beim studium finnisch-ugrischer sprachen habe ich immer wieder von den auswirkungen der sowjetischen sprachpolitik auf die entwicklung diverser kleinen sprachen gehört, die unter anderem darin bestand, zwei dialekte einer sprache einfach als zwei verschiedene sprachen zu deklarieren und sie mit entsprechenden bildungspolitischen eingriffen auseinanderzutreiben.
nun fällt mir als slawischunkundigem immer wieder auf, daß zb. tscheschisch und slowakisch sowie serbisch und kroatisch (vor einigen jahren noch serbokroatisch genannt) eigentlich so gut wie identisch sind (wenn man zb. von der rechtschreibung absieht). bei tscheschisch und slowakisch dürfte die trennung weiter zurückliegen, bei serbisch und kroatisch spekuliere ich auf einen seit dem zerfall jugoslawiens erwachten nationalismus, der sehr stark auf die trennung der beiden sprachen bedacht ist.
oder ist es ganz anders? sind serbisch und kroatisch erst in der jugoslawischen ära zusammengedrängt worden?
interessant finde ich die diskussion aber auch bezüglich deutsch und österreichisch. hier fallen mir wesentlich mehr unterschiede auf, als bei sr-hr (wie gesagt, das ist nur meine beurteilung als laie), dennoch wird (auch seitens der EU) darauf gedrängt, es bei einer sprache zu belassen. salopp formuliert lautet die frage: wieso dürfen deutsche und österreicher nicht, was serben und kroaten dürfen, nämlich sich bewußt sprachlich voneinander zu trennen?
ich will das ganze hier keinesfalls als politikum ansehen, mich interessiert die sprachwissenschaftliche komponente.
ich will das ganze hier keinesfalls als politikum ansehen,
mich interessiert die sprachwissenschaftliche komponente.
Das ist es letzendlich aber. Denn es gibt keine klaren Kriterien, die festlegen, was ein Dialekt ist und was eine Sprache. Wie du schon gesagt hast, können die Unterschiede einzelner Dialekte untereinander größer sein als die verschiedener Sprachen.
bei serbisch und kroatisch spekuliere ich
auf einen seit dem zerfall jugoslawiens erwachten
nationalismus, der sehr stark auf die trennung der beiden
sprachen bedacht ist.
Oh nein, Gyuri,
das ist schon wesentlich älter. Als ich mich in den frühen 70er Jahren in Kroatien aufhielt, hatte ich in Rijeka ziemlich rasch gelernt mich rudimentär zu verständigen. Und natürlich wendete ich meine paar Brocken Hrvatska an, als wir mal in Koper Ladung löschten - Pech gehabt! man machte mich sehr deutlich darauf aufmerksam, dass man hier selbstverständlich Slovenisch spreche! Ich konnte bestenfalls einen Unterschied wie zwischen Fränkisch und Hessisch feststellen
Grüße
Eckard
bei serbisch und kroatisch spekuliere ich
auf einen seit dem zerfall jugoslawiens erwachten
nationalismus, der sehr stark auf die trennung der beiden
sprachen bedacht ist.
In Zagreb sagt man Kruh, in Beograd Chleb. Eine schöne Erklärung für diese Frage, die mich auch immer wieder beschäftigt, lieferte mir hier jemand und leider habe ich den Link nicht mehr.
man machte mich sehr
deutlich darauf aufmerksam, dass man hier selbstverständlich
Slovenisch spreche! Ich konnte bestenfalls einen Unterschied
wie zwischen Fränkisch und Hessisch feststellen
Hier geht es aber um Kroatisch und Serbisch, nicht Slovenisch…
Ich halte das ganze auch für eine rein politische Geschichte, da die Dialektgrenzen, soweit ich weiß, quer zu den politischen laufen.
interessant finde ich die diskussion aber auch bezüglich
deutsch und österreichisch. hier fallen mir wesentlich mehr
unterschiede auf, als bei sr-hr (wie gesagt, das ist nur meine
beurteilung als laie), dennoch wird (auch seitens der EU)
darauf gedrängt, es bei einer sprache zu belassen. salopp
formuliert lautet die frage: wieso dürfen deutsche und
österreicher nicht, was serben und kroaten dürfen, nämlich
sich bewußt sprachlich voneinander zu trennen?
Die Frage ist weniger, warum man das behindert, sondern, wer das überhaupt will. Wie schon erwähnt, ist das ganze eine politische bzw. kulturelle Sache.
Wenn man nun „Österreichisch“ als eigene Sprache vom „Deutschen“ abgrenzen möchte, müssten die Österreicher sich erst einmal von einem großen Teil ihrer Kultur abgrenzen. Ein Goethe oder Schiller, dessen Werke am Burgtheater in Wien aufgeführt werden, müsste erst als fremdsprachiger Dichter deklassiert werden. Nicht vergessen darf man dabei, die Tatsache geschickt zu verschleiern, das eine amtliche Aussprache des Deutschen, das „Bühnendeutsch“, in selbigem Theater entwickelt wurde.
Kurzum: Je mehr höhere Kultur eine Sprachgemeinschaft entwickelt hat, desto weniger ist sie darauf bedacht, sich zu separieren.
Umgekehrt heißt es: Wenn sie sich trotzdem gerne separiert, besteht entweder keine derartige Kultur, oder diese muss erst zerstört werden.
In China etwa versteht man sich in Süd und Nord mündlich nicht, und trotzdem hält’s, weil alle z. B. Konfuzius lesen.
Bei den Jugoslawen wurden solche Entwicklungen lange durch die übergeordneten Mächte (Österreich, Osmanisches Reich) behindert.
Denn es gibt keine klaren
Kriterien, die festlegen, was ein Dialekt ist und was eine
Sprache.
die müsste es aber eigentlich geben, denn es wird bspw. immer wieder von Sprachwissenschaftlern behauptet, dass das Friesische eine eigene Sprache ist und kein Dialekt. Dies wird an irgendetwas festgemacht, das definiert worden ist.
Denn es gibt keine klaren
Kriterien, die festlegen, was ein Dialekt ist und was eine
Sprache.
die müsste es aber eigentlich geben, denn es wird bspw. immer
wieder von Sprachwissenschaftlern behauptet, dass das
Friesische eine eigene Sprache ist und kein Dialekt. Dies wird
an irgendetwas festgemacht, das definiert worden ist.
Es gibt aber trotzdem keine festen Kriterien. Meist wird das als „Mehrheitsentscheidung“ festgelegt. Gäbe es klare Kriterien, würde nicht so oft darüber gestritten, ob ein Idiom nun Sprache oder Dialekt ist.
die müsste es aber eigentlich geben, denn es wird bspw. immer
wieder von Sprachwissenschaftlern behauptet, dass das
Friesische eine eigene Sprache ist und kein Dialekt. Dies wird
an irgendetwas festgemacht, das definiert worden ist.
Es gibt verschiedene Kriterien, an denen man das festmachen will. Ist aber ein Kriterium erfüllt, so sind zwei Dialekte nur nach diesem Kriterium verschiedene Sprachen. Gleichzeitig kann aber ein anderes Kriterium gänzlich unerfüllt sein.
Die vermeintlich so objektive Wissenschaft ist gerade bei solchen Themen stark von politischen und traditionellen Faktoren geprägt. Kann man eben nicht nachmessen wie die Geschwindigkeit des Schalls o. ä.
Man nehme nur das Friesische:
FÜR eine eigene Sprache spräche, dass es aufgrund der Insellage zumindest auf dem Gebiet der BRD von den ehemaligen westgermanischen Stammessprachen stärker isoliert war als die anderen untereinander. Dadurch hat es mehr nordseegermanische Formen bewahrt. Nimmt man ABER das friesischsprachige Gebiet der Niederlande, so geht es fließend ins Niederfränkische bzw. Niedersächsische über. Nicht zuletzt hat das Friesische auch die Niedersäschsischen Sprachen geprägt, die es z. B. auf dem Festland der BRD verdrängt haben (Ostfriesland). Zudem gehörte Friesland politisch die meiste letzte Zeit zum niedersäschsischsprachigen Gebiet bzw. wurde von dort aus verwaltet.
Es gab aber im Zeitalter der Romantik und des „Völkerfrühlings“ Bewegungen, die Auferstehung eines Friesischen Nationalstaates anstrebten.
Je nachdem, welche Faktoren man mehr gewichtigt, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Häufig hat heute auch die Deklarierung zu einer „Sprache“ den Vorteil, dass man sich mehr um den Erhalt eines Idioms kümmert. Es hat wie gesagt bes. im 19. Jahrhundert extreme Sprachverdrängungen zugunsten des Niedersächsischen in Norddeutschland gegeben, bevor es dann selbst vom Hochdeutschen verdrängt wurde. Und wenn man heutzutage in Deutschland unter „Dialekt“ häufig nur noch mundartlich gefärbtes Hochdeutsch finden kann, so hat die Deklarierung als „Sprache“ sicherlich einen gewissen Nutzen.
Szervusz Gyuri,
ich setz hier mal eine Antwort von Vlado rein, die er weiter unten gegeben hat. Entspricht 100%ig meiner Meinung, und ich bin froh, daß das ein Muttersprachler auch so sieht.
toll, dass Du das hier direkt übersetzt hast… darf ich
dennoch kurz meine eigene Neugier stillen und fragen, ob es
sich jetzt um Kroatisch handelt oder nicht?
Also, um ein wenig auszuholen: vor ein paar Jahren hätte man
noch problemlos sagen können, es handele sich um einen
serbokroatischen Text, und zwar in der Variante der Sprache,
die im westlichen Sprachraum des Serbokroatischen gesprochen
wird (v.a. Kroatien und Bosnien). Heutzutage wird oft
versucht, Serbisch und Kroatisch - in meinen Augen künstlich -
zu trennen, wobei sich die Sprachen so sehr unterscheiden wie
britisches und US-amerikanisches Englisch: d.h. an einigen
Aspekten der Lautung, an einigen Redewendungen und an einigen
Wörtern könnte man erkennen, daß es sich bei dem Lied von
Balasevic um einen kroatischen Text handelt.