Vom Nutzen der Schwermut

Hallo,

ich habe eigentlich keine direkte Frage, sondern wollte nur auf diesen interessanten Artikel hinweisen: http://www.faz.net/s/Rub7F74ED2FDF2B439794CC2D664921…

Ich persönlich finde es überhaupt nicht moralisch bedenklich, wenn man die Frage nach einem möglichen Nutzen dieser Krankheit stellt. Vielleicht ist es sogar eine Hilfestellung für einen Betroffenen, wenn er weiß, dass diese unsägliche Krankheit auf lange Sicht auch zu einer vorteilhaften Veränderung führen kann? Was sagt Herr von und zu?

Viele Grüße
Ultra

Moin
Der Artikel ist durchaus interessant; es erhebt sich nur die Frage, ob nicht jede Erkrankung schöngeredet werden kann wie z.B. die Schwindsucht der Kameliendame o.ä.
Eine poetische Verklärung entspricht oft nicht der rauen Wirklichkeit.
Gruß,
Branden

hi,

erstmal danke für diesen lese-tip! das ist wirklich ein herausragender artikel: toll geschrieben, fachlich korrekt hinterlegt, ohne polemiken -super! den autor werde ich mir merken. den artikel habe ich ausgedruckt und werde ihn, wenn´s passt, einigen patienten zum lesen geben.

Hallo,

kennst du das Buch von Josef Zehentbauer „Abenteuer Seele - Psychische Krisen als Chance“? Der vertritt einen ähnlichen Ansatz. Sehr lesenswert m. E.

Liebe Grüße
sine

Moin Branden,

… es erhebt sich nur die
Frage, ob nicht jede Erkrankung schöngeredet werden kann …

Zweifellos ist das möglich und passiert sicher auch heute noch gelegentlich, aber ebenso besteht umgekehrt die Möglichkeit, jede Unpässlichkeit als krankhaft zu diagnostizieren und ihr einen furchteinfläßenden Namen zu verpassen, der nur so nach Behandlung schreit. Letzteres geschieht meines Erachtens zunehmend häufiger.

Liebe Grüße,
sine

1 „Gefällt mir“

Hallo!

http://www.faz.net/s/Rub7F74ED2FDF2B439794CC2D664921…

Ich persönlich finde es überhaupt nicht moralisch bedenklich,
wenn man die Frage nach einem möglichen Nutzen dieser
Krankheit stellt.

Natürlich nicht.
Bedenklich dagegen finde ich es, wenn ein Artikel alles, aber auch wirklich alles, zu einem konsistenten Brei vermengen will.
Zwar betont er wiederholt abstrakt (und nicht zu unrecht), die hohe Individualität der Depression, differenziert dann aber weder anhand des alten Schemas endogen/neurotisch/reaktiv (stattdessen spricht er abwechselnd von der erblichen Disposition und vom Schicksalsschlag oder Trauma), noch anhand der Schweregrade, schon gar nicht zwischen der „Depression“ als nosologischer Kategorie des psychiatrischen Diskurses, und der altehrwürdigen „Melancholie“ als allgemeiner Kategorie aller möglichen Wissensgebiete, die wohl viel eher zu einer Darstellung der schwermütigen Conditio humana taugt.
Dazu noch garniert mit einigen begrifflichen Anspielungen auf die Existentialistischen Philosophie und deren Theorie der Sinnlosigkeit und des Absurden.

Auf micht wirkt der Artikel deshalb wie: Alles Obst ist unterschiedlich. Ein Exemplar ist nicht gleich dem anderen. Angesichts dessen noch zwischen Äpfeln und Birnen zu unterscheiden ist deshalb völlig unnötig.

_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð € _

Nutzen des pseudowissenschaftlichen Journalismus
Vorbemerkung
Mit dem Schreiben meines Kommentars habe ich begonnen, als einige Beiträge noch nicht hier zu lesen waren. Teilweise wiederhole ich daher Dinge, die bereits gesagt wurden.

Moin,

es ist interessant, über neue Theorien zu lesen - aber man sollte als Laie nicht daran glauben oder sie gar, sozusagen als Selbstmedikation, bei sich selbst anwenden.

Ich persönlich finde es überhaupt nicht moralisch bedenklich,
wenn man die Frage nach einem möglichen Nutzen dieser
Krankheit stellt.

Wer behauptet, dass diese Frage moralisch bedenklich sein könnte? Rhetorische Fragen liest man oft, aber rhetorische Antworten zum Glück recht selten.

Vielleicht ist es sogar eine Hilfestellung
für einen Betroffenen, wenn er weiß, dass diese unsägliche Krankheit

Depression ist keine unsägliche Krankheit; man kann gut darüber sprechen

auf lange Sicht auch zu einer vorteilhaften Veränderung führen kann?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das hängt unter anderem vom Grad der Depression ab.
Unter anderem - das macht sich immer gut wenn man vertuschen will, dass man nicht genau Bescheid weiß, oder den Blick des Lesers in die gewünschte Richtung lenken will.
Zitat aus dem Artikel:
„Eine erbliche Disposition, die dazu führt, dass Menschen unter anderem jede Freude am Essen, an sozialen Kontakten, an Sex und damit auch an der Fortpflanzung verlieren und stattdessen an Selbstmord denken (…)“

Was sagt Herr von und zu?

Das sage ich, ohne von und zu, aber mit der eigenen Erfahrung von zwei mittelschweren Depressionsknallern (die Disposition dazu ist da), zwei jeweils mehrwöchigen Klinikaufenthalten (da spricht man auch mit anderen Kranken), Psychotherapie und Psychopharmaka während einiger Jahre.

  • Freude am Essen: nie verloren
  • an sozialen Kontakten: dito
  • an Sex: dito (auch bei medikamentenbedingter Schwänzchenschlaffheit macht Sex beiden Partnern Spaß)
  • an Selbstmord denken: kommt bei einigen Depressiven wohl vor, muss aber nicht
    „(…)am Ende ist er nicht einmal imstande, sich die Schnürsenkel zu binden, weil er darin keinen Sinn mehr erkennen kann.“
    Kann sein, muss aber nicht sein. Bevor es zur Unfähigkeit eines sinnerfüllten Bindens der Schnürsenkel kommt, tritt meist der Fall ein, dass man während einiger Sekunden nicht mehr weiß, wie es geht; diese Erfahrung machen viele Depressive.
    Persönliches Beispiel: ich stand in der Küche, hielt eine Kartoffel in der linken Hand, das Schälmesser in der rechten … und so stand ich ein paar Sekunden da und wusste nicht mehr, wie man eine Kartoffel schält. Der Sinn des Kartoffelschälens war mir trotzdem bewusst, schließlich wollte ich das Essen zubereiten, und Kartoffeln, als Salzkartoffeln zubereitet, schält man vorher.

Jede Depression hat ihre eigenen Symptome und braucht eine fallspezifische Therapie. Theorien zur Entstehung von Depressionen gibt es wie Sand am Meer, und ebenso viele Theorien gibt es zur Therapie.
Ein Wissenschaftsjournalist muss seine Artikel verkaufen; das ist dem Verfasser des Artikels gelungen.

Es frühlingt!
Pit

Vom Nutzen der Presse
Hallo,

das ist wirklich ein
herausragender artikel: toll geschrieben,

Das ist Geschmackssache (ich habe ihn ebenfalls mit Interesse gelesen)

fachlich korrekt hinterlegt,

Nein, dazu hat ein Journalist weder die Zeit für entsprechende Recherchen, noch den notwendigen Platz in einem Massenmedium

ohne polemiken -super!

Stimmt.

den artikel habe ich ausgedruckt und werde ihn, wenn´s
passt, einigen patienten zum lesen geben.

Dann aber bitte erst nach einer fachmännischen Anleitung zur richtigen Lektüre (= zum richtigen Verstehen) des Artikels.
Für Deine Patienten hoffe ich, dass Du diese Kompetenz besitzt; Deine Visitenkarte sagt darüber nichts aus.

Gruß
Pit

1 „Gefällt mir“

Hi

Zweifellos ist das möglich und passiert sicher auch heute noch
gelegentlich, aber ebenso besteht umgekehrt die Möglichkeit,
jede Unpässlichkeit als krankhaft zu diagnostizieren und ihr
einen furchteinfläßenden Namen zu verpassen, der nur so nach
Behandlung schreit. Letzteres geschieht meines Erachtens
zunehmend häufiger.

Das stimmt. Beispiele hierzu:
ADHS
PTBS
borderline-Persönlichkeit
Gruß,
Branden

2 „Gefällt mir“