Hallo Dany,
ich mache zunächst mal ein paar grundsätzliche Anmerkungen zu der Situation allgemein und gehe zum Schluss auf den rein rechtlichen Aspekt ein.
Es ist noch nicht so sehr lange her, da habe ich in diesem Brett auf ein anderes Problem bezogen gesagt, dass ich zunächst, ohne Kenntnis der speziellen Konstellation, immer davon ausgehe, dass die betroffenen Eltern/die alleinerziehende Mutter/der allein erziehende Vater sich sehr bemühen und ihr bestes geben. Das dies manchmal, bei aller Mühe, nicht genug ist bedauerlich, und dann muss man, vielleicht auch unter Hinzuziehung von helfenden Institutionen, schauen was sich verbessern lässt.
Ich bin sicher, dass die Eltern (oder allein erziehende Elternteile, ich will das dann ab jetzt nicht immer ausdrücklich schreiben) diese Situation als sehr belastend und beängstigend erleben und nicht aus Gedankenlosigkeit einfach so haben entstehen lassen. Sie haben sicher keine andere Möglichkeit gesehen, ihnen ist einfach keine andere Lösung eingefallen. Ob diese Einschätzung richtig ist, ob sie vielleicht nicht alle, normalerweise zur Verfügung stehenden, Alternativen gesehen und geprüft haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier stellen sich mir eine Menge Fragen, die alle FRAGEN sind, keine Mutmaßungen und schon gar keine Unterstellungen.
Warum hat es im Familienkreis keine Möglichkeit gegeben?
Schlicht zu große Entfernung?
Diese Möglichkeit nicht wollen, egal von welcher Seite aus und aus welchen Gründen?
Warum hat es im Lebensumfeld keine Möglichkeit gegeben?
Zu neu in der Gegend? Nicht getraut zu fragen? Warum? Gefürchtet oder gewußt, dass sie auf Ablehnung stossen würden?
Wo ist das Kind während der Schulzeit zwischen Schulende und 16 Uhr? Das kann bei einer Erstklässlerin ja auch schon ganz schön lange sein.
Wenn diese Möglichkeit gerade in den Schulferien nicht besteht, liegt die Überlegung nahe, dass es durch Schließungszeiten zu dieser Betreuungslücke kommt. Wie auch immer diese Form der Betreuung aussehen mag, jetzt scheint sie ja nicht verfügbar zu sein.
Ich kenne das nur so, dass es zur Durchführung solcher Schließungszeiten zwingend dazu gehört für Ersatz zu sorgen. Deshalb machen die Kitas in Berlin versetzte Schließungszeiten, damit immer wenigstens EINE Kita im Bezirk offen hat. Dass dies für die Kinder nicht immer schön ist und u.U. auch als belastend erlebt wird, müssen wir hier nicht diskutieren, aber es gibt zumindest immer eine Betreuung.
Ist ein solcher „Notdienst“ etwa gar nicht vorhanden (schwer vorstellbar)? Oder wird er nicht genutzt, aus welchen Gründen auch immer?
Haben die Eltern den Bedarf deutlich angemeldet? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, warum nicht durchgesetzt?
Und schließlich, als Letztes, wenn diese Situation so entstehen konnte warum haben sich die Eltern nicht an helfende Institutionen (von Arbeiterwohlfahrt über Kirche bis zum Staat/Familienfürsorge) gewandt? Mangelnde Information? Misstrauen gegen „Behörden“ im weitesten Sinne? Angst jemanden in die Familie sehen zu lassen?
Wenn Eltern keine andere Möglichkeit sehen, als ihr 7/8-jähriges Kind acht Stunden am Tag sich selbst zu überlassen, geht es ihnen wahrlich schlecht.
Zur rechtlichen Situation:
Es gibt (zum Glück) keine spezielle Festlegung ab wieviel Stunden „Alleinlassens“ eines wie alten Kindes die Aufsichtspflicht vernachlässigt wird. Die kann es auch gar nicht geben, dazu spielen viel zu viele individuelle Faktoren hinein. Es gibt 6-jährige Kinder, die würde ich ohne weiteres mit 20€ in der Geldbörse zum Bäcker schicken, und wenn drei Straßen zu überqueren wären. Weil ich weiß, dass es sich weder verlaufen, noch die Verkehrsregeln missachten wird. Und es gibt 10-jährige, die würde ich nicht mit 50 Cent in der Hand zum Büdchen an der Ecke auf der gleichen Straßenseite gehen lassen, um sich ein Eis zu kaufen. Höchstens unter Beobachtung aus der Ferne.
Ich phantasiere die geschilderte Situation mal aus. Das Mädchen ist schon acht Jahre alt, seit sie laufen konnte kontinuierlich zur Selbständigkeit erzogen worden. Sie ist nun in der Lage Weisungen der Eltern genau zu befolgen. Sie geht nicht ans Telefon, außer sie hört ihre Eltern auf den angesprungen AB sprechen. Selbstverständlich öffnet sie niemanden die Tür! Die Eltern rufen sie alle zwei Stunden an, oder sie die Eltern. Sie kann telefonieren, die Nummern der elterlichen Arbeitsstellen sind einprogrammiert und sie kennt die Shortcuts dafür, die Notrufnummern natürlich auch. Die Eltern haben viele Erfahrungen mit ihrer Tochter, dass sie verläßlich und verständig ist.
Somit lässt sich gegen das Unbeaufsichtigt sein, nichts sagen. Wenn in jedem einzelnen Punkt die oben geschilderten Idealvoraussetzungen zutreffen. Dass es dennoch eine unschöne und gefährliche Situation ist, ist völlig unbestritten und bedarf keiner Diskussion.
Mir ist an einer anderen Stelle unwohl, als dieser dämlichen Aufsichtspflicht, von der sich viele Eltern immer noch viel zu viel einschüchtern lassen. Aber auch andere, die sich dahinter verstecken um das Kind hübsch unselbständig zu halten, statt sich der Mühe zu unterziehen eine durchdachte und konsequente Selbständigkeitserziehung durchzuführen. Das macht nämlich viel mehr Arbeit, Überlegungen und Sorgen, als ein ständiges Rund-um-Versorgen.
Ich frage mich eher, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte s.o. und vor allem, wie das auf das Mädchen wirkt. Sie sollte jetzt draußen herumtollen, mit anderen Kindern ins Freibad gehen, sich auf Spielplätzen die Kniee aufschlagen, völlig verdreckt, mit Zweigen in den Haaren und Sand in den Schuhen ausgepowert und halb verhungert nach Hause kommen. Stattdessen sitzt sie zu Hause erzählt ihren Eltern alle zwei Stunden, dass sie noch immer artig war, niemanden herein gelassen hat, den Herd nicht angestellt hat (oder nach einem Süppchen kochen/Essen warm gemacht haben, ganz, ganz sicher wieder ausgestellt hat). So sind nämlich die Gefahren einigermaßen gering zu halten und sie kann, wenigstens aus der Ferne, per Telefon „betreut“ werden.
Warum gibt es keine Klassenkameraden, keine Kita-Freundschaften, keine nachbarlichen Verknüpfungen, die hier helfend eingreifen könnten. Da kann es Tausend und einen Grund geben, die ich mir hier jetzt nicht alle zusammen phantasieren kann (obwohl meine diesbezüglichen Fähigkeiten wahrlich nicht unterentwickelt sind). Ich nehme nicht an, dass es eine dyssoziale Familie, bei der ohnehin vieles im Argen liegt, ist. Das hättest du dann, glaube ich, gleich miterwähnt.
Daher vermute ich vorrangig mangelnde Information und Ängste/Schüchternheit. Und wenn das so sein sollte (ich weiß, dass ich hier sehr viel rumspekuliert habe), könnte es doch auch ein Anlass sein die Nachbarschaftshilfe ein bisschen von der aktiven Seite zu sehen. Und sie als Hilfsangebot zu der Familie hinzutragen und nicht darauf zu warten, dass diese fragend und bittend auf euch zukommt, denn das ist ihr ja offensichtlich nicht möglich.
Verstehe das um Himmelswillen nicht als Vorwurf, es soll ein Denkanstoss sein, ich mache mir um das Mädchen Sorgen, und finde es toll, dass du das ja offensichtlich auch tust. Und wenn du den nächsten Schritt auch noch tun könntest, wäre das einfach wunderbar!
Gruß Renate