reden musst, weil Dich das stark beschäftigt, so tu das.
Wenn Du, wie Renee schreibt, zur Tat schreitest oder spendest und mit dem guten Gefühl, getan zu haben, was getan werden konnte, deinen Alltag weiterlebst, ist das genauso gut.

Echte Gefühlskälte und mangelnde Solidarität betrüben auch mich.

Hanna

Hallo Merit,

Mir fällt immer wieder, auch grade hier bei w-w-w auf, das es
Leute gibt, die bei Katastrophen alles an sich abprallen
lassen können.

Was erwartest Du jetzt? Dass alle sich die Haare raufen, wild durcheinanderlaufen und „oh mein Gott, oh mein Gott“ rufen?

Ich zumindest erlebe jeden(!) Abend, an dem ich mit Bewußtsein die Tagesschau schaue, menschliche Katastrophen. Ich weiß, dass im Sudan perverse Horden Menschen metzeln und vertreiben (Du weißt z.B., dass dort nach Schätzungen der WHO letztes Jahr bereits knapp 70 tausend Menschen krepiert sind? Bist Du betroffen?), ich weiß, dass im Irak viele Familien unschuldig für mich nicht vorstellbare Verluste hinnehmen mussten und müssen. Und diese Liste kann man beliebig fortsetzen, es reicht, sich nur kurz zu informieren.

Ja, ich bin vielleicht gefühlskalt, denn ich sehe im Moment, dass alle Welt sich beinahe erschlägt, den sicher übelst gebeutelten in Asien zu helfen. Ich muss es aber genau deswegen nicht mehr tun, denn mir persönlich ist z.B. ein Mensch im Sudan ebenso nahe. Und in meinen Augen passiert dort im Vergleich sehr wenig…

Und ich kann tatsächlich die emotionale Selektion der derzeit ach so Betroffenen nicht wirklich nachvollziehen.

Grüße
Jürgen

Hallo Frank,

ich glaube hier und bei einigen anderen Antworten liegt ein Missverständnis vor. Natürlich gibt es auch Elend und Not vor der eigenen Haustür.

Aber deswegen spreche ich doch niemandem ab, dass er Dinge die weiter weg geschehen nicht auch bedauern kann. Wenns so wäre würde jeder nur noch vor seiner Haustüre kehren und Hilfsorganisationen in anderen Ländern gäbe es nichtmehr, weil man ja zuhause genug zu tun hätte.

Das Helfer vor Ort einen kühlen Kopf behalten müssen ist mir klar. Aber nicht alle die hier schreiben sind Helfer vor Ort.

Vielleicht machen es sich diejenigen, die mal eben faul vom Sessel aus 5 Euro spenden wirklich leicht und päppeln nur mal eben ihr Gewissen auf. Aber 5 Euro sind doch besser als nichts. Lass sie sich summieren und irgendwem helfen. Besser 5 Euro aus dem Sessel gespendet als nichts getan.

Mir kommen halt manche Aussagen verharmlosend vor. Ich kann wohl alles kleinreden, es wird immer etwas schlimmeres geben. Aber wenn jemand über die Bilder entsetzt und traurig ist finde ich das ok. Jeder verarbeitet sowas wohl anders.

Viele Grüsse
Merit

Hallo Merit,

die Welt ist grausam, die Realität ist brutal. Ich schau nach
rechts und nach links und sehe in meinem direkten Umfeld jede
Menge dramatische menschliche Tragödien. Arbeitslosigkeit,
Armut, Sucht, Suizid, verzweifelte Menschen in meiner
unmittelbaren NÄHE. Ich bin mir sicher Du würdest sie auch
SEHEN- wenn Du hinschauen würdest.

Meine Frage die ich Dir stelle, ist: Warum schaust Du in die
Ferne (Fernseher?) Könnte es nicht so eine Art Selbstschutz
sein, den Du da betreibst?

es gibt doch wohl einen unterschied, ob man etwas am fernsehen sieht oder davon selbst betroffen ist. ich finde die flutkatastrophe in asien auch schrecklich, aber ich sitz hier in meinem sicheren zuhause und ich finde es darum respektlos, wegen meinem gruseligen gefühl rum zu lamentieren und mich damit auf die stufe derjenigen zu stellen, denen wirklich was passiert ist, die angehörige und ihr zuhause verloren haben. bei vielen leuten, die über ferne ereignisse klagen und sich ach so bestürzt zeigen, habe ich den eindruck, daß die das nur machen, weil man es eben so macht: es ist etwas schreckliches passiert und wenn man ein guter mensch sein will, dann muß man „mitleiden“ bzw. sein „mitleid“ zur schau stellen. das finde ich unecht und, wie gesagt, respektlos gegenüber betroffenen, weil man sich so durch das unglück anderer leute in den mittelpunkt stellt.

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Hallo Merit,

mir geht das Ganze auch nahe. Die Zahlen, die täglich von Asien gemeldet werden, würden bedeuten, dass die Stadt, in der ich lebe, fast ganz ausgelöscht wäre.

Aber deswegen hilft es keinem der Betroffenen, wenn ich hier bestürzt durch die Gegend laufe. Zumal ich keinen der Betroffenen kenne.

Im Sommer lag der beste Freund meines Freundes im Sterben. Das ging mir wesentlich näher, da ich den Betroffenen kannte. Aber auch da bin ich nicht jammernd durch die Gegend gelaufen, weil es ihm nichts gebracht hätte.

Einem Verwandten wurde im Dezember ein Bein amputiert. Ist dem geholfen, wenn ich in Mitleid versinke? Dem hilft es mehr, wenn ich etwas für ihn direkt tue wie Botengänge oder im Haushalt helfe.

Meine Mutter ist alles andere als gesund. Sie kann z.B. stellenweise keine 100 Meter schmerzfrei gehen. Hilft es ihr, wenn ich bestürzt dasitze? Ihr bringt es mehr, wenn ich ihr Arbeit abnehme und z.B. dafür sorge, dass sie ihre Medikamente nimmt, die ihr helfen.

Bedauert irgendwer hier diese drei Menschen? Nein. Und das zu recht! Schließlich kennt sie niemand. Und helfen würde es ihnen auch nichts.

Was hat ein Thailänder davon, wenn ich hier sitze und ihn bedauere?
Was bringt es einem Indonesen, wenn ich mich hier irgendwo in ein Kondolenzbuch eintrage, dass er doch nie zu sehen bekommt?

Ich bewundere dafür lieber all die Menschen, die da unten im Einsatz sind, täglich Schlimmes sehen und damit irgendwie umgehen müssen. Menschen, die teilweise ihr eigenes Leben dafür gefährden.

Für mich gibt es lediglich zwei Dinge, womit ich den Menschen da unten wirklich helfen kann: Spenden oder Hilfe vor Ort. Alles andere bringt den Opfern nichts.

Ob und wieviel man spendet, ist wieder ein anderes Thema. Es gibt so viele Möglichkeiten, sein Geld Bedürftigen zukommen zu lassen…

Was ich aber gar nicht mag, wenn man Unbeteiligten versucht, ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie nicht gleich den Geldbeutel und das Konto für Spenden öffnen.

So geschah es bspw. vor Jahren in nem kleinen Ort. Der Pfarrer besuchte einen Mann, und hielt ihm vor, er wäre der einzige, der nicht gespendet habe im Ort bei einer Spendenaktion. Ob er das denn nicht nachholen wolle?
Ich halte es für fragwürdig, ob der Mann wirklich der einzige war, der nicht gespendet hat. Ist dieser Mann dann automatisch ein schlechterer Mensch?

Mir sind - auch wenn ich dafür gleich gesteinigt werden sollte - die Menschen in meinem direkten Umfeld wichtiger. Da weiß ich, wie ich helfen kann. Und vor allem weiß ich, dass bzw. ob meine Hilfe was bringt. Vom Bemitleiden wird es auch nicht besser. Weder bei den Menschen in meinem Umfeld noch bei den Flutopfern in Asien, den Kriegsopfern im Irak oder den Opfern vom 11. September in New York.

Und wenn jemand sein Bedauern und Mitleid bekundet - wer weiß, ob das nicht geheuchelt ist, weil es bei den umstehenden Personen, auf Papier oder vor der Kamera nur gut rüberkommt?
Und wenn jemand spendet - wer weiß, ob das nicht auch nur getan wird, um gut dazustehen?
Wobei man da ganz klar sagen muss, dass die Spende zumindest noch was bringt, egal aus welcher Absicht heraus sie getätigt wurde.

Ich halte mich für keinen schlechten Menschen, nur weil ich nicht täglich für andere hör- oder lesbar mein Bestürzen über das Seebeben und seine Opfer verkünde. Wer mich für einen halten will, dem sei das freigestellt.

Viele Grüße
Merlinchen

Hallo Merit,

ich stimme Dir vollkommen zu. Ich beobachte ja ähnliche Reaktionen in meinem Umfeld. Es gibt sogar einige, die saugen das richtig auf- schauen sich die schrecklichen Bilder wiederholt an, verpassen keine Sondersendung im TV u.s.w.

Ich selber habe bei mir festgestellt, dass es mir absolut reicht, die Geschehnisse in der Tagespresse einmal zu lesen. Es tut mir persönlich nicht gut, diese Bilder von Leichen und Zerstörung anzuschauen- und das ist mein ganz persönlicher Schutz und mein Recht ist es sowieso.

Jeder Mensch ist mit einem solchen Schutz ausgestattet (ich wäre dankbar wenn das wirklich mal ein Experte erklären könnte) Der eine sucht die NÄHE zu den Ereignissen, packt an und hilft mit und verarbeitet so das Geschehene- andere trauern und sind tief betroffen und wieder andere halten ABSTAND, erscheinen kalt und gefühlslos, reden die Dinge „klein“. Aber jeder auf seine Art hat diesen Schutzmechanismus und eine bestimmte Art der „Verarbeitungstechnik“

Ich denke wir sollten vorsichtig sein, mit Beurteilungen, welche Art denn nun angemessen ist. Jeder hat ein Recht sich auf seine Art und Weise abzugrenzen, oder sich damit auseinander zu setzen.

Bei vielen Menschen die ich kenne, beobachte ich eben dieses in die Ferne schauen und von weitem trauern- damit zurück zu meiner ersten Antwort- ich kann die Angelegenheit auf Distanz halten und trotzdem nah dran sein. Ich kann bestimmen wie nah ich es an mich rankommen lasse, ob ich das TV ausschalte, oder den Videorecorder ein. Ich bestimme. Deshalb schrieb ich, dass es EINFACH ist vor der Glotze zu trauern.

Bei so einigen dieser Menschen hätte ich mir eine ähnliche Betroffenheit und Hilfsbereitschaft in der unmittelbaren Nachbarschaft gewünscht. Da schauen viele lieber nicht hin- und das mache ich auch niemandem zum Vorwurf, weil es eben nicht so EINFACH ist, sich damit auseinander zu setzen. Da ist oft nur die Möglichkeit es total zu ignorieren, oder eben zu helfen- und genau so sehe ich auch die Reaktionen der Menschen:

Es gibt viele die gerne helfen und viele die wegschauen. Auch die, die nicht hinsehen, müssen deshalb noch lange nicht kalt und taktlos sein.

Ich hoffe ich habe mich halbwegs verständlich ausdrücken können?

Frank

Hallo Merit,

ich finde Deine Beurteilung sehr oberflächlich; denn jeder Mensch ist einzigartig, eine Summe seiner gesamten Erfahrungen, erblichen Anlagen, gelernter Verhaltensweisen.

Ich selber finde dieses Verhalten kalt und taktlos, will den
Leuten aber dies nicht so einfach unterstellen.

Immerhin versuchst Du zu hinterfragen.

Ist das einfach deren Art, Schlimmes zu verdrängen? Es gibt
immer etwas Schlimmeres also tu ich nichts und lass das alles
nicht an mich ran?

Kann mir das Verhalten jemand erklären?

Am Beispiel meiner Mutter: Sie war als Staatsanwältin jahrelang im Bereitschaftsdienst tätig. Ihr Fachgebiet waren Verkehrsunfälle und Gewaltdelikte. Zur Hintergrundinfo: Wird irgendwo ein Mensch aufgefunden, der offensichtlich eines unnatürlichen Todes verstorben ist, MUSS die Polizei den diensthabenden Staatsanwalt zum Tatort hinzuziehen, BEVOR die Leiche der Gerichtsmedizin zugeführt werden kann (was nämlich nur durch einen Staatsanwalt angeordnet werden darf). Weitere Folge ist später: Dieser (und zwar genau DIESER) Staatsanwalt MUSS dann als Zeuge bei der von ihm angeordneten Obduktion anwesend sein, und zwar nicht nur in einer Ecke stehend mit der Spucktüte in der Hand, sondern der obduzierende Arzt erklärt ihm jeden seiner Arbeitsschritte einzeln, dabei wird alles auf Band mitgeschnitten. Wird dem Staatsanwalt zwischendurch mal schlecht, wird das Procedere unterbrochen, bis er wieder fit und aufnahmefähig ist.

Meine Mutter macht auf viele Menschen einen sehr unterkühlten Eindruck. Sie ist auch jetzt nicht sofort in Spendierwut ausgebrochen bei den schrecklichen Bildern aus Süd- und Südostasien. Sie macht, wenn überhaupt, kurze pragmatische Sätze dazu.

Und so kenne ich sie, und ICH weiß ganz genau, dass sie weder gefühl- noch taktlos ist. Aber sie hat mir einmal erklärt, dass das eine Art ist, diese vielen schlimmen Bilder zu verarbeiten. Das hat überhaupt nichts mit Verdrängung zu tun. Man wird nur selber nicht verrückt und blind für auch vorhandenes Schönes, wenn man Dinge versachlicht!

Ergo: Ich denke nicht, dass Menschen, die ihr Herz halt nicht auf der Zunge tragen, gefühlloser sind als andere. Vielleicht empfinden sie sogar viel tieferen Schmerz??? Vielleicht aber ist ihre Schmerzgrenze durch persönliche Erfahrungen woanders als die derjenigen, die sofort in Tränen ausbrechen, wenn sie ein weinendes Kind im TV sehen??

Liebe Grüße
Jana

Von Moral & Trauer
Hallo Merit!

Im Gegensatz zu den meisten anderen Postern versuche ich einmal, nicht Deine Frage aus den Augen zu verlieren. Dennoch will ich bei diesem Thema mit meiner persönlichen Meinung nicht hinter dem Berg halten.

Zu Deiner Frage:

Zunächst einmal gibt es in der Tat unterschiedliche Strategien nicht nur in der Trauerbewältigung, sondern bereits in dem Erleben einer Situation. Leider ist die Psychologie bis heute nicht imstande, diese Unterschiede restlos aufzuzeigen bzw. zu erklären.

Ansatz hierzu könnte ein Neun-Stufen Modell normativ orientierter Entscheidungen (Montada, 1980, 1982) sein. Demnach durchläuft ein Mensch während der Entscheidungfindung bezüglich seiner erlebten Verantwortlichkeit u.a. auch einen Schritt, während dem das Leugnen der Notlage (ihrer Realität, ihres Ernstes) maßgeblich ist und als Strategie gewählt werden kann.

Als Erklärungsansatz könnte weiterhin die Empathietheorie (Hoffman, 1979) dienen, wobei hier zwischen affektiven, kognitiven und motivationalen Komponenten unterschieden wird. Hierbei werden bei den affektiven Komponenten sechs genannt, u.a. die symbolische Assoziation (Emphatie für nicht-anwesende Personen zu empfinden, z.B. durch Fernsehbilder) und die Rollenübernahme (Fähigkeit, sich in das Leid anderer Personen einzudenken). Diese Fähigkeiten sind bei allen Menschen ganz unterschiedlich stark ausgeprägt oder entwickelt.

Bereits Kohlberg hatte in Bezug zur moralischen Entwicklung beim Menschen festgestellt, dass es unterschiedliche Moralstufen gibt, wobei sehr viele Menschen in ihrer Entwicklung nur ein konventioneller Moralniveau erreichen. Studien hierzu (z.B. von Colby et al, 1983), welche die moralische Entwicklung einer Stichprobe über einen Zeitraum von 20 Jahren beobachtet hat, hat gezeigt, dass nur 10 Prozent der Probanden im Alter von 36 Jahren die höchste Entwicklungsstufe der Moral erreicht hatten.

Dies heisst übrigens in Bezug auf die Ausgangsfrage nicht, dass diejenigen, welche zu einem anderen Urteil bezüglich der Katastrophe als Trauer und Mitgefühl zu zeigen kommen, eine niedrigere Moralstufe erreicht hätten. Wesentlich ist hierbei auch die innere Begründung - so könnte z.B. auch ein Urteil: „Durch dieses Unglück laufen andere Unglücksfälle in Gefahr, in Ihrer Bedeutsamkeit verdrängt zu werden und dadurch könnte das Leid anderer ebenfalls unschuldiger Personen verdrängt werden oder in Vergessenheit geraten“ u.U. ein wesentlich höheres moralisches Niveau haben.

Tatsache ist, dass nicht nur Informationen sondern auch Gefühlszustände im Gedächtnis des menschen abgespeichert werden können. Ebenfalls kann eine emotionale Valenz die Bedeutung der Information wesentlich beeinflussen. Auch die biochemischen Speicherprozesse im Hippocampus (wesentliche Hirnstruktur im Zusammenhang mit Gedächtnis) werden von der Amygdala (wesentliche Hirnstruktur im Zusammenhang mit Emotion) beeinflusst (McGaugh, 2000). Emotional beeinflusste Reize werden wesentlich besser gespeichert (Quevedo et al, 2003).

Dies vermag vielleicht zu erklären, warum eine emotionale Neutralität eine geeignete Strategie sein kann, mit solchen Katastrophenmeldungen umzugehen. Die Präsenz der Information ist nicht so stark bzw. deutlich und nicht zwangsläufig negativ behaftet.

Ein anderes Beispiel hierzu ist evtl. der sog. „schwarze Humor“, welcher eine ähnliche Strategie, z.B. mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen, darstellt.

Es gibt allerdings Hinweise, das die Strategie der Distanziertheit alleine nicht die erfolgversprechendste für den Betroffenen ist. Von daher wird heute vielfach in besonders belasteten Berufen eine andere Strategie (z.B. Supervision oder auch Psychotherapie) gewählt.

Nun zu meiner persönlichen Meinung:

Bei einigen vorangegangenen Postings stehen mir die Haare zu berge! Ich glaube, dass sich viele gar nicht die Mühe gemacht haben, sich mit dem wirklichen Ausmaß der Katastrophe zu befassen? Diese Katastrophe stellt die schlimmste Naturkatastrophe unseres Jahrhunderts dar. Es sind verdammt viele Opfer zu beklagen, und es werden noch tausende Folgen. Warum man aber besonders hinschauen und auch betroffen sein sollte ist doch folgendes: Ein Grund für das Ausmaß bezüglich der menschlichen Opfer ist doch die Armut, die in diesen Ländern vorherrscht. Und das ist etwas, woran man etwas ändern kann und wo man darüber reden sollte. Und das diese Katastrophe mit Ereignissen in unserer mittelbaren Nähe zu vergleichen sei, ist mit nicht ganz klar? Sicherlich sind persönliche Eindrücke von Leid (Unfall, Tod etc.) gravierender als diese Fernsehbilder, aber die Bedeutung ist doch eine ganz andere Dimension! Dort sind hunderte Waisen zurückgeblieben, aber auch hunderte Eltern beklagen den Verlust von gleich mehreren Kindern. Man sollte diese Katastrophe nicht vergessen, und die entsprechende emotionale Bewertung unterstreicht doch nur die Notwendigkeit, an diesen Zuständen etwas zu ändern!