Villon-Übersetzung

Hallo und guten Morgen,
ich bin auf der Suche nach einer bestimmten deutschen Übersetzung von Villons ‚Großem Testament‘. Speziell geht es mir dabei um die beiden folgenden Strophen:

Ou temps qu’Alixandre regna,
Ungs homs nommé Dïomedés
Devant lui on lui admena,
Engrillonnné pousses et detz
Comme larron, car il fut des
Escumeurs que voyons courir;
Sy fut mis devant ce cadés
Pour estre jugiez a mourir.

L’empereur si l’araisonna:
„Pourquoy es tu laron en mer?“
L’autre responce lui donna:
"Pourquoy laron me faiz clamer?
Pour ce qu’on me voit escumer
En une petïote fuste?
Se comme toy me peusse armer,
Comme toy empereur je feusse.

Mir ist lediglich noch der Beginn der Übersetzung im Gedächtnis:

Zur Zeit, als Alexander noch die Welt regiert,
ward ihm ein Mann in Ketten vorgeführt
mit Namen Diomedes, ein Pirat …

Also bitte nicht die Übersetzung von Paul Zech, die ich im Übrigen für ziemlich ‚daneben‘ halte - die ist es nicht …

Freundliche Grüße,
Ralf

Moin, moin Ralf,

meine große Villon-Ausgabe finde ich gerade nicht, so muß ich zu der hier greifen:
Nora Urba, Francois Villon, Leben und Werk. Bauer Verlag Klagenfurt o.J.

Darin übersetzt sie einige Gedichtwe, u.a. auch „Das Testament“, in dem die beiden Strophen vorkommen:

Als Alexander noch regierte,
man einen Mann, den Diomed,
in Eisenketten vor ihn führte,
daß er sein Urteil hören tät,
weil er ein Dieb war und Pirat,
der raubend sich zur See vergangen,
und nun vor seinen Richter trat,
das Todesurteil zu empfangen.

Der Kaiser herrscht’ ihn also an:
„Warum bist du Pirat geworden?“
Zur Antwort gab ihm da der Mann:
"Du wirfst mir vor, am Meer zu morden?
Saß auf der See wir raubend fahren
in einem kleinen Segelboot?
Hätte ich deine Kriegerscharen,
Kaiser wär’ ich wie du, bei Gott!

Was willst du noch? Denn mein Geschick,
wie käme ich dagegen an,
es läßt im Stiche mich im Glück
und treibt mich auf die schiefe Bahn.
Entschuld’ge mich auf keinen Fall,
doch wisse, daß die Armut nie

  • du hörst die Antwort überall -
    nach Rechten fragt, nach wo, noch wie."

Als sich der Kaiser nun besonnen,
bedacht, was Diomed gesagt:
„Ab heute hat dein Glück begonnen,
vorüber ist, was du beklagt.“
Der Kaiser griff alsbald zu Taten,
der Räuber wurde gut und fromm,
Valerius hat es uns verraten,
den man den Großen nennt in Rom.

Warum konnt Gott mir nicht gewähren
solch einen milden Alexander?

Gruß - Rolf

Danke Rolf,
zwar nicht genau das, was ich suchte, aber schon sehr viel besser als Zech …

Freundliche Grüße,
Ralf

Da hab ich auch noch eine.
Aus „Die sehr respektlosen Lieder des Francois Villon“ Übertragung von K. L. Ammer. Reclam, Leipzig 1990

Als Alexander noch regiert,
da ward vor ihn ein Mann geführt,
mit Namen Diomedes, Hand
und Fuß in Fesseln eingespannt
wie einem Dieb, er war Pirat.
So brachte man den Mordgesellen
dem König, seiner Missetat
gerechten Todesspruch zu fällen.
 

Der König fragte nun den Mann:
"Warum bist du Pirat, sag an?"
Da sprach der andre auf die Frage:
"Was nennst Du mich Piraten, sage?
Weil ich mit meinem Boot ein wenig
die Meere säubre und die Küsten?
Könnt ich wie du zum Kriege rüsten,
dann wäre ich wie du ein König.

Grüße
Barbara

Ergänzung
Hallo zusammen,

eine Übersetzung kann ich zwar nicht beisteuern, aber vielleicht ist es wissenswert, wo diese Episode in der Literatur noch anzutreffen ist. Cicero hat sie in „De re publica“ (3,14) und Augustinus hat sie in „De civitate dei“ (IV, 4-6)

Viele Grüße
Stefan

Herzlichen Dank an alle - ich habe die gesuchte Übersetzung gefunden, sie stammt von Walter Widmer. Ich möchte sie Euch nicht vorenthalten:

_Zur Zeit, da Alexander noch die Welt regiert
Ward ihm ein Mann in schweren Ketten vorgeführt
An Hand und Daumen eng und roh gebunden wie ein Dieb
Man hatte ihn ergriffen und gefasst auf frischer Tat
Er war ein Kerl mit Namen Diomedes, ein Pirat
Der weithin auf dem Meer sein Räuberhandwerk trieb
Den zerrte roh der Knechte Rotte vor des Königs Thron
Damit er hier empfange seinen wohlverdienten Lohn

Der König blickt den Seepiraten an und spricht ergrimmt:
„Warum bist du ein Räüber, sprich - ein feiger Dieb?“
Darauf versetzt der Andre finster, trotzig und bestimmt:
"Warum schiltst du mich einen Räuber - Herr, vergib
Die Gegenfrage - ist’s, weil diese schwache Barke,
Mein Schifflein dort, das Meer nicht recht geheuer macht?
Oh König, hätt ich Waffen so wie du und starke
Armeen, ich würde Sieger bleiben in der Schlacht.

Gleich dir würd ich als König hoch geehrt
Doch führte mich mein Schicksal halt auf anderen Wegen
Es hat mir stets nur Unglück, Pech und harte Not beschert
was willst du, Herr - kein Mensch vermag etwas dagegen.
So halt mir das zugut, oh Herr, lass Gnade walten,
Üb Nachsicht mit mir, sei barmherzig, deine Huld versage nicht
dem Missetäter, deinem schlechten Knecht. Und wisse nur:
Mein Unstern trägt allein die Schuld. Wo bittre Armut herrscht,
Gilt nicht Gesetz noch Recht, denn:
Not kennt kein Gebot - so lehrten schon die Alten."

Als Alexander alles, was der Räuber vorgebracht
Sich reiflich überlegt und hin und her bedacht
Sprach er: „Ich will dein widrig Los zum Guten wenden.“
So tat er auch - seither verübte nirgendwann
der Räuber Missetaten, sondern ward ein Ehrenmann.
Valerius gab uns die schöne Mär bekannt -
der Große wurde er im alten Rom genannt

Ja, hätte Gott, der Herr des Himmels voll Erbarmen
Mir einen König zugeführt, in dessen Armen
Ich Frieden hätte finden dürfen, Trost und Glück
Und wäre ich sodann in Sünd und Not zurückgefallen
Hätt ich zum Galgen, Rädern, samt dem Feuertod
mit eignem Munde mich verdammt.
Not lehrt die Menschen lügen, stehlen, morden
Und Hunger treibt die Wölfe aus dem Wald in Horden._

Bei Valerius Maximus habe ich die Geschichte freilich nicht gefunden. Dafür ist sie bei Cicero (danke an Stefan für die Fundstelle) schön pointiert:

Denn als man ihn fragte, von welcher Verruchtheit getrieben er mit einem Kaperschiff das Meer gefährlich mache, sagte er: „Von derselben, von der du den Erdkreis“.

Freundliche Grüße,
Ralf