Ich weiß nicht genau, wie es vonstatten ging. Aber du kannst es dir ungefähr so vorstellen: Auden hat die ersten beiden Strophen in seinem Notizbuch. Und diese beiden Strophen sind der Grundbaustein für zwei sehr verschiedene Gedichte, die er darauf aufgebaut hat.
Die ersten beiden Strophen beschreiben erst einmal das Gefühl, dass man, wenn man in tiefer Trauer ist, nicht sehen möchte, dass die Welt einfach weiterläuft, sondern dass die Welt an der Trauer teilnimmt.
Diese Strophen hat er also geschrieben. Irgendwann verfasst er dann ein Theaterstück, in dem ein politischer Führer beerdigt werden soll, und er erinnert sich an die beiden Strophen die er einst geschrieben hat. Er ergänzt es also um drei weitere Strophen, in dem die Trauer als Staatstrauer verordnet werden soll und jeder verhaftet wird, der sich nicht daran hält. Das ist also die Parodie eines Trauergedichts.
Jahre später blättert Auden wieder in seinem alten Notizbuch und findet die ersten beiden Strophen wieder und entschließt sich (vielleicht weil er selbst in Trauer ist) ein aufrichtiges Trauergedicht zu schreiben. Und in den beiden Strophen die er jetzt ergänzt, geht es um die wirkliche persönliche Trauer, das Gefühl der Orientierungslosigkeit, der Verlorenheit…
Du siehst also: Obwohl es ein anderes Gedicht gibt, das mit den selben beiden Strophen anfängt und eine Parodie ist, ist der vierstrophige „Funeral Blues“ ein reines, ehrliches Trauergedicht. Und du musst dir keine Sorgen machen, dass du da etwas falsch verstehen könntest. Er macht da keine Witze. Er beschreibt das Gefühl der Trauer. Aber anders als das Gefühl und der letzte Vers vermuten lässt: es wird besser.
Lieben Gruß
Peter