zu komplex für Laien
Hallo Sharon,
meiner Meinung nach lässt sich deine Frage ohne genaue Kenntnisse der Geschehnisse vor Ort und der Verhaltensschemata von Menschen in solchen Situation nicht beantworten.
Bei einem einfachen Diebstahl oder einer Lüge haben sicher auch Laien ein hinreichendes Unrechtsbewusstsein um sich ein Urteil erlauben zu können. Dieser Fall hier wird aber dafür deutlich zu komplex sein.
So weit ich weiß kann man sich selbst nicht einfach durch Luftanhalten ersticken, weil ab einem gewissen Sauerstoffmangel einfach ein willenloser Atemreflex ausgelöst wird. Wer wird sagen können, ob es etwas Vergleichbares nicht auch in einem dichten Gedränge gibt bei dem man Todesangst verspürt? Ist man dann wirklich in der Lage beurteilen zu können, dass man sich durch „übersteigen“ einen sozial evtl. nicht gerechtfertigten Vorteil erschleicht der andere Teilnehmer zusätzlich gefährdet?
Ich weiß nicht, wie ich mich dort verhalten hätte. An sich bin ich ein sozial denkender und handelnder Mensch, aber ich wage hier keine Prognose. Dafür ist die Situation zu extrem.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass genau dieser Konflikt, handele ich sozial oder sichere ich mein eigenes Überleben ein Trauma auslösen kann. Auch bei Leuten die nicht dort waren und die Geschehnisse nur aus dem Fernsehen kennen. Z.B. auch bei dir, denn du schreibst ja selbst:
Das Ereignis bei der Loveparade in Duisburg will mir einfach
nicht aus dem Kopf gehen.
Dazu möchte ich mal ein paar Zeilen aus tagesschau.de zitieren:
http://www.tagesschau.de/inland/traumainterview100.html
_tagesschau.de: Brennt sich so eine Massenpanik wie bei der Loveparade in unser aller Gedächtnis ein?
Lüdke: Solche Bilder brennen sich sehr stark in die Köpfe und in die Seelen der Menschen ein; auch derjenigen, die es nur am Fernsehen betrachtet haben. Es gibt dazu seit den Terroranschlägen in New York Studien, die belegen, dass bei Fernsehzuschauern genauso schwere Traumatisierungen ausgelöst werden können wie bei den direkt Betroffenen. Das hat etwas mit unseren Spiegelnervenzellen zu tun. Unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob wir selber vor Ort sind oder von außen zusehen._
Und zu meinem oben angesprochen Handel in Paniksituationen steht dort:
_tagesschau.de: Einige Augenzeugen haben berichtet, dass sie über Menschen gelaufen sind, die schon am Boden lagen. Warum verhält sich der normale Mensch in solch einer Situation so, obwohl er sonst auch zu Hilfe bereit wäre?
Lüdke: Menschen in einer solchen Situation befinden sich in einer Ausnahmesituation und sie reagieren nicht so, wie sie normalerweise reagieren würden. Aufgrund der großen Enge, der massiven Bedrohung, schalten Menschen auf einen natürlichen, angeborenen Schutzmechanismus um und der lautet: „Fliehe, kämpfe oder du stirbst“._
In vielen Beiträgen wurden
Stimmen laut, die Gesichter der Personen an den Pranger zu
stellen und diese anzuzeigen.
Das halte ich für kompletten Nonsens. Wenn das Beteiligte/Opfer schreiben, könnte ich das als Aussage verstehen. Wenn das Außenstehende von sich geben halte ich das für nicht akzeptabel.
Also hätten diese Personen keine Schuld, sie waren selbst
Opfer.
Sicher. Wer würde denn im Meer treibend ein überladenes Rettungsboot davonfahren lassen? Die fehlenden Boote sind das Problem, nicht der Überlebenstrieb eines Betroffenen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich spreche nicht von
denjenigen, die über andere von den Menschenmassen passiv
geschoben wurden und keine andere Wahl hatten, als über diese
drüberzutreten. Ich spreche von den aktiv Niedertrampelnden.
Ich denke nicht, dass du da unterscheiden kannst zwischen treten und getreten werden. Es sind alle Opfer.
Da gehen sie je
nach Umständen straffrei aus, die Umstände wirken
strafmildernd oder sie müssen die vollen Konsequenzen tragen.
Die juristische Seite der Sache kann ich nicht beurteilen. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es straftrechtliche Konsequenzen haben kann sich „durchreichen zu lassen“. Dafür müsste ja ganz sicher erstmal die persönliche Schuld zweifelsfrei festgestellt werden müssen und wer will das können…?
Sind
einzelne, die unter der Situation zu Tätern wurden, auch nur
Opfer oder sollten sie dennoch belangt werden?
Wie gesagt, wenn das konkrete Einzelfälle sind sollte das ein Staatsanwalt prüfen und nicht die Öffentlichkeit. Aber gefühlt hätte ich da wenig Hoffnung.
Viele Grüße,
J~