Einleitung
Hallo und herzlich willkommen zu meinem Vortrag über Wilhelm Tell.
Wilhelm Tell ist wohl die bekannteste Person in der Geschichte der Schweiz. Keine andere Person hat einen derartig nachhaltigen Eindruck auf das Schweizer Volk ausgeübt, wie Wilhelm Tell.
Struktur des Vortrages
In meinem Vortrag möchte ich nicht tief in die Sage von Tell eingehen und sie möglichst ausführlich betrachten, sondern eher darauf eingehen, wie es denn zu einer solchen Sage kam, wofür Tell steht, was er bezweckte und wie das Volk ihm gegenüber stand.
Kleine Zusammenfassung der Sage
Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Schweizer Freiheitshelden Wilhelm Tell, der sich weigerte den Hut von Gessler zu grüssen und deshalb gezwungen worden ist, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Da er zwei Pfeile in seinem Köcher hatte wurde er nach dem erfolgreichen Apfelschuss von Gessler gefragt, wofür der zweite Pfeil sei. Darauf antwortete Tell ehrlich – vielleicht ziemlich unüberlegt – wenn er mit dem ersten den Apfel verfehlt hätte und seinem Sohn etwas geschehen wäre, dann wäre der zweite für Gessler gewesen. Darauf liess Gessler Tell festnehmen. Doch bei der Überfahrt über den Vierwaldstättersee gerieten sie in einen Sturm und Tell konnte schliesslich bei der Tellsplatte fliehen. Später erschoss er noch Gessler in der Hohlen Gasse.
Soweit zur Sage um Tell.
Doch wie kam es überhaupt zu einer solchen Sage?
Doch wie kam es überhaupt zu einer solchen Sage? Dazu müssen wir den geschichtlichen Hintergrund etwas genauer betrachten. Uri war vor der Erschliessung des Gotthardpasses anfangs 13. Jahrhunderts eine abgelegene Gegend. Niemand interessierte sich für diese Region. Doch mit der Eröffnung des Passes, wurde das Gebiet der heutigen Zentralschweiz höchst bedeutungsvoll. Die Herzöge von Habsburg und auch der Kaiser wollten ihren Einfluss in diesem Gebiet verstärken.
Gegen Ende des Jahrhunderts sassen dann Habsburger auf dem Kaiserthron und sie versuchten die Waldstätte in ihr Reich einzuverleiben. So kam es dann auch zum Bund von 1291, der eigentlich gegen die Habsburger gerichtet ist.
Doch wir wollen ja in diesem Vortrag nicht wissen wie es zum Rütlischwur gekommen ist, sondern viel mehr, was Tell überhaupt mit der ganzen Sache zu tun hat. Mit dem Rütlischwur selbst hat Tell nichts zu tun, obwohl in gewissen Tellgeschichten durchaus der Rütlischwur vorkommt.
Tell ist viel mehr als ein Zeichen zu verstehen. Er übernimmt beim Volk die Rolle eines Freiheitshelden. Dies zeigt sich auch deutlich bei der Sage, denn er sträubt sich gegen die Obrigkeit und befreit das Land durch den Mord am Tyrannen. Er verkörpert genau das Bild, welches man sich von einem in einer bedrohten Region wünscht, jemand der sich im Interesse des Volkes wehrt.
Tell als literarische Figur
Tell taucht auch in der weiteren Geschichte immer wieder auf, nirgendwo öfters als in der Kunst. Es ist erstaunlich wie fest sich unzählige Künstler mit ihm befassten. Denn unser Bild von Tell ist hauptsächlich von Friedrich Schiller geprägt. Man sollte nicht vergessen, dass es vor Friedrich Schiller, der sein Werk 1804 uraufführte, noch viele weitere Verfasser gab. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Tell-Schauspielen., mit verschiedensten Verfassern: Samuel Henzi, Antoine Marin Lemierre (grosser Erfolg als Apfelschuss auf Bühne), Johann Jakob Bodmer, Joseph Ignaz Zimmermann, Johann Ludwig Ambühl. Diese kleine Aufzählung zeigt, wie präsent Tell in der Kunst ist.
Doch Tell trat schon viel früher auf: Seit 1512 gab es in Uri ein „Urner Tell-Spiel“, das Jahrhunderte hindurch als vaterländisches Spiel die Geschichte der Freiheitskämpfe hochhielt. Es wurde im Auftrag der Urner Regierung geschrieben. Das Stück benutzte das „Alte Tellenlied“ WANN ERSTMALS?, dessen erste handschriftliche Fassung aus dem Jahre 1501 stammt und 1540 in Zürich erstmals gedruckt wurde. Es erlebte zwischen 1558 und 1765 verschiedenste Auflagen, was ein Beweis seiner Beliebtheit in Volkskreisen ist.
Bisher sind wir jedoch noch lange nicht am Ursprung der Geschichte. Die Hauptquelle für die Gestalt Tells und die gesamte Freiheitstradition der Waldstätte ist für die heutige Zeit das „Weisse Buch von Sarnen“. Dies ist eigentlich ein Urkundenbuch, doch es enthält auch gewisse historische Darstellungen aus der Zeit von 1291, als die Tellgeschichte erstmals im Volk auftauchte.(Verfasser Hans Schriber).
Doch bei diesem Werk muss es sich um eine Kopie eines bereits bestehenden Werkes handeln, da ist man sich einig. Das ältere Original dürfte wohl aus dem 14. Jh. stammen. Dieses ältere Werk wurde möglicherweise Opfer eines Brandes und ist deshalb nicht bekannt. Denn div. Brände z.B. 1440 oder 1799 zerstörten viele bedeutende Akten.
Auch zu späteren Zeiten fanden die verschiedenen Tellaufführungen grossen Anklang, zum Beispiel während dem Ersten Weltkrieg (René Morax). Jedoch gibt es wie bei jedem Werk kleine Differenzen:
Bei seinem Werk kam Gessler nicht in der Gasse um sondern auf dem See, was den Racheakt Tells nimmt, was ihn herabwürdigen würde. An den Schluss setzte er den Rütlischwur (wie Tellenlied).
Aber es gab nicht nur normale Bühnenspiele sondern auch Opern z.B. 1791 „Wilhelm Tell“ von André Ernest Modeste Grétry (belgisch) und 1829 „Wilhelm Tell“ von italienischem Komponist Gioacchino Rossini
Sogar in der neuesten Zeit beschäftigten sich verschiedenste Personen mit ihm, wie zum Beispiel 1971 Max Frisch in seinem witzigen Büchlein „Wilhelm Tell für die Schule“
Auch die Geschichte um Tell hat sich in der Zeit verändert. Vorerst war die Sage um Tell nur eine knappe Beschreibung des Apfelschusses. Doch diese Story änderte sich schnell einmal. Hinzugefügt wurde teilweise, dass Wilhelm Tell einer der Genossen war der den Rütlischwur hielt. Jedoch wesentlich ausgebaut wurde die Geschichte im 18. Jahrhundert und danach. Als man erkannte, dass kaum eine andere Geschichte sich mehr eignen würde, als den patriotischen Stolz des eigenen Vaterlandes hervor zu bringen. Somit wurde die Geschichte von Tell auch zum patriotischen Symbol der Schweizer.
Wilhelm Tell in der Kunst
Die bildlichen Darstellungen reichen sehr weit eine kleine Aufzählung habe ich hier zusammengestellt:
Holzschnitte, Kalenderblätter, Holzreliefs, Keramikgefässe, Glasfenster, Wandfresken, Dolchgriffe, Ölgemälde, Marmorplastiken, Gold- Silberschalen, Holzfiguren, Ofenkacheln, gestickte Decken, Münzen, Schützenmedaillen, Zinnteller, Wirtshausschilder.
Sujet auf Jasskarten, Tabakpfeifen, Schnupfdosen, Schmuckschatullen, Trinkgläser.
Auch musste der Name Tell für vieles herhalten:
Reklame für Armbrüste und Gewehre, Fahrräder und Schokolade. Heute Gütezeichen für Schweizerqualität (Armbrust) (obwohl Armbrust eigentlich Aus China)
Tell im Volk
Doch nun wieder zurück zur Bedeutung Tells im Volk.
Im „Alten Tellenlied“ gibt Tell seinem Volk ein Zeichen. Das Zeichen der Weigerung, sich von den Habsburgern unterdrücken zu lassen. Gleichzeitig ist es ein Aufruf, die Freiheit und die Unabhängigkeit zu bewahren. Das Volk solle Herr seiner Angelegenheiten bleiben, das heisst frei im Handel und frei auf seiner wichtigen Verkehrstrasse.
Ein gutes Beispiel dafür ist, dass Tell während der Bauernrevolution des 17. und 18. Jahrhunderts der Schutzpatron der Bauern war und so gegen die städtische Vorherrschaft antrat.
Tell ist auch in der weiteren Geschichte in fast jedem Krieg vertreten und bewirkt stets Zusammenhalt.
Tell in der Politik
Deshalb ist Tell auch in der Politik vorerst gefürchtet.
Man meint, er verkörpere das schlechte und gefährliche Beispiel von Revolte und Tyrannenmord. In der Schweiz versucht die städtische Aristokratie seit dem 16. Jahrhundert, Wilhelm Tell zu verdrängen und ihn vergessen zu machen. Doch die Mühe ist vergeblich. Er scheint unsterblich zu sein und ist immer wieder da.
Im 18. Jahrhundert tritt Tell seine Reise ins Ausland an, indem er von verschiedensten Schriftstellern und Künstlern über die Grenze getragen wird. In der Zeit vor der französischen Revolution erlebt Tell den Höhepunkt in der Geschichte. Da er bei der Revolutionsregierung beliebt war, weil sich die Sage gut eignet um eine Revolution zu rechtfertigen, wurden die Stücke der Tellsage viel aufgeführt und er erlangte eine sehr grosse Bekanntheit.
Auch Schweizer Patrioten beriefen sich bald einmal auf Tell, denn welche Sage wäre geeigneter, um die Freiheitsidee so zu verkörpern.
Die Intellektuellen glaubten sie könnten den Mythos von Tell verstauben lassen, da es Tell ihres Wissens gar nicht gab, doch sie hatten weit gefehlt. Das Volk steht zu seinem Tell. Denn es findet ihn ihm seine Identität, den Verteidiger seiner Einigkeit und Unabhängigkeit, wenn dieses von aussen bedroht ist, wie zum Beispiel während des Ersten und Zweiten Weltkrieges.
Tell ein Schweizer?
Wenn man so hört, wie Tell in der Kunst, in der Literatur und im Volk verbreitet ist, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es unseren typischsten Schweizer nie gegeben haben soll. Doch wie die Intellektuellen, welche die Sage unter den Teppich wischen wollten, forscht man auch heute noch an der Existenz. Und man ist bis jetzt unschlüssig, denn eindeutige Beweise zur Existenz fehlen. Viele Spuren führten auch in andere Länder, in denen solche Geschichten mit einem Freiheitshelden ebenso verbreitet sind, was diese Grafik hier zeigt: S.25
Viele Spuren führen auch in den Norden, denn dort gibt es schon vor dem 13. Jh. Die Geschichte eines Freiheitshelden, welcher mit einer Armbrust einen Apfel vom Kopfe seines Sohnes schoss. Somit stellt sich schon bald einmal die Frage, ob unser Schweizer Tell überhaupt existierte.
Existierte Tell wirklich?
Diese Frage interessiert die Forscher, wie schon erwähnt seit der Aufklärung.
Die Suche nach den eindeutigen Beweisen ist vor allem dadurch bisher unmöglich, dass eventuelle Dokumente bei den erwähnten Bränden vernichtet wurden.
Anstatt mich in widersprüchlichen Erkenntnissen der Geschichte zu verirren, möchte mich lieber auf ein Zitat vom Engländer Bertrand Russel stützen, der sagte: „Vor dem Mythos war die Wirklichkeit“
Doch auch wenn Historiker einmal nachweisen könnten, dass es Tell nicht gab, wird das seiner Gestalt nichts antun, wie sich auch in der Vergangenheit zeigte.
Abschlusswort
Tell der einfache Jäger, Hirte und Bauer aus der Urschweiz hat längst die grosse Reise um die Erde angetreten und wurde zum Apostel der Völkerfreiheit.