Aufrichtigkeitsbedingung
Guten morgen Elke, (bald schon Mittag bei Dir, oder?)
auf die unmittelbar einleuchtenden Punkt wurd ja bereits hingewiesen. Ich möchte allerdings noch einen weiteren Hinweis geben.
"Wahr ist nicht das was man sagt,
sondern das was der andere versteht."
Ich sehe jetzt mal davon ab, dass ‚wahr ist‘ keine gute Formulierung für das Problem ist. Vielmehr ‚entsprechend der Sprechsituation und dem Sprecher zutreffend…‘. Aber egal.
Eine Frage faellt mir nun aber doch ein: Wie sehr muss
der Gegenueber beim Sprechakt (oder auch Schreibakt)
miteinkalkuliert werden?
Dröseln wir doch die Situation einmal auf.
Person A und B diskutieren, sprechen, tauschen sich aus.
A sagt: „YXZ“.
In einer normalen (also noch nicht gehässigen) Situation geschieht nun grob das Folgende. B nimmt ‚YXZ‘ als Aussage von A wahr. Die Aussage an sich bekommt also erst durch den Sprecher A ihren ‚Wert‘. Sonst wäre es ja einfach Information. Keine Aussage. Dieser Vorgang funktioniert nur ungehindert wenn eine absolut grundlegendes Merkmal des Dialogs gegeben ist: die Aufrichtigkeitsannahme. [cf. Sprechakttheorie bei J.R. Searle, wird manchmal auch als ‚principle of charity‘ bezeichnet]
D.h. ich gehe davon aus, dass Person A ernsthaft meint, was sie sagt, dass sie mich nicht belügt oder mich manipulieren will. [NB: das gleiche gilt auch für Handlungen. Der Spruch ‚ich tu doch nur meine Arbeit‘ etc. macht nur vor diesem Hintergrund wirklich Sinn.]
Der Grossteil aller sprachlichen Missverständnisse kann auf die Nichterfüllung dieser Grundannahme der Aufrichtigkeit zurückgeführt werden.
Das gilt für beide Seiten. Verlässt der Sprecher den Einflussbereich dieser Grundannahme, dann markiert er dies normalerweise mit Mimik (einem Lächeln, Augenaufschlag oder der Intonation). Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass ein Smiley dafür nur beschränkt geeignet ist.
Zurück zum Ausgangsspruch. Es währe einfacher, wenn es im Dialog eine objektive Wahrheit gäbe.
Es gibt aber nur das ‚ich meine dies so-und-so und sage dies-und-das‘. Und bereits können sich hier Abweichungen ergeben (man schreibt zu schnell, liest nicht nochmal unter dem Gesichtspunkt, wie es aufgenommen werden könnte etc.).
Andererseits oeffnet der Spruch natuerlich Tuer und
Tor fuer unfundierte Interpretationen.
Daher ist Rückfrage das Beste. Das setzt allerdings ein Insistieren voraus, und ein ‚principle of charity‘, dass mir niemand ohne Grund zum Spass eine vor den Bug knallt. Dass dies natürlich nur wirklich gut funktioniert, wenn ich die Person selbst auch kenne, versteht sich von selbst.
Aber es kann auch im Internet funktionieren, wie Tychi mir gegenüber sehr gut vorgeführt hat. Er hat insistiert, rückgefragt und auch mir (als falsch Verstandene) die Möglichkeit gegeben zu kontextualisieren, zu erklären und damit ein besseres Verständnis zu erreichen.
Dies verlangt Arbeit und auch den Willen, die eigene Sprache genauer zu konstruieren und Fehler einzusehen. Auch mir fällt das nicht immer einfach. Daher bedanke ich mich auch immer, wenn jemand insistiert und mir als Sprechenden eine Tür öffnet. Der Dialog funktioniert auf beide Seiten.
Gibt es eine Grenze?
Ja, dort wo die Aufrichtigkeitsbedingung negiert wird. Denn von dort an kann ich mir den Mund fusselig reden, und man wird mir dennoch nicht glauben, dass ich es ernst meine…
Liebe Grüsse
Y.-