Drei Vorlesestexte zu Weihnachten
Hallo, Wolfgang,
mir gefällt die ganz gut:
_ Der bitterböse Weihnachtsmann
(Dietmar Bittrich 1999)
Zum erstenmal habe ich den bitterbösen Weihnachtsmann im Postamt gesehen. Es war drei Wochen vor dem beklagenswerten Ende von Frau Schmökel. Drei Wochen vor unserer unvergeßlichen Bescherung.
Er stand hinter dem Tresen des Paketschalters. Damals wußte noch keiner von uns, daß er es war. Ich hielt ihn für einen heiteren, humorvollen Postbeamten. Natürlich hätte dieser Eindruck mich argwöhnisch stimmen müssen.
Aber erstens hatte die Post gerade ihre Aktion “Ein Herz für Kunden” angekündigt. Der Mann mit weißem Bart und Weihnachtsmütze über grauem Overall hätte also eine Werbemaßnahme sein können. Und zweitens war ich zu abgelenkt, um ihn genau im Auge zu behalten.
In der Schlange standen die hagere Frau Ehrenberg, Sebastian aus der WG und Frau Schmökel, damals noch aufreizend lebendig und leuchtend in ihrer schweinernen Rosigkeit. Die drei waren nicht gleichzeitig gekommen, hatten einander aber hier entdeckt und versuchten nun, an den anderen Wartenden vorbei ein Gespräch zu führen. “Da ist Herr Ruppricht”, rief Frau Ehrenberg, als ich noch nicht ganz eingetreten war. Einige Leute drehten sich um, als sei ich der Filialleiter, bei dem sie sich beschweren konnten. “Wir stehen hier schon eine halbe Stunde”, teilte Frau Schmökel mit. “Wenn es weiter so geht, kommt mein Paket nicht mehr rechtzeitig an.” Sie stand in der Mitte der grauen Pfütze, die sich vom Eingang zum Schalter hinzog, und verursachte dank ihres Lebendgewichtes bei jedem Wort ein vibrierendes Wellenmuster.
Sebastian hievte sein Paket auf den Tresen. “Alle Pakete kommen rechtzeitig an”, beschwichtigte der Weihnachtsmann hinter dem Schalter. “Sogar, wenn Sie was für die Azoren haben oder für Ihre Tante in Patagonien oder…” Er studierte das Paket von Sebastian. “…oder für den Thai Erotik Versand in Ibbenbühren.” Er blickte Sebastian an, der für einen Augenblick etwas weniger lässig wirkte als gewöhnlich. Die Wartenden, bis eben im Dämmerschlaf, machten die Hälse lang. “Ein Irrtum der Post”, erklärte Sebastian unwirsch. “Das Paket geht zurück.” Ausgepackt wurde es leider nicht. Frau Schmökel sah Frau Ehrenberg an, Frau Ehrenberg sah Frau Schmökel an, dann drehten sich beide zu mir um. “Fragen Sie ihn, was drin ist”, riet ich. Ich selbst wollte das später unter vier Augen tun.
Der Weihnachtsmann klebte einen Zettel auf das Paket, Sebastian war entlassen. “Unverschämtheit, was man heutzutage unaufgefordert zugeschickt kriegt”, behauptete er, während er sportlich an der Schlange vorbeiwippte. Zu mir sagte er: “Weihnachten kannst du vergessen, wir machen ein totales Anti-Fest, überlege es dir.” Er gab der Tür einen Tritt und war draußen. Alle nahmen ihm übel, daß er sie mit unfestlicher Ware aufgehalten hatte. Natürlich weiß jeder, daß man Weihnachtspakete spätestens Anfang November zur Post bringen muß, falls sie noch vor dem Fest ankommen sollen. Besser ist es, wenn man sie im Oktober aufgibt. Die Post selbst empfiehlt den September. Aber ich bin mir im Herbst selten sicher, was ich verschenken soll und an wen. Diesmal hatte Lisas Erbtante uns durch ihren robusten Lebensgeist überrascht. Obgleich sie Jahr für Jahr angekündigt hatte, das sei nun ihr letztes Fest gewesen, und obwohl es im Spätsommer tatsächlich danach ausgesehen hatte, war Lisa nun doch auf Nummer sicher gegangen und hatte eilig Kekse in ein Paket gestopft, selbstverständlich nur die harten, schwarzen. Damit stand ich nun in der Schlange. “Am Wochenende wird der Weihnachtsmarkt der Völker eröffnet!” schwärmte Frau Ehrenberg. “Ich habe da schon so herrliche Sachen gekauft! Fast zu schade zum Verschenken! Handgewebte Schals aus Indien und geklöppelte Überwürfe aus Mauretanien, skandinavische Glockenspiele aus Glas!
Und die indianischen Weihnachtspyramiden und brasilianischen Kokosnußkrippen! Diesmal sollen sogar afghanische Räuchermännchen-Schnitzer dabeisein. Man kann sie bei der Arbeit beobachten!” “Wie dumm, ausgerechnet an diesem Wochenende habe ich keine Zeit.” Mehr fiel mir nicht ein. “Wir haben Niklas versprochen, mit ihm zu basteln.” “Aber so einen niedlichen Engel aus dem Erzgebirge”, lächelte Frau Ehrenberg mitleidig, “den kriegen Sie nicht hin.” Frau Schmökel, schon beinahe am Schalter, wandte sich um und säuselte: “Willst einen Engel du auf Erden, mußt du selbst ein Engel werden.” Sie setzte eine erlauchte Miene auf. Ich nickte ihr anerkennend zu. Jedes Jahr in der Adventszeit belegte sie den Volkshochschulkurs “Weihnachtliche Gedichte - selbst gefertigt” und hatte es in der Dichtkunst mittlerweile weit gebracht. Auch zu anderen Jahreszeiten war ihr manch treffender Reim eingefallen.
Uns, ihre Nachbarn, beschenkte sie ebenso wie Verwandte und Bekannte mit schnörkeligen Vervielfältigungen ihrer Verse. Kurz vor Weihnachten begann sie überdies, auf einem altertümlichen Blasinstrument zu üben, einer Schalmei, mit der sie den Vortrag ihrer Gedichte wohltätig untermalte. Ich hatte ihre Tonleitern auf Band mitgeschnitten und die Gedichte abgeheftet, um gegebenenfalls alles gegen sie zu verwenden.
Bevor sie jetzt weiterreimen konnte, kam sie an die Reihe. “Wird es auch noch rechtzeitig ankommen?” fragte sie den Weihnachtsmann am Schalter. “Nach Winipeg?” forschte er. “Auf die Inseln von Palau?” Er studierte die Aufschrift. “Nach Himmelpforten”, lächelte sie. “Das würde sogar in Hindustan rechtzeitig ankommen”, behauptete er. “Na, dann!” Sie zahlte und wandte sich erleichtert ab. Der Mann versah das Paket mit einem Aufkleber und schrieb etwas dazu.
Ich hätte genauer hinsehen müssen und hätte das auch getan, wenn nicht in diesem Augenblick Herr Pirsig eingetreten wäre, der frühpensionierte Lehrer für Sozialkunde. Herr Pirsig schob ein Paket vor sich her, das der Größe nach eine Schaufensterpuppe enthalten mußte. In seinem ausgebeulten Trainingsanzug blieb er einen Moment im Eingang stehen und spähte nach Bekannten in der Schlange. Ich hatte ihm gleich den Rücken zugedreht und meine Kapuze hochgezogen. Viele erkennen mich von hinten an den Inselgruppen meines Haarausfalls. Frau Schmökel lächelte ihm kalorienreich zu und zog ab. Frau Ehrenberg raffte ihre peruanische Stola und verschwand hinter einem Ständer mit Postreklame.
Schlurfende Schritte, ein über die Fliesen scheuerndes Paket. Ich roch die Schädlingsvernichtungskraft seines Parfums. Schon griffen weiche Finger nach meiner Schulter. Ich wandte mich um Magerquarkgesicht, rotblonde Fusseln, käsiger Bart. “Herr Pirsig!” sagte ich freudig überrascht. “Sie wollen auch ein Paket abgeben?” “Nein, tun Sie das bitte für mich. Meine Mutter ist im Krankenhaus. Bifokale Disfunktionsstörungen der linken Gallenblase.” Ich fand kein Wort des Mitgefühls. Knut Pirsig sorgte jedes Jahr dafür, daß seine Mutter vom Heiligabend an in der Sonnenhaus-Klinik verpflegt wurde.
Diesmal hatte er den Beginn ihres Aufenthaltes offenbar vorverlegt. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie seine Wohnung bereits vollständig geputzt und seine Wäsche ordentlich gebügelt hatte. “Geben Sie einfach nur das Paket ab”, sagte er. “Adresse steht drauf, danke, danke!” Und entfernte sich wieder. “Danke auch im Namen meiner Mutter!”
Frau Ehrenberg, nun wieder deutlich zu sehen und um etliche postalische Informationsblätter reicher, nickte mir solidarisch zu. Sie rückte an den Schalter vor und machte dem Beamten ein heuchlerisches Kompliment für seine Verkleidung. Ich schob die Pirsigsche Puppe mit den Stiefelspitzen vorwärts. Mir fiel die Selbsthilfegruppe ein, von der Sebastians WG-Freundin Tina erzählt hatte. Weihnachtlich Geschädigte sollten unter Anleitung eines Therapeuten Trost und Zuspruch finden. Ich lächelte. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch sicher, nichts dergleichen zu brauchen.
“Das kostet extra”, sagte der Weihnachtsmann, als ich mit Hilfe von vier Umstehenden Herrn Pirsigs Paket über den Tresen wuchtete. Herr Pirsig hatte mir kein Geld gegeben. “Wohin soll das Monster denn gehen?” Er studierte die Anschrift. “Soll das Timmendorf heißen? Oder Timbuktu?” “Von mir aus kann es nach Timbuktu gehen”, sagte ich trotzig.
Er lachte, wie nur ein richtiger Weihnachtsmann lacht. Gütig, aber mit einer Prise Dunkelheit darin. So wie man eben lacht, wenn man ziemlich weit draußen vom Walde her kommt. Ich muß sagen, er wirkte unwahrscheinlich echt.
“Sie haben eine phantastische Maske!” sagte ich. “Ihre ist auch nicht schlecht”, antwortete er, während er auf einem Zettel ausrechnete, was ich bezahlen sollte. Für einen kundenfreundlichen Servicemann war er eine Spur zu unverschämt. “Und hier, was ist hier drin?” Er beklopfte das Paket für Lisas Erbtante. Eigentlich ging es ihn ja nichts an. “Selbstgebackene Kekse.” “Scheußlich”, brummte er. “Allenfalls in Äthiopien würde man sich darüber noch freuen.”
Als ich bald nach Weihnachten Post aus Äthiopien bekam und Herr Pirsig einen Dankesbrief aus Timbuktu, wunderte ich mich schon nicht mehr, soviel hatte ich inzwischen mit dem bitterbösen Weihnachtsmann erlebt._
Oder im Dialekt:
_ D’pälzer Weihnochtsgschicht
Sellemols -wie de Auguscht in Rom Kaiser war un en gewisse Cyrius war Schtatthalter in Syrie un enner namens Herodes war de Könich vun Judäa, do hott emol de Kaiser a’geordent, daß sei ganzes Volk gezält werre soll - un daß jeder dorthie soll wu er uff die Welt kumme is for sich uffschreiwe zu losse.
Schließlich hott ach domols schunn en Kaiser wisse welle, was so an Schteire eizutreiwe wär. Also is jetzt jeder dort anne wu er her war un hott sich eitrache losse.
In Nazareth in Galiläa hott en Zimmermann gelebt namens Josepp mit seine’re Braut Maria. Die war in annere Umschtänd, awer net vun ihm sondern vum heilige Geischt, was awwer in dem Fall g’schtimmt hott. Die zwee henn ehr Bündel genumme un sinn nüwwer uff Judäa - noch Bethlehem - wu de Sepp her war. Des Bethlehem war bekannt durch de David un aus dem seiner Sippschaft hott de Joseph ach herg’schtammt. Folglich hott er sich dort eitrache losse müsse.
Die zwee sinn in schtockdunkler Nacht a’kumme un henn ach net viel druff g’hatt, dennetwege hott dann ach jeder Herbergwert hortich abgewunke, wann se g’frogt henn ob se üwwer Nacht e Zimmer kriehje kennte. Dann ist noch dezukurnme, daß de Maria ehr erschte Wehe krieht hott un dasses ziemlich kalt war. Die zwee henn dann in ihrer Not draus im Feld Unnerschlupp g’funne - imme alde Schoofschtall.
De Josepp hott hortich e bissel was aus Heu und Schtroh zurechtgemacht und die Maria hott e herziges liewes Büwel uff die Welt gebrocht. Sie hott’s in mitgebrochte Winnle gewickelt un em de Name Jesus gewwe - wie se’s vumme Engel uffgetrache krieht g’hatt hott. Hinne aus dem Stall is en Ochs un en Esel kumme un henn des Boppel betracht un dobei mit ehrm Odem warm g’halte. Un de Sepp un die Maria waren ganz glücklich, daß alles so glatt abgange is.
Draus im Freie - bei ehre Schoof - henn e paar Schoofhert Wach g’halte un denne is uff emol en große Engel erschiene. Ach Gott henn die Angscht g’hatt. Doch der Engel hott gemehnt sie sollen sich net ferschte, er hätt e gutie Nachricht - wu praktisch 's ganze Volk a’ging: "Heit is in Bethlehem de Heiland uff die Welt kumme - des isch Chrischtus der Herr un Erlöser! " Dann hott er g’saat sie solltenmol gugge gehe, es wär imme Schtall - do dehten se in 're Kripp e klee Boppel finne - un des wär de Erlöser.
In dem Moment sinn zu dem Engel noch en ganze Haufe annere erschiene - un dann henn se allminanner g’sunge: Ehre sei Gott in der Höhe - un Frieden den Menschen auf Erden, die guten Willens sind! Dann isses uff emol ganz hell worre. Die Schoofhert henn zusammengeraamt un sinn los - un henn tatsächlich des klee Boppel jefunne un sich nadierlich riesig g’frääd un dann henn se sich niedergekniet un henn’s a’gebet. Un vun dem bissel wu 'se g’hatt henn - do henn 'se em Josepp un de Maria noch was abgewwe, so daß die zwee for’s Erschte mol was zu esse g’hatt henn.
E paar Woche denoch sinn drei vornehme g’scheite Herre in die Gegend kumme un henn die Leit noch dem neigeborene Kind g’frogt. Es wäre’ne dehääm im Morgenland en große Schtern erschiene un hätt’s 'ne a’gezeigt - mit dem Kind - un dorum müßt des sei. Mer hott die drei zum Könich g’schickt. Wie der des vun dem Kind g’höört hott - wu de Erlöser wär, uff denn wu Alles gewart hott, do isser nadierlich arg verschrocke un furchtbar eifersüchtig worre. Awwer gerisse wie er war, do hott er gemehnt, die drei sollten des Boppel suche unnem Bescheid gewwe - er käm’s dann ach abete. In Wirklichkeit wollt der schofel Herodes - wann enner schunn Herodes hääßt - des Kind umbringe losse um so die Konkurrenz fer sein wackliche Thron auszuschalten.
Die drei nowele Herre henn dann des Jesuskind tatsächlich g’funne in seim Schtall, henn’s als zukünfticher Erlöser a’gebet unnem en Haufe schöne Sache dogelosst. Sie sinn dann awwer hinnerum hääm, weil se dem Herodes net getraut henn.
No - hott de Herodes gedenkt - wie er des inne worre is: Wann ich des Jesukind net finn, noht loss ich alle klenne Buwe unner zwee Johr umbringe, do werd’s schunn debei sei. Un so hotts der Coochem dann ach gemacht. Alle klenne Büwelcher dohtschlachte losse. Genützt hott em sei Schandtat garnix, denn de heilich Josepp hott vumme Engel en Tip krieht - un ist bei Nacht und Newwel nüwwer uff Ägypte - wu de Herodes nix zu melde g’hatt hott. Na der Lumbes hott dann ach nimmie lang glebt un is ganz elendich g’schtorwe - was em ach recht g’schehe hott. Un wie er doht war ist de heilich Josepp mit de Maria un em Jesuskind wieder uff Galiläa noch Nazareth. Dort is des Kind uffgewachse - is jeden Dag älder un g’scheiter worre un hott em heilich Josepp un de Mutter Gottes arg viel Frääd gemacht._
Und dann noch das:
_ Der Christbaumständer
Beim Aufräumen des Dachbodens - ein paar Wochen vor Weihnachten - entdeckte der Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied „ Oh du fröhliche“ erkennen. Das mußte der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählt, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich die Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu „ Oh du fröhliche“ spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde sich freuen.
Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in den Bastelraum zu verschwinden. Gut reinigen, eine neue Feder rein, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur „Weihnachtsüberraschung.“ Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte.
Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte er messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen.
Endlich war Heiligabend. „Den Baum schmücke ich allein“, tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. „Die werden Augen machen“, sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hängte. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln und Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt. Die Feier konnte beginnen.
Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann die Wunderkerzen. „Und nun kommt die große Überraschung“, verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein.
Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze „Oh du fröhliche.“ War das eine Freude. Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Großmutter hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: “Wenn das der Großvater noch erleben könnte, … dass ich das noch erleben darf." Mutter war stumm vor Staunen.
Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes Geräusch sie jäh aus ihrer Verzückung riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als sollte „Oh du fröhliche“ sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: “So tu doch was!“ Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: “Wenn das der Großvater noch erlebt hätte.“
Als erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort sein Nickerchen machte. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, von wo aus man ihn nur noch mit der Nase und einem Auge um die Ecke schielen sah. Lametta und Engelshaar hatten sich erhoben und schwebten wie die Sessel eines Kettenkarussells um den Weihnachtsbaum. Vater gab das Kommando: “Alles in Deckung.“ Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durchs Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander.
Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: “Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst.“ Vater war das alles sehr peinlich. Großmutter saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelshaar und Lametta geschmückt. Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 14-18 in den Ardennen im feindlichen Artilleriefeuer gelegen hatte. Genauso musste es gewesen sein. Als ein gefülltes Schokoladenbaumschmuckstück an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken „Kirschwasser“ und murmelte: „Wenn Großvater das noch erlebt hätte.“ Zu all dem jaulte die Musikwalze im Schlussakkord „Oh du fröhliche“, bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab.
Durch den plötzlichen Stop neigte sich der Christbaum, fiel aufs kalte Büfett, die letzten Nadeln von sich gebend. Totenstille. Großmutter, geschmückt wie nach einer New Jorker Konfettiparade, erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend, sagte sie: „Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat.“
Mutter ächzte völlig aufgelöst zu Vater: „Wenn ich mir die Bescherung ansehe, dann ist deine Überraschung wirklich gelungen.“
Andreals aber sagte: „Das war toll, Vati. Machen wir das jetzt jedes Weihnachten so?“_
Gruß Fritz