Hallo André!
Ich habe den
Eindruck, dass nicht die Leute, die ‚schlechtes Deutsch‘
sprechen, mehr geworden sind, sondern die Leute, die glauben,
Umgangssprache wäre ‚schlechtes (oder gar falsches!) Deutsch‘.
Letzteres mag wohl sein; jedoch denke ich auch, dass die Leute, die „schlechtes Deutsch“ sprechen, mehr geworden sind - und zwar schlechtes Deutsch in dem Sinne, dass sie die Varietät, die sie sprechen, für Standarddeutsch halten und, was m.E. noch viel schlimmer ist, alles, was sie im Fernsehen hören, in der BILD lesen oder auf der Werbetafel eines Imbisses sehen, für Hochsprache ansehen und unreflektiert nachplappern.
Die Gefahr, die ich darin sehe, ist nicht so sehr, dass sich die Umgangssprache verändert, sondern dass dies immer schneller geschieht. Solch einer rasanten Entwicklung war zuvor nur die Jugendsprache unterworfen, und was die Folgen sind, kann man sich vor Augen führen, wenn man Jugend- und Umganssprache vergleicht:
Lies mal einen Text, der ca. 1950 in „Jugendsprache“ geschrieben wurde. Er wirkt allenfalls komisch. (Dasselbe gilt für „Wörterbücher der Jugendsprache“, die spätestens nach 5 Jahren komplett veraltet sind.) Wenn jedoch, sagen wir, ein Dramatiker ein Schauspiel 1950 umgangssprachlich schreibt oder Umgangssprache gar als Stilmittel zur Charakterisierung einer Figur verwendet, dann wirkt das heute noch ebenso.
Damit will ich nicht sagen, dass die Umgangssprache sich nicht wandelt - Umgangssprache des 19. Jahrhunderts wirkt für uns heute auch hochgestochen. Ich kann noch nicht einmal genau ausdrücken, warum ich diesen schnellen Wandel als problematisch ansehe. Vielleicht deshalb, weil dadurch das Verständnis zwischen verschiedenen Generationen erschwert wird - und das Generationenverhältnis ist ohnehin schon nicht unproblematisch.
Ich schätze übrigens die Bücher von Bastian Sick sehr. Sicher, seine journalistische Kompetenz bleibt auf BILD-Niveau, wodurch sich viele offenbare Fehler einschleichen; und von deskriptiver Sprachwissenschaft hat er wohl auch noch nichts gehört. Dennoch ist die große Leistung dieser Bücher, dass sie viele Menschen zur Intensiven Beschäftigung mit Sprache angeregt haben. Das hat André Meinunger nicht geleistet (weil der nicht die Werbetrommel rührt). Und gerade beim Lesen des dritten Bandes vom „Dativ“ stellte sich bei mir der Eindruck ein, dass auch Herr Sick die Meinung vertritt, die Entscheidung, was „richtiges Deutsch“ ist, sei hochgradig subjektiv. Wirklich anders als hier im Forum, finde ich, klang das bei ihm im Buch nicht.
Liebe Grüße
Immo