Inwieweit werden Ärzte darauf geschult, Patienten ihre
Diagnose zu schildern (vor allem nach der ausdrücklichen
Bitte, nichts zu verheimlichen oder zu vertuschen)?
Klare Frage, klare Antwort: Grundsätzlich praktisch gar nicht. Leider. Das betrifft die gesamte Arzt-Patienten-Kommunikation, die bei der Anamnese beginnt und u.a. da zeigt, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist und gute eben nicht nur der Kanal Arzt->:stuck_out_tongue_winking_eye:atient und das angemessen Überbringen von Informationen ist. Es zeigt auch aber nicht nur bei der Anamnese, dass ein Arzt auch zuhören können muss - und zwar nicht, weil er den Psychoonkel spielen und den verstorbenen Gatten ersetzen soll, sondern weil er nur so für die Behandlung wichtige Informationen bekommt. Und sei es, wahrzunehmen, wie sein Gegenüber tickt, wie möglicherweise in deinem Fall.
Es ist noch nicht einmal in der Ausbildung der Fachgruppen, bei denen es häufiger auch um Sterben geht, standard, solche Gesprächsführung zu schulen. Da sickert zwar zunehmend die Erkenntnis, dass das für beide Seiten sinnvoll sein könnte, aber die Angebote sind noch viel zu wenig verbreitet und in der Regel auch nicht verpflichtend.
Bei meiner letzten Chemo fragte ich bei dem obligatorischen
begleitenden Arztgespäch (unter Hinweis darauf, dass Ärzte
sowas nie gern beantworten), wie denn in etwa meine
Überlebenschancen stehen (Lebermetastasen - inoperabel - nach
Brustkrebs). Da holte sie aus, die verdammt junge Ärztin
(meine Söhne sind älter)
Das hat oft nichts mit dem Alter zu tun. Da die Ausbildung fehlt, ist das Empathie, Lebenserfahrung (die nichts mit dem Alter zu tun haben muss) etc. die dafür sorgen können, dass auch oder sogar gerade ein junger Arzt das besser draufhaben kann.
und erklärte mir, wie viele Jahre
Menschen mit Lebermetastasen noch leben können.
Sie wollte wohl positiv sein. Was angesichts deiner Frage ja vielleicht auch nicht ganz verkehrt war. Eine positive Einstellung kann ja tatsächlich eine Menge bewirken.
Nun gut, sagte
ich ihr, will ja nächstes Frühjahr noch meine Freundin in
Südfrankreich besuchen (die hat nebenbei auch Metastasen -
Knochen - nach Brustkrebs). Da sagte mir die Ärztin: Fahren
sie lieber schon diesen Herbst! ???
Auch das war positiv gemeint. Ich will diese Ärztin jetzt nicht einfach so in Schutz nehmen. Aber du hast mit deiner Konkretisierung eine ganz andere Gesprächsgrundlage geschaffen. Die allgemeine Frage nach Überlebenschancen ist eine ganz andere, als die nach dem sinnvollen Zeitpunkt einer Frankreichreise, die man unbedingt noch machen möchte.
Was ist das denn? Ich steck das ja gut weg - aber warum müssen
Ärzte Patienten immer zu unmündigen Idioten erklären?
Es gibt genügend Ärzte, die ihre Patienten für unmündig halten (lassen wir den Idioten mal weg, das ist eher die Ausnahme
). Aber in dem Fall glaube ich noch nicht einmal, dass die Ärztin dich für unmündig gehalten hat. s.o.
Sie hätte doch schlicht sagen können: Ich weiß es nicht. Es gibt
Menschen, die mit der Diagnose Jahre überleben, andere
schaffen es nur noch für ein paar Monate - ich kann Ihnen also
nichts genaues sagen.
Stimmt, hätte sie machen können. Nun muss man aber auch fairerweise dazu sagen, dass das für einen Arzt nicht einfach ist. Patienten kommunizieren auch nicht immer so klar, wie sie sollten. Sei es, weil sie es wirklich nicht können (weil es ihnen auch schwer fällt, weil sie nicht wissen wie, weil sie emotional belastet sind, etc.) oder nicht wollen (weil sie vielleicht den Anspruch haben, dass der Arzt Gedankenlesen können muss,) etc.
Ich bin jetzt mal direkt, du schreibst, dass du damit umgehen kannst: Die Frage nach der „Überlebenschance“ impliziert, dass es die überhaupt gibt. Die Frage nach der Lebenserwartung wäre eine andere. Und noch eine andere ist, wann ein guter Zeitpunkt für eine solche Reise ist, wenn man sie machen will. Das sind drei ganz verschiedene Fragen, drei verschieden Antworten.
Um dann noch einmal zur Frage zu kommen, was mögliche Gründe sind, warum Ärzte solche Problem bei solchen Gesprächen haben? Weil sie schwer sind, weil sie nicht dafür geschult sind, weil sie Patienten bevormunden, weil sie unsicher sind, weil sie Angst vor der Reaktion haben, weil gut gemeint nicht immer gut gemacht ist, …