Verhalten gegenueber Kunden, die nicht reagieren

Hi,

ich hatte heute eine Diskussion mit meinem Chef, weil wir beide verschiedener Ansicht waren. Wir sind ein Team von vier Leuten und bearbeiten grob gesagt Beschwerdefaelle, jeder selbstaendig.

In diesem konkreten Beispiel hat sich gestern ein Kunde bei deren Fachhaendler beschwert, dass sie Schwierigkeiten haetten mit der Registrierung eines Licence Keys (ohne die das Produkt nicht funktioniert). Der Fachhaendler, ueber den der Key gekauft wurde, hat das an deren Account Manager in meiner Firma (IT-Branche) weitergeleitet.

Ich habe mich der Sache angenommen und schnell herausgefunden, dass der Licence Key schon registriert war, daher von diesem Kunden nicht nochmals registriert werden konnte. Ich habe den Kunden nicht angerufen, aber gestern noch eine E-Mail geschickt und nach einem Scan des Licence Keys gefragt, erklaert, dass dies absolut notwendig sei, um ihm zu helfen und auch was schief gegangen ist. Der Fachhaendler erhielt diese E-Mail auch und antwortete umgehend mit einer – hier unwichtigen - Frage.

Vom Kunden kam bis heute Nachmittag nichts. Dann erhielt ich Info vom Account Manager, dass der Kunde sich bei deren Fachhaendler beklagen wuerde, dass sein Produkt immer noch nicht funktionieren wuerde. Der Account Manager bat mich per E-Mail den Kunden anzurufen. Diese E-Mail erhielt auch der Fachhaendler, ebenso meine Rueckantwort, dass ich vom Kunden schon gestern – wie bekannt – den Scan des Licence Keys verlangt hatte, ich ohne diesen nicht helfen kann und vom Kunden bis dahin keine Rueckantwort kam. Da ich keinen Grund sah den Kunden anzurufen, rief der Account Manager ihn an und etwas spaeter hatte ich den Scan des Licence Keys. Unabhaengig davon emailte mir den auch der Fachhaendler kurz zuvor. Innerhalb von Minuten war die Sachlage klar und ich informierte den Kunden per Telefon ueber das weitere Vorgehen.

Mein Chef fand, ich haette den Kunden heute anrufen sollen, als von ihm keine Antwort kam. Mein Standpunkt ist: Der Kunde braucht Hilfe von uns. Ich emailte ihm, erklaerte ausfuehrlich was Sache ist und dass der Scan vom Key notwendig ist um ihm zu helfen. Wenn der Kunde nicht kooperiert und ich damit nicht helfen kann, warum sollte also ich ihm nachjagen, uns die noetigen Infos zur Verfuegung zu stellen? Ich kann ihn doch nicht dazu zwingen. Er will schliesslich was von uns, nicht wir von ihm.

Mein Chef war frueher Manager in einem Call Center und ist daher mehr servicegepraegt als ich oder auch meine Kollegin, die zwar mit mir einer Meinung war, aber das natuerlich nicht dem Chef gesagt hat (nicht das erste Mal).

Nachdem dieses Szenario „keine Kundenreaktion, obwohl darum gebeten – Kunde wieder kontaktieren oder nicht“ in anderem Zusammenhang oefter mal vorkommt, wuerde mich interessieren, was andere dazu meinen. Uebrigens, in obigem Fall koennen wir ausschliessen, dass der Kunde meine E-Mail nicht erhalten hat, da er ja in Kontakt mit seinem Fachhaendler stand. Haettet ihr den Kunden heute angerufen und nochmals nach den gewuenschten Infos gefragt?

Danke fuer alle Antworten!

Gruesse,

Kris

Hallo Kris,

ich finde, das kommt drauf an, wie es normalerweise in Eurer Firma gehandhabt wird. Bei uns ist es üblich, den Kunden in jedem Fall sowieso als erstes anzurufen und ihm persönlich die Lösung zu erklären. Das heißt, ich hätte ihm an Deiner Stelle erst gar keine E-Mail geschickt, sondern gleich angerufen. Wenn es aber bei Euch üblich ist, dass der Service hauptsächlich per E-Mail passiert, dann hättest Du sozusagen korrekt gehandelt.

Was mich wundert sind aber die Kommunikationswege… Ich nehme an, Du bist für die Technik verantwortlich. Wieso kommuniziert nicht der Account Manager allein mit dem Kunden, bzw. der Fachhändler? In dem Fall wäre die „Kommunikationsbürde“ bei einem, der dann auch weiß, wann er wo wem für wann eine Antwort versprochen hat…

Anyway… Wenn ich’s richtig verstanden hab, ist es Kritik von Deinem Chef an Deinem Verhalten gewesen. Und ob Du das für richtig hältst oder nicht, wirst Du Dich danach richten müssen, außer Du suchst offen das Gespräch und legst Deine Überlegungen offen - mit der Gefahr, dass Du hinterher doch so handeln musst wie es Dein Chef direkt zu Beginn gesagt hat :wink:

Ich wünsche Dir viel Erfolg! :smile:
Yvi

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Hätte der Anruf weh getan?
Hallo Kris,

Wenn der Kunde nicht kooperiert und ich damit nicht
helfen kann, warum sollte also ich ihm nachjagen, uns die
noetigen Infos zur Verfuegung zu stellen? Ich kann ihn doch
nicht dazu zwingen. Er will schliesslich was von uns, nicht
wir von ihm.

Wenn Du so denkst, solltest Du schleunigst einen Jobwechsel in Erwägung ziehen. Jemand mit dieser Denke hat im Dienstleistungs-/Service-Bereich nichts verloren.

Grüße
Renee

Wenn Du so denkst, solltest Du schleunigst einen Jobwechsel in
Erwägung ziehen. Jemand mit dieser Denke hat im
Dienstleistungs-/Service-Bereich nichts verloren.

Hallo Renee,
im ersten Augenblick habe ich ähnlich gedacht. Wenn aber jemand bereit ist, die Frage zu stellen (und damit auch negative Antworten zu ernten), sehe ich eine bessere Prognose.
Grüße
Ulf

Hallo!

Mein Standpunkt ist:…

Vergiß Standpunkte! Du darfst nicht stehen, Du mußt Dich bewegen und auf den Kunden zugehen.

Der Kunde braucht Hilfe von uns.

Eine gefährliche Sichtweise, mit der Du alle Mühen des Marketings in die Tonne trittst. Du brauchst den Kunden! Ohne den Kunden ist Dein Brötchengeber nicht in der Lage, Dein Gehalt zu bezahlen und ohne den Kunden bist Du schlicht überflüssig!

Bei einem kundenorientiert arbeitenden Unternehmen stellt sich gar nicht die Frage, ob sich der Kunde ein bißchen mehr hätte bewegen müssen. Man geht auf den Kunden zu. Natürlich hat dieses Auf-den-Kunden-zugehen auch irgendwo Grenzen, aber diese Grenzen sollten bei Fragen der Beratung über die Inbetriebnahme eines Produkts sehr weit gezogen werden. Unzufriedene Kunden können sich nur Monopolisten leisten, aber kein im Wettbewerb stehendes Unternehmen. Im Ergebnis spielt es gar keine Rolle, ob es objektive Gründe für die Unzufriedenheit gab, der unzufriedene Kunde wird das Unternehmen nicht weiterempfehlen und mit dem Hinweis auf miesen Service abraten. Sowas ist ein teurer Effekt und wenn er sich durch zügige Abarbeitung/Rückruf vermeiden läßt, ware man schön dumm, sich statt dessen mit „Standpunkten“ zu begnügen.

Dein Job besteht in der Bearbeitung von Reklamationen. Diese Funktion ist für Dein Unternehmen die letzte Chance, nicht funktionierende Kundenbeziehungen zu retten. Egal ob eine Reklamation berechtigt ist oder nicht, wenn als Ergebnis der Bearbeitung kein zufriedener Kunde steht, hast Du nicht nur einen Kunden verloren, sondern auch noch einen Multiplikator negativer Beurteilung geschaffen. Das heißt nicht, butterweich jedem abstrusen Ansinnen jedes Kunden zu folgen und z. B. aus lauter Freundlichkeit auch noch nach 10 Jahren in die Sachmängelhaftung zu steigen, nachdem der Kunde unsachgemäß am Produkt herum gebastelt hatte. Kundenorientierung heißt aber in der Reklamationsbearbeitung, deeskalierend zu wirken, statt sich auf Standpunkten zu verschanzen.

Gruß
Wolfgang

Hi,

2 Fragen an Dich:

  1. Wer zahlt Dein Gehalt?
  2. Wer hat hier eine Bringschuld?

Fangen wir mal mit der 2. Frage an. Der Kunde zahlt teures Geld für ein Produkt und möchte gerne daß es funktioniert. Er hat schon Ärger damit daß es nicht klappt und er sich damit auseinandersetzen und ärgern muß. Nebenbei kostet das Zeit und einen gewerblichen Kunden damit Geld.
Es liegt hier also am Händler bzw. Dir, als demjenigen, der die Reklamationen bearbeitet, dafür zu sorgen daß der Schaden des Kunden so gering wie irgend möglich bleibt. Auch wenn’s nicht gerade kundenfreundlich ist, aber viel Firmen reagieren nicht auf Emails, insofern wäre ein Anruf Deinerseits von vorneherein die bessere Wahl gewesen und noch dazu schneller abgelaufen als das Email-Schreiben. Auch unter diesem Aspekt hat Dein Chef Recht wenn er meint daß Du hättest anrufen sollen.
Generell hast Du dafür zu sorgen daß dem Kunden schnell geholfen wird, Du bist in einer Bringschuld, und nicht umgekehrt.

Zur ersten Frage. Deine Einstellung „Der Kunde will was von uns“ offenbart daß Du ein völlig falsches Verständnis von Dienstleistung hast. Auch wenn Deine Einstellung in Deutschland weit verbreitet ist, ist sie völlig daneben. Sorry wenn ich das so klar sage, aber frage Dich mal wer Deine Brötchen zahlt. Dein Gehalt wird letztlich von den Kunden bezahlt, und wenn es auch noch Dein Job ist deren Beschwerden zu bearbeitzen daß mußt Du auf deutsch gesagt Deinen Arsch in Bewegung setzen und verdammt noch mal dafür sorgen daß der Schaden des Kunden, der Dich bezahlt, so klein wie möglich bleibt. Es ist schon schlimm genug wenn ein Kunde überhaupt Unannehmlichkeiten hat.

Zwar ist es in der vorliegenden Situation auch etwas doof gelaufen, Du hast ja nicht „gar nix gemacht“ sondern mit der Email immerhin versucht zu helfen. Aber das reicht einfach nicht. Einen verärgerten Kunden kann man nur noch retten indem man sich bei der Reklamationsbearbeitung besonders bemüht, und selbst dann darf solcher Unbill nicht zu oft passieren.

Auch wenn Du im vorliegenden Fall nicht gänzlich untätig warst und es nur „unglücklich gelaufen ist“, aber Dein Selbstverständnis mußt Du radikal verändern. Die Einstellung „der Kunde will was von mir, nicht ich von ihm“ ist vollkommen daneben. Damit bist Du an Deiner Position einen totale Fehlbesetzung.
Dir muß es, unabhängig von der Ursache, IMMER darum gehen daß der Kunde zufrieden ist. Man muß sich von unverschämten Kunden nicht alles gefallen lassen, aber solange der Kunde berechtigt reklamiert ist Dein Job erkennbar alles zu tun um ihn zufrieden zu stellen. Da mußt Du dann wirklich „richtig Gas geben“ und im Sinne des Kunden arbeiten, ansonsten riskierst Du Deinen Job. Nicht nur weil Dein Chef Ärger macht, sondern einfach bald die Kunden weg sind.

Gruß,

MecFleih

Hi!

Da ich keinen Grund
sah den Kunden anzurufen, rief der Account Manager ihn an und
etwas spaeter hatte ich den Scan des Licence Keys.

Du bist für die Betreuung der Kundenreklamationen zuständig - nicht der Account Manager.

Mein Chef fand, ich haette den Kunden heute anrufen sollen,
als von ihm keine Antwort kam.

Richtig! S.o.

Mein Standpunkt ist: Der Kunde
braucht Hilfe von uns.

Nur bedingt. Er kann das Produkt wechseln. Du brauchst aber deinen Job.

Ich emailte ihm, erklaerte ausfuehrlich
was Sache ist und dass der Scan vom Key notwendig ist um ihm
zu helfen.

Was wäre/ist, wenn er keinen Scanner hat?

Wenn der Kunde nicht kooperiert und ich damit nicht
helfen kann, warum sollte also ich ihm nachjagen, uns die
noetigen Infos zur Verfuegung zu stellen?

Weil er sonst geht, seine Erfahrungen anderen erzählt, andere Kunden die Firma meiden, ihr Pleite machst, du Hartz 4 bekommst und mir auf der Tasche liegst!!!

Er will schliesslich was von uns, nicht
wir von ihm.

Nr. 153! Antwort s.o.

Mein Chef war frueher Manager in einem Call Center und ist
daher mehr servicegepraegt als ich

Dann bist du vielleicht komplett in der falschen Abteilung! Sorry - aber wenn du für die Bearbeitung von Beschwerden arbeitest, dann lerne endlich, die Probleme deiner Kunden erst zu nehmen und dich deren anzunehmen! Ansonste wechsle bitte die Abteilung.

Gruß
Falke

Hallo Ulf,

das sehe ich anders: eine solche Frage stellt man sich bevor man sich für einen Job im Dienstleistungsbereich entscheidet. Schließlich weiß man schon vorher (vielleicht sogar aus erster Hand, weil man selbst so ein Kunde ist *ggg*), daß man manchem Kunden mehr oder weniger den Arsch hinterher tragen muß.

Das soll jetzt kein Vorwurf gegen Kris sein; es gibt nun einmal Menschen, die nicht für den Service geboren sind. Schließlich wird jemand, der kein Blut sehen kann, auch nicht ausgerechnet Chirurg oder Schlachter (was iiiiiiirgendwie quasi, praktisch, sozusagen dasselbe ist), gelle? :wink:

Grüße
Renee