Herzlichen Dank an alle - ich habe die gesuchte Übersetzung gefunden, sie stammt von Walter Widmer. Ich möchte sie Euch nicht vorenthalten:
_Zur Zeit, da Alexander noch die Welt regiert
Ward ihm ein Mann in schweren Ketten vorgeführt
An Hand und Daumen eng und roh gebunden wie ein Dieb
Man hatte ihn ergriffen und gefasst auf frischer Tat
Er war ein Kerl mit Namen Diomedes, ein Pirat
Der weithin auf dem Meer sein Räuberhandwerk trieb
Den zerrte roh der Knechte Rotte vor des Königs Thron
Damit er hier empfange seinen wohlverdienten Lohn
Der König blickt den Seepiraten an und spricht ergrimmt:
„Warum bist du ein Räüber, sprich - ein feiger Dieb?“
Darauf versetzt der Andre finster, trotzig und bestimmt:
"Warum schiltst du mich einen Räuber - Herr, vergib
Die Gegenfrage - ist’s, weil diese schwache Barke,
Mein Schifflein dort, das Meer nicht recht geheuer macht?
Oh König, hätt ich Waffen so wie du und starke
Armeen, ich würde Sieger bleiben in der Schlacht.
Gleich dir würd ich als König hoch geehrt
Doch führte mich mein Schicksal halt auf anderen Wegen
Es hat mir stets nur Unglück, Pech und harte Not beschert
was willst du, Herr - kein Mensch vermag etwas dagegen.
So halt mir das zugut, oh Herr, lass Gnade walten,
Üb Nachsicht mit mir, sei barmherzig, deine Huld versage nicht
dem Missetäter, deinem schlechten Knecht. Und wisse nur:
Mein Unstern trägt allein die Schuld. Wo bittre Armut herrscht,
Gilt nicht Gesetz noch Recht, denn:
Not kennt kein Gebot - so lehrten schon die Alten."
Als Alexander alles, was der Räuber vorgebracht
Sich reiflich überlegt und hin und her bedacht
Sprach er: „Ich will dein widrig Los zum Guten wenden.“
So tat er auch - seither verübte nirgendwann
der Räuber Missetaten, sondern ward ein Ehrenmann.
Valerius gab uns die schöne Mär bekannt -
der Große wurde er im alten Rom genannt
Ja, hätte Gott, der Herr des Himmels voll Erbarmen
Mir einen König zugeführt, in dessen Armen
Ich Frieden hätte finden dürfen, Trost und Glück
Und wäre ich sodann in Sünd und Not zurückgefallen
Hätt ich zum Galgen, Rädern, samt dem Feuertod
mit eignem Munde mich verdammt.
Not lehrt die Menschen lügen, stehlen, morden
Und Hunger treibt die Wölfe aus dem Wald in Horden._
Bei Valerius Maximus habe ich die Geschichte freilich nicht gefunden. Dafür ist sie bei Cicero (danke an Stefan für die Fundstelle) schön pointiert:
Denn als man ihn fragte, von welcher Verruchtheit getrieben er mit einem Kaperschiff das Meer gefährlich mache, sagte er: „Von derselben, von der du den Erdkreis“.
Freundliche Grüße,
Ralf