W. H. Auden - Funeral Blues - Anglistiker gefragt

Hallo,
ich würde gerne wissen, ob das Gedicht von W. H. Auden, was manchmal als Funeral Blues veröffentlicht wird, aber ursprünglich gar keinen Titel haben soll, tatsächlich nur als satirisches Gedicht gedacht war - dann fände ich es nämlich nicht schön, es für eine wirkliche Trauer zu nehmen.
Doch fand ich es so berührend in meiner jetzigen Trauer, dass ich kaum glauben kann, dass es nur Satire war. Kann mir jemand sagen, ob es im Original oder überhaupt in englischsprachigen Ländern nur satirisch ist?

Danke im Voraus

Lulamae

Hallo Lulamae!

Wahrscheinlich meinst du die vierstrophige, bekanntere Version des Gedichtes. Diese ist keine Parodie oder Satire, sondern beschreibt geradeaus, in allem Ernst, das Gefühl des Verlassenseins.

Es gibt eine frühere, fünfstrophige Version desselben Gedichtes (als Teil des Stücks „The Ascent of F6“), welche nur die ersten beiden Strophen mit der späteren Version gemein hat. Diese Version ist tatsächlich als Parodie zu verstehen.

Hier findest du die ältere, parodistische Version: http://u2wanderer.org/rtss/index.php?topic=777.0

Gruß
Peter

Erst mal ganz herzlichen Dank für die schnelle und gute Antwort - das ist mir grad persönlich sehr wichtig! :smile:
Die Rückfrage: Das Gedicht war aber von ‚Auden‘ doch satirisch gemeint. Hat er selbst die entsprechende Strophe rausgenommen? Oder wurde sie einfach später von anderen rausgenommen? Ich meine, wenn das ganz als Satire angelegt war, ist es doch eigentlich nicht als Trauergedicht zu nehmen, oder?
Ich hoffe, Du verstehst, was ich mit meiner Frage fragen will… Bin selbst leider nicht so eloquent… :-/
Lulamae

Ich weiß nicht genau, wie es vonstatten ging. Aber du kannst es dir ungefähr so vorstellen: Auden hat die ersten beiden Strophen in seinem Notizbuch. Und diese beiden Strophen sind der Grundbaustein für zwei sehr verschiedene Gedichte, die er darauf aufgebaut hat.

Die ersten beiden Strophen beschreiben erst einmal das Gefühl, dass man, wenn man in tiefer Trauer ist, nicht sehen möchte, dass die Welt einfach weiterläuft, sondern dass die Welt an der Trauer teilnimmt.

Diese Strophen hat er also geschrieben. Irgendwann verfasst er dann ein Theaterstück, in dem ein politischer Führer beerdigt werden soll, und er erinnert sich an die beiden Strophen die er einst geschrieben hat. Er ergänzt es also um drei weitere Strophen, in dem die Trauer als Staatstrauer verordnet werden soll und jeder verhaftet wird, der sich nicht daran hält. Das ist also die Parodie eines Trauergedichts.

Jahre später blättert Auden wieder in seinem alten Notizbuch und findet die ersten beiden Strophen wieder und entschließt sich (vielleicht weil er selbst in Trauer ist) ein aufrichtiges Trauergedicht zu schreiben. Und in den beiden Strophen die er jetzt ergänzt, geht es um die wirkliche persönliche Trauer, das Gefühl der Orientierungslosigkeit, der Verlorenheit…

Du siehst also: Obwohl es ein anderes Gedicht gibt, das mit den selben beiden Strophen anfängt und eine Parodie ist, ist der vierstrophige „Funeral Blues“ ein reines, ehrliches Trauergedicht. Und du musst dir keine Sorgen machen, dass du da etwas falsch verstehen könntest. Er macht da keine Witze. Er beschreibt das Gefühl der Trauer. Aber anders als das Gefühl und der letzte Vers vermuten lässt: es wird besser.

Lieben Gruß
Peter

Ganz viel lieben Dank für Deine zweite Antwort. So ausführlich und nett hatte ich sie nicht erhofft.
Das hilft mir sehr viel weiter.
(Komisch, sogar in tiefer Trauer macht man (ich!) sich über so etwas Gedanken - anstatt einfach dem Gefühl nach zu gehen; das Gedicht ist nämlich wirklich das schönste, was ich nun zum Tod meiner Ma bekommen habe, und ich war so sehr berührt davon. Da bin ich vermutlich einfach etwas merkwürdig, dass ich den Dingen immer nachgehen möchte, anstatt sie einfach als schön und gut hinzunehmen.

Tausend Dank nochmal dafür - war wirklich super-lieb und hat mir sehr geholfen.

Ganz tolles Wochenende
Lulamae