Hallo Mike,
Naja, offenbar glaube ich eher an den mündigen Bürger als Du,
bin vieleicht etwas blauäugiger.
(Einwurf: Der IQ hat mit sozialer Intelligenz nix zu tun)
Letztem Satz kann ich nur vollständig zustimmen.
Das von mir vertretene Menschenbild ist natürlich stark von persönlichen Erfahrungen geprägt - ich würde mir wirklich wünschen, eines Besseren belehrt zu werden.
Mal eine ganz allgemeine Frage: Wieso postulierst Du, dass
Bürgerbeteiligung auf Bundesebene eine Katastrophe wäre, wenn
es auf Landes- und Kreis/Gemeindeebene ganz gut klappt.
Mir ist zwar klar, dass manchmal auch Unsinn dabei rauskommt,
aber wieviel Quatsch haben schon etablierte Politiker auf
allen Ebenen zusammengeschustert?
Die Bürgerbeteiligung auf Gemeinde-/Kreiseben klappt meiner Meinung nach deswegen so gut, weil sich der Bürger hier mit Problemen auseinander setzt, die ihn direkt betreffen, er den Umfang überblicken kann und sich auch die Auswirkungen seiner Entscheidung eher ausrechnen kann. Auf Landesebene wird die Angelegenheit schon einen Tick delikater; aufgrund der relativ einfachen Sachverhalte, über die da abgestimmt wird, aber immer noch überschaubar. Gerade das Thema „Bayrischer Senat“ war doch ein herrliches Beispiel. Wollt ihr ein Gremium, das zu nichts Nutze ist und einen Haufen Geld kostet oder wollt ihr es abschaffen? Die Antwort ist fast logisch gewesen.
Die Frage ist, welche Entscheidungen auf Bundesebene mittels Volksentscheid geklärt werden soll. Dinge, die wirklich staatstragend sind, z. B. Haushalt, Steuern, Justiz etc., sind von ihrem Gehalt so kompliziert, das sie ein Normalsterblicher wahrscheinlich niemals überblicken kann. Entscheidungen, die das Wohl und die Entwicklung von über 80 Mio. Menschen betreffen, via Volksentscheid herbeizuführen, halte ich einfach für zu gewagt.
Schau Dir einfach mal die Artikel 73 und 74 im Grundgesezt an. Da gibt es recht wenig, über was der Bund alleinig zu entscheiden hat und eigentlich nichts, bei dem ein Volksentscheid nach meinem Dafürhalten auch nur sinnvoll wäre.
Viele andere Dinge, bei denen der Bürger mitentscheiden möchte und könnte, z. B. Bildungspolitik und teilw. Verkehrspolitik, sind sowieso Ländersache. Und da kann er. Sc
Einige Kommentare und Gedanken:
Sobald es aber um Politik geht, ist aus irgendwelchen Gründen
kaum jemand mehr in der Lage, Meinungen rational zu erklären.
Das ist leider nicht nur in der Politik so, versuch mal eine
sachliche(!) Diskussion über Kernkraft oder Tempolimit
anzuzetteln. Egal auf welcher Seite man steht. Viel Spass
dabei. Da ist Politik richtig harmlos.
Da hast Du recht. Allerdings habe ich diese Themen - aufgrund der politischen Aktualität - bei mir auch in die Schublade „Politik“ gesteckt. Rat mal, wie gerade in meiner Branche (Automobil) über diese Themen diskutiert wird?!
Viele Menschen kennen weder ihre Bundes- noch ihre :Landesminister,
von Parteiprogrammen mal ganz zu schweigen.
Also, ich schlaf bei Parteiprogrammlektüre immer ein, viel
besser als Schäfchenzählen. Wenn die blos ein bisschen flotter
schreiben würden…
Gut, zugegeben, ist nicht so spannend wie ein Krimi. Es gibt natürlich auch positive (eigentlich negative, aber sieh selbst…) Beispiele: Schau Dir mal die Hochglanzbroschüre der FPÖ (gut, geht uns hier nix an) an, frisch aus der Marketingabteilung: http://www.fpoe.or.at/bb/programm97/welcome.html
Nur darf man sich halt nicht über die Politik von Parteien wundern, die Förderung und Schutz von homosexuellen RadfahrerInnen in ihrem Parteiprogramm für erwähnenswert halten (sowas stand tatsächlich mal im Parteiprogramm der Grünen), wenn man sich vorher nicht erkundigt, oder? Man darf sich z. B. eigentlich nicht über die Ökosteuer beschweren, die stand für jeden lesbar sowohl im Parteiprogramm der Grünen als auch der SPD. Gewählt wurden sie trotzdem.
Richtig, ich verlange aber, dass mir der Sachverhalt
einigermaßen verständlich erläutert wird (Was bei der
Steuerreform anscheinend geklappt hat - Die Haltung der
C-Parteien versteht doch kaum einer. Selbst die Industrie ist
dafür)
Die Verständlichkeit der Sachverhalte ist halt leider arg vom jeweiligen „Intelligenzlevels“ des Empfängers abhängig. Vielmehr als „Problem“ sehe ich eigentlich, dass wir keine wirklich neutralen Informationsquellen haben. Man ist also gezwungen, für jeden Sachverhalt mindestens zwei Quellen zu prüfen - das artet schon ein bischen in Arbeit aus.
Und mangelndes Interesse
berechtigt meiner Meinung nach sicher nicht zu
Volksentscheiden über staatswichtige Angelegenheiten.
Die wichtigste „staatswichtige Angelegenheit“ ist die
Zusammensetzung des Parlamentes! Wieso dürfen dann alle
wählen?
Ich sag ja, Wahlberechtigung an einen Test in Staatsbürgerkunde oder so zu koppeln, hätte durchaus seinen Reiz *ggg*
Andererseits löst sich das Problem ja fast von selbst, da die Wahlbeteiligungen immer mehr zurückgehen.
Aber ganz im Ernst: natürlich hat jeder Mensch das Recht und mit Sicherheit auch jegliche Befähigung, die Grundtendenz der Politik mitzubestimmen.
Das ganze Thema wirft natürlich noch eine andere interessante Frage auf (leider hab ich kein BWahlG zur Hand): Was würde eigentlich passieren, wenn die Wahlbeteiligung irgendwo bei Null landen würde? Von Mehrheitswillen kann ja teilweise heute schon nicht mehr geredet werden.
Wieso es zur Rentenreform usw. keine Bürgerinitiativen gibt?
Ganz einfach: Sie wären wirkungslos. Das könnte sich natürlich
ändern, wenn es bundesweit mehr direkte Demokratie gäbe.
Da widersprichst Du Dir aber selber. Wenn Bürgerinitiativen zur Aufstellung einer Ampel erfolgreich sein können, warum dann nicht zur Rentenreform?
Thema „Mein K®ampf“: Das Buch ist unlesbar, hab´s versucht.
Ehrlich.
Die Masse der Bürger (die Mehrheit) hat in freien Wahlen die
NSDAP nicht gewählt. Es waren „nur“ um die 35 %.
Ja, grausam geschrieben. Allerdings ist es heute nur noch von geschichtlichem Wert; bei aktuellem Bezug habe ich mir entsprechende Literatur durchaus gegeben. Trotzdem, hätten die Leute sich besser informiert, wären viele Entwicklungen von vorne herein bekannt gewesen.
Thema Bürgerbeteiligung bei Verfassungsänderungen:
Gegenfrage: Warum müssen sich in Karlsuhe 16 wohlstudierte und
langerfahrene Richter bei jeder Kleinigkeit, die auch nur am
Rande mit der Verfassung zu tun hat, teils jahrelang
herumplagen? Weil die Materie scheint´s nicht soo einfach ist,
dass man da einfach mit ja oder nein darüber entscheiden kann.
Einwurf: In Bayern klappt das doch auch. Sind wir
intelligenter als der Rest Deutschlands (NEIN, ich glaube
nicht dran)
Kein Nationalstolz, oder was :o)))
Nein, bestimmt sind die Bayern nicht intelligenter. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich nicht genau weiss, wie grundlegend die bay. Verfassung via Volksentscheid geändert worden ist (mal davon abgesehen ist sie eh mehr ein schmückendes Beiwerk des Freistaats, weil die Bundesverfassung sowieso über der Landesverfassung steht.)
Interessanterweise weiss der Bürger zwischen
Landtags- und Bundestagswahlen zu differenzieren, was dann zu
interessanten Blockademöglichkeiten bei Bundestag und -rat
geführt hat.
Na Gottseidank, ein ganzer Haufen Bürger scheint vor einer
Wahl doch glatt das Gehirn einzuschalten! Der sanfte Charme
des Föderalismus - willst Du den auch abschaffen?
Uh, das Thema ist heikel. Ehrlich gesagt beschäftige ich mich schon seit längerem mit dem Sinn und Unsinn des Föderalismus. Hier sollte meiner Meinung nach auch dringend reformiert werden.
Ich sehe ein, dass aufgrund regionaler Unterschiede z. B. Eigenständigkeit in wirtschaftlichen Angelegenheiten bewahrt bleiben muss. Andererseits ist es mir einfach nicht veständlich, warum es trotz verfassungsmässig garantierter Gleichheit vor dem Gesetz 16 verschiedene Justizministerien mit 16 unterschiedlichen Auffassungen zu ein und der selben Sachen geben muss? Warum es - und da kann ich als Schulwechsler zwischen zwei Bundesländern ein Lied davon singen - in allen Ländern unterschiedliche Lehrpläne, Unterrichtsmittel und -methoden, sogar unterschiedliche Schulformen geben muss?
Allerdings schätze ich, dass sich ein solches
Dilemma nichtmal durch Volksentscheide lösen lassen würde, da
die Bürger vermutlich jeweils nach bevorzugter Parteipolitik
abstimmen würde.
Tut er offenbar nicht immer, siehe Bürger- und Volksentscheide
in Bayern und anderswo, sowie das unterschiedliche
Abstimmungsverhalten bei Landes- und Bundestagswahlen.
Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass die bayrischen Volksentscheide i.d.R. die Vorschläge der Landesregierung und einer dritten, unabhängigen Organisation zur Wahl liessen. Auf der jeweiligen Ebene dürfte sich das Abstimmungsverhalten dann wieder angleichen.
Wenn wir das Prinzip der Parteienpolitik aufrechterhalten
wollen (und ich halte es immer noch für das denkbar beste
System),…
Na, ich hab da manchmal so meine Zweifel (ganz klitzekleine,
nach unruhigen Träumen)
Leider kenne ich keine praktikable Alternative. Jeder andere Versuch führte entweder ins Chaos oder wurde recht schnell wieder aufgegeben.
…ist eine Volksbefragung auch nur Augenwischerei, da
man sich wohl zwischen dem Konzept der einen und den
Vorschlägen der anderen Partei entscheiden kann… .
Wieviele Wähler der CDU wären
wohl bereit, für ein Konzept der SPD zustimmen (und natürlich
auch andersrum)?
Viele, siehe oben, z.B. Abschaffung des Senates in Bayern
siehe recht weit oben
Eingene Ideen der Bürger wären mit ziemlicher Sicherheit nicht
gefragt.
Dafür gäbe es dann ein Volksbegehren. Wenn es nicht durchgeht,
dann war es wohl für eine ausreichende Zahl von Leuten nicht
von Interesse bzw. der Sachverhalt war nicht vermittelbar oder
ist einfach nicht rübergekommen.
Das gäbe es ja nicht nur, das gibt es doch bereits.
Ehrlich, ich glaube, dass man mit mehr direkter Demokratie die
Leute etwas mobilisieren könnte, egal für welche demokratische
Partei das jetzt gut ist.
Kann ich gut mit leben. Andererseits sollten meiner Meinung nach erstmal alle verfügbaren Mittel verwendet und ausgeschöpft werden, bevor man Systeme grundsätzlich in Frage stellt. Sollten sich dann immer noch Defizite auftun, ist die Zeit für Umbauten gekommen.
Das Phänomen der CSU - 40 Jahre an der Macht ohne grösseren
Verschleiss - wäre eine eigene Diskussion wert, oder.
Das dürfte spannend werden.
Gruss
Peter