Zum Thema Verschwörungstheorien und Panikmache gibt es
durchaus einige Experten bei www, aber die lesen und schreiben
in diesem Brett selten. Hier ist das Klima eher von Tatsachen
geprägt.
Naja, der Spiegel ist normalerweise nicht gerade ein Organ für
Verschwörungstheoretiker (damit will ich nicht behaupten, die
dort erscheinenden Beiträge seien überwiegend serös …).
Allerdings ist aktuell ein inhaltlich ähnlich gelagerter
Artikel im Manager Magazin zu lesen:
Wie schon geschrieben wurde, leben diese Zeitschriften davon, daß sie ihre Seiten mit möglichst interessanten Inhalten füllen. Das kann dann schon mal dazu führen, daß man die Inhalte ein bißchen aufpeppt, um die Verkaufszahlen zu erhöhen.
Da fallen dann den versierten Reportern Sätze wie der folgende ein:
„Auch andere Länder haben sich an Leistungsbilanzdefizite von über 4 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts gewöhnt, jener Grenze, die noch in den 80er Jahren akute Crashgefahr signalisierte. 2006 wird Amerika ein Defizit von 7 Prozent wagen, Spitzenreiter Island von halsbrecherischen 15 Prozent.“
„Akute Crashgefahr“ klingt so schön dramatisch und unverrückbar falsch, daß man ihn einfach mögen muß. Daß es sich dabei um eine absolut unwissenschaftliche und außerdem schlichtweg falsche Aussage handelt, fällt dem begeisterten Leser, dem gerade ein kleiner Gruselschauer über den Rücken läuft, nicht auf.
Tatsächlich hat Island eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen, eine geringe Arbeitslosenquote, eine überaus stabile Währung und nicht zuletzt gibt es einen Haushaltsüberschuß. Wer also suggeriert, bei Island handele es sich um ein Land kurz vor dem Abgrund, arbeitet schlicht und ergreifend unseriös oder hat keine Ahnung oder beides.
Ob Du in Herrn Steingart einen echten Experten in Sachen
Währungsstabilität gefunden hast, lasse ich mal dahingestellt.
So oder so ist er von Hause Wirtschaftsjournalist und nicht
Volkswirtschaftler.
Das muss nichts bedeuten, manch interessierter Laie/Autodidakt
bringt es zu ansehnlichem Fachwissen und im Gegensatz zum
studierten Volkswirt muss er sich nicht erst die Scheuklappen
vom Kopf reißen 
Ja, sicher, das ultimative Argument der Rufer und Visionäre. Wer so um die Ecke kommt kann mir - um Jack Nicholson zitieren - den Schritt schamponieren.
Auch das hier klingt ziemlich beunruhigend IMHO:
http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,…
Nein, da findet man die ersten vernünftigen Worte dieses Artikelbaums:
„Was sagen Sie all den Finanzmarktakteuren, die behaupten, ein Crash sei ein zwar mögliches, aber extrem unwahrscheinliches Szenario?“
„Eichengreen: Das ist eine bloße Behauptung. Genauso übrigens, wie die Vorhersage, dass wir demnächst einen Crash an den globalen Finanzmärkten erleben werden. Dies ist eine Phase echter Ungewissheit. Es wäre schlicht unseriös, verschiedenen Szenarien Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen zu wollen. Aber eine Vorhersage wage ich: Je länger diese Situation anhält, und je stärker sich das Leistungsbilanzdefizit der USA aufbläht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir schlimme Folgen erleben werden.“
Um also etwas zur Sache beizutragen: Die USA kompensieren ihr Leistungsbilanzdefizit seit Jahrzehnten durch einen Überschuß in der Kapitalbilanz, d.h. Ausländer legen Geld in den USA an (Anleihen, Aktien und andere Beteiligungen an Unternehmen, Immobilien, Guthaben). In der Tat könnte es ein Problem geben, wenn die Leistungsbilanzdefizite irgendwann nicht mehr durch Kapitalimporte ausgeglichen werden, weil den Ausländern die Anlage in den USA zu unsicher wird.
Dumm für die Panikmacher ist, daß man sich in dieser Hinsicht für den überschaubaren Zeitraum keinerlei Sorgen machen muß. Die nackten Wirtschaftsdaten sprechen jedenfalls nicht für ein Katastrophenszenario: Die Wirtschaft wächst, die Einkommen sind hoch und Investitionen rechnen sich. Zudem sind in den letzten Jahren die Steuersätze bzw. die Steuereinnahmen deutlich gesunken, so daß im Notfall - d.h. wenn es im Haushalt wirklich mal etwas eng wird - genug Potential besteht, um die Löcher zu füllen.
Die andere Seite ist, daß die vom Ausland geliehenen Gelder nicht nur konsumiert (wie das eigentlich immer zu einem großen Teil der Fall war) sondern im wahrsten Sinne des Wortes verballert werden. Hinzu kommt, daß ein wesentlicher Anstieg des Handelsdefizites auf den Anstieg des Ölpreises zurückzuführen ist, d.h. eine Entlastung ist nicht zu erwarten.
Alles in allem ist die Situation zwar eher unbefriedigend, aber Anlaß für Panikattacken gibt es nicht.
Gruß,
Christian