Versprecherdaten als Evidenzen für Morpho vs. Syntax?

Liebe/-r Experte/-in,

ich habe gerade damit begonnen, mir Gedanken über ein mögliches Promotionsthema in der Linguistik zu machen. (Ich stehe also wirklich noch am Anfang.)
Hierzu frage ich mich, ob Versprecherdaten eventuell Aufschluss geben können über die Morphologie/Syntax Unterscheidung, also ob bestimmte sprachliche Einheiten, z.B. Komposita, eher als Wörter oder Phrasen interpretiert werden können.
Eigentlich bin ich selbst „vom Fach“, habe Linguistik studiert, nur stehe ich gerade auf dem Schlauch und hoffe auf eine gedankliche Anregung.

Ich danke herzlich!
Abbionline

Gehen wir von Beispielen aus:
Lustige Versprecher
Kennt ihr das: Ihr habt es verdammt wichtig und erzählt irgendwas und wollt vielleicht auch noch Eindruck schinden und dann versprecht ihr euch so blöd, dass ihr selber lachen müsst?!?!?

Beispiele? Hier:
-Guck, da fliegt ein „Flegelfugzeug“!
-Wer knocht denn da mit Koblauch?
usw.

Passendes Gedicht dazu von Ernst Jandl:
manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!

„Flegelflugzeug“ für „Segelflugzeug“ bleibt im Rahmen eines Wortes, betrifft also die Morphologie.
„Wer knocht denn da mit Koblauch“ bezieht sich auf zwei Einheiten, das Verb und die Mit-Ergänzung.In dem Fall kommt auch die Syntax in Betracht.Im Moment ist das alles, was ich über Ihr Forschungsthema zu sagen vermag
Viel Spaß und Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Liebe/-r Abbionline,

leider bin ich auf diesem Gebiet nicht bewandert. Eher trivial und mal so ins Blaue hineinphantasiert: für eine Abgrenzung zwischen Morphologie und Syntax mittels Versprechern müßten verschiedene Arten von Versprechern ausgemacht werden, die jeweils nur über ihre eigene Domäne (also der des Worts vs der der Phrase) definiert werden können. Anders herum: Man müßte zeigen, daß Versprecher nur auf der einen, nicht aber auf der anderen Domäne vorkommen. Die Versprecher müßten spezifisch an eine bestimmte Domäne gebunden sein, das heißt, es hilft nichts, Versprecher ausfindig zu machen, die beispielsweise einen Laut eines Morphems mit einem anderen Laut eines Folgemorphems vertauschen, falls solche Vertauschungen auch auf höherer Ebene vorkommen, also etwa Taushür statt Haustür aber gleichzeitig auch Zach die Tür mu statt mach die Tür zu oder so etwas. Du müßtest also zeigen, daß ein Versprecher nur über morphologische Einheiten funktioniert, dann hättest Du eine prima Abgrenzung zur Syntax. Oder umgekehrt natürlich. Ferner ist auch immer die Frage, inwieweit dann solche Versprecher auch rein phonologisch erklärt werden können, also etwa über die Silbe.

Viel Erfolg,
Martin

Hallo Martin,

ich danke für die schnelle - und schlüssige Antwort. Ich glaube, du hast recht in dem, was du schreibst. Und inzwischen vermute ich auch, dass für Versprecher die Trennung Morpho-Syntax keine Bedeuntg hat, bzw. keinen Aufschluss darüber liefern kann, da in der Versprecherforschung immer von morphosyntaktischen Versprechern gesprochen wird.

Dennoch danke für den Austausch!
Anna

Hallo,

ich danke für die schnelle Antwort!

Ich stimme mit Ihnen überein, dass Versprecher sowohl syntaktische als auch morphologische Einheiten betreffen können. Meine Überlegung war jedoch, ob sie ein Mittel sind, um zwischen diesen zu unterscheiden. Inzwischen vermute ich, dass für Versprecher die Trennung Morpho-Syntax keine Bedeuntg hat, bzw. keinen Aufschluss darüber liefern kann, da in der Versprecherforschung immer von morphosyntaktischen Versprechern gesprochen wird.

Ich danke herzlich für den Austausch,
Anna

Hallo Abbionline,

da haben Sie sich aber ein prima Thema für Ihre Dissertation ausgesucht, d. h. es gibt kaum Literatur dazu…:wink: Jedenfalls habe ich speziell zu diesem Themenbereich keine gefunden. Aber das kann ja nur von Vorteil sein. Schließlich soll die Diss. ja eine eigenständige geistige Leistung sein.

Aber Spaß beiseite, ich finde das Thema wirklich interessant. Welche Sprache(n) behandeln Sie denn? Möchten Sie auch Sprachdaten von Aphasikern einbeziehen? Die sind ja oft mindestens genauso aufschlussreich, wenn es darum geht, Sprachverarbeitung im Gehirn zu untersuchen. Innerhalb welcher Theorie arbeiten Sie eigentlich oder wollen Sie mehrere Theorien vergleichen? Ich habe mal einige Links herausgesucht und hoffe, dass Sie Ihnen weiterhelfen:

http://www.nat-verlag.de/nat_nomina_komposita.php

http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/KogLi/Lehrstuhl_…

Pfau, Roland. 2009. Grammar as Processor: A Distributed Morphology Account of Spontaneous Speech Errors. Amsterdam: Benjamins. (besonders Kap. 2.2.2)

Badecker, William. 2001. Lexical composition and the production of
compounds: Evidence from errors in naming. Language and Cognitive Processes 16 (2001): 337-366.
http://people.pwf.cam.ac.uk/bv230/li8/badecker%20200…

Stiebels, Barbara. 1997. Complex denominal words in German and the morphology-syntax interface. In: Booij, Geert & van Marle, Jaap. Yearbook of Morphology, 1997. Dordrecht: Kluwer.

Ralli/Stavrou. In: Yearbook of Morphology 1997: 243-264.

Beide sind in der Google Books Vorschau einzusehen: http://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=OfjzOP8e8b…

Wenn Sie noch weitere Fragen haben bzw. Anregungen brauchen, schreiben Sie ruhig wieder.

Viel Erfolg schon mal mit Ihrer Dissertation,
viele Grüße,
Jane.

Hallo Jane,

ich danke für die äußerst umfangreiche Antwort!

Ich stimme Ihnen zu, ich finde die Thematik auch äußerst interessant, nur scheine ich mich tatsächlich ein bisschen verzettelt zu haben. Inzwischen vermute ich nämlich, dass Versprecher für die Morphologie-Syntax-Trennung nicht als Evidenzen geeingnet sind, da in der Versprecherforschung immer von Morphosyntax als eine Kategorie gesprochen wird. Die Tatsache, dass es hierzu keine Literatur gibt, scheint also darin begründet zu sein.
Aber es gibt ja zum Glück noch andere spannende Fragen, denen man sich widmen kann. Sprachdaten von Aphasikern bieten sich hierfür auch an, ja. Allerdings liegt mein Interesse doch eher bei den Versprechern, obwohl ich mich in diversen Prüfungen mit Aphasien beschäftigt habe. Letzendlich können beide Gruppen ja ähnliche Einblicke liefern, nämlich die in ein Sprachsystem, das, aus unterschiedlichen Gründen. fehlerhaft ist. So sollten sich ja - hoffentlich - die gleichen Rückschlüsse auf das funktionierende System ziehen lassen.
Ich würde in meinen Überlegungen übrigens im Deutschen und Englischen bleiben, einfach weil ich andere Sprachen nicht ausreichend beherrsche. Aber in Anlehung an Chomsky sollten die unterliegenden Mechanismen ja die gleichen sein - ich bin theoretische Linguistin mit Leib und Seele, die auch ab und zu mal über den Tellerrand schaut…
Innerhalb welcher Theorie ich arbeiten möchte, weiß ich noch nicht wirklich. Wie gesagt - ich stehe noch vollkommen am Anfang, nur muss eben eine Promotionsidee her, sonst stellt mich ja keiner ein…

Ich danke Ihnen auch für die Literaturvoschläge - ich habe schon einmal quergelesen - es sind auch mir bekannte Quellen dabei. Ich finde sie sehr spannend und werde mich in den nächsten Tagen genauer damit befassen.

Und danke auch, für Ihr Angebot, dass ich mich wieder melde.
Liebe Grüße,
Abbi

Leider kann ich zu dieser Fragestellung nicht weiterhelfen.

Besten Gruß, Wolfgang Zimmermann

Hallo,

ich nehme an, die Dissertation soll im Bereich der deutschen Sprachwissenschaft synchron)angesiedelt sein. So richtig klar ist mir die Fragestellung noch nicht: ich nehme an, es geht um sog. okkasionelle Bildungen, also Komposita, die spontan auftreten und noch nicht im Sprachsystem gefestigt sind. Bei z. B. mit Präpositionen verbundenen Komposita könnten hier Probleme der Lexikalisierung gesehen werden. Was soll denn die empirische Basis der Untersuchung sein (Versprecher?)

Herzliche Grüsse

Frank Paulikat

Liebe/-r Experte/-in,

ich habe gerade damit begonnen, mir Gedanken über ein
mögliches Promotionsthema in der Linguistik zu machen. (Ich
stehe also wirklich noch am Anfang.)
Hierzu frage ich mich, ob Versprecherdaten eventuell
Aufschluss geben können über die Morphologie/Syntax
Unterscheidung, also ob bestimmte sprachliche Einheiten, z.B.
Komposita, eher als Wörter oder Phrasen interpretiert werden
können.
Eigentlich bin ich selbst „vom Fach“, habe Linguistik
studiert, nur stehe ich gerade auf dem Schlauch und hoffe auf
eine gedankliche Anregung.

Ich danke herzlich!
Abbionline

Ich danke trotzdem für die Antwort!

Herzliche Grüße,
Abbi

Hallo,

die Diss soll in anglistischer Linguistik (synchron) angesiedelt sein, was ja für die Fragestellung erstmal irrelevant ist, da die Mechanismen ja - hoffentlich - sprachübergfreifend sind.
Allerdings vermute ich inzwischen, dass ich tatsächlich auf dem Holzweg war, sodass ich die Überlegungen neu beginnen werde. Es sollten nämlich Versprecher als Evidenzen herangezogen werden, nur scheinen diese nicht dafü geeignet, da in der Versprecherforschung die Trennung Morpho-Syntax gar nicht vollzogen wird.

Übrigens sind für die Schnittstelle Syntax-Morphologie nicht nur okkasionelle Komposita interssant (mal unabhängig von den Versprechern), sondern auch Sachen wie beispielsweise „jack-in-the-box“. Handelt es sich hierbei um ein Wort oder eine Phrase? Die Meinungen gehen stark auseinander…

Ich danke jedenfalls sehr für die Überlegungen und beginne meine von neuem…

Grüße,
Abbi

Liebe Promovendin/ lieber Promovend in spe,

grundsätzlich wird das sicher gehen. Ob das genügend für eine Dissertation hergibt, dürfte u.a. von der Art und Größe des Korpus abhängen. Populärer Klassiker auf diesem Gebiet ist das Taschenbuch von Helen Leuninger: Reden ist Schweigen, Silber ist Gold. Gesammelte Versprecher. Zürich: Amman 1993. Helen Leuninger hat auch wissenschaftliche Aufsätze dazu publiziert; s.
www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/KogLi/Lehrstuhl_Leuning…

Vielleicht bringt auch dies auf Ideen: http://dgfs.de/verflixt/leseprobe.pdf

Viel Erfolg
Ulrich Schmitz (www.linse.uni-due.de)

Lieber Herr Schmitz,

ich danke für die Anregungen - Helen Leuningers Arbeit ist mir schon ein Begriff.

Inzwischen denke ich, dass Versprecher als Evidenzen nicht geeignet sind, also suche ich weiter nach einem Thema. Es war ja auch nur eine erste Idee.

Mit freundlichen Grüßen,
Abbi

Liebe Abbionline,
sorry, dass meine Antwort solange hat auf sich warten lassen. Deine Frage fällt zwar nicht in meinen Schwerpunktbereich, aber ich werden in den nächsten Tagen versuchen, dir eventuell ausführlicher zu antworten bzw. Rückfragen zu stellen.

Bis dahin viel Erfolg

Antoine

Eine zweite Nachricht
Hallo Abbionline,

wenn ich dich recht verstehe, möchtest untersuchen, wie man auf den eigenen Versprecher korrektiv reagiert. Zum Beispiel ob man in einem Kompositum das ganze Kompositum wiederholt oder nur den Bestandteil des Kompositums, in dem sich der Versprecher ereignet hat. Meinst du das so?
Vielleicht kannst du mir noch etwas ausführlicher beschreiben, was dir vorschwebt, damit ich besser einschätzen kann, ob ich dir Tipps geben könnte.

Viele Erfolg

Antoine

Hallo Antoine,

vielen Dank für deine Reaktion und deine Bemühungen!
Inzischen hat sich die Frage allerdings schon erledigt und ich suche ein alternatives Thema.

Herzliche Grüße,
Abbionline

Das kommt drauf an, was du unter Syntax und Morphologie verstehst.
Versprecher erlauben höchstens Aussagen über die Produktion von Sprache, also was in welcher Reihenfolge beim Sprechen im Gehirn verarbeitet wird.

Die klassischen Bereiche der theoretischen Linguistik versuchen die Struktur der Sprache für sich genommen zu erklären, unabhängig von kognitiven Prozessen. Sie beschreiben einen Zustand, nicht einen Vorgang. (oder versuchen es zumindest…)

Also zurück zur Frage: Wenn du Versprecher im Umfeld der Sprachproduktion suchst, solltest du dich bei Psycholinguisten bzw. Sprachpsychologen erkundigen. Es gibt da sehr viel Literatur zu. Dann kannst du hauptsächlich Fragen beantworten, auf welches sprachliches Wissen beim Sprechen in welher Reihenfolge zugegriffen wird. (also auf morphologisches Wissen wird vor syntaktischem Wissen, wird vor phonologischem Wissen zugegriffen, oder sowas).

Wenn du dagegen etwas über dieses sprachliche Wissen selbst herausfinden willst, sollten sich Versprecher, wenn überhaupt, nur sehr bedingt eignen.