Verlängerung der Wochenarbeitszeit

Hallo liebe w-w-w-ler,

welcher Experten können Denkanstöße liefern, damit ich an der Verlängerung der Wochenarbeitszeit, für die gewisse Politiker gerade öffentlich plädieren, gute Seiten entdecken kann?
Wodurch soll verhindert werden, dass z.B.

  • die Arbeit auf noch weniger Arbeitsplätze verteilt wird?
  • die Mehrarbeit nur Unternehmern zugute kommt?
  • Beamte in z.B. 42h/Woche genauso viel/wenig Leistung erbringen wie in 35h/Woche?

Danke schonmal für ernsthafte, fundierte Antworten auf meine platten Fragen!

Gruß, Peter

Hi Peter

Also, zunächst einmal stellt sich die Frage, wo mehr gearbeitet werden soll. Die Einführung der 42-Stundenwoche in Bayern gilt zunächst, soweit ich informiert bin, nur für Angestellte im öffentlichen Dienst und nicht für Beamte. Nicht dass Du da zwei Dinge durcheinander brinst, Beamte sollen in Zukunft verstärkt nach Leistung bezahlt werden.

Ich denke, dass dort ein Exempel statuiert werden soll. Eine Verlängerung der Arbeitszeit bringt vor allem dem produzierenden Gewerbe enorme Vorteile.

  1. Durch die längere Arbeitszeit können mehr Waren produziert werden, was zu einer Senkung der Stückkosten führt. Dies bedeutet, dass Unternehmen zu niedrigeren Preisen auf den Märkten anbieten können (Stichwort Wettbewerbsfähigkeit).
  2. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass auch die Lohnnebenkosten sinken, da für die Mehrarbeit keine Überstundenzuschläge bezahlt werden müssen.
  3. Unternehmen können mehr Dienstleistungen als vorher anbieten, was zu einer Verbesserung für Konsumenten führt.
  4. Beispiel Handel und Dienstleistungen: Konsumenten verlangen heute immer mehr Leistungen (Beratungen, Planungen usw.) und gleichzeitig muss die Ware immer weniger kosten. Wie will man das bewerkstelligen? Da laufen den Firmen doch die Kosten weg.

Dies sind nur ein paar Beispiele.

Im Klartext: Arbeitzeitverlängerung entspricht einer Lohnsenkung. Da aber eine direkte Lohnsenkung über den Markt nicht machbar ist, werden die Arbeitszeiten verlängert.

Nebenbei noch ein wichtiger Punkt:

Arbeit ist keine FIXE volkswirtschaftliche Größe.

Es gibt nicht soundsoviel Arbeit die auf soundsoviele Leute verteilt werden muss. Das ist eine Gewerkschaftsidiologie, die in keinem Fall der Realität entspricht. Grundsätzlich ist Arbeit ein Faß ohne Boden, solange man den Faktor nicht in Relation zum Preis sieht.

Vielmehr hängt der Faktor Arbeit vom Preis der Arbeit ab.

Beispiel: Stell Dir doch einfach mal vor, wieviele Rasen es in deutschen Gärten gibt, die gemäht werden könnten. Das ist alles Arbeit. Warum gibt es denn so wenige Leute, die sich von anderen Ihre Rasen mähen lassen? Es ist doch Arbeit vorhanden!?! Wahrscheinlich doch daran, dass die Arbeit zu teuer ist. Wenn Du aber Arbeit billiger machst, wären mehrere Leute bereit, sich den Rasen mähen zu lassen.

Ist natürlich ein einseitiger Ansatz, muss ich zugeben. Würde mich hier auch um eine rege Diskussion freuen.

Gruß Mark

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Hi Mark!

Zu deinem Beispiel: (meine persönliche Sichtweise)
Für Menschen hat neben der Arbeit auch der Faktor Freizeit einen Wert. Und sollte der Grenzwert für eine weitere Stunde Arbeit unter dem der Freizeit liegen, so entscheidet man sich für die Freizeit. Die Höhe der Grenzwerte sind individuell, liegen jedoch immer über dem Sozialhilfesatz.
Somit wird es eigentlich nie dazu kommen, dass Arbeit so günstig wird. Es sei denn, man führt eine Umstrukturierung der Sozialhilfe durch. Z.B. durch die Verpflichtung der Sozialhileempfänger, gemeinnützige Arbeit zu leisten.
Gruß, Tim

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Hi Peter

Hi Mark,
danke für deinen Ausführlichen Beitrag!

Also, zunächst einmal stellt sich die Frage, wo mehr
gearbeitet werden soll. Die Einführung der 42-Stundenwoche in
Bayern gilt zunächst, soweit ich informiert bin, nur für
Angestellte im öffentlichen Dienst und nicht für Beamte. Nicht
dass Du da zwei Dinge durcheinander brinst, Beamte sollen in
Zukunft verstärkt nach Leistung bezahlt werden.

Danke für die Klarstellung!

Ich denke, dass dort ein Exempel statuiert werden soll. Eine
Verlängerung der Arbeitszeit bringt vor allem dem
produzierenden Gewerbe enorme Vorteile.

  1. Durch die längere Arbeitszeit können mehr Waren produziert
    werden, was zu einer Senkung der Stückkosten führt. Dies
    bedeutet, dass Unternehmen zu niedrigeren Preisen auf den
    Märkten anbieten können (Stichwort Wettbewerbsfähigkeit).

Wird dieser Vorteil dann nicht von den Nebeneffekten steigender Arbeitszeiten aufgezehrt?
Effekt Arbeitsmarkt: Wie wird ein Steigen der Arbeitslosenversicherung vermieden, weil

  • die Arbeitslosenzahl nicht steigt
    oder
  • die Arbeitslosen weniger Leistungen erhalten werden?
    Effekt Leistungsfähigkeit:
  • wird diese nicht durch die höhere Belastung vermindert?
  • steigt der Krankenstand nicht?
  1. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass auch die
    Lohnnebenkosten sinken, da für die Mehrarbeit keine
    Überstundenzuschläge bezahlt werden müssen.

Wie soll das Sinken der Kaufkraft ausgeglichen werden, wenn bisher bezahlte Überstunden nun wegfallen?

  1. Unternehmen können mehr Dienstleistungen als vorher
    anbieten, was zu einer Verbesserung für Konsumenten führt.

Bleibt die Kaufkraft trotzdem stabil genug, um das Angebot zu bezahlen? (Also s.o. keine Steigerung von Arbotslosigkeit, kein Absinken der Reallöhne?)

  1. Beispiel Handel und Dienstleistungen: Konsumenten verlangen
    heute immer mehr Leistungen (Beratungen, Planungen usw.) und
    gleichzeitig muss die Ware immer weniger kosten. Wie will man
    das bewerkstelligen? Da laufen den Firmen doch die Kosten weg.

War das früher anders? Haben sich die Gesetze von Angebot und Nachfrage verändert?

Im Klartext: Arbeitzeitverlängerung entspricht einer
Lohnsenkung. Da aber eine direkte Lohnsenkung über den Markt
nicht machbar ist, werden die Arbeitszeiten verlängert.

Soll das bedeuten, dass eine Lohnsenkung nicht machbar ist, weil

  • sie nicht durchsetzbar ist, wenn sie beim Namen genannt wird?
  • weniger sinnvoll als die Arbeitszeitverlängerung ist?

Nebenbei noch ein wichtiger Punkt:

Arbeit ist keine FIXE volkswirtschaftliche Größe.

Es gibt nicht soundsoviel Arbeit die auf soundsoviele Leute
verteilt werden muss. Das ist eine Gewerkschaftsidiologie, die
in keinem Fall der Realität entspricht. Grundsätzlich ist
Arbeit ein Faß ohne Boden, solange man den Faktor nicht in
Relation zum Preis sieht.

Danke, aber das ist mir vollkommen bewusst. Ich hänge gar keiner Ideologie an, deswegen frage ich hier im Brett, wo aufgrund von Fachwissen geantwortet wird.

Vielmehr hängt der Faktor Arbeit vom Preis der Arbeit ab.

Beispiel: Stell Dir doch einfach mal vor, wieviele Rasen es in
deutschen Gärten gibt, die gemäht werden könnten. Das ist
alles Arbeit. Warum gibt es denn so wenige Leute, die sich von
anderen Ihre Rasen mähen lassen? Es ist doch Arbeit
vorhanden!?! Wahrscheinlich doch daran, dass die Arbeit zu
teuer ist. Wenn Du aber Arbeit billiger machst, wären mehrere
Leute bereit, sich den Rasen mähen zu lassen.

So denke ich auch. Aber dabei muss die Kaufkraft für Arbeit in geringerem Maße sinken, als der Preis für Arbeit. Und so wie ich die Parameter einschätze, komme ich nicht darauf, wie das ohne Steigerung der Effektivität oder der Effizienz geschehen soll. Welcher Effekt der Arbeitszeitverlängerung soll dies erreichen?

Ist natürlich ein einseitiger Ansatz, muss ich zugeben. Würde
mich hier auch um eine rege Diskussion freuen.

Ich auch sehr! (Mehr über Fakten als über Meinungen)

Gruß,
Peter

Hi Peter,
genau die „platten Fragen“ sind es, auf die in diesem Zusammenhang kaum jemand eingeht. Es geht bei dieser Frage um (Verteilungs-) Politik, also den Streit um den richtigen Weg. Dabei gibt es leider keine Chance, eine Situation unter gleichen Bedingungen zu wiederholen und dadurch frühere Fehlentscheidungen rückgängig zu machen. Die politischen Weichen werden seit über 20 Jahren für die „Arbeitszeitverlängerungs-Befürworter“ gestellt, die Entwicklung seither ist bekannt, aber leider kann man nicht beweisen, dass es bei anderer Weichenstellung besser, schlechter oder anders wäre. Das alte Modell „kürzere Arbeitszeit ergibt mehr Arbeitsplätze“ mag solange stimmen wie man einen abgeschirmten nationalen Arbeitmarkt hat, spätestens mit dem „Export von Arbeitsplätzen“ in Billiglohnländer funktioniert das nur noch bedingt.
Der Kapitalismus stellt sich immer mehr als das System dar, das er in Wahrheit ist (ohne „Sozial-Klimbim“): Arbeitsplätze entstehen (ohne Rücksicht auf irgendwas) dort, wo die Renditeerwartung am Höchsten ist und werden anderswo entsprechend abgebaut. Unter dem Aspekt KANN die Verlängerung der Regelarbeitszeit als EIN Instrument zur Verbilligung der Arbeitskosten in Deutschland diesen Prozess hinauszögern . . .

Danke und mehr Fragen

Hi Peter,

Hi Gunter, danke auch für deine Antwort!

genau die „platten Fragen“ sind es, auf die in diesem
Zusammenhang kaum jemand eingeht.

Leider ja, und auf die konkreten Fragen bisher auch noch nicht so sehr.

Unter dem Aspekt KANN die Verlängerung
der Regelarbeitszeit als EIN Instrument zur Verbilligung der
Arbeitskosten in Deutschland diesen Prozess hinauszögern . . .

Gerade unter dem Aspekt des Arbeitsplatzexports will die Rechnung mir einfach nicht aufgehen.
Ich versuche hier ja eigentlich, ein Modell zu finden, in dem eine Verlängerung der Arbeitszeit einen volkswirtschftlichen Nutzen erbringt.
In einem einfachen Prognosemodell versuche ich es mal mit Annahmen, die für den Erfolg der Maßnahme zutreffen müssten:

  1. Annahme:
    Arbeiten die Leute länger, wird die Produktion erhöht, der notwendige Absatzmarkt ist vorhanden, oder entsteht gerade.
    => Wird von einer Vergrößerung des Absatzmarktes deutscher Produkte und Dienstleistungen ausgegangen?

  2. Annahme, ohne erhöhten Absatz:
    Arbeiten die Leute länger, kann die Qualität und somit die Konkurrenzfähigkeit der Produkte erhöht werden.
    => Menschen, die länger arbeiten, wirken sich besser auf die Qualität aus, als zusätzliche Einstellungen in der Qualitätskontrolle/Sicherung.
    Gibt es da Studien?

  3. Annahme:
    Trotz höherer Leistungsausbeute pro Arbeitsplatz entstehen Anreize für die einzelnen Unternehmen, vermehrt einzustellen.
    => Woher könnten die kommen? Wird hier vielleicht von einer Wirtschaftlichen Gesundungsphase ausgegangen, nach deren Ablauf die Konkurrenzfähigkeit des ausländischen Arbeitsmarktes nicht mehr gegeben sein wird?

  4. Annahme, trotz steigender Arbeitslosenzahlen:
    Die Sozialabgaben steigen in geringerem Maße, als die Arbeit billiger wird.
    => Weniger Geld für Arbeitslose und Sozialleistungen?

  5. Annahme:
    Es wirkt sich nicht negativ auf Bildung und Erziehung aus, wenn Arbeitnehmer weniger Zeit für ihre Familien haben.
    => Evtl. ist die mit den Eltern verbrachte Zeit nicht so sinnvoll für persönliche Entwicklung von Kindern, wie die Zeit in Schulen, Kindergärten, Schülerhorten etc. Ist vielleicht analog zur Arbeitszeit eine Erhöhung der Schulzeit vorgesehen?

  6. Annahme:
    Der Absatzmarkt im Inland wird nicht unter evtl. steigenden Arbeitslosenzahlen leiden, oder er ist gemessen am deutschen Exportvolumen vernachlässigbar.
    => Kennt jemand diese Verhältnisse oder Prognosen?

  7. Annahme:
    Der Vorschlag der Arbeitszeitverlängerung soll in Vorbereitung auf einen Aufschwung realisiert werden, in dem Absatz- und Arbeitsmarktprobleme obsolet werden.
    => Werden Billiglohnländer rapide teurer, oder fallen ganz außer Konkurrenz, so dass die Arbeitskosten in Deutschland in absehbarer Zeit Weltweit wieder Konkurrenzfähig sind?

  8. Annahme:
    Durch mehr Arbeit die von Angestellten im öffentlichen Dienst erbracht wird, sinken die Verwaltungskosten für die Allgemeinheit.
    => Ist vielleicht angedacht, dass die zusätzlichen Stunden für Prozessoptimierung und Verbesserung der Wertschöpfung durch den öffentlichen Dienst genutzt werden?

Irgendeine konkrete Idee, wie sich die Lage entwickeln soll, muss doch hinter dem Vorschlag stehen, schließlich haben den vermutlich Wirtschaftsexperten empfohlen, in deren Rechnung Faktoren auftauchen, auf die ich nicht komme, oder die mir Mangels Wissen unwahrscheinlich erscheinen.

Wo sind sie denn, die ganzen Insider … ?

Gruß,
Peter, auf Erhellung hoffend