Liebe Experten,
Lieber Wolfgang !
seitdem das Volljährigkeitsalter auf 18 herabgesetzt wurde,
gibt es sogenannte „Heranwachsende“, also Menschen, die ihrem
Reifegrad und ihrer Lebenssituation nach Kinder mit den
entsprechenden Rechten sind, vom Gesetzgeber aber zusätzlich
mit den Rechten Erwachsener ausgestattet wurden.
Das ABGB (Ösiland) diferenziert anders, als Du es tust. Deine „Kinder“ sind dort „Minderjährige“. Die werden bis zum 7. Lebensjahr (§21; Abs.2") als „Kinder“, bis zum 14. Lj als „Unmündig Minderjährige“ bezeichnet; ab dem 14. Lj als „Mündige Minderjährige“. Die volle Rechtsfähigkeit tritt mit der Volljährigkeit ein. Was sind Heranwachsende bei Dir, Menschen zwischen dem 18. und dem 21. Lj ? „Kinder“ ihrer Eltern bleiben sie ein Leben lang.
Begründet wurde die Herabsetzung des Volljährigkeitsalters
seinerzeit nicht damit, daß das Volk solche „Heranwachsende“
benötigen würde. Es hat damals auch niemand gesagt, daß die
Volljährigkeit einem 18-jährigen die geistige und sittliche
Reife eines Erwachsenen verleihe, auch wenn das heute von
manchen so gesehen wird (nachzulesen in Eltern-Kind-Brett).
Auch wenn der damalige Grund ein politischer war: Die Festlegung der Volljährigkeit auf 21 ist ebenso willkürlich, wie sie es auf 18 ist.
Als zentraler Grund wurde vielmehr die Möglichkeit genannt,
mit 18 Jahren einen vollgültigen Führerschein zu erlangen,
sowie die Wehrpflicht.
Das mit dem Führerschein hat der Gesetzgeber mit der
Einführung von Probezeiten und Alterschbeschränkungen für
Motorradfahrer allmählich relativiert. Grund dafür ist die
mangelnde Reife und entsprechende Gefährlichkeit vieler junger
Fahrer.
Diese mangelnde Reife zieht sich aber fast bis zum 30. Lebensjahr. Wenn Du das verhindern willst, so hab ich einen Vorschlag: Machs wie bei Tolkiens Hobbits - dort wird man mit 33 volljährig ! Wenn ich mir so die - männliche - Verkehrsstatistik anschaue, wär das doch die Lösung !
Wehrpflichtige sollten das Wahlrecht für die Regierung haben,
die sie in den Krieg schicken kann. Das war letztlich das
Hauptargument für die frühe Volljährigkeit. Von der
Wehrpflicht aber besteht inzwischen nur noch ein letzter Rest,
der bald hinfortgewischt werden soll.
Naja, warum nicht ? Abgesehen davon, dass Deutschland momentan nicht wirklich in einen Konflikt verwickelt ist: wenn mich jemand als Armeeangehörigen in ein gefährliches Konfliktgebiet schickt, dann sollt ich zumindest die Möglichkeit haben, an der Entstehung dieser Regierung beteiligt gewesen zu sein. Auch wenn sich meine Stimme im demokratischen Prozeß nicht durchgesetzt hat, die Chance sollten die jungen Menschen wenigstens gehabt haben. Als Ökonom bin ich aus wirtschaftlichen Gründen sowieso für das Berufsheer. Nur wenn ich die Geschichte so anschaue, erfüllen mich Berufsheere immer mit einer gewissen Skepsis.
Ich halte daher eine Heraufsetzung des Volljährigkeitsalters
auf ein dem heutigen Menschen entsprechendes Maß, z.B. auf 21
- 23 Jahre für geboten, also auf ein Alter, in dem man keine
organisierte Ausbildung und keine besondere strafrechtliche
Milde mehr beansprucht und selbst in Beruf und Familie
Verantwortung leisten kann.
Mit 18 Jahren - gesetzliche Schulbildung bis 15, 3 Jahre Lehrzeit - ist man ausgelernt; hat also einen Beruf erlangt und kann wirtschaftlich für sich selber sorgen und braucht somit keine Ausbildung mehr. Und diesem, voll für sich selber Sorgenden, willst Du die Rechtsfähigkeit absprechen ?!?
Was meinst Du mit „besonderer Milde“ ? Welcher 18 oder 19-Jährige beansprucht die denn ?
Dass Du die Fähigkeit „Verantwortung in Beruf und Familie“ auf ein imo sehr hohes Alter festlegst, ist für mich eigenartig. So quasi, als würden Menschen von heute auf morgen von der „Verantwortungslosigkeit“ in die Verantwortung fallen. Ich hör da eine Geringschätzung heraus, sowohl den Minderjährigen im Allgemeinen als auch den Kindern im besonderen gegenüber.
Erwachsene, und solche die sich dafür halten, greifen massiv in die Rechte und die Lebensgestaltung von Kindern und Jugendlichen ein. Das passiert - wenn ich etwa an die Bildungssituation in Ösiland denke - vielfach allenfalls mit der Feigenblattentschuldigung „etwas für die Kinder zu tun“. In Wirklichkeit gehts um Budgetsanierung auf dem Rücken der Schwachen. Und Du willst den Kreis der politisch Einflusslosen - auch wenns nur ein geringer Einfluss ist - nun um einige Lebensjahre vergrößern ? Wem nützt das ?
Reife hat nicht wirklich viel mit dem Lebensalter zu tun, sondern viel mehr mit der Lebensgeschichte und den persönlichen Erfahrungen. Ich habe sehr viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Deren Entscheidungen und Einstellungen sind oftmals viel „reifer“ als das bei sogenannten „Erwachsenen“ zu beobachten ist. Ich erlebe leider auch genug unreife Erwachsene.
Das Argument „politische Reife“ zählt ebenfalls äußerst wenig. Als Angehöriger der Enkelgeneration der Zeitzeugen des 3. Reichs habe ich in zahlreichen politgeschichtlichen Diskussionen viele Menschen (indoktrinierte „ältere“ Erwachsene) erlebt, die exakt die gleiche politische Einstellung haben wie ihre Eltern. Dabei stellte ich auch immer wieder fest, dass die Streit- und Diskutier- und Konflikt- und Konfrontationsfähigkeit der Heranwachsenden wesentlich (!!) reifer ist als das bei etlichen 50- bis 60-Jährigen der Fall ist.
16-Jährige denken sehr viel häufiger über die Konsequenzen ihres Handelns nach, als das gemeinhin von uns „Erwachsenen“ angenommen wird. Unsere Einstellung Kindern und Jugendlichen gegenüber strotzt sehr oft von Vorurteilen und nicht der Realität entsprechenden Vorstellungen. Um diese Realität kennenzulernen, müsste sich der Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen, was vielfach aber nicht oder nur wenig der Fall ist. Leider!
Ich bitte um Pros und Kontras, werde mich aber in der
eventuell entstehenden Debatte nur sehr zurückhaltend äußern.
Pros für die Heraufsetzung ? Noch mal, wem nützt das ? Wem es schadet, ist ja klar.
Mit herzlichem Gruß,
die Grüße zurück
Wolfgang Berger
Wolkenstein