Volkskrankheit oder Normalität

Hallöchen,

auch durch eigene Erfahrungen und dem damit beschäftigen mit dem Problem einer Stoffwechselerkrankung welche im allgemeinen als Depression bezeichnet wird.
Vielleicht ist es nur ein subjektives Empfinden, ich habe keinen exakten Zahlen dafür, aber ich habe den Eindruck, als wäre dies zur Volkskrankheit geworden. Wenn ich mich umschaue und sehe wer alles in welcher Form unter dieser Krankheit leidet, wie überlastet Krankenhäuser und Ärzte sind, und wieviele menschen wohl darunter leiden es aber nie zugeben würden weil das alles „Schwächlinge“ sind und man selbst ja stark ist und damit fertig wird.
Nun meine Fragen: Gibt es etwas, das man persönlich für sich und seine Umgebung tun kann um präventiv zu sein, um Früherkennung zu betreiben?
Wäre das dann nicht eine Möglichkeit um mit massiver Aufklärung Schäden von Menschen abzuhalten und den sicherlich mehrere Milliardenschwere wirtschaftliche Schaden vom Land abzuwenden.

Ich bin erstaunt wie wenige Leute noch viel weniger über Depression wissen und wie schnell man bei der Nennung dieser Krankheit zur Randgruppe wird.

Vielleicht bin ich aber auch auf dem Holzweg…

Grüsse
PP

Hallo!

Vielleicht bin ich aber auch auf dem Holzweg…

Ganz und gar nicht. Depression wird auch der „Schnupfen der Psychiatrie“ genannt. Das ist ein guter Vergleich, wenn es um die Häufigkeit der Depression geht (ca. 20% aller Frauen leiden einmal im Leben an Depression), aber ein schlechter Vergleich, wenn es darum geht, die Gefährlichkeit der Depression zu kennzeichnen, weil ca. 10-15% aller Depressiven an Suizid in Folge ihrer Störung sterben.

Prävention und Früherkennung sind schwierig, weil viele andere Störungen depressive Symptome nachsichziehen können. Das heißt, daß nicht alles „reine“ Depression ist, was wie Depression aussieht und somit ein Präventionsprogramm spezifisch auf die depressiogen wirkende Krankheit ausgerichtet werden müßte (z.B. Prävention gegen Herzinfarkt, weil Infarktpatienten ein erhöhtes Risiko für depressive Symptome haben). Ein „ausgeglichener Lebensstil“ wäre etwas, was präventiv wirkt. Dabei muß man aber bedenken, daß ein solcher Lebensstil nicht nur von der Person selbst, sondern auch noch von Umweltfaktoren abhängt. Zudem gibt es wahrscheinlich ein genetisch bedingtes Risiko, an Depression zu erkranken (besonders beim melancholischen Typ erhöht).

Das Ganze ist also nicht so einfach, wie man es sich wünschen würde.

Freundliche Grüße,

Oliver Walter

hallo!!

Wäre das dann nicht eine Möglichkeit um mit massiver
Aufklärung Schäden von Menschen abzuhalten und den sicherlich
mehrere Milliardenschwere wirtschaftliche Schaden vom Land
abzuwenden.

ich würde mal sagen dass die schäden dadurch abgewandt werden dass man eben nichts zur prävention tut.
80% (wilde schätzung meinerseits) unseres „gesundheitssystems“ leben von (leicht) vermeidbaren erkrankungen.
wir haben ein system welches krankheit belohnt-nicht gesundheit!
niemand hat interesse daran eine generation gesunder leute heranzuziehen-leider.

tschüss

matthias

p.s. das ändert sich erst wenn die leute so krank und dadurch arbeitsunfähig/handlunsunfähig sind dass die förderbänder still stehen und die krankenhäuser, etc. „platzen“.

genau das ist ja bei meiner Lebensgefährtin passiert.

Jetzt bekomme ich die volle Wucht der Krankheit zu spüren, sehe Menschen die von dieser Krankheit gefangen sind, sehe Angehörige die diese Krankheit nicht begreifen können, sehe Angehörige die Mitgefangene ihrer Lieben sind und sehe eine Öffentlichkeit die davon keine Ahnung hat.

PP

Volkskrankheit Normalität
aber ich rauche aus.
Soviel Zeit muß sein…

Gesunde Grüße,
moin, manni

Melancholie?
Hallo Oliver,

Ein „ausgeglichener Lebensstil“ wäre etwas,
was präventiv wirkt. Dabei muß man aber bedenken, daß ein
solcher Lebensstil nicht nur von der Person selbst, sondern
auch noch von Umweltfaktoren abhängt. Zudem gibt es
wahrscheinlich ein genetisch bedingtes Risiko, an Depression
zu erkranken (besonders beim melancholischen Typ erhöht).

Ist das nicht ein wenig zu pauschal gefaßt? Im engsten Familienkreis habe ich miterlebt, wie der erwähnte „ausgeglichene Lebensstil“ mittlerweile zur völligen Stagnation irgendwelcher Kreativität geführt hat, und „melancholisch“ ist ebensowenig zutreffend, eher rückzugsorientiert bei jeder Gefahr konstruktiver - also anstrengender - Auseinandersetzung (was sich früher in extremer Aggression äußerte, heute in Apathie).
Außerdem verstehe ich die Bezeichnung „melancholisch“ als Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des anlagebedingten Krankheitsausbruchs nicht.
Aber meine Frage: Wie kann man jemanden zur Therapie bewegen, der sich über Jahrzehnte systematisch emotional stillgelegt hat und eigentlich nur noch aus einem in Gesellschaft und Karriere funktionierenden Etwas besteht? Zumal dazu auch die totale Abwesenheit irgendwelchen Vertrauenspotentials gehört und zur Sicherheit berufliche Normen auch noch auf die intimsten Beziehungen projiziert werden? Oder sollte man einfach suggerieren, daß man immer da ist und die Dinge laufen lassen (jetzt ist auch niemand sonst mehr persönlich betroffen)?
Gruß,
Laura

Moin, Laura!

Ist das nicht ein wenig zu pauschal gefaßt?

Was ist daran „pauschal“, wenn die Forschung herausgefunden hat, daß ein „ausgeglichener Lebensstil“ etwas ist, das Depressionen verhindert? Unter ausgeglichenem Lebensstil wird hier verstanden, daß sogenannte „daily hassles“ in einem ausgeglichenen Verhältnis zu „daily uplifts“ stehen. Vielleicht klärt diese Umschreibung des Begriffs schon das Mißverständnis auf.

Im engsten
Familienkreis habe ich miterlebt, wie der erwähnte
„ausgeglichene Lebensstil“ mittlerweile zur völligen
Stagnation irgendwelcher Kreativität geführt hat

Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Depression und Kreativität sind nicht dasselbe und bedingen sich auch nicht gegenseitig. Wenn jemand einen für Dich langweiligen Lebensstil hat (und das verstehst Du wohl unter „ausgeglichen“), dann heißt es nicht, daß die Person depressiv sein muß.

Zum Begriff der Melancholie : Dir sind wahrscheinlich der psychiatrische Fachbegriff und seine Bedeutung nicht bekannt. Deshalb erlaube ich mir ein Zitat anzubringen: „Es wird zusätzlich definiert: eine Untergruppe der depressiven Episode, die der klassischen Beschreibung der endogenen Depression vollständig entspricht und von der anzunehmen ist, daß sie neurobiologische Ursachen hat und auch genetisch verursacht ist. Diese Untergruppe der depressiven Episode wird als Melancholie (DSM-IV) bezeichnet oder als somatisches Syndrom (ICD-10)“ (Ebert, 2001, S. 213-217).

Außerdem verstehe ich die Bezeichnung „melancholisch“ als
Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des anlagebedingten
Krankheitsausbruchs nicht.

Ich habe geschrieben, und das wird in der Psychiatrie allgemein so gesehen (siehe Zitat oben), daß es „wahrscheinlich ein genetisch bedingtes Risiko [gibt], an Depression zu erkranken (besonders beim melancholischen Typ erhöht)“.

Zu Deiner Frage, wie man jemanden zur Therapie bewegen kann, „der sich über Jahrzehnte systematisch emotional stillgelegt hat und eigentlich nur noch aus einem in Gesellschaft und Karriere funktionierenden Etwas besteht“, lautet meine Antwort: GAR NICHT. Zur Therapie kann man letztlich keinen zwingen (ein solcher Versuch scheitert häufig), sondern der Antrieb muß schon aus der Person selbst kommen. Der Antrieb zu einer Therapie besteht meistens im sogenannten „Leidensdruck“.

Im übrigen entnehme ich Deiner Frage keine Beschreibung einer psychischen Störung o.ä., sondern eher die Bewertung der Persönlichkeit eines Menschen, der Dir unsympathisch zu sein scheint (Dein Vater?). Eine Dir unsympathische Persönlichkeit ist aber kein Grund, den Menschen (zwangsweise) zu therapieren. Vielleicht würde die von Dir gemeinte Person langfristig ihr Verhalten ändern, wenn sie erleben würde, wie sich andere Menschen von ihr abwenden, z.B. wenn seine Partnerin so unzufrieden wäre, daß sie sich trennen würde. Aber ob sie sich trennen will, ist Sache der Partnerin.

Freundliche Grüße,

Oliver

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Hallo PP

auch durch eigene Erfahrungen und dem damit beschäftigen mit
dem Problem einer Stoffwechselerkrankung welche im allgemeinen
als Depression bezeichnet wird.

Die Ursachen einer depressiven Erkrankung sind noch nicht eindeutig geklärt. Ob ein evtl. Mangel an Serotonin Ursache oder
Auswirkung der Depression ist, ist ebenso unklar.
Tatsache ist aber, dass Depressionen, neben anderen psychischen Störungen wie. z.B. Angsterkrankungen, deutlich zunehmen.
Möglichkeiten der Vorbeugung sehe ich hier nicht, denn es gibt keine zuverlässigen Merkmale, die darauf hindeuten könnten, dass sich eine depressive Erkrankung anbahnt. Aber selbst wenn es sie gäbe, so bleibt das Problem der therapeutischen Hilflosigkeit.
Die gängigen Antidepressiva sind nun mal nur eingeschränkt wirksam.
Gruß
KH

Hi,

Zu Deiner Frage, wie man jemanden zur Therapie bewegen kann,
„der sich über Jahrzehnte systematisch emotional stillgelegt
hat und eigentlich nur noch aus einem in Gesellschaft und
Karriere funktionierenden Etwas besteht“, lautet meine
Antwort: GAR NICHT. Zur Therapie kann man letztlich keinen
zwingen (ein solcher Versuch scheitert häufig), sondern der
Antrieb muß schon aus der Person selbst kommen. Der Antrieb zu
einer Therapie besteht meistens im sogenannten „Leidensdruck“.

genau da setzte meine Frage an. Diese Krankheit kommt schleichend, d.h. man geht nicht abends freudig ins Bett und steht morgends als Depressionskranker auf. Ferner ist sie nicht meßbar wie etwa die Körperthemperatur mit einem Fiberthermometer.
Und meine Frage nach der „Publikation“ dieser Krankheit ging in die Richtung, wie soll ein Depressivkranker (und seine Angehörigen) überhaupt wissen, daß es sich um eine therapiewürdige Krankheit handelt. Für die Umwelt erscheint der Kranke als aggressiv, er erscheint einem leicht als faules Schw… oder als Miesmacher der absolut undankbar ist. Wenn man sich mit der Krankheit beschäftigt erfährt man die Hintergründe dazu und lernt (soweit es überhaupt möglich ist ) zu verstehen.
Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, wenn wir jemandem der von der Krankheit wissen sollte oder darf die Krankheit beschrieben haben ohne dieses Unwort „Depression“ dabei zu ebnutzen, dann ist meine Lebensgefährtin als „Kranke“ anerkannt. Sobald in diesem Zusammenhang das Unwort gefallen ist, dann kommen die immer gleichen Sätze übers zusammenreißen, über andere denen es schlechter geht, über starken und schwachen Willen. Wäre es nicht an der zeit das Unwort aus der Nische der „labilen, bist-ja-selbst-dran-schuld-Geisteskrankheiten“ zu holen???

PP

Hallo Oliver,

Moin, Laura!
Was ist daran „pauschal“, wenn die Forschung herausgefunden
hat, daß ein „ausgeglichener Lebensstil“ etwas ist, das
Depressionen verhindert? Unter ausgeglichenem Lebensstil wird
hier verstanden, daß sogenannte „daily hassles“ in einem
ausgeglichenen Verhältnis zu „daily uplifts“ stehen.
Vielleicht klärt diese Umschreibung des Begriffs schon das
Mißverständnis auf.
Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Depression und
Kreativität sind nicht dasselbe und bedingen sich auch nicht
gegenseitig. Wenn jemand einen für Dich langweiligen
Lebensstil hat (und das verstehst Du wohl unter
„ausgeglichen“), dann heißt es nicht, daß die Person depressiv
sein muß.

Nein, langweilig würde ich besagte Lebensweise ganz und gar nicht nennen; mit Kreativität meine ich auch nicht den Gegenstand der Handlung, als vielmehr die geistige oder inspirierte Motivation dahinter; das, wovon ich rede, hat nichts mit Lebensstil zu tun als mit motorischer Lebenserledigung - mit der Form halber eingefügter Abwechslung.

Zum Begriff der Melancholie : Dir sind wahrscheinlich
der psychiatrische Fachbegriff und seine Bedeutung nicht
bekannt. Deshalb erlaube ich mir ein Zitat anzubringen: „Es
wird zusätzlich definiert: eine Untergruppe der depressiven
Episode, die der klassischen Beschreibung der endogenen
Depression vollständig entspricht und von der anzunehmen ist,
daß sie neurobiologische Ursachen hat und auch genetisch
verursacht ist. Diese Untergruppe der depressiven Episode wird
als Melancholie (DSM-IV) bezeichnet oder als
somatisches Syndrom (ICD-10)“ (Ebert, 2001, S.
213-217).

sowohl die ursprüngliche identifikation des phänomens depression mit dem begriff melancholie als auch dessen spätere bedeutungsänderung sind mir nicht unbekannt; mich verwirrte nur die trennung von der genetik, die du im vorhergehenden posting vorgenommen hast und mir suggerierte, daß hier von psychischen tendenzen die rede war :smile:

Zu Deiner Frage, wie man jemanden zur Therapie bewegen kann,
„der sich über Jahrzehnte systematisch emotional stillgelegt
hat und eigentlich nur noch aus einem in Gesellschaft und
Karriere funktionierenden Etwas besteht“, lautet meine
Antwort: GAR NICHT. Zur Therapie kann man letztlich keinen
zwingen (ein solcher Versuch scheitert häufig), sondern der
Antrieb muß schon aus der Person selbst kommen. Der Antrieb zu
einer Therapie besteht meistens im sogenannten „Leidensdruck“.

Tja, war ein Versuch…auch für den Autor der Ausgangsfrage u.a. Betroffene hätte es ja ganz hilfreich sein können…ich weiß nicht, ob es jedem gelingt, unbeteiligt danebenzustehen, wenn man der einzige Mensch ist, der so etwas wie eine „Vertrauensperson“ darstellt und zuzusehen, was da passiert in Kenntnis der Risiken.

Im übrigen entnehme ich Deiner Frage keine Beschreibung einer
psychischen Störung o.ä., sondern eher die Bewertung der
Persönlichkeit eines Menschen, der Dir unsympathisch zu sein
scheint (Dein Vater?). Eine Dir unsympathische Persönlichkeit
ist aber kein Grund, den Menschen (zwangsweise) zu
therapieren. Vielleicht würde die von Dir gemeinte Person
langfristig ihr Verhalten ändern, wenn sie erleben würde, wie
sich andere Menschen von ihr abwenden, z.B. wenn seine
Partnerin so unzufrieden wäre, daß sie sich trennen würde.
Aber ob sie sich trennen will, ist Sache der Partnerin.

Schon geschehen. Die Urteilsfrage („sooo ein schlechter Mensch“)hat sich allerdings nach langer Arbeit schon erledigt und ich war auch erst bereit, von einer Depression auszugehen, nachdem ich durch eigene Betroffenheit die ärztliche Notbremse ziehen mußte und mich eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Allerdings zielte meine Frage auch ganz und gar nicht darauf ab, wie man den Betreffenden möglichst raffiniert in eine verkappte Therapie einschleusen könnte oder wie man ihm zu besseren Transportbedingungen eine Zwangsjacke überzieht; wie weiter unten im thread auch nochmal erwähnt, ist es eine große Schwierigkeit, mit ihm zusammen erstmal überhaupt in Erwägung zu ziehen, daß es da ein Problem zu bewältigen geben könnte - Irrtümer eingeschlossen.
Aber naja, ist wahrscheinlich auch zu komplex, um hier ein vollständiges Bild wiedergeben zu können und war auch hauptsächlich diskussionsunterstützend gedacht.

Freundliche Grüße,

Gleichfalls

Oliver

Laura

Hi!

Diese Krankheit kommt
schleichend, d.h. man geht nicht abends freudig ins Bett und
steht morgends als Depressionskranker auf.

Meistens ist es so, wie Du schreibst. „Gelegentlich entsteht diese [die depressive Episode] auch ohne Frühsymptome innerhalb von wenigen Tagen oder über Nacht“ (Ebert, 2001, S. 217).

Ferner ist sie
nicht meßbar wie etwa die Körperthemperatur mit einem
Fiberthermometer.

In der Tat ist eine Depression nicht meßbar wie eine erhöhte Körpertemperatur, allerdings gibt es schon "Meß"instrumente wie z.B. das BDI (Beck-Depressionsinventar). Die Diagnostik erfolgt also nicht nur nach „Intuition“.

Und meine Frage nach der „Publikation“ dieser Krankheit ging
in die Richtung, wie soll ein Depressivkranker (und seine
Angehörigen) überhaupt wissen, daß es sich um eine
therapiewürdige Krankheit handelt.

Durch Aufklärung.

Für die Umwelt erscheint
der Kranke als aggressiv, er erscheint einem leicht als faules
Schw… oder als Miesmacher der absolut undankbar ist.

Daran merkt man doch, das etwas nicht stimmt, oder?

Wenn
man sich mit der Krankheit beschäftigt erfährt man die
Hintergründe dazu und lernt (soweit es überhaupt möglich ist )
zu verstehen.

Ist es nicht bei jedem Thema, mit dem man sich beschäftigt, so, daß man die Hintergründe erfährt und zu verstehen lernt? Obwohl die Sache mit dem Verstehen bei psychisch Gestörten recht schwierig ist.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, wenn wir jemandem
der von der Krankheit wissen sollte oder darf die Krankheit
beschrieben haben ohne dieses Unwort „Depression“ dabei zu
ebnutzen, dann ist meine Lebensgefährtin als „Kranke“
anerkannt. Sobald in diesem Zusammenhang das Unwort gefallen
ist, dann kommen die immer gleichen Sätze übers
zusammenreißen, über andere denen es schlechter geht, über
starken und schwachen Willen. Wäre es nicht an der zeit das
Unwort aus der Nische der „labilen,
bist-ja-selbst-dran-schuld-Geisteskrankheiten“ zu holen???

Klar, stimme zu. Dieses Problem teilen die Depressiven mit vielen anderen psychisch Gestörten. „Psychisch Gestörte“ - da denken viele: „Spinner“. Mir brauchst Du es nicht zu sagen, daß dieser Gedanke selbstdisqualifizierend ist.

Freundliche Grüße,

Oliver Walter

Hallo Laura!

Nein, langweilig würde ich besagte Lebensweise ganz und gar
nicht nennen; mit Kreativität meine ich auch nicht den
Gegenstand der Handlung, als vielmehr die geistige oder
inspirierte Motivation dahinter; das, wovon ich rede, hat
nichts mit Lebensstil zu tun als mit motorischer
Lebenserledigung - mit der Form halber eingefügter
Abwechslung.

Die Beschreibung einer Kombination von Verhaltensweisen als „motorischer Lebenserledigung“ klingt bewertend (abwertend). Zudem kann eine solche Kombination IMHO als „Lebensstil“ klassifiziert werden.

sowohl die ursprüngliche identifikation des phänomens
depression mit dem begriff melancholie als auch dessen spätere
bedeutungsänderung sind mir nicht unbekannt; mich verwirrte
nur die trennung von der genetik, die du im vorhergehenden
posting vorgenommen hast und mir suggerierte, daß hier von
psychischen tendenzen die rede war :smile:

Es wird in der Tat angenommen, daß manche Formen der Depression - wie im von mir angebrachten Zitat impliziert - eine stärkere genetische Komponente aufweisen als andere. In der älteren Klassifikation sprach man ja auch von endogener vs. neurotischer Depression. Insofern sind Fälle von Depression bekannt, bei denen eine „psychische“ Verursachung deutlich wahrscheinlicher ist als eine „biologische“.

Was Du damit meinst, daß „hier“ von „psychischen Tendenzen“ die Rede gewesen ist, ist mir gänzlich schleierhaft. Wenn von psychischen Störungen gesprochen wird, kann es kaum verwundern, wenn von Psychischem die Rede ist.

Tja, war ein Versuch…auch für den Autor der Ausgangsfrage
u.a. Betroffene hätte es ja ganz hilfreich sein können…

Tja, hätte hilfreich sein können. Daß es nicht auf die Art hilfreich war, wie vom Postenden und Dir erwartet, liegt nicht daran, daß ich mich dagegen sträubte, behilflich zu sein, sondern daß Zwangstherapierung mehr Nachteile als Vorteile hat.

ich
weiß nicht, ob es jedem gelingt, unbeteiligt danebenzustehen,
wenn man der einzige Mensch ist, der so etwas wie eine
„Vertrauensperson“ darstellt und zuzusehen, was da passiert in
Kenntnis der Risiken.

Das hat damit nichts zu tun. Natürlich fällt es schwer, sich nicht damit zu belasten. Es ist vielleicht sogar unmöglich, aber die Tatsache der emotionalen Beteiligung ändert nichts an der Tatsache, daß Zwangstherapierung in den meisten Fällen wenig hilfreich ist und der Gesetzgeber davor einen Riegel geschoben hat - mit wenigen Ausnahmen.

Die Urteilsfrage („sooo ein schlechter
Mensch“)hat sich allerdings nach langer Arbeit schon erledigt
und ich war auch erst bereit, von einer Depression auszugehen,
nachdem ich durch eigene Betroffenheit die ärztliche Notbremse
ziehen mußte und mich eingehend mit dem Thema
auseinandergesetzt hatte.

Offen gesprochen - das spricht nicht gerade für Dich.

Allerdings zielte meine Frage auch
ganz und gar nicht darauf ab, wie man den Betreffenden
möglichst raffiniert in eine verkappte Therapie einschleusen
könnte oder wie man ihm zu besseren Transportbedingungen eine
Zwangsjacke überzieht;

So habe ich das nicht ausgedrückt. Du scheinst mir ein seltsames Verständnis von psychotherapeutischem Handeln zu haben. Versetzt mit Klischees über eine Psychiatrie vergangener Zeiten!

wie weiter unten im thread auch nochmal
erwähnt, ist es eine große Schwierigkeit, mit ihm zusammen
erstmal überhaupt in Erwägung zu ziehen, daß es da ein Problem
zu bewältigen geben könnte - Irrtümer eingeschlossen.

Ja, sicherlich. Aber Einsicht, daß die von Dir gemeinte Person psychische Probleme hat, kannst Du nicht erzwingen. Du kannst Dich noch so sehr mit der Person hinsetzen, diskutieren, Beispiele bringen usw. - es bringt nichts, wenn die Person nicht bereit ist, die Möglichkeit, psychischer Probleme in Betracht zu ziehen. Wie Du selbst oben geschrieben hast, hast Du die Möglichkeit einer Depression ja auch erst dann eingeräumt, als Du selbst betroffen warst und „die ärztliche Notbremse“ ziehen mußtest.

Freundliche Grüße,

Oliver

u.a. Betroffene hätte es ja ganz hilfreich sein können…ich
weiß nicht, ob es jedem gelingt, unbeteiligt danebenzustehen,
wenn man der einzige Mensch ist, der so etwas wie eine
„Vertrauensperson“ darstellt und zuzusehen, was da passiert in
Kenntnis der Risiken.

Hi Laura,

ich kenne diese Situation aus eigenem Erleben. Meine Frau hätte mich damals mit Hammer und Axt bearbeiten können, ich hätte mich nicht mal bewegt.

Wie Oliver schon sagte: Vom Betroffenen ist erst Reaktion (nach außen) zu erwarten, wenn der Leidensdruck ins Unerträgliche (für ihn selbst, nicht für die „Anderen“) gestiegen ist. Ist dieser Punkt erreicht, ist er meist bei allen angehörigen schon längst überschritten.

Ich vergleiche hier Depressive immer mit Alkohilikern: eine zeitlang ist ja alles noch akzeptabel, aber wenns zum ende (des Krankehitsverlaufes) geht, dann ist es für alle Nebenstehenden nicht zu ertragen. Kommt eine Suchtkranker dann in eine Klinik, weil Gefahren für ihn oder die Umwelt bestehen, wird er dort stabilisiert/entgiftet. dann folgt meist die aufklärung und die Frage, ob der Patient zu einer Therapie bereit ist. Erst wenn diese Frage eindeutig mit JA beantwortet wird, wird eine Therapie angeboten!

gruss
winkel

Hallo Laura,

Aber meine Frage: Wie kann man jemanden zur Therapie bewegen,
der sich über Jahrzehnte systematisch emotional stillgelegt
hat und eigentlich nur noch aus einem in Gesellschaft und
Karriere funktionierenden Etwas besteht? Zumal dazu auch die
totale Abwesenheit irgendwelchen Vertrauenspotentials gehört
und zur Sicherheit berufliche Normen auch noch auf die
intimsten Beziehungen projiziert werden? Oder sollte man
einfach suggerieren, daß man immer da ist und die Dinge laufen
lassen (jetzt ist auch niemand sonst mehr persönlich
betroffen)?

Eine der häufigsten Fragen von Angehörigen psychisch Erkrankter ist die Frage: Wie schaffe ich es, ihn zur Therapie zu bewegen?
Ich erlebe es oft folgendermaßen: Es wurden schon x-mal Gespräche geführt, es wurde versucht zu bewegen, zu überreden, teilweise wurde gedroht, man versucht es im Guten, oder stellt ein Ultimatum. Meist ist schon alles ausgereizt und der Angehörige ist selbst am Ende seiner Kräfte.

Alle Versuche, die sich auf den Betroffenen konzentrieren, sind ME zum Scheitern verurteilt. Je mehr ich versuche, ihn zu etwas zu „bewegen“, umso mehr wird er sich zurückziehen, oder dagegen steuern.

Auch die Dinge „laufen lassen“ und einfach nur für ihn dasein, zehrt an den Kräften der Angehörigen.
Sie spielen letztendlich ein Spiel, mit dem sie nicht einverstanden sind. Sie laufen nebenher, schauen zu, sind immer bereit zu helfen, wenn es brennt. Dann wieder Gespräche, die zu nichts führen, keine Einsicht usw. So kann es jahrelang gehen zum Leid aller Beteiligten.
Der Betroffene von sich aus, ist ja erst bereit etwas zu unternehmen, wenn der Leidensdruck zu groß wird.
Das ist auch notwendig, um überhaupt therapiefähig zu sein. Die eigene Einsicht zur Notwendigkeit, etwas zu verändern.
Der Leidensdruck wird aber nicht wachsen, solange Angehörige den Helfer spielen. Zuschauen und dasein werden IMHO dafür sorgen, dass der Betroffene seine Position unverändert lässt, er weiß ja wenn es brennt, dann ist da jemand, der mir helfen kann.
Dies steht zwar im Widerspruch zu Äußerungen von Betroffenen: „Keiner kann mir helfen“
Wie solche Aussagen zu werten sind, mag aber von Fall zu Fall verschieden sein.

Mein Ansatz ist immer, nicht den Betroffenen zu „bewegen“ sondern die Menschen, die mit ihm leben, die ihm nahe sind. Sie sollten Ihre eigene Rolle prüfen, die dazu beigetragen hat, dass sich lange Zeit nichts bewegt hat. Das eigene Verhalten ändern, lautet mein Ansatz. Es kann nicht meine Aufgabe sein andere verändern zu wollen, ich kann nur etwas bewegen, oder sagen wir Bewegung erwarten, wenn ich bei mir anfange.
Der Betroffene wird sich bewegen, wenn er merkt, dass ich meine gewohnte Rolle aufgegeben habe.
Dazu gehört für mich auch, eine deutliche Position zu beziehen, nämlich nicht weiter bereit zu sein, ein Spiel zu spielen mit dem ich nicht einverstanden bin.

Liebe Grüße

Frank

Wie Du selbst oben geschrieben hast, hast
Du die Möglichkeit einer Depression ja auch erst dann
eingeräumt, als Du selbst betroffen warst und „die ärztliche
Notbremse“ ziehen mußtest.

Nicht eingeräumt. In besserer Kenntnis der Umstände gewagt in Betracht zu ziehen. kopfschüttelnde Grüße,
Laura

Freundliche Grüße,

Oliver

furchtsamkeit…
Hallo winkel,

Hi Laura,

ich kenne diese Situation aus eigenem Erleben. Meine Frau
hätte mich damals mit Hammer und Axt bearbeiten können, ich
hätte mich nicht mal bewegt.

ja, die Breitseite (oder „Zwangstherapie“, wie oben so schön unterstellt) ist wirklich nutzlos …und steht auch niemandem zu, es ist halt ein lebensfüllendes Rätsel, wie man da vorsichtig ansetzt; das allein grenzt schon an Therapie :smile:

Wie Oliver schon sagte: Vom Betroffenen ist erst Reaktion
(nach außen) zu erwarten, wenn der Leidensdruck ins
Unerträgliche (für ihn selbst, nicht für die „Anderen“)
gestiegen ist. Ist dieser Punkt erreicht, ist er meist bei
allen Angehörigen schon längst überschritten.

Leider. Da hilft dann u.a. auch Distanz, wobei natürlich immer das Risiko besteht, daß man nicht zurückfindet. Dann kann man auch unbelasteter versuchen, hauptsächlich auf die Bedürfnisse des „Betroffenen“ einzugehen.

Ich vergleiche hier Depressive immer mit Alkohlikern: eine
Zeitlang ist ja alles noch akzeptabel, aber wenns zum Ende
(des Krankheitsverlaufes) geht, dann ist es für alle
Nebenstehenden nicht zu ertragen. Kommt eine Suchtkranker dann
in eine Klinik, weil Gefahren für ihn oder die Umwelt
bestehen, wird er dort stabilisiert/entgiftet. dann folgt
meist die Aufklärung und die Frage, ob der Patient zu einer
Therapie bereit ist. Erst wenn diese Frage eindeutig mit JA
beantwortet wird, wird eine Therapie angeboten!

Genau der Aufklärungsansatz ist hier eben so schwierig, weil im Gegensatz zum Alkoholproblem nichts für den Betroffenen Greifbares existiert; körperliche Schäden sind ja noch argumentativ faßbar …wobei die bei Depressiven mitunter auch nicht unerheblich sind …können hier aber mit ein bißchen gutem Willen weggeredet werden …aber der Vergleich stimmt schon.

gruss

Gruß gleichfalls

winkel

Laura

Hallo Frank,

Mein Ansatz ist immer, nicht den Betroffenen zu „bewegen“
sondern die Menschen, die mit ihm leben, die ihm nahe sind.
Sie sollten Ihre eigene Rolle prüfen, die dazu beigetragen
hat, dass sich lange Zeit nichts bewegt hat. Das eigene
Verhalten ändern, lautet mein Ansatz. Es kann nicht meine
Aufgabe sein andere verändern zu wollen, ich kann nur etwas
bewegen, oder sagen wir Bewegung erwarten, wenn ich bei mir
anfange.
Der Betroffene wird sich bewegen, wenn er merkt, dass ich
meine gewohnte Rolle aufgegeben habe.
Dazu gehört für mich auch, eine deutliche Position zu
beziehen, nämlich nicht weiter bereit zu sein, ein Spiel zu
spielen mit dem ich nicht einverstanden bin.

Einiges gelernt, wie auch von anderen postings deiner Urheberschaft in diesem Brett :smile:
Es ist eben nicht leicht, die Diskrepanz zu überbrücken, die nicht selten zwischen Denken und Umsetzung liegt.
Der Ansatz dahin, die Grenze zwischen Freilassen und Gleichgültigkeit nicht zu übersehen, liegt wohl darin, auf einer total offenen und gleichberechtigten Ebene mit dem depressiv Betroffenen zu kommunizieren - was bedeutet, nichts zu forcieren oder seine Entscheidungen irgendwie zu werten, sondern ihm - und auch mir - die Möglichkeit zu geben, Aspekte zu sehen, die bis dahin vielleicht vrborgen geblieben sind und ständig meine tatsächliche Motivation zu hinterfragen. So macht man beiderseitige Wahlfreiheit möglich.

Liebe Grüße

Gleichfalls und dank dir

Frank

Laura