Wahnvorstellungen (Vorsicht lang!)

Hallo,

ich habe hier ein Problem mit einer Mitarbeiterin und wüsste gerne, wie man sich in so einem Fall als Arbeitgeber verhalten sollte.
Die betreffende Kollegin arbeitet bei uns an einem Computerarbeitsplatz und hat
sich schon seit längerer Zeit seltsam verhalten.
Sie behauptet zum Beispiel, dass ihr Passwort geknackt wurde und ihre Dateneingaben manipuliert wurden. Des weiteren werde ihr Telefon manipuliert, sodass sie keine Anrufe nach aussen tätigen könne. Die technischen Probleme wurden überprüft und es gab nichts zu beanstanden. Sie verdächtigt ihre Kollegen, dass sie sie vergiften wollten. Eine andere Kollegin muss ständig ihren Arbeitsplatz
neu ordnen, da verschiedene Gegenstände auf dem Schreibtisch reflektieren und sie bei der Arbeit behindern würden. Ihre Arbeitsleistung hat auch sehr nachgelassen. Ausserdem „spricht“ sie mit ihrem Bleistift, schlägt unvermittelt mit der flachen Hand auf den Tisch und spielt mit ihrem Obstmesser herum.
Heute hat sie behauptet, dass in der letzten Nacht ihr Telefon ausgetauscht worden sei.(was nicht stimmt). Der Hit war dann noch, dass sie sagt, dass ihr die Brille auf „magische Weise“ von der Nase gezogen würde.
Die Folge ist, dass die anderen Mitarbeiter langsam Angst vor ihr bekommen.
Jedenfalls habe ich die Kollegin jetzt in einen anderen Raum an ein anderes Telefon gesetzt und sie hat jetzt auch einen neuen Rechner bekommen.
Ich tippe auf irgendeine Art Psychose, aber soviel ich weiss, kann ich als Arbeitgeber
nicht verlangen, dass sie sich in psychologische Behandlung begibt
Ich werde dieses als Doppelposting loslassen (Psychologie und Arbeitsrecht), da ich mir nicht mehr zu helfen weiss.
Helft mir bitte!!!

Lily

Hallo Lily

Es scheint sich offenbar um eine ernstzunehmende psychische Erkankung bei deiner Mitarbeiterin zu handeln. Deine Vermutungen, sie könnte eine Psychose haben, sind durchaus begründet.
Langfristig wird es ihr und dir nicht helfen, wenn sie ohne Behandlung im Betrieb einach weiter arbeitet, als wenn nichts wäre, fürchte ich.
Vielleicht musst du als ihre Vorgesetzte (?) unter 4 Augen ein Gespräch mit ihr führen, in dem du deutlich machst, dass du sie unter diesen veränderten Bedingungen auch nicht mehr weiter beschäftigen kannst.
Wenn du ihr nämlich nur mit Krankheit und B ehandlung kommst, kann es sein, dass sie dies empört zurückweist (bei Wahnkranken ist dieses meist der Fall).
Wenn das Einzelgespräch nichts bringt, müsstest du wohl daran denken, evtl. den Sozialpsychiatrischen Dienst deiner Gemeinde einzuschalten.
Viel Glück wünscht Dir
Branden

Antwort nicht weniger Kurz
Hallo Lily,

ein schwieriges Thema.
Vorweg: Rechtliche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten sind in solchen Fällen direkt mit einem RA zu besprechen. Ein Forum kann da kaum Hilfestellung bieten.

Als Arbeitgeber muss man sich meist entscheiden, wo man nun seine Fahne aufsteckt. Im Sinne der Firma und weiteren Mitarbeitern handeln oder aber für den Einzelfall Hilfestellung leisten. Beides zusammen ist hart und funktioniert selten.

Bei einigen arbeitsbeeinträchtigenden Erkrankungen lässt sich der Spagat halbwegs gut händeln i.S.v. Behandlung zur Vermeidung der Kündigung tralala bla blubb- das kann Dir Dein Anwalt in Ruhe erläutern, welche Möglichkeiten da für beide Seiten bestehen und würde hier zu weit führen-
bei den Anzeichen einer psychotischen Erkrankung ist das allerdings relativ aussichtslos. Ein wesentlicher Kern der psychotischen Erkrankungen ist, dass sie vom Erkrankten nicht als Krankheit anerkannt werden. Es besteht also keine Krankheitseinsicht.
Würde man nun also, unter Ausschluß der Frage ob’s rechtlich möglich sei, einem „psychotischen“ Mitarbeiter die Pistole auf die Brust setzen und sagen: „entweder Behandlung oder Kündigung“ würde dieser i.d.R. stets die Kündigung wählen- nicht selten inkl. der juristischen Schlammschlacht.

D.h. Du wirst kaum Möglichkeit haben, die betreffende Person unter der Auflage eine entsprechenden Untersuchung/ Behandlung weiter zu beschäftigen. Dieser Versuch würde voraussichtlich sowohl auf der rechtlichen Seite als auch erkrankungsbezogen scheitern.

„menschlich“ gesehen wäre eine Weiterbeschäftigung zunächst aber wahrscheinlich sinnvoll i.S.v. Tagesstruktur, Anbindung, sozialer Kontakt usw. usf. allerdings nur so lange, wie es für den betreffenden „Patienten“ keine Überlastung darstellt, und für Firma und Mitarbeiter tragbar ist- der nächste Spagat.
Um dies zu beurteilen wäre eine Untersuchung/ Behandlung natürlich ebenso erstrebenswert.

Die Behandlung wiederum lässt sich nur dann „erzwingen“ wenn eine Fremd- oder Eigengefährdung vorliegt. Das unspezifische Fuchteln mit einem Obstmesser erfüllt dieses Kriterium jedoch bei weitem nicht.
Die U/ B „erbitten“ (überreden) scheitert voraussichtlich, wie bereits erwähnt, im Falle des Vorliegens einer Psychose-der dritte Spagat.

Das Einzige was man Dir in dieser äußerst unschönen Situation raten kann, ist für Dich als Arbeitgeber der Gang zu einem Anwalt und für Dich als „Mitmensch“ die Kontaktaufnahme mit dem örtlichen Psychosozialen Dienst/ Sozialpsychiatrischer Dienst (regional unterschiedlich benannt Nummer gibts im Branchenbuch/ Telefonbuch/ Internet).

frosch

PS. bevor nun alle schreien ich würde Arbeitgeber als nicht menschlich bezeichnen- es geht um die jeweilige Rolle und damit verbundene Sicht auf das spezifische Problem.

Hallo, Branden
Hallo, Frosch,

danke für Eure Antworten.
Gespräche wurden schon geführt mit der Mitarbeiterin,
aber wie Ihr schon richtig bemerkt habt, liegt das Problem
nicht bei ihr, sonder bei den anderen.
Ich werde mit dem sozialpsychichiatrischen Dienst
mal sprechen und sehen, ob da vielleicht was rauskommt.
Im Moment ist die Lage einigermaßen entspannt, da die
Kollegin an ihrem neuen Arbeitsplatz recht glücklich ist
und auch richtig ranklotzt (arbeitsmäßig).
Bloß wie lange dieser Zustand anhalten wird, ist nicht
abzusehen.

Viele Grüße
Lily

Hallo Lily,

Ich möchte nur mal bemerken, dass mir imponiert, dass Du die Mitarbeiterin nicht sofort rausschmeisst. Das macht mir als Erkrankte ein bisschen Mut (auch wenn ich direkt davon nichts habe). Da ich aber auch weiß, dass derartige Erkrankungen nicht so einfach „verschwinden“ fürchte ich Du musst über kurz oder lang mit einem neuen Schub bei ihr rechnen und solltest gut vorbereitet sein.

(sorry wenn ich nicht wirklich helfen kann, mir gings vor allem um meinen ersten Satz)
Alles Gute
Morrighan

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo,

ich möchte Euch nur über den neuesten Stand unterrichten:
Ich habe heute mit einer Mitarbeiterin vom Sozialpsychiatrischen Dienst telefoniert und wir haben einen Termin für den 25. Januar vereinbart. Ich habe der Dame die Symptome der Kolleging geschildert und sie meinte auch, dass der Fall schon bedenklich sei und man danach schauen sollte.
Ich hoffe, dass uns dieses Gespräch weiter bringen wird und man der Kollegin helfen kann.

Viele Grüße
Lily

Danke für dieses Posting
Hallo Lily,

ich möchte mich hier mal -ich denke auch im Namen anderer- für dieses Posting bedanken. Nicht, weil es mich interessiert (was es natürlich auch tut), sondern aufgrund des "Erfahrungsberichtes mit dem Soz.Psych. Dienst. Hier wird und wurde des öfteren auf diesen verwiesen und viele User schrecken, ähnlich wie bei der Option Jugendamt, scheinbar davor zurück.
Ich weiß nicht ob’s am praktischen Initiative ergreifen liegt, an der Sorge man würde selbst „durchleuchtet“ oder ob es den Personen jeweils „zu weit“ geht. Die Motive sind sicher individuell unterschiedlich.

Fakt ist, das diese Dienste für Außenstehende die derzeit einzige Möglichkeit sind, (unbehandelten) psychisch auffälligen Personen sichere und kompetente Hilfestellung zukommen zu lassen, wenn entsprechende Gespräche unangemessen sind, erfolglos blieben oder die Distanz zwischen den beiden Personen so groß ist, dass es gar nicht erst zu einem Gespräch käme (zb. der nicht näher befreundete Nachbar).

Entsprechend finde ich das richtig und wichtig,
dass Du davon berichtest!

Danke
frosch

ich möchte Euch nur über den neuesten Stand unterrichten:
Ich habe heute mit einer Mitarbeiterin vom
Sozialpsychiatrischen Dienst telefoniert und wir haben einen
Termin für den 25. Januar vereinbart. Ich habe der Dame die
Symptome der Kolleging geschildert und sie meinte auch, dass
der Fall schon bedenklich sei und man danach schauen sollte.
Ich hoffe, dass uns dieses Gespräch weiter bringen wird und
man der Kollegin helfen kann.

Viele Grüße
Lily

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