Ich habe mich auf populärwissenschaftlichem Niveau ein wenig mit Quantenmechanik beschäftigt und mir ist dabei folgende Frage gekommen:
Ist ein Experiment denkbar, mit dem es möglich ist, entweder die Kopenhagener Deutung oder die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik zu widerlegen? Falls ja, warum wird dieses Experiment nicht durchgeführt? Falls nein wäre es letztlich sinnlos zwischen den beiden Interpretationen zu unterscheiden, es müsste dann wohl gemäss dem Ockhamschen Prinzip der Kopenhagener Deutung der Vorzug gegeben werden, oder?
Ist ein Experiment denkbar, mit dem es möglich ist, entweder
die Kopenhagener Deutung oder die Viele-Welten-Interpretation
der Quantenmechanik zu widerlegen?
Falls ja, warum wird dieses Experiment nicht durchgeführt?
Die Gründe sind naheliegend.
Falls nein wäre es letztlich sinnlos zwischen den beiden
Interpretationen zu unterscheiden,
Jein. Wenn es darum geht, experimentelle Vorhersagen zu machen, magst du Recht haben. Aber es geht auch darum, eventuelle Erweiterungen/Verbesserungen der physikalischen Theorie zu finden. So waren es etwa hauptsächlich „ästhetische“ Gründe, die Einstein dazu geführt haben die Relativitätstheorie aufzustellen.
es müsste dann wohl gemäss dem Ockhamschen Prinzip der
Kopenhagener Deutung der Vorzug gegeben werden, oder?
Da würde ich klar widersprechen - außer du beziehst dich auf eine etwas entstellte Version von Everetts Interpretation. Der sogenannten Viele-Welten-Interpretation liegt ziemlich genau ein Postulat zu Grunde: Jedes isolierte System entwickelt sich entsprechend der Schrödinger-Gleichung.
Das ist in Herrn von Ockhams Gunst kaum zu unterbieten.
Das was du wahrscheinlich als Kopenhagener Deutung bezeichnest (der Begriff ist nicht wirklich wohldefiniert) hingegen schränkt dieses Postulat künstlich auf Laborsysteme ein und führt eine Kopplung an eine klassische Umgebung sowie ein höchstseltsames Konzept der Reduktion der Wellenfunktion (Kollaps) ein. Die dazu eigentlich notwendigen Veränderungen an der Dynamik werden einfach wegdiskutiert („many words“).
Die Kritikpunkte an der Vieleweltentheorie liegen nicht bei Ockham (wie gesehen: im Gegenteil!), sondern lauten etwa so:
Die Vieleweltentheorie macht Aussagen über einen Teil der angeblichen Wirklichkeit, der unseren Experimenten nicht zugänglich ist. Sie ist daher eigentlich „metaphysisch“.
In der Vieleweltentheorie ist die für uns erfahrbare Wirklichkeit, die wir als „Alles“ betrachten, nur ein infinitesimal kleiner Ausschnitt aus einer unendlichen Mannigfaltigkeit. (Das ist weder ein naturwissenschaftliches noch ein erkenntnistheoretisches Problem, höchstens ein philosophisches)
Die Vieleweltentheorie ist streng genommen keine Theorie, weil sie nicht falsifizierbar ist.
Und genau das führt zur Ausgangsfrage zurück: Es gibt keine experimentelle Möglichkeit zwischen der Vielewelttheorie und der Kopenhagener Interpretation zu unterscheiden.
In der Vieleweltentheorie ist die für uns erfahrbare
Wirklichkeit, die wir als „Alles“ betrachten, nur ein
infinitesimal kleiner Ausschnitt aus einer unendlichen
Mannigfaltigkeit.
da ist die Viele-Welten-Interpretation aber nicht besonders außergewöhnlich, wenn es um mathematische Beschreibungen der Wirklichkeit geht.
Grundsätzlich gibt es zwei mögliche Standpunkte:
Der Blick „von Außen“ (die mathematische Struktur) ist physikalisch real. Wie in Platons Höhlengleichnis sehen wir lediglich eine Projektion der Wirklichkeit. Wir könnten die Theorie von Allem finden, wenn wir nur intelligent genug wären, und unsere Wahrnehmung „von innen“ einfach ausrechnen.
Unser subjektiver Blick „von Innen“ ist physikalisch real. Der Blick von Außen und die mathematische Struktur sind lediglich eine nützliche Näherung. Wir haben nur Beschreibungen, niemals eine Theorie von Allem.
Da die Quantenmechanik einige - vom alltäglichen Standpunkt aus gesehen - seltsame Eigenschaften hat, muss man sich entscheiden: eine klare, eindeutige Beschreibung einer seltsamen Wirklichkeit (etwa relative Zustände, wie die „vielen Welten“ ursprünglich hießen) vs. eine seltsame Beschreibung einer klar verständlichen Wirklichkeit (Teilchen wie Billardkugeln).
Die Vieleweltentheorie ist streng genommen keine Theorie,
Tatsächlich hat das hier niemand außer dir behauptet .
Und genau das führt zur Ausgangsfrage zurück: Es gibt keine
experimentelle Möglichkeit zwischen der Vielewelttheorie und
der Kopenhagener Interpretation zu unterscheiden.
Das kommt darauf an. Möchte man eine Theorie für das ganze Universum mit der „Kopenhagener Interpretation“ aufbauen, so muss man die Reduktion der Wellenfunktion irgendwie in die Dynamik einbauen - d.h. die Schrödinger-Gleichung wird modifiziert. Diese Veränderungen müssten formal messbar sein.