Viren

Derzeit wird viel über die Vogelgrippe geredet.
Dabei kam bei mir die Frage auf:
Wie lange überlebt (ist ansteckend) eigentlich ein Virus, wenn er aus seiner Nährumgebung entfernt ist. Wenn er z.B. auf einem metallischen Gegenstand gelandet ist.
Welchen Einfluß hat dabei die Temperatur, Luftfeuchtigkeit usw.?

Hi Wolfgang,

Wie lange überlebt (ist ansteckend) eigentlich ein Virus,

wie lang ist ein Seil?

Es gibt Viren, die nach wenigen Minuten nicht mehr ‚lebendig‘ sind, andere können monatelang oder über Jahre irgendwo herumliegen und bei günstigen Bedingungen wieder aktiv werden.
Dito bei Bakterien.

Gandalf

In der Regel kann sich ein Virus überhaupt nicht außerhalb des Nährmediums halten, im Gegensatz zu vielen Bakterien.
Ein Tuberkel-Bazillus hockt munter in dem ausgespuckten Tropfen und wartet ein paar Stunden auf den nächsten Menschen, der ihn aufschlabbert (vom Teller o.ä.). Das kann das gemeine Virus nicht. Es bringt gerade noch den Dalto mortale einer Tröpfchen-Infektion zustande, so von face to face, wenn Du verstehst, was ich meine.
Aber dafür kann man die Bakterien mit Antibiotika killen, was wiederum bei den Viren nicht funktioniert. So hat (fast) alles seine Vor- und Nachteile. :wink:
Gruß,
Branden

Hallo Gandalf

Es gibt Viren, die nach wenigen Minuten nicht mehr ‚lebendig‘
sind, andere können monatelang oder über Jahre irgendwo
herumliegen und bei günstigen Bedingungen wieder aktiv werden.
Dito bei Bakterien.

Ich hab mal dazu ne Frage:
Ich war mal bei einer Ausgrabung eines mehrere hundert Jahre alten Brunnens (der noch vor hunderten von Jahren zur Kloake wurde) dabei. Nicht dabei, aber bei anderen Ausgrabungen socher Kloakenbrunnen hat man schon im Schmutz mumifizierte Katzen mit Fell und so (im noch immer schlammigen und echt übel riechendem Milieu) gefunden. Mir wurde gesagt, solche Kloaken (und ich denke auch die Katzen wurden dabei erwähnt) könnten noch immer starke Keimträger sein. Hältst du das für realistisch?

VG, Stefan

Hallo Wolfgang,

1991 machte eine Gruppe um den US-Forscher Brown einen mehrjährigen Versuch, in dem virusbefallenes Gewebe in die Erde eingegraben und den Elementen preisgegeben wurde (!). Die Viren überlebten dies.

Quelle:
Brown P, Gajdusek DC. Survival of scrapie virus after 3 years’ interment. Lancet. 1991 Feb 2;337(8736):269-70.

Viele Grüße,
Sam

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Hallo Sam,

Brown und Gajdusek haben dieses Experiment laut des Artikels in Lancet am Scrapie-Virus durchgeführt. Dieser Virus ist doch aber nicht der Vogelgrippe-Virus, oder? Sind diese Ergebnisse dennoch übertragbar?

Es grüßt Dich herzlich

Oliver

Hallo Oliver,

zum Vogelgrippevirus existieren bislang zu wenige Informationen, als dass Überlebensdauern des Virus und Übertragungsraten auf den Menschen abgeschätzt werden können. Perdue und Swayne (Public health risk from avian influenza viruses. Avian Diseases 2005 Sep;49(3):317-27) gehen in dem aktuellsten Artikel dazu davon aus, dass eine Verseuchung asiatischer Tiere durch überlebende Viren früherer Erkrankungen in diesem Gebiet möglich sei, es aber noch großen Forschungsbedarf gibt.
Matsui (Protecting human and ecological health under viral threats in Asia. Water Sci Technol. 2005;51(8):91-7.) hat die Theorie aufgestellt, dass mangelnde Hygiene und enges räumliches Zusammenleben von Menschen, Nutztieren wie Schweinen und erkrankten Vögeln wie Hühnern das größte Sicherheitsrisiko darstellen. Mannelli und Kollegen hingegen stellen in einer Analyse des italienischen Ausbruchs '99-2000 derzeit fest (Analysis of the 1999-2000 highly pathogenic avian influenza (H7N1) epidemic in the main poultry-production area in northern Italy. Prev Vet Med. 2005 Oct 19), dass auch über relativ große Entfernungen Übertragungen zwischen Vögeln verschiedener Betriebe auftraten.

Mein Beispiel des Scrapie-Virus sollte dem Fragesteller - der die Frage allgemein gestellt hat - aufzeigen, dass Viren entgegen der Meinung von anderen Postern, sehr wohl längere Zeit unter widrigen Umständen überleben können und dadurch wohl auch durchaus in der Lage sind Gebiete kontaminieren, auch wenn der letzte Krankheitsfall lange zurückliegt.

Herzliche Grüße,
Sam

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Hallo Sam,

vielen Dank für die ausführliche Antwort.

Herzliche Grüße,

Oliver

Viren Prionen

Brown und Gajdusek haben dieses Experiment laut des Artikels
in Lancet am Scrapie-Virus durchgeführt. Dieser Virus ist doch
aber nicht der Vogelgrippe-Virus, oder?

Soweit ich weiß, ist der Erreger von Scrapie (bzw. beim Menschen BSE) gar kein Virus, sondern ein Prion. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Viren sind wesentlich komplexer, besitzen DNA (Erbinformation), verschiedene Eiweise, Glycane usw., je nach Virustyp eine recht komplexe Struktur. Dadurch sind sie auch angreifbarer durch Umwelteinflüsse. Ich denke, gerade Grippeviren (einschließlich der Vogelgrippe) gehören zu den Viren, die außerhalb des Körpers nicht sehr lange überleben. Nach einigen Stunden oder spätestens Tagen sind sie sicher durch die natürliche UV-Strahlung und natürliche chemische Vorgange zerstört. Andere Viren, wie z.B. diverse Pflanzenviren sind sicher etwas wiederstandsfähiger. Überleben und sterben sind jedoch für Viren keine passenden Begriffe, denn diese leben ja nicht. Es sind lediglich organische Matritzen, welche quasi „aus Versehen“ von der Zelle vervielfältigt werden, wenn sie in diese eindringen. Prionen sind keine Viren, sondern einfache Eiweismoleküle ohne Erbinformation oder sonst irgendwelche komplexen, fragilen Strukturen, die leicht zu beschädigen wären. Deshalb sind sie schwer zerstörbar, in gewissen Grenzen hitze- und UV-resistent und selbst unter widrigen Bedingungen lange haltbar.

LG, Jesse

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Hallo,

Soweit ich weiß, ist der Erreger von Scrapie (bzw. beim
Menschen BSE) gar kein Virus, sondern ein Prion.

ja, Du hast Recht (auch wenn BSE sich auf das Rind bezieht und die Bezeichnung für die Krankheit ist: bovine spongiforme encephalitis. Beim Menschen ist es eine Variante von M. Creutzfeld-Jakob). Der Lancet-Artikel, in dessen Titel von einem „Scrapie-Virus“ die Rede ist, ist schon von 1991, wie ich sehe. Die Prionhypothese ist zwar etwas älter, wurde aber wohl lange Zeit kritisch betrachtet und zugunsten einer Virustheorie zurückgestellt. Daher stammt vermutlich die Bezeichnung „Scrapie-Virus“ in dem Lancet-Artikel. Insofern sind die Ergebnisse dieses Beitrages wohl nicht auf die Vogelgrippe übertragbar.

Beste Grüße,

Oliver Walter

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Ich war mal bei einer Ausgrabung eines mehrere hundert Jahre
alten Brunnens (der noch vor hunderten von Jahren zur Kloake
wurde) dabei. Nicht dabei, aber bei anderen Ausgrabungen
socher Kloakenbrunnen hat man schon im Schmutz mumifizierte
Katzen mit Fell und so (im noch immer schlammigen und echt
übel riechendem Milieu) gefunden. Mir wurde gesagt, solche
Kloaken (und ich denke auch die Katzen wurden dabei erwähnt)
könnten noch immer starke Keimträger sein. Hältst du das für
realistisch?

Hallo,
ja, ist bedingt realistisch.
Wenn die Katzen oder was auch immer da unten vor sich rumgammelt mumifiziert sind, schränkt dass das zu erwartende Keimspektrum ein. Umweltempfindliche Bakterien sollten kaum noch vorhanden sein, so genannte Sporenbildner aber (Bacillus und andere) halten sich an so einem Substrat hervorragend. Inwieweit das dann humanpathogene Sachen sind bleibt Spekulation. Da müsste man so einen Kadaver halt mal gezielt auf seine Keime untersuchen.
Viele Grüße,
Oliver

Hi Branden,
soweit o.K., aber ein paar kurze Anmerkungen:

In der Regel kann sich ein Virus überhaupt nicht außerhalb des
Nährmediums halten,

pauschal nicht richtig. Man unterscheidet umhüllte und nackte Viren, letztere schaffen schon einige Zeit (frag mich jetzt nicht wie lange genau) außerhalb ihrer Wirtszelle).

im Gegensatz zu vielen Bakterien.
Ein Tuberkel-Bazillus hockt munter in dem ausgespuckten
Tropfen und wartet ein paar Stunden auf den nächsten Menschen,
der ihn aufschlabbert (vom Teller o.ä.).

Bitte nich falsch verstehen: dadurch kommt es nicht zu einer TB! Der Infektionsweg läuft über feinste Aerosole. Aber leben können die Biester in so einem Klumpen Sputum tatsächlich ne Weile.

Das kann das gemeine
Virus nicht. Es bringt gerade noch den Dalto mortale einer
Tröpfchen-Infektion zustande, so von face to face, wenn Du
verstehst, was ich meine.

Aber dafür kann man die Bakterien mit Antibiotika killen, was
wiederum bei den Viren nicht funktioniert.

Aber man auch Viren ganz gut per Flächendesinfektion den Garaus machen…

Viele Grüße,
Oliver

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Brown und Gajdusek haben dieses Experiment laut des Artikels
in Lancet am Scrapie-Virus durchgeführt. Dieser Virus ist doch
aber nicht der Vogelgrippe-Virus, oder? Sind diese Ergebnisse
dennoch übertragbar?

Ähhm, das „Scrapie-Virus“ ist ein Prion , damit ein infektiöses Eiweißpartikel. Ich glaub nich, dass man da einen direkten Vergleich mit der Tenazität (Fähigkeit die Virulenz und Infektiösität außerhalb des Wirtes zu erhalten) der Viren herstellen kann.
Gruß, Oliver

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Ähhm, das „Scrapie-Virus“ ist ein Prion ,

Weißt Du denn auch, warum in Lancet 1991 noch von einem Scrapie-Virus die Rede ist? Wenn nicht, schau doch mal weiter unten im Thread.

Ähhm, das „Scrapie-Virus“ ist ein Prion ,

Weißt Du denn auch, warum in Lancet 1991 noch von einem
Scrapie-Virus die Rede ist? Wenn nicht, schau doch mal weiter
unten im Thread.

…ich hatte nicht alle Beiträge im Thread gelesen. Daher die im Zusammenhang gesehen etwas voreilige Bemerkung. Sorry!
Viele Grüße,
Oliver

Hallo Jesse Bee,

Du hast natürlich recht, aber es existiert die von Dr. Walter bereits genannte Diskussion, die zu den entsprechenden Artikeln mit der Beschreibung der Krankheitserreger als Viren führt(e). Danke für die ausführliche Beschreibung der Unterschiede zwischen Prionen und Viren.

Viele Grüße,
Sam

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