Verschiedene Energien

Hallo Forum,

immer wieder muss ich feststellen, dass ich weniger Physik verstehe, als es mein zukünftiger Beruf des Lehrers erfordern wird.

Da berichtet doch ein Kollege, dass er während seiner Schullaufbahn unzählige Energien der Form 1/2 * irgendwas * irgendwas² kennengelernt hatte (kinetische, Rotation, elektrische, magnetische …), und plötzlich kam die relativistische ohne den Faktor 1/2. Da fragte er seinen Lehrer, wo denn das 1/2 geblieben sei, warum das denn da nicht stünde. Ob Einstein sich da nicht verrechnet haben kann.

Nun ist ja klar, dass man Einsteins Gedankenexperiment relativ leicht nachvollziehen kann; dass man auch ohne dies die Energie-Masse-Äquivalenz aus der Lorentz-Invarianz der Raumzeit und den damit verbundenen Gleichungen leicht herleiten kann - aber das ist ja nicht die Antwort, die ein Schüler will. Entscheidend wäre hier doch vielmehr, worin sich diese E=1/2*x*y²-Gleichungen alle ähneln und was sie systematisch von E=m*c² unterscheidet (meinetwegen auch von E=m*g*h, aber da „fehlt“ ja sogar das Quadrat).

Und darauf weiß ich keine Antwort!

Ich hoffe, Ihr könnt mir helfen.

Liebe Grüße
Immo

Ich versuche mal eine Antwort zu geben.

Ich würde jetzt mal bei der Kinetik bleiben. Dass ein Kondensator die Energie 1/2* C* U^2 trägt würde ich nicht unbedingt mit der Relativistik in Verbindung bringen.
Aber das ist schon das erste Problem, es geht ja darum, warum die Formeln so verschieden aussehen.
Ich würde dem Schüler sagen, dass das Phänomen für ihn nicht so einfach zu verstehen ist (welche Klasse, welches Alter eigentlich? In der Oberstufe geht das schon…).
Kinetische Energie einer Translation und Rotationsenergie ist im Prinzip das gleiche, also auch da ist für mich kein tieferes Mysterium.
Also meine Antwort wäre: Das „Einhalb“, das Einstein übersehen haben möge, steckt in der Wurzel des Gammafaktors. Und um das zu Erklären muss man die Entwicklung der relativistischen Energie für kleine Geschwindigkeiten verstehen. (Habe ich das jetzt mit der Entwicklung überhaupt richtig verstanden? Das kommt doch daher, richtig?)
Ansonsten sehe ich nicht viel mehr als „ist halt so“.

Grüße

Hallo Immo, es scheint zwei grundsätzlich verschiedene Energiearten zu geben. Die unveränderliche Ruheenergie der Masse und die Energie, die Masse zusätzlich „aufsammelt“, die sie integriert. Im freien Fall summiert ein Körper pro durchfallenem Meter ein immer gleichbleibendes Quentchen Energie (mgh), kein 1/2. Er arbeitet quasi das Potential meterweise ab. Er „sieht“ aber gleichzeitig, daß diese Meter nicht gleichmäßig vorbeirauschen, sondern mit-allerdings gleichmäßig-zunehmender Geschwindigkeit. (m/2v^2). Beide mal gleiche Energie, einmal Augenmerk auf zurückgelegte Meter, das andre mal auf dafür gebrauchte Zeit.

Potentielle und daraus resultierende kinetische Energie ergibt sich meterweise. Kinetische Energie als Integral der Kraft über den Weg verrät sich an der Form „1/2 irgend etwas mal quadrat irgend etwas.“ Gruß, eck.

Hallo eck,

das ist schon mal ein sehr sinnvoller Hinweis, danke dafür. Klar, diese 1/2*…-Energien sind Wegintegrale, was ja eine Ruheenergie nicht sein kann. Da kann man drauf kommen.

Was mich im Moment noch verwirrt: Wovon ist denn 1/2*m*v² das Integral? Das müsste dann ja F=d(1/2*m*v²)/ds=1/2*m*d(v²)/ds=1/2*m*2*v*v̇=m*v*a sein, aber was ist das? Impuls mal Beschleunigung? Kenn’ ich nicht.

Liebe Grüße
Immo

Hallo,

Was mich im Moment noch verwirrt: Wovon ist denn 1/2*m*v² das
Integral? Das müsste dann ja

Wkin = 1/2 m v2 entsteht bei der Herleitung des mechanischen Energiesatzes.

Ausgangspunkt dafür ist das Produkt v · F , mit dem man – noch wenig spektakulär – schreiben kann:

0 = \dot{\vec r} \cdot \vec{F} - \dot{\vec r} \cdot \vec{F}

Etwas interessanter wird es, wenn das erste F mit Erlaubnis von Newton durch „Masse mal Beschleuigung“ ersetzt wird:

\begin{eqnarray}
0
&=& \dot{\vec r} \cdot m \ddot{\vec{r}} - \dot{\vec r} \cdot \vec{F}
\nonumber\[6pt]
&=& m \dot{\vec r} \cdot \ddot{\vec{r}} - \dot{\vec r} \cdot \vec{F}
\nonumber\[6pt]
&=& \frac{d}{dt} \left(\frac{1}{2} m \dot{\vec r}:^2\right) - \dot{\vec r} \cdot \vec{F}
\nonumber
\end{eqnarray}

Der erste Summand hat sich also als zeitliche Ableitung des Terms 1/2 m v2 entpuppt. Das ist schon was, aber richtig aufregend wäre es, wenn wir auch den zweiten Term als zeitliche Ableitung von irgendwas schreiben könnten. Das dürfen wir tatsächlich unter einer bestimmten Voraussetzung, nämlicher der, dass eine Größe Φ existiert, welche die Gleichung

\vec{F} = -\nabla \phi

erfüllt. Das Kraftfeld F muss also das Gradientenfeld eines skalaren Feldes Φ sein. Wir nennen die Größe Φ „potentielle Energie“, geben ihr das Formelzeichen Wpot, und schreiben:

\begin{eqnarray}
0
&=& \frac{d}{dt} \left(\frac{1}{2} m v^2\right) - \dot{\vec r} \cdot (-\nabla W_{\rm pot})
\nonumber\
&=& \frac{d}{dt} \big(…\big) + \dot{\vec r} \cdot \nabla W_{\rm pot}
\nonumber\
&=& \frac{d}{dt} \big(…\big) + \frac{d}{dt} W_{\rm pot}
\nonumber\
&=& \frac{d}{dt} \left(\frac{1}{2} m v^2 + W_{\rm pot}\right)
\nonumber
\end{eqnarray}

Da die Größen 1/2 m v2 und Wpot addiert werden, müssen sie dieselbe Dimension haben, woraus folgt, dass der Term 1/2 m v2 ebenfalls eine Energie ist. Dafür bietet sich der Ausdruck „kinetische Energie“ mit der Abkürzung Wkin an.

Damit kann das Ergebnis so formuliert werden:

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Mechanischer Energieerhaltungssatz: Wenn es ein skalares Feld Wpot( r ) gibt, genannt potentielle Energie, mit der Eigenschaft, dass das gegebene Kraftfeld F ( r ) ihr negativer Gradient ist („konservatives Kraftfeld“) , dann ist die mechanische Gesamtenergie zeitlich konstant:

\exists:W_{\rm pot}
::: {\rm mit} :::
\vec{F} = -\nabla W_{\rm pot}
\quad\Longrightarrow\quad
\frac{d}{dt} W_{\rm ges} = 0

{\rm mit}\quad
W_{\rm ges} := W_{\rm kin} + W_{\rm pot}

{\rm mit}\quad
W_{\rm kin} := \frac{1}{2} m v^2 = \textnormal{kinetische Energie}

Für jedes konservative Kraftfeld ist also Wgeseine Erhaltungsgröße.

d/dt Wpot = – v · F wird mechanische Leistung genannt.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Für den Sonderfall F · v = 0 ist nicht nur die Gesamtenergie Wkin + Wpot konstant, sondern auch Wkin und Wpot separat. Dann wird am Körper weder Leistung verrichtet, noch verrichtet er selber welche. Er bewegt sich dann auf einer Äquipotentialfläche. Das ist z. B. bei einem Satelliten auf einer exakten Kreisbahn der Fall ( Fv ).

Gruß
Martin

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Hallo Immo, wenn ich nach Martin noch etwas sage, ist das Übermut, dennoch.

F=d(1/2*m*v²)/ds=1/2*m*d(v²)/ds=1/2*m*2*v*v̇=m*v*a sein,
=1/2*m*2*v =m*v (Stammfunktion)

Das Zeit-Integral der Beschleunigung ist „v“, das Integral davon ist Weg. Im freien Fall ist Weg die Potential-Differenz, die mal Masse ist Kin-Energie.

Gravitation: Kraft ist Ortsableitung des (linear variablen) skalaren Grav-Feldes (Potential), umgekehrt ist das Potential das Integral der (quadratisch variablen) Kraft.

Horizontal: Kraft ist die Zeitableitung des Impulses, umgekehrt ist Impuls das Integral der (variablen) Kraft. Energie ist Imp^2/2*Masse. Gruß, eck.

Hallo Martin : „Mein lieber Schwan“! Gruß, eck.

Hallo!

immer wieder muss ich feststellen, dass ich weniger Physik
verstehe, als es mein zukünftiger Beruf des Lehrers erfordern
wird.

Nana … das wird schon! :wink:

Nun ist ja klar, dass man Einsteins Gedankenexperiment relativ
leicht nachvollziehen kann; dass man auch ohne dies die
Energie-Masse-Äquivalenz aus der Lorentz-Invarianz der
Raumzeit und den damit verbundenen Gleichungen leicht
herleiten kann - aber das ist ja nicht die Antwort, die ein
Schüler will. Entscheidend wäre hier doch vielmehr, worin sich
diese E=1/2*x*y²-Gleichungen alle ähneln und was sie
systematisch von E=m*c² unterscheidet (meinetwegen auch von
E=m*g*h, aber da „fehlt“ ja sogar das Quadrat).

Also - es tauchte ja schon in den anderen Antworten auf:

W = 1/2 * const. * x²

(wobei x die Variable ist)

kommt immer dann zustande, wenn über eine Größe, die proportional zu x ist, integriert wird. Beispiel: Hookessches Gesetz

F = D s

W = ∬ D s ds = 1/2 D s² (+C)

Man setzt die Energie der entspannten Feder willkürlich gleich Null, wodurch die Integrationskonstante wegfällt.

Wenn man die kinetische Energie auf analoge Weise berechnet, dann kommt man auf

W = 1/2 m v² (+C)

Wenn man relativistisch rechnet, kommen noch Terme höherer Ordnung hinzu: also Terme mit v^4, v^6 usw. Warum? Na, weil m im Integral streng genommen keine Konstante ist, sondern seinerseits von der Geschwindigkeit v abhängt. Die Rechnung ergibt aber auch ein Glied ohne Abhängigkeit von v. Es ist stets konstant und hat den Wert mc² (Achtung! c ist nichts weiter als eine Naturkonstante). Wenn man weiterhin 1/2 m v² als (klassische) kinetische Energie bezeichnet und die Geschwindigkeit v = 0 einsetzt, dann bleibt W = m c² übrig - ein Energiebetrag, den also ein ruhender Körper hat. Somit ist m c² die Ruheenergie.

W = mc² ist also nicht das direkte Ergebnis einer Integration (wie bei den anderen Formeln), sondern eher so etwas wie die Integrationskonstante.

(Disclaimer: Das war keine wissenschaftlich korrekte Erklärung, sondern der Versuch, es für einen Schüler verständlich zu machen).

Michael

Vielen Dank Euch allen! (owT)
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