Hallo Max,
Ich darf Dir als medizinisch nichttätigem versichern, daß
gerade die Datensicherheit es notwendig macht, Patientenakten
zu elektronifizieren. Du ahnst nicht, wie leicht man in einer
Klinik an Papierakten herankommt, auch wenn man eigentlich
keinen Zugang haben sollte…
Nun, das sind doch zwei Paar Schuhe: das eine ist die Sicherung von Daten, damit es notfalls ein „Back-up“ gibt, falls das Original verloren geht. Das andere ist die Absicherung von Daten gegen nicht authorisierten Zugriff - jedenfalls soweit als moeglich.
Entscheidend ist aber, daß man mit einer Suchmaske ganz
gezielt und vor allem schnell auf bestimmte Daten
zugreifen kann, ohne sich vorher durch eine Tonne Papier
durcharbeiten zu müssen. Ganz zu schweigen davon, daß
Doppeluntersuchungen zwischen verschiedenen Ärzten und
Behandlungszentren entfallen, da jeder Zugriff auf die vom
anderen zuvor erhobenen Daten hat.
Und wo ist die Sammelstation all dieser Daten? Vielleicht auf der Versicherungschipkarte? Zugegeben, das Geschrei vom „glaesernen“ Patienten ist oft uebertrieben, da viele Informationen ueber die Gesundheitsgeschichte oder Krankengeschichte von Menschen nicht wirklich relevant oder interessant ist (z.B. fuer Arbeitgeber, Nachbarn usw.). Aber wo beginnt es, dass Infos evtl. diskriminierend ausgenutzt werden koennten („wieso hat denn dieser Mann schon zweimal einen HIV-test gemacht…?!“), auch wenn es sich evtl. um voellig vernuenftige Aktionen handelt, die aber nur im Zusammenhang klar werden. Und das ist oft „physisch“ in der Akte einfacher als auf einem zweidimensionalen Bildschirm.
In Bezug auf die Sicherheit gegenüber Datenverlust ist die
Papierakte reichlich unsicher. Es ist aufwendig, sie zu
kopieren oder mikrozuverfilmen, wird daher auch kaum gemacht,
es kann nicht nachvollzogen werden, in welchen Händen sich die
Akte befindet, und deshalb sind sie in großen Zentren
regelmäßig nicht auffindbar, zum Teil sogar dauerhaft. Das hat
wohlgemerkt nichts mit Schlamperei zu tun, sondern ist
systemimmanent. Elektronische Daten sind viel einfacher zu
sichern, man kann dazu natürlich multiple, unabhängige,
räumlich getrennte Syteme verwenden, wenn man ganz sicher sein
will.
Elektronische Daten sind allerdings auch extrem schnell zu verlieren (Systemabsturz, Beschaedigung der Disk usw.). Und dann ist es oft komplett weg. Was ich in der Hand auf Papier halte, das fackelt in der Regel nicht einfach ab. Selbst wenn der Morgenkaffee drueberlaeuft, kann ich noch was mit anfangen.
Eine elektronische Akte ist also im klinischen Alltag
schneller und sicherer zu handhaben als eine Papierakte. Und
wer unbedingt das physische Papiererlebnis benötigt, kann sich
ja die Akten täglich ausdrucken. Einen logischen Grund hierzu
gibt es aber nicht. Ist nur Papierverschwendung.
Ist es (noch) nicht. Du brauchst schliesslich auch eine umfassende Ausstattung aller Beteiligten mit funktionstuechigen, sicheren, praktischen Lesegeraeten. Und Schreibgeraete auch. Ein Arzt ist oft nicht gut im Tippen, also kann es wieder ein Zeitfresser werden (ausser, wenn vielleicht hochwertige Spracherkennungssoftware verwendet wuerde).
Und falls Kopien etc. von Befunden/Berichten usw. notwendig, geht das meines Erachtens immer noch schnell, gut und vor allem verwechslungsarm per Fotokopie von Papier auf Papier.
Sepp