Nutzen des pseudowissenschaftlichen Journalismus
Vorbemerkung
Mit dem Schreiben meines Kommentars habe ich begonnen, als einige Beiträge noch nicht hier zu lesen waren. Teilweise wiederhole ich daher Dinge, die bereits gesagt wurden.
Moin,
es ist interessant, über neue Theorien zu lesen - aber man sollte als Laie nicht daran glauben oder sie gar, sozusagen als Selbstmedikation, bei sich selbst anwenden.
Ich persönlich finde es überhaupt nicht moralisch bedenklich,
wenn man die Frage nach einem möglichen Nutzen dieser
Krankheit stellt.
Wer behauptet, dass diese Frage moralisch bedenklich sein könnte? Rhetorische Fragen liest man oft, aber rhetorische Antworten zum Glück recht selten.
Vielleicht ist es sogar eine Hilfestellung
für einen Betroffenen, wenn er weiß, dass diese unsägliche Krankheit
Depression ist keine unsägliche Krankheit; man kann gut darüber sprechen
auf lange Sicht auch zu einer vorteilhaften Veränderung führen kann?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das hängt unter anderem vom Grad der Depression ab.
Unter anderem - das macht sich immer gut wenn man vertuschen will, dass man nicht genau Bescheid weiß, oder den Blick des Lesers in die gewünschte Richtung lenken will.
Zitat aus dem Artikel:
„Eine erbliche Disposition, die dazu führt, dass Menschen unter anderem jede Freude am Essen, an sozialen Kontakten, an Sex und damit auch an der Fortpflanzung verlieren und stattdessen an Selbstmord denken (…)“
Was sagt Herr von und zu?
Das sage ich, ohne von und zu, aber mit der eigenen Erfahrung von zwei mittelschweren Depressionsknallern (die Disposition dazu ist da), zwei jeweils mehrwöchigen Klinikaufenthalten (da spricht man auch mit anderen Kranken), Psychotherapie und Psychopharmaka während einiger Jahre.
- Freude am Essen: nie verloren
- an sozialen Kontakten: dito
- an Sex: dito (auch bei medikamentenbedingter Schwänzchenschlaffheit macht Sex beiden Partnern Spaß)
- an Selbstmord denken: kommt bei einigen Depressiven wohl vor, muss aber nicht
„(…)am Ende ist er nicht einmal imstande, sich die Schnürsenkel zu binden, weil er darin keinen Sinn mehr erkennen kann.“
Kann sein, muss aber nicht sein. Bevor es zur Unfähigkeit eines sinnerfüllten Bindens der Schnürsenkel kommt, tritt meist der Fall ein, dass man während einiger Sekunden nicht mehr weiß, wie es geht; diese Erfahrung machen viele Depressive.
Persönliches Beispiel: ich stand in der Küche, hielt eine Kartoffel in der linken Hand, das Schälmesser in der rechten … und so stand ich ein paar Sekunden da und wusste nicht mehr, wie man eine Kartoffel schält. Der Sinn des Kartoffelschälens war mir trotzdem bewusst, schließlich wollte ich das Essen zubereiten, und Kartoffeln, als Salzkartoffeln zubereitet, schält man vorher.
Jede Depression hat ihre eigenen Symptome und braucht eine fallspezifische Therapie. Theorien zur Entstehung von Depressionen gibt es wie Sand am Meer, und ebenso viele Theorien gibt es zur Therapie.
Ein Wissenschaftsjournalist muss seine Artikel verkaufen; das ist dem Verfasser des Artikels gelungen.
Es frühlingt!
Pit