Verlustangst nach Elterntrennung unterschiedlich ausgedrückt?

Hallo,
an Heiligabend 2018 ist mein Ex ausgezogen - über seine Entscheidung hat er mich und unseren 9jährigen am Vorabend informiert. Für mich kam es nicht ganz so überraschend, für unseren Sohn schon, da wir uns nie gestritten hatten und für unser Kind wohl eine harmonische Familie waren.

Unser Sohn ist jedes 2. WE beim Papa sowie an einem Abend unter der Woche zum Abendessen, ansonsten lebt er bei mir und hat da seinen Lebensmittelpunkt mit Schule, Freunden, Sportverein etc. Sein Papa hatte sofort eine neue Freundin, die wir bereits zuvor als seine Arbeitskollegin und als gelegentliche „Babysitterin“ bereits kannten. Sie ist somit von Beginn an präsent für unseren Sohn.
Ich selbst bin weiterhin allein und nicht unglücklich damit, sondern habe recht schnell begriffen, dass ich ohne ihn besser dran bin.
Bisher lief alles soweit „gut“… ich versuche unseren Jungen aus allem raus zu halten, jedoch gehören da bekanntlich Zwei dazu…
Nach der Trennung hat unser Sohn immer bei mir geschlafen, weil er nicht allein sein wollte und kuscheln ganz besonders wichtig wurde. Er ist generell ein sehr lieber Bub, sehr sozial, sehr (zu) reif für sein Alter und war auch noch nie ein Problemkind oder so, immer alles pflegeleicht.
Ich habe ihn natürlich bei mir schlafen lassen, weil auch ich einsam war und wir uns so gegenseitig getröstet haben.
Mein Ex wetterte immer wieder dagegen und bei ihm hat er, seit dem offiziellen Zusammenzug in eine größere Wohnung mit seiner Freundin, ein eigenes Zimmer und musste von Beginn an dort schlafen (seit den Sommerferien). Das klappt wohl auch bis morgens 5/6 Uhr, dann geht er zum kuscheln rüber.
Mein Bub und ich haben uns darauf geeinigt, es mit dem Schuljahresbeginn ebenfalls wieder zu versuchen, aber es klappt nicht. Er schläft zwar ohne Murren allein in seinem Zimmer ein und geht problemlos zu Bett, kommt aber nachts rüber. Und das immer ein wenig früher… gestern war es 23 Uhr, ich war sogar noch wach.
Dann kuschelt er sich fest an mich und schläft ruhig weiter.
Heute nacht schreckte er hoch, ich fragte ob er einen Alptraum gehabt hätte - nein, ich wollte nur sicher gehen, dass Du noch da bist.
Letzte Woche bin ich mal 10 min nach ihm von der Arbeit heimgekommen (Stau), da hat er schon weinend auf mich gewartet zuhause (hat einen Schlüssel, da wir uns ab und zu um ein paar Minuten verpassen). Er hatte Angst, ich würde einfach nicht wieder kommen. Ich beließ es mal dabei, da ihn sein Vater kurz drauf abholen wollte.
Nach dem Vorfall heute Nacht hab ich ihn heut früh drauf angesprochen.

Ich fragte ihn, warum er denn gedacht hätte, dass ich weg sein könnte… Schulterzucken mit gesenktem Blick… Ich sagte ihm, dass ich doch nie einfach so weggehen würde und immer für ihn da sei und er da keine Angst haben müsse! Tränenausbruch und Gestammel „Papa hat uns auch einfach so verlasssen, warum solltest Du das nicht auch machen und mich verlassen?“
Ich war sehr bestürzt und er lag weinend in meinen Armen. Ich hab ihn getröstet und versucht klar zu machen, dass ich das niemals tun würde!

Ich frage mich, warum es bei uns daheim ein Problem ist mit dem Alleine schlafen, beim Papa aber nicht?! Kann Verlustangst so unterschiedlich ausgelebt werden, in verschiedenem Umfeld?
Fühlt er sich bei mir unsicherer als bei Papa? Ich habe weder einen neuen Freund noch verhalte ich mich sonst irgendwie, dass er darauf schließen könnte. Ich bin immer da, wir kuscheln sehr viel, reden viel miteinander und haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis (zumindest empfinde ich es so, da er mich auch mal kritisieren bzw. hinterfragen kann).
Dieses Verhältnis war mal sehr gestört, nachdem mein Ex ihm klargemacht hat, dass er uns verlassen musste, weil seine Mama dem Papa „einen Kuss mit einer anderen Frau“ nicht verziehen habe und deshalb sehr lieblos zu ihm war. Und das, obwohl der Papa sich entschuldigt hätte!
Eine Zeitlang kämpfte ich also mit viel Liebe und Geduld dagegen an, dass mein Sohn Angst vor dem kleinsten Fehler oder der kleinsten Enttäuschung an mich hatte! Dass ich ihn wegen Kleinigkeiten nicht mehr lieben könnte - so wie bei Papa! Aus meiner Sicht hatte sich das aber wieder gebessert und sein Vertrauen in mich kehrte zurück, daher bin ich nun etwas überrascht mit dieser neuen „Angst“. Das war das erste mal, dass er das gesagt hatte - der Papa hat uns auch einfach so verlassen!
Wie kann ich dem armen Bub helfen?
Gespröche mit dem Ex gehen nur mit Hilfe einer Psychologin, da ich aufgrund seiner Lügen und Beschimpfungen den 1:1 Kontakt mit ihm vermeide und Dinge, die bezüglich unseres Sohnes besprochen und geregelt werden müssen nur noch dort mache.
Versteht er zwar nicht, aber ich hab nicht mehr den Nerv mich mit ihm im Streit auseinanderzusetzen wegen jedem Pups.

Also, wie kommt es, dass unser Sohn seine Verlustangst so unterschiedlich empfindet (bei Papa ist er gechillter und auch nicht sauer auf ihn, obwohl der uns ja verlassen hat) und wie kann ich ihm helfen?

Danke & LG,
Sonja

Hallo,

hast Du sie schon einmal darauf angesprochen?

Gruß
Kreszenz

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Hallo,

Ob das so ist oder nicht, weiß man nicht und weiß das Kind vielleicht nicht einmal selber. Vielleicht versucht er auch nur, den Erwartungen gerecht zu werden, vielleicht weiß er, daß er zu seinem Vater gar nicht erst (so früh) zu gehen braucht, vielleicht ist ihm Deine Präsenz wichtiger als die seines Vaters. Wie gesagt: man weiß es nicht und Du wirst es voraussichtlich auch nicht herausfinden. Es ist auch nicht wirklich wichtig.

Weil er die Zusammenhänge nicht versteht. Er ist neun und hat noch kein Gefühl für Partnerschaften zwischen Mann und Frau und die dazugehörigen Konventionen und er hat außerdem die passende Lüge erzählt bekommen.

Da würde ich mir nicht allzu viele Gedanken machen; das läuft in der Regel ganz instinktiv ab. Sei verläßlich, sei Du selbst, sei zufrieden und ziehe den Jungen nicht in Eure Differenzen mit hinein. Wenn er ein paar Jahre älter ist, kannst Du versuchen, ihm die Zusammenhänge zu erklären, aber am Ende auch hier: was bringt es?

Die Sorge, daß Du auch mal weg sein könntest, kannst Du ihm kaum nehmen; das ist eine emotionale Sache, die man mit vielen Erklärungen und Versicherungen nicht ausräumen kann. Mit der Zeit wird sich das wahrscheinlich weitestgehend geben, aber es wird immer wieder mal eine Rolle spielen.

Gruß
C.

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Hi,
Danke für die bisherigen Antworten.

Nein, habe noch nicht mit der Psychologin gesprochen da wir den letzten Termin noch in den Ferien hatten und jetzt am Donnerstag den nächsten - und das mit dem Alleinschlafen versuchen wir ja erst seit Schuljahresbeginn (2 - 3 Wochen).

Ich habe mich auch falsch ausgedrückt - ich bin nach dem Zuspätkommen letzte Woche lediglich nicht NÄHER drauf eingegangen, habe ihn aber natürlich getröstet und beruhigt, dass ich nur im Stau gestanden bin. Und dass er mich einfach anrufen soll, wenn er wieder mal vor mir heimkommen sollte.

Die Zusammenhänge der Trennung will ich ihm später eigentlich nicht erklären - wenn er selber mal verliebt war und betrogen wurde wird er es selber herausfinden und dann werd ich da sein und ihn trösten.

Ich versuch mal Kontakt zum Schulsozialarbeiter zu reaktivieren - dem hatte er sich auch geöffnet als es ihm emotional so schlecht ging, dass er mit einem anderen Erwachsenen reden wollte, der sich mit sowas auskennt. Das hatte ihm gut getan, aber seit Schuljahresbeginn war er noch nicht dort.

Lg
Sonja

Du schreibts, der Junge hat seinen Lebensmittelpunkt bei dir.
Gefühlt für ihn ist es vielleicht so, dass der Papa schon weg IST. Klar, er besucht ihn, aber das ist eben nur Besuch. Nun hat er Angst, dass du auch noch weggehst. Aus der Sicht des Kindes nicht unlogisch.

Was du machen kannst? Ihr macht ja offensichtlich schon viel richtig, aber ein Kind leidet halt trotzdem unter einer Trennung.
Verlässlich bleiben, zuverlässig gemeinsame Zeit verbringen, klare Strukturen einhalten - viel mehr kannst du nicht tun. Evtl hilft ein Kinderpsychologe, wenns zu schlimm wird mit den Ängsten.

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Hi,

Papa ist schon weg. Du bist noch da, dich könnte er noch verlieren.
Außerdem hängen Kinder stärker an Mama, was Kuscheln oder allgemein Nähe angeht. Daher das unterschiedliche Verhalten.Und wie soll er denn eine Trennung verstehen? Das ist ja selbst für uns Erwachsene (und für Euch zwei Eltern im konkreten Fall) schwierig und geht selten genug glatt, wie du auch von Euch schilderst.
Es ist gut, dass er darüber spricht (lobe ihn dafür und bedanke dich) und du auch darüber sprichst. Tu das häufiger! Frag ihn einfach regelmäßig, wie es ihm geht, und lass ihn reden. Und sprich auch mit der Psychologin darüber, die kann sicher noch bessere Ratschläge geben. Aber für den kleinen Mann ist das ein harter Brocken, mit dem er da zu kämpfen hat.

die Franzi