Hallo,
vorneweg ich würde gerne zur Diskussion anregen und eure Sichtweise zu diesem Thema erfahren.
Aus meiner Sicht ist das System der Vertrauensarbeitszeit in den Wirtschaftsbetrieben ein Trick Arbeitnehmer „auszubeuten“. Warum:
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In den Zeiten vor der Vertrauensarbeitszeit hat man seine Arbeitskraft für 8 Stunden seinem Arbeitgeber verkauft. Extra Arbeit wurde extra bezahlt. Außerhalb seiner Arbeitszeit war der Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber gegenüber keinerlei Rechenschaft schuldig. Die Zeit stand ihm FREI zur Verfügung.
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(Subjektive Sicht von mir und deshalb zur Diskussion freigegeben) Im Rahmen der Einführung der Vertrauensarbeitszeit vermittelt man den Arbeitnehmern, dass man Vertrauen zu ihnen hat und sie deswegen nur in bestimmten Präsenzphasen im Betrieb braucht, unter der Vorraussetzung, dass die zu bearbeitenden Projekte termingerecht fertiggestellt sind. Nun wird die Bearbeitungszeit für ein Projekt(eine Unterstellung von mir)so knapp bemessen, dass es nicht möglich ist dieses mit einer Arbeitsbelastung von 8 Stunden am Tag fertig zu stellen, so dass ich meine Arbeit mit nach Hause nehmen MUSS. (Bis zu diesem Punkt leuchtet mir das System ja noch ein)NUN aber, weil der Arbeitgeber ja dem Arbeitnehmer Vertrauen SCHENKT freut sich der Arbeitnehmer über dieses so sehr, dass er die Arbeit bereitwillig nach Hause mitnimmt und froh darüber ist so einen tollen Arbeitgeber zu haben.
Fazit für mich: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind froh, wobei der Arbeitnehmer „ausgebeutet“ wird.
Meine Fragen:
- Was sehe ich falsch?
- Wird das Prinzip des Vertrauens durch den Arbeitgeber ausgenutzt?
- Gibt es so etwas bei Euch im Alltag?
- Worüber, außer das er bei dieser Arbeitsmarktlage einen Job hat, sollte sich jemand der sich in solch ein System begibt freuen?
Bin gespannt ob sich jemand von Euch auf das Thema einlässt und wie. Viel Spass beim Grübeln und Argumentieren.
Mathes
Hallo,
mal von der Psychologischen Seite abgesehen, ist es nicht so, dass so eine Vertrauensarbeitszeit eher Mitarbeiter in höheren Positionen haben? Bei uns ist dies zumindest so. Diese Führungskräfte haben eine Vertrauensarbeitszeit, da man sowieso davon ausgeht, dass sie mit ihrer Arbeitszeit höher liegen als 40 Stunden die Woche. Dafür bekommen sie ein ziemlich hohes Gehalt. Ich kenne es aus mehreren Firmen so.
Jetzt bin ich allerdings auch auf die Psychologische Sichtweise gespannt.
Gruß
Phoebe
Hallo,
wir haben diese Vertrauensarbeitszeit. Und es funktioniert gut.
Das kann aber auch daran liegen, daß wir „in ´us Fabrik“ eine besondere Kultur miteinander pflegen.
Nehmen wir mich als Beispiel.
Ich bin „Technical Sales and Marketing Manager“ was bedeutet, daß ich Kunden auf technischer und wenn es sein muß auch kaufmännischer Ebene berate und betreue. Das umfaßt Vorträge, Kundenbesuche, Beanstandungsmanagement, Kontakt zur Anwendungstechnik, zur F&E, zur Auftragsbearbeitung, zur Finanzbuchhaltung, zum Umweltschutz, zur Arbeitssicherheit, zu den Betriebslaboratorien etc. pp. Und auch Dienstreisen. Niemand fragt danach oder gibt mir etwas, wenn ich wie in der kommenden Woche meine Reise am Sonntag mittag antrete. Oder erst spät am Abend nach hause komme. oder meine Berichte und Projekte abends um 22:00 bearbeite (zugegebenermaßen in der Hotelbar, die Drinks zahle ich aber privat).
Es interessiert aber auch nicht, wenn ich, wie in den letzten Wochen öfter mal, um 15:00h Feierabend mache um mein Gartenhaus vor dem Winter fertig zu stellen. Oder zwei Stunden Mittagspause nötig sind, weils beim TÜV länger dauert. Natürlich muß ich mich absprechen, denn wir müssen eine gewisse Erreichbarkeit bitene. Aber das ist kein Problem.
Was ich sagen will: Das System kann für alle ein großer Gewinn sein, da es Freiheiten und Flexibilität bringen kann. WIE es aber angewendet wird ist eine Frage der Unternehmenskultur. Ist die was für´n *****, dann wird auch ein starres System von der einen oder anderen Seite mißbraucht. Es fordert Führung und Verantwortung, dann klappt es gut.
Ich möchte es nicht mehr missen.
Gruß
BeLa
hi Mathes!
Gegenfrage: Siehst du da überhaupt was falsch!
Meiner Ansicht nach liegst du da gar nicht so falsch!
Jedoch zur Frage, ob dass Vertrauen des Arbeitnehmers missbraucht wird : Dass sehe ich wieder etwas anders.
Denn der Arbeitnehmer freut sich, da ihm dass Gefühl gegeben wird „gebraucht“ zu werden, selbstständig Arbeiten zu können, dass ihm einfach vertraut wird. Und ich bin mir sicher, dass viele Chefs wirklich dieses Vertrauen zum Mitarbeiter aufbauen.
Nur der Preis für diese Freiheit ist wie von dir schon angesprochen, dass man in Summe warscheinlich länger arbeiten muss.
Ich finde, dass ist eher ein kleiner Trick, die Produktivität anzukurbeln.
Ich finde dass das „immer“ schon so war, bezogen jetzt auf kleine und grosse Betriebe:
In kleinen Firmen wird darauf geschaut, die bekommenen Aufträge schnellstmöglich und Termingerecht abzuliefern, in grossen Betrieben jedoch (wie ich in einer bin), bringen nur die Stunden das Geld, egal ob du was gemacht hast, oder nicht.
Ich finde, diese Vertrauensarbeitszeit hat wie so vieles im Leben Vor- und Nachteile, die es abzuwiegen gilt.
Für mich persönlich glaub ich wär dass gar nicht so schlimm, denn erstens vergeht die Zeit, und dass Gefühl, dass einem vertraut wird und dass man gebraucht wird ist gegen Geld nicht zu ersetzen.
Wie gesagt, dass ist meine Meinung, bildet euch euer eigenes Urteil.
Schöne Grüsse, Rudi
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Aus meiner Sicht ist das System der Vertrauensarbeitszeit in
den Wirtschaftsbetrieben ein Trick Arbeitnehmer „auszubeuten“.
Meiner Meinung nach hast Du die Anführungszeichen im Betreff ganz zu Recht gemacht. Der Begriff „Vertrauensarbeitszeit“ ist ein Psychospiel, muss aber nicht unbedingt ernst genommen werden. Um welches Vertrauen soll es denn da gehen. Die Realität des heutigen Arbeitsmarktes sieht so aus, dass sowohl auf Seiten der Firmen wie auch bei den Arbeitnehmern der Großteil kompromisslos egoistisch ist. Den sicheren Job auf Lebenszeit gibt es ebenso wenig wie die selbstlose Aufopferung für die Firma. Den diskutierten Begriff halte ich insofern für albern.
Die prinzipielle Behauptung, der Arbeitnehmer würde ausgebeutet, geht mir aber zu weit. Die Vertrauensarbeitszeit umschreibt nicht mehr als einen Modus, das Arbeitsverhältnis zu organisieren. Ob sie überhaupt sinnvoll ist, und wer welchen Vorteil davon hat, hängt stark vom Einzelfall ab.
Ich persönlich bin eigentlich freiberuflich tätig, werde aber von einer Firma dauerbeschäftigt. Damit liegt mein Arbeitsverhältnis näher an der Vertrauensarbeitszeit als an einer gewöhnlichen Anstellung.
Ich genieße die Möglichkeit, mir größtenteils die Arbeitszeiten selbst abgrenzen zu können. Obwohl ich oft über 50 oder 60 h komme (ich habe allerdings keine Familie), empfinde ich subjektiv, mehr Freizeit zu haben. Gleichzeitig ist es für mich deutlich profitabler (was aber auch ein Unterschied zur „richtigen“ Vertrauensarbeitszeit sein könnte).
Hallo Mathes,
ehrlich gesagt würde ich im Moment sehr viel dafür geben, kein rigides Arbeitszeitmodell zu haben.
Ich muss(!) um 18h nach Hause. Ich darf nicht länger als im Schnitt 40h/Woche da sein. Und ich muss darin Vorbild sein, da ich Führungskraft bin. Das setzt mich persönlich massiver unter Druck, als ein paar Stunden mehr zu arbeiten.
Das ist meine persönliche Meinung und sicher nicht verallgemeinerungsfähig. Ich bin dabei sicher niemand, der zur Selbstausbeutung neigt. Aber ein bisschen mehr Freiheit(!) würde ich mir wünschen, da ich durchaus Verantwortung für mich und meine Zeit übernehmen kann (und dafür auch ausreichend bezahlt werde).
Grüße
Jürgen
Danke für die unterschiedlichen Sichtweisen, helfen mir in Teilbereichen gut weiter.
Mathes