Servus!
„Was wäre gewesen wenn…“ - diese Frage verbietet sich eigentlich von selbst - es war eben nicht so.
In meinem Geschichtsstudium kam schon in der allerersten Vorlesung der Satz: „Diese Frage darf sich ein Historiker nicht stellen.“ Daran halte ich bis heute fest.
Bestes Beispiel:
die Bundesrepublik hatte kein Interesse
daran, die Immigration von DDR-Bürgern zu stoppen, da sie
nicht an einem Fortbestand einer unabhängigen DDR interessiert
war.
Und wenn sie doch daran interessiert gewesen wäre?
Was wäre denn gewesen, wenn Kohl hätte in die Zukunft schauen können oder eben eine andere Phantasie besessen hätte, als er sie hatte, und sich den ganzen Schmonz mit „Billiglohnland DDR“, etc.p.p. ausgemalt hätte?
Was wäre gewesen, wenn er auf die Idee gekommen wäre, daß die Wiedervereinigung dazu führen könnte, daß die ganzen Ostrenten mit den Beiträgen der West-Arbeiter bezahlt werden müssen und dass das zu einer Rentenkatastrophe im Westen führen müsste?
Was wäre gewesen, wenn sich daraufhin die BRD auf eine Position wie „Wiedervereinigung erst, wenn die DDR auf dem wirtschaftlichen, rechtlichen, gesellschaftlichen Niveau der BRD ist“ versteift hätte?
Das hätte geheissen, die Wiedervereinigung auf den St.Nimmerleins-Tag zu verschieben, denn eine solche Angleichung wäre schlicht Unsinn gewesen - daß die DDR auch die guten Regelungen der DDR-Rechtssprechung und v.a. Sozialversorgung über Bord wirft, während sich die BRD kein bisschen in Richtung DDR bewegt, davon kann niemand ausgehen.
Von der Parteienlandschaft der DDR ganz zu schweigen: Die war damals so im Fluß, daß es auch ohne Wiedervereinigung heute wohl einen Großteil nicht mehr geben würde.
Ich bleib dabei: Die „Was wäre gewesen, wenn…“-Frage ist vielleicht als Gedankenspielerei interessant, führt aber zu nix!
Denn Tatsache war, die DDR war pleite, und aus dieser Tatsache folgen im Falle einer Weiterexistenz der DDR fast schon zwingend verschiedene weitere Tatsachen, die auf ähnliche Art auch in anderen Ostblockstaaten auftraten (Ich denke, die Slowakei kann ein ganz gutes Beispiel sein: Denen ist auch trotz existenter Altindustrien erstmal der wichtige tschechische Markt verloren gegangen, und die großen Nachbarn dachten erst mal an sich selbst und ihre eigenen Märkte):
Die DDR-Wirtschafts war so marode, daß im Falle eine Nicht-Wiedervereinigung auch die gesunden bzw. sanierungsfähigen Betriebe unter gegangen wären. Die Arbeitslosenzahlen wären erstmal (wie im übrigen Ostblock auch) in die Höhe geschossen, die Menschen hätten noch neidischer nach Westen geschaut, und die ganze politische Wende hätte sich wahrscheinlich erstmal wieder umgekehrt (vgl. Polen, Rumänien, Bulgarien etc., wo auch sehr schnell wieder Kommunisten bzw. Reformkommunisten am Ruder waren, weil die Bevölkerung von der Wenderegierung enttäuscht war, die nicht von heute auf morgen den großen Wohlstand brachte).
Den genialen Politiker, der das alles verhindern hätte können, sehe ich in der politischen Nachwende-Landschaft der DDR nicht, denn auch Gysi hätte sich nicht so leicht in der Spät-SED durchsetzen können. Ich denke, eine PDS hätte es daher nicht gegeben, die Kommunisten/Sozialisten hätten sich verstreut und mehrere SED-Nachfolgeparteien gegründet, das SED-Vermögen hätte vielleicht auch zu einem Riesenfilz geführt, und ein Chaos wäre das Resultat gewesen.
Jetzt bin ich doch auf die „Was wäre gewesen, wenn…“-Schiene geraten. Sorry for that.
VG
Christian