Verstummt

Wählt man einen Beruf, in dem Sprache und Sprechen 90 % der Arbeit ausmacht, sollte man denken, dass man es mit einer sehr gesprächigen und aufgeschlossenen Person zu tun hat. Jedoch gibt es Seiten dieser, die mehr als je zuvor zu Tage treten: nicht nur Momente sondern längere Zeitabschnitte, in der die Person verstummt. Ich versuche, diesen Zustand zu ändern, doch finde keine Möglichkeit, diese Grenze zu überwinden. Ich halte wenig von Oberflächligkeiten und doch finde ich anfangs zu fremden Leuten sehr schnell Kontakt. Nach ein paar Monaten werde ich vorsichtig und erzähle weniger. Sollte es nicht besser umgekehrt sein? Viele Menschen um mich herum stutzen dann, dass ich nicht mehr so viel sage. Hier eine Situation nach einem längeren Referat: Es wurde still um mich nach diesem. Eine sehr gute Note gab’s zwar und natürlich auch etwas positive Kritik. Und doch war ich unzufrieden mit dem Ergebnis… Ich stelle wohlmöglich oft genug zu hohe Ansprüche an mich selbst, anstatt es etwas entspannter angehen zu lassen. Aber ich bin eben sehr ehrgeizig. Auf der anderen Seite bin ich auch derjenige, der nach Vorträgen wie vom Erdboden verschluckt ist. Oft denke ich, ich wäre zu schlecht gewesen. Aber das stimmt nicht, wenn man meine Noten sieht. Ich kann mir nicht erklären, wie’s kommt.
Es kann doch unmöglich sein, dass alles noch vom letzten Jahr herrührt. Vor etwa einem Jahr sah es bei mir ganz anders aus, deshalb erkenne ich mich auch kaum selbst wieder. Es war wahrscheinlich dieses Umfeld: ein junges, dynamisches Unternehmen, wo jeder mit jedem ins Gespräch kommt…
Dann der Schock am Ende der Probezeit: der Ausbildungsplatz ist weg! Im letzten Jahr verlor ich ihn und stand schließlich vor der Entscheidung, in dem selben Metier zu bleiben oder etwas ganz anderes zu tun. Ich entschied mich fürs letztere und bin insgesamt total zufrieden, dass ich mich so entschieden habe, selbst wenn es einige Hürden zu überwinden galt und gilt seitdem. Aber das ist eher sekundär. Eine neue Stadt, neue Leute, das alles tat und tut wirklich gut. Aber weshalb dann diese Stille und Verstummtheit?
Ich bin vielleicht etwas vorsichtiger geworden und auch nicht mehr so naiv, aber dass ich gleich gar kein Wort mehr herausbekomme und mich wie ein kleiner Junge verstecke nach größeren Auftritten?
Am Ende meiner Ausbildungszeit sagte man mir, ich gleiche einem „Professor“, der ab und an etwas zerstreut ist. Der Professor hat schon Ordnung geschaffen - in der Stille :frowning:
Könnt ihr mir helfen, mich selbst zu verstehen? Das bin nicht ich!
Habt ihr eine Idee, wie man diesen Zustand überwinden kann?

Hallo,

als allererstes fällt mir auf, dass Du sehr schön schreiben kannst! Hat Dir das schon mal jemand gesagt. Es liest sich wie ein gut geschriebener Roman.

Wenn der vorherige (fast) Beruf eh nicht das Richtige für Dich war (was war es denn?), dann kann es nicht bedeutend gewesen sein. Jung, dynamisch und kommunikativ - das klingt ein wenig nach Werbeagentur. Viel bla-bla, aber nichts tiefgründiges. Die haben nicht den Mumm gehabt es Dir vorher zu sagen, oder sie wollten die Deadine der Probezeit noch abwarten, weil sie sich nicht sicher waren. Mit großer Sicherheit lag es aber daran, dass Du nicht ins Team gepasst hast. Ist ja nicht so schlimm. Nicht jeder ist ein Herdentier, der sich problemlos überall integrieren lässt. Nun bist Du Logopäde (oder auf dem Weg dahin). Es geht zwar um Sprache, aber doch eher um die Aussprache als um den Inhalt des Gesagten, oder?

Ich sehe keinen direkten Zusammenhang deines Problems und dem Beruf. Wenn die Absage des Ausbildungsplatzes, allerdings so tief verletzt hat, dann solltest Du schon wissen, dass das der Auslöser war Fremden gegenüber erstmal vorsichtiger gegenüber zu treten.
Wie ist es denn in Deinem Freundeskreis?

Viele Grüße
Chili

Wählt man einen Beruf, in dem Sprache und Sprechen 90 % der
Arbeit ausmacht, sollte man denken, dass man es mit einer sehr
gesprächigen und aufgeschlossenen Person zu tun hat

Könnt ihr mir helfen, mich selbst zu verstehen? Das bin nicht
ich!
Habt ihr eine Idee, wie man diesen Zustand überwinden kann?

Lieber CosmicCoincidence
Einen psychologischen Rat kann ich dir nicht geben.
Ich arbeite aber in einer Einrichtung, in der sehr auf gute Kommunikation geachtet wird.
Da ich auch nicht unbedingt extrovertiert bin, musste ich mir einiges aneignen, um mich gut und verständlich mitteilen zu können. Zum Beispiel muss ich einige Sitzungen leiten.
Wie wäre es mit dem Erlernen einiger Gesprächstechniken? Um erstmal die „formale“ Voraussetzung für ein Gespräch zu haben?
Beherrschst du die Kunst des „Small Talk“? Eine gute Einstiegslektüre ist das „Praxisbuch Small Talk“ ISBN 978-38218-5935-4 Buch anschauen aus dem Eichborn-Verlag.
Kann dich so was vielleicht ansatzweise aus deiner Isolation lösen?
Es gibt genug Lektüre über „richtige“ Kommunikation. Als Logopäde kennst du sicherlich das Phänomen „Sprechen“ aus einem therapeutischen Blickwinkel. Sind da andere Aspekte zu kurz gekommen?
Mehr kann ich dir leider nicht bieten.
Viele Grüße
Voltaire

Hallo Matthias,

ich wage mich mal an deinen Wust von Informationen heran.

Der Versuch zu ordnen:
Ein junger Mann, bei dem sich im letzten Jahr viel verändert hat…
Zuvor:

ein junges, dynamisches Unternehmen, wo jeder mit jedem ins Gespräch kommt…

war Kommunikation kein Thema für dich,
dann hast du deinen Ausbildungsplatz verloren, dich in der Folge beruflich neu orientiert, die Stadt und deine Freunde gewechselt.
Nun bist du zwar glücklich über deine Entscheidung, allerdings verwundert über

diese Stille und Verstummtheit

die sich darin äußert, dass

(es) längere Zeitabschnitte (gibt), in der (du verstummst)

und darin, dass du

anfangs zu fremden Leuten sehr schnell Kontakt (findest), (jedoch) nach ein paar Monaten vorsichtig (wirst) und weniger (erzählst).

Du erkennst dich

kaum selbst wieder,

versuchst

diesen Zustand zu ändern, doch finde(st) du keine Möglichkeit, diese Grenze zu überwinden.

Die Antwort darauf, was bei dir passiert (ist), gibst du dir m.E. bereits selbst. Du hast dich verändert und mir erscheint es, als hättest du ein Stück weit mehr zu dir selbst gefunden.

Ich bin vielleicht etwas vorsichtiger geworden und auch nicht
mehr so naiv

Das bedeutet doch auch, nicht mehr im Trubel blind mitzumischen, sondern sich etwas zurückzuziehen, das Geschehen erstmal von außen zu betrachten und sich im Stillen Gedanken darüber zu machen.
Ebenfalls: neu zu betrachten, neu einzuordnen und neu zu bewerten, wie man selbst dazu steht. Auch hierzu bedarf es Stille, was nichts anderes bedeutet als eine innere Ruhe, aus der heraus man sein Umfeld, sein Erleben wahrnimmt:

Der Professor hat schon Ordnung geschaffen - in der Stille :frowning:

Bitte kein :frowning: sondern ein :smile: !

Ich halte wenig von Oberflächigkeiten

Jeder, der nicht gerne an der Oberfläche kommuniziert, hat Phasen des Schweigens.
Dass du dich erst öffnest und dich dann zurückziehst, deute ich ebenfalls positiv.
Es klingt für mich, als würdest du dich deinen Mitmenschen gegenüber öffnen und dich erst dann, wenn du feststellst, dass keine gemeinsame Ebene gefunden wird, verschließen.
Dass du es nicht schaffst, den Zustand zu verändern, liegt m.E. nach daran, dass du deinem Ich zuwider handeln würdest, gelänge es dir.

Das bin nicht ich!

fühlst du, denkst du zurzeit, weil du dich so nicht kennst. Aber es gibt kein Ich mit lauter Anteilen, die alle miteinander harmonisieren, sondern viele verschiedene Seiten in dir, die sich widersprechen, die sich verändern, die noch wahrgenommen werden wollen…
Ob die Schweigsamkeit nun ein Teil von dir ist oder nur eine Phase ist egal, wichtig ist, dass du sie annimmst und nur dann kann sie wieder gehen oder du dich mit ihr aussöhnen als Teil von dir.
Und: wer außer du soll es denn sonst sein, der so ist? :wink:

Hierzu:

Wählt man einen Beruf, in dem Sprache und Sprechen 90 % der
Arbeit ausmacht, sollte man denken, dass man es mit einer sehr
gesprächigen und aufgeschlossenen Person zu tun hat.

denke ich, sich darüber den Kopf zu zerbrechen ist m.E. vergebliche Liebesmüh´. Beruf und Privatleben triften häufig weit auseinander:
Die meisten Pädagogen sind nicht in der Lage (gut) zu kommunizieren und ihr Verhalten zu reflektieren, obwohl sie dies gelernt haben. Die meisten Ärzte rauchen und saufen, obwohl sie besser wissen müssten. Clowns sind angeblich in ihrem Alltag recht traurige Persönlichkeiten…

Für mich hört sich das Ganze nicht verkehrt an, eher wie ein neuer Lebensweg.

Alles Gute, liebe Grüße,
jeanne