Hallo Sharon,
Du berührst eine äußerst interessante Frage.
Warum suchen wir oft einen Schuldigen, wenn etwas Schlimmes passiert, obwohl das wahrscheinlich nichts bringt?
Was ist überhaupt „Schuld“?
Etwas ziemlich Komplexes. Die Juristen unterscheiden zwischen Vorsatzschuld und Fahrlässigkeitsschuld. Letztere umfaßt ein Spektrum zwischen Nichteinhaltung der sonst üblichen Sorgfalt einerseits und unbewußten Fehlhandlungen anderseits, und zumindest die unbewußten Fehlhandlungen können tatsächlich jedem passieren. Trotzdem, wenn eine bestimmte Person als „Verursacher“ identifiziert wird, wird sie zur Verantwortung gezogen. Ich möchte darauf hinaus, daß „Schuld“ nicht zwingend etwas mit Mutwillen zur „bösen Tat“ zu tun hat, sondern oft auch als tragisches Schicksal in das Leben hereinbrechen kann.
Da Du Ärztin bist: im Krankenhaus ist das ja auch ein unterschwelliges Thema. Manchmal kommen dort Fehlleistungen vor, die meisten bleiben relativ folgenlos, oder werden noch rechtzeitig bemerkt, aber gelegentlich wird ein Patient geschädigt. Diese Gefahr, durch eine Fehlleistung „schuldig“ zu werden besteht für jeden, der im Krankenhaus arbeitet, vor allem für die Ärzte, und läßt sich nicht gänzlich eliminieren. Wenn nun etwas passiert: wie wird damit umgegangen?
Schuld bedeutet, wieder bei den Juristen, eine Verpflichtung (meistens wohl eine Zahlungsverpflichtung). Der Schultheiß (Dorfbürgermeister) ist einer, der Verpflichtungen befehlen kann. Ich möchte diese Gleichsetzung Schuld = Verpflichtung verallgemeinern: eine Verpflichtung zu irgendeiner Art von Ausgleich. Dabei kommt es nicht darauf an, wie diese Verpflichtung entsteht, sie kann auch „schicksalhaft“ zustandekommen.
Ich glaube, das ist ein typisches Thema altgriechischer Tragödien.
Warum wir also Schuldige suchen? - Vielleicht aus dem gleichen Motiv, aus dem früher in Krisensituationen den Göttern geopfert wurde: um sie günstig zu stimmen, um sie zu besänftigen, um den Frieden wiederherzustellen. - Aus dem gleichen Grund, warum Sündenböcke gebraucht werden.
Grüße,
I.