Von Nöten und Ängsten

Hallo,

hierin geht es mir um neutrale Meinungen oder Anregungen.
Es ist mein erster Versuch Hilfe zu suchen und vielleicht ein später noch dazu.
Weiß nicht wie anfangen, was schreiben, mein Problem anzusprechen und zu formulieren bereitet mir Mühe, bin jetzt wieder geneigt es fahren zu lassen, trotzdem, hier der Versuch zur (selbst-?) Darstellung:

Mit 11 war ich Scheidungskind, es ist dass erste negativ-belastete Ereigniss, das ich erinnere. Mutter saß unter Tränen am Bettrand und fragte mich und meine Schwester, ob es uns Leid tun würde, wenn sie und unser Vater sich trennen. Wir verstanden nichts, nur ihre Unsicherheit gepaart mit einem bitteren Nachgeschmack von Schuld.
(Vage Erinnerungen an Albträume und dergleichen rechne ich nicht zur Sache…)

Es folgte Umzug in die Heimat meiner Mutter, der dritte schon, nur diesmal fehlte einer.
Mutter began zu trinken, nur wurde es erst Jahre später auffällig, klassisch zu spät.
Heute kann ich sie als „emotional kalt“ bezeichnen, obwohl sie fühlt und spürt, nur hat sie nie einen Weg zur Äußerung gefunden, der ihr behagte, ich empfand sie als ‚gezwungen‘…
Unser Verhältniss war stets formell und beinahe ohne pesönliche Ebene, Probleme wurden nie angesprochen, mehr Zweckgemeinschaft als Familie.

Während der Pubertät begann die Schulmisere, sie sollte bleiben. Konzentrations-schwäche, überbordende Phantasie gepaart mit einer Scheu vor Menschen, insbesondere der Lehrer, häuften sich, ich mußte wiederholen, verlor wiederum einen Kreis aus Freunden, als sich eine erneute Runde abzeichnete, wurde ich auf die ‚niedrigere‘ Schulform geschoben, um „schlimmeres zu vermeiden“.
Mein Zimmer lag mit Blick auf meinen alten Schulhof, drei Hausnummern von der Schule entfernt, auf dem Weg zur neuen Schule die alte und die alten immer da, schmerzhaft peinlich.
Es entwickelte sich Lethargie, ich vernachlässigte alles was nicht zum Überleben notwendig war.
Der Kieferorthopäde schraubte eine feste Spange in meinen Mund und nach zwei Wochen Schmerzen, hatte ich diese etwas samt der Zähne als Fremdkörper empfunden und ausgeblendet, die laute Mutter ermahnte zur Pflege, die ich nicht leisten wollte und als die Spange entfernt wurde war es gleichsam pure Erleichterung und ein bis heute nachwirkender Schock und ich hörte auf offen zu lächeln, spannte ein erstarrtes, besser entsetztes Lächeln auf die Lippen.
Zu jenem Zeitpunkt wurde ich verschlossen, fast apathisch, konnte/wollte Stunden nur im Kopf sein, Außenwelt verblaßte.

Das ‚Umfeld‘ (klinisches Wort…)der neuen Schule schien mir unangenehm, ich konnte keine Ebene zu irgend jemandem aufbauen und blieb lieber starr.
Flucht suchte ich in Comics, Musik und Computerspielen, erstere stifteten mein einziges Steckenpferd, ein sicheres Englisch in Wort und Schrift.
Der Schulstoff bereitete aber kein großes Kopfzerbrechen mehr und zum Ende schaffte ich, mit leisem, dennoch spürbaren Nachdruck der Lehrer, wieder den Sprung auf die gleiche alte Schule.

Zuerst Hochgefühle, die sich dann doch wieder in einem Brei von Antriebslosigkeit und dauernder Verlegenheit verloren. Zukunfts- wie Selbstkonzeptionen hatte ich keine, verbarikardierte mich im dunklen Zimmer mit Spielen oder dem Kopfkissen.
Ich lernte neue Leute kennen, trieb aber mit diesen in die Drogensucht ab, die von da an bestimmend sein sollte.
Täglich drogenbenommen rann Schule und Welt an mir vorbei, neuer eklat, mutter machte entzug, flaschen im büro gefunden worden, die zwei wochen waren merkwürdig befreiend, aber nicht von dauer.
Tiefpunkt, nach einer weiteren wiederholung wurde ich mit denkbar schlechtem Zeugnis der Schule verwiesen und vegetierte noch ein, in meiner Erinnerung, flüchtiges und ereignisloses Jahr bei Muttern, ohne Antrieb mit gelegentlich Exzessen in Drogen und Gebaren.
Dann Klimax, geladener Rausschmiss im Streit, seltsam klarer Moment als ich meine Habseligkeiten in Kisten packte, tiefgehendes Gefühl der Leere welches nur einen Moment blieb und ich ging zu Freunden um in der Küche zu übernachten.
Die Nacht wiederholte sich, ich wohnte in der küche, zwischen droge und apathie, bis ein halbes Jahr vergangen war und ich irgendwann, durch seichte Gespräche und wohlwollendes Wirken meiner Freunde, begann wieder aktiv zu werden.
Ich habe nun ein Zimmer bei diesen Freunden übernommen, fühle mich inzwischen hier wohl und habe mein drogenproblem bekämpfen können.

Nur die leere ist wieder da, verstärkt durch den Verlust fast aller meiner Andenken an mein Leben bis zu meinem enforcierten Auszug, sie hat alles dem Müll überantwortet, alles was ich je geschrieben, gezeichnet, für mich selber erstellt hatte, ich hätte es früher retten sollen…

Trotz dieser Fortschritte, die ich zwar erkennen,annehmen und ausbauen kann, verbleibe ich immer noch großteils in alten Mustern, ich bin in gesellschaft fast immer apathisch, finde oft privat keinen zugang zu fremden, sind sie auch noch so sympathisch, verfalle noch öfter wieder der droge.

Hinzu kommt, und hier der Nucleus wie ich denke, eine allesüberschattende verwirrung, verlegenheit, mir fehlt ein besseres wort, wohin ich auch sehe um mich zu entwerfen, immer neue dinge die anderes unwichtig erscheinen lassen, altes nichtig und mich verlassen.
ich habe ein tiefes gefühl/bedürfniss nach flucht, der fremde, eine phantasie vom vergessen im neuen.

ich merke mir meine unsicherheiten deutlich an, deswegen dieser schrieb aber es anzugehen, aussortieren und klären fällt ungemein schwer, dazu noch peinlichkeit vor gesprächen, eine angst vor öffnung.
die neigung eher anderen zu helfen als mir selber und mich darüber zu vergessen, lieber penibel hausarbeit zu verrichten als mit mir selbst umzugehen.

therapeutische hilfe in anspruch zu nehmen lag mir bisher fern, ich hab eine schlimme angst vor dem gespräch und den konsequenzen, unsicher ob ich dem menschen nicht ablehnend gegenüber stehen würde, will mich nicht der peinlichen examination durch einen anderen aussetzen, mir schweben noch die schlagwörter des psychologie LKs durch den geist…

Drang mich andauernd zu rechtfertigen, auch diesem Text eine erläuterung nachzustellen, aber es fühlt sich gut an, ‚alles‘ mal einer öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.

bitte den trauernden ton zu entschuldigen, ausdruck meiner stimmung, wechselhaft und zittrig.

danke

Hi,

zuerst einmal Gratulation, dass Du Deine Geschichte runtergeschrieben hast, das war sicherlich nicht ganz einfach. Es kostet einiges an Überwindung, über seine Probleme zu sprechen, ganz klar. Wenn Du die richtige Person dafür hast, wird es mit der Zeit aber einfacher.

In Deiner Nähe gibt es sicherlich eine Suchtberatungsstelle, an die Du Dich wenden kannst. Keine Angst vor den Menschen dort, sie verurteilen Dich nicht, das ist vielleicht auch eine Deiner Ängste. Geh hin oder ruf dort an, wenn Dir das lieber ist. Sie werden Dich beraten.

Ansonsten kannst Du im Telefonbuch nach Therapeuten schauen oder Dich bei Deiner Krankenkasse erkundigen. Es gibt z. B. auf Sucht spezialisierte Psychologen.

Wenn der erste Schritt in Richtung professionelle Hilfe getan ist, hast Du schon die erste große Hürde genommen. Dann geht es nur noch darum, konsequent bei der Sache zu bleiben. Es gibt Zeiten, in denen Du nicht willst oder nicht kannst, aber das ist ganz normal. Davon solltest Du Dich nicht abschrecken lassen. Solange Du selbst daran arbeiten willst und es dauerhaft tust, wirst Du in teils großen, teils kleinen Schritten erkennen, dass die Gespräche helfen.

Die Freunde, bei denen Du zur Zeit lebst - kannst Du mit ihnen über alles reden? Wenn ja und wenn es richtige Freunde sind, unterstützen sie Dich. Versuch es, das ist es wert. :smile:

Ich wünsch Dir viel Glück
Natascha

therapeutische hilfe in anspruch zu nehmen lag mir bisher
fern, ich hab eine schlimme angst vor dem gespräch und den
konsequenzen, unsicher ob ich dem menschen nicht ablehnend
gegenüber stehen würde, will mich nicht der peinlichen
examination durch einen anderen aussetzen, mir schweben noch
die schlagwörter des psychologie LKs durch den geist…

Hi Du,

Du bist an einem entscheidenden Punkt angekommen, auf der nächsten Stufe auf der Leiter sozusagen - ich freue mich für Dich!

Du hast auch die Fähigkeit, zu analysieren, wie Du dahin gelangt bist, wo Du jetzt bist. Du hast hier gerade alles, sehr deutlich, klar und strukturiert, niedergeschrieben. Wow, ich bin beeindruckt.

Das, was Du hier geschrieben hast - speicher es Dir ab, druck es aus, was auch immer, und nimm es mit, wenn Du ärztliche Hilfe in Anspruch nimmst.

Ärztliche Hilfe brauchst Du, das ist Dir auch selbst klar.
Und Du bist gerade jetzt an dem Punkt, an dem Du sie auch in Anspruch nehmen kannst. Es war ein Weg, ein gewundener, und nun bist Du hier angekommen. Will sagen, Du musstest erstmal an diesem Punkt ankommen.

Dass es auf den ersten Blick so ausssieht, dass man sich einer ‚peinlichen Examination‘ ausssetzt, wenn man einem Arzt sein Krankheitsbild darlegen muss, das liegt an der ‚public perception‘ von psychischen Erkrankungen, sowie an der sehr nüchtern klingenden Theorie, so wie Du sie vielleicht in dem angesprochenen LK mitgekriegt hast.

Das ist aber gar nicht so. Klar, diese Angst muss man überwinden, und da hast Du jetzt gerade das perfekte Mittel in der Hand - nämlich dieses Posting hier. Wenn Du bei einem Arzt nicht wüsstest, wo Du mit dem Erzählen anfangen sollst - drück ihm dieses posting in die Hand. Es ist Gold wert. Er/sie wird Dir dann die daraus entstehenden Fragen stellen, und Dich entsprechend behandeln.

Wenn Du Krebs hättest, wäre es Dir peinlich, dies einem Arzt einzugestehen? Der einzige Grund, warum es Dir unangenehm ist, ärztliche Hilfe aufzusuchen, ist, weil Du irgendwie glaubst (wie wohl jeder in Deiner Situation), Schuld an Deiner Situation zu tragen.

Ist aber nicht so.

Das einzige, womit Du Dich eventuell (eventuell!) auseinandersetzen werden musst, ist die Tatsache, dass vielleicht nicht alles von Dir erlebte auf Deine früheren Lebensumstände zurückzuführen ist, sondern eventuell (!) auch auf genetische Bedingungen zurückzuführen ist.

In beiden Fällen - was kannst Du dafür? Nichts.

Du kannst aber was FÜR DICH TUN. Und das ist ja das, was Du willst.

Die Angst vor den ‚Konsequenzen‘ eines Gesprächs, da weiss ich nicht genau, was Du meinst. Ja, es wird sich (langsam!) etwas in Deinem Leben verändern. Dies begrüsst Du aber doch? Das ist doch, was Du willst?

Dass Du einem Facharzt ablehnend gegenüber stehen wirst - das KANN tatsächlich passieren. Du musst menschlich mit dem behandelnden Arzt klarkommen - you have to ‚click‘ with him, or her.

Wenn das nicht der Fall ist, dann such Dir den nächsten Arzt. Du wirst den richtigen finden - es gibt aber keine Garantie, dass der erste der richtige ist.

Ob Du eine Sucht- oder andere Beratungsstelle aufsuchst oder anrufst, um Adressen von Ärzten zu erfahren, oder ob Du die gelben Seiten zur Hand nimmst, oder ob Du Dir in internet-Foren Erfahrungsberichte von Patienten suchst - egal.

Ich würde Dir empfehlen, nicht gleich zu einem Psychologen zu gehen. Sondern zB zu einem Neurologen/Psychater (hierzu wirst Du vielleicht von anderen Experten noch ne bessere oder konkreter Antwort auf Dein posting kriegen). Er wird mit der Zeit entscheiden, welche Medikamente und welche Therapie Du brauchst, und dich dementsprechend überweisen, zB zu einem Psychologen zur Gesprächstherapie oder Verhaltenstherapie oder was weiss ich. Dies wäre dann aber begleitend zu Deiner Behandlung.

Will sagen, mit Gesprächen allein ist’s sicher nicht getan - deshalb brauchst Du eben eine ‚zentrale Anlaufstelle‘, die dich dann in verschiedene Richtungen zu verschiedenen Behandlungen weiterverweisen kann.

Lieben Gruss, Isabel

PS: Hab ich schon gesagt, dass ich von der Klarheit, mit der Du Dich und Deiner history darstellt, ungeheuer beeindruckt bin?

PPS: Wenn Du möchtest, mail mich an.

Hallo Nachtmensch,

Du hattest einen beschissenen „Start ins Leben“ !

Ich kann mich nur den Autoren der anderen Antwortartikel anschließen:

Der erste Schritt ist getan ! Sauber, wie Du Deinen Situation analysierst ! Du wirst allerdings, Deine ganze Vorgeschichte nicht alleine aufarbeiten können, dafür ist zuviel passiert ! Suche Dir professionellen Rat ! Du mußt, denke ich, nochmal durch die ganze Gechichte geistig durch, aber mit den Augen der Person mit dem Intelekt, den Du heute vorzuweisen hast, und der scheint Deiner äußerst strukturierten, analytisch basierten Darstellungsweise Deiner Situation zufolge „nicht von schlechten Eltern“ zu sein.

Lenke Deine schlechte Vergangenheit um. Nutze sie um noch stärker zu werden. Du hast bisher alle Stationen Deines Lebens gemeistert und das wird weiterhin so sein, da Du aus der Vergangenheit genug Kraft aufgebaut hast, es zu schaffen. Das hast Du anderen voraus. Aber lasse Dir dabei bitte helfen !

Ich wünsche Dir viel Glück auf Deinem weiteren Weg !

Gruß Heiko