Wahre Demokratie?

Hallo alle Hobbypolitiker
(Profis natürlich auch)

In regelmäßigen, kurzen Abstanden darf ich zu meiner Verwunderung lesen, das wir nicht in einer „echten“ Demokratie leben.
nachdem sich das nicht ganz mit meiner persönlichen Meinung deckt, frage ich mal:

Was ist wahre, echte Demokratie?
(das sagt nämlich keiner so richtig, oder hab ich da was überlesen)

In was für einem System leben wir, wenn es kein demokratisches ist? Bitte jetzt nicht blos Schlagworte.

Wie soll wahre Demokratie aussehen?
Wie kann man diesen Staat anders oder besser organisieren, in dem einzelne inkompetente oder verbrecherische Politiker möglichst wenig Schaden anrichten, ohne das die Effizienz zum Teufel geht (ein Anspruch, der in Deutschland nahezu verwirklicht ist).

Wie kann ein Staat seine staatliche Gewalt anders organisieren, damit die Sicherheit des einzelnen gewährleistet bleibt, aber trotzdem die Einschränkungen der persönlichen Freiheit gering bleibt.

Ist das System hier durch Reformen zu verbessern (wie ich meine) oder sollte es komplett verworfen werden? In diesem Falle: zugunsten von was?

Diese Fragen sind prinzipieller Natur, es geht mir nicht um kleinere Details.
Ich sehe durchaus Verbesserungemöglicheiten in der gegenwärtigen Lage. (Kleinere Veränderungen im Wahlsystem, mehr plebiszitäre Elemente) aber ich halte das gegenwärtige Politische System immer noch für eines der Besten, die es in Deutschland gab.

Meinungen erbeten
Gruß
Mike

Hallo Mike,

In regelmäßigen, kurzen Abstanden darf ich zu meiner
Verwunderung lesen, das wir nicht in einer „echten“ Demokratie
leben.

Stimmt, das liest man hier leider sehr oft. Entweder ist es die sozialistische und kommunistische Internationale, die Deutschland regiert oder das Großkapital und deren Lobbyisten…

nachdem sich das nicht ganz mit meiner persönlichen Meinung
deckt, frage ich mal:

Was ist wahre, echte Demokratie?
(das sagt nämlich keiner so richtig, oder hab ich da was
überlesen)

Ich denke, viele verwechseln Demokratie mit einem Staat, in dem das geschieht, was sie sich als einzelner wünschen. Der eine will keine Sozialisten in den Parlamenten, also kann es sich hier um keine Demokratie handeln (Beispiel Berlin). Der andere ist über die „Korrumpierbarkeit“ einzelner Politiker empört, also ist es keine Demokratie (Beispiel Biedenkopf). Wieder ein anderer findet Demonstrationen unangebracht, also ist es keine Demokratie (Beispiele: Castor-Transport, NPD-Aufmärsche etc…). Der nächste vermisst Volksabstimmungen, denn ohne sie ist es keine Demokratie. Und alle miteinander scheinen nicht zu realisieren, dass es gerade wegen dieser „Begleiterscheinungen“ eine Demokratie ist, und zwar eine repräsentative, in der jeder seine Meinung laut sagen darf, ohne deshalb gleich ins Gefängnis zu wandern oder andere Repressalien befürchten zu müssen.

Demokratie lebt vom Kompromiss, vom Pluralismus der Meinungen. Schwarz-weiß gibt es nicht. Es gibt nicht einfach die Guten oder die Bösen. Unsere Demokratie ist, denke ich, ein ziemlich genaues Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Natürlich ist es leicht, Forderungen an Politiker und deren erwünschte Eigenschaften aufzustellen: Ehrlichkeit, Idealismus, Pflichtbewusstsein, Integrität, Unbestechlichkeit usw. usf.

Dann muss sich aber jede/r Einzelne fragen, ob er/sie selbst immer und ohne jede Ausnahme auch diesen Ansprüchen gerecht wird. Ich hielte das für mehr als vermessen und verlogen.

Meiner Meinung nach gibt es auch genügend Kontrollmechanismen (Checks and balances) in unserem Land, so dass eklatanter Machtmissbrauch ausgeschlossen bleibt. Wir haben eine freie Presse, das Bundesverfassungsgericht, unabhängige Gerichte, eine föderative Struktur (der Bundesrat als Kontrollorgan) und nicht zuletzt die Möglichkeit, jederzeit z.B. eine eigene Partei zu gründen (oder auch Bürgerinitiativen), wenn wir uns mit keiner der etablierten Parteien identifizieren können oder wollen.

Allerdings ist unsere Demokratie auch eine „wehrhafte Demokratie“, die es nicht zulassen kann, dass es extreme Bestrebungen gibt, die darauf abzielen, die Pluralität im Endeffekt abzuschaffen und nur noch ihr „Weltbild“ als das einzig richtige zu etablieren.

Ich sehe durchaus Verbesserungemöglicheiten in der
gegenwärtigen Lage. (Kleinere Veränderungen im Wahlsystem,
mehr plebiszitäre Elemente) aber ich halte das gegenwärtige
Politische System immer noch für eines der Besten, die es in
Deutschland gab.

Mir persönlich reichen die plebiszitären Elemente auf Landes- und Kommunalebene, denn in einem so großen und komplexen Staat wie Deutschland würden Volksentscheide nur zur weiteren Verzögerung von politischen Entscheidungen führen. Ich denke, die Väter unseres Grundgesetzes haben das auch mit Bedacht gemacht, weil sie wussten, welch leichtes Spiel rhetorisch begabte Demagogen haben können.

Am Wahlsystem könnte ich mir aber durchaus Änderungen vorstellen: etwa die Begrenzung der Kanzlerschaft auf 2 Wahlperioden oder auch die Möglichkeit des Panaschierens und Kumulierens bei Bundestagswahlen (allerdings steigt hier wieder die Anzahl der ungültigen Stimmen, weil viele Wähler mit dieser „Technik“ überfordert sind…)

Im Prinzip halte ich auch, genau wie du Mike, unsere Demokratie für eine der besten aller denkbaren…

Gruß
Uschi (die sich wünschen würde, hier öfter wieder Beiträge mit Substanz zu lesen, als diese „ja genau, du hast Recht, und überhaupt…und so…“)

Utopie (ein Versuch)
Hallo Michael,

von sämtlichen parteipolitischen Präferenzen mal abgesehen, sehe ich in unserer Demokratie nur einen, allerdings immanenten Nachteil: Sämtliches Handeln der Parteien ist nur auf die nächsten Wahlen ausgerichtet, d.h. nötige, evtl. schmerzhafte Einschnitte/Korrekturen erfolgen nicht, bzw. in (konsens-)verwässerter Form, weil man es sich mit bestimmten Wählergruppen nicht verderben will. Das Resultat ist eine Politik, die es allen Recht machen will und dabei gar nicht, bzw. nur quälend langsam von der Stelle kommt.

Alternativen? Das (theoretische) Ideal wäre die Bündelung der Macht in der Hand einer Person unabhängig von einer Wiederwahl, d.h. eine Form von Monarchie, Despotismus oder Alleinherrschaft, wobei ich voraussetze, daß diese Person die Objektivität bewahrt und in der Lage und willens ist, auch die Situation der nachfolgenden Generationen zu berücksichtigen. Leider ist der Mensch nicht perfekt und absolute Macht korrumpiert absolut, so daß diese Möglichkeit ausscheidet.

Bleibt als nächstbeste Alternative die, nennen wir es mal, permanente Demokratie: Wahlen wie gehabt, alle vier bis fünf Jahre, aber nicht mehr sämtliche Sitze eines Senates, Land-, Bundestages auf einmal, sondern zeitlich versetzt, d. h. jeden Monat wird ein bestimmter Prozentsatz der Sitze neu gewählt: Das Ergebnis wäre ein permanenter Wahlkampf und somit gar kein Wahlkampf. Auf jeden Fall würden wichtige Entscheidungen nicht mehr vom nächsten Wahltag abhängig gemacht, weil es den gar nicht mehr gäbe.

Gruß Dirk

Hm.
Huhu Mike:smile:),

also was ist eine wahre Demokratie? Keine Ahnung. Wir haben sie nicht, denke ich, aber etwas, was dem ganzen nahe kommt.

Warum wir sie nicht haben: Weil sehr viele Menschen in diesem Land nicht partizipieren dürfen, obwohl sie hier seit Jahren/Jahrzehnten leben, weil viele Dinge, die uns betreffen, nicht wirklich von uns entschieden werden können, weil wir Dinge tun, die unsere nachfolgende Generation in einer Art und Weise in deren Handlungsfreiheit einschränken, dass wir anderen (unseren Kindern und Enkeln) ihren Volkswillen nehmen.

Trotzdem: Wenn Demokratie das politische System ist, dass den Volkswillen (demos) am ehesten wiedergibt- dann ist die BRD sicher mithin einer der beste schlechtesten Kompromisse, den es da zur Zeit gibt.

Nimmt man die ursprüngliche Demokratie: die athenische, durften sich, wenns hoch kam, grad mal 10 Prozent der Bevölkerung wirklich aktiv beteiligen an diesem politischen System. (Frauen, Sklaven, Metöken (=Ausländer) nicht!). Zumindest ein Großteil der in der BRD lebenden Bevölkerung hat Teil an den verfassungsmäßigen bürgerlichen Rechten. Was ich ansich schon ganz beachtlich finde.

Einen problematischen Punkt sehe ich auch noch: Zur Zeit verfügt unsere Generation in einer Art und Weise über ökonomische und ökologische Ressourcen, die ich für teilweise hochgradig verantwortungslos halte. Ich nehme mal bewusst die ökonomischen Ressourcen heraus. Schon heute leidet unser Staat an einer großen Einschränkung der Handlungsfreiheit, weil seit Jahrzehnten ein gigantischer Schuldenberg angehäuft wurde. (Thomas Jefferson hat übrigends genau diese Art des Haushalts für undemokratisch erklärt, weil wir den Handlungsspielraum unserer Kindern und Enkel extrem einschränken. Wir bürden ihnen Schulden auf (und uns wurden auch Schulden aufgebürdet), die sie unfrei in ihrer Entscheidung machen. Das ist undemokratisch.) Lösung? vielleicht eine Höchstgrenze im Haushaltsdefizit gesetzlich festlegen?

Ansonsten krankt das System- wie schon Dirk bemerkte- daran, dass nur noch auf die Wahl in 4 Jahren geschaut wird, echte Strukturreformen, die weh tun, traut sich keiner durchzuziehen (z.B. Rentenreform)…

und: den Volkswillen durchzusetzen, heißt ja nunmal auch, nicht unbedingt zu tun, was richtig ist, sondern was eine Mehrheit für sich als angenehm empfindet. (Tyrannei der Mehrheit nannte das Tocqueville, als er die amerikanische Demokratie beschrieben hat).

Hm, ja, jetzt hab ich auch wieder nur rumgenörgelt über unsere Demokratie:wink:)…immerhin kann ich das hier ja tun, was nicht selbstverständlich ist, also: Meinungsfreiheit!

Beste Grüße,

barbara

Hi!

Was ist wahre, echte Demokratie?
(das sagt nämlich keiner so richtig, oder hab ich da was
überlesen)

Ich denke einmal, dass wir ziemlich nah an einer „echten Demokratie“ sind.

Eine Sache, die ich als Verbesserung sehen würde, wäre, wenn der Wähler bei „großen“ Entscheidungen per Volksabstimmung befragt würde!
Stellt sich wiederrum die Frage: Was ist „groß“?

Grüße
Guido

hi mike,

der reihe unter mir mich anschliessend, bin ich der meinung, das diejenigen, die von unechter demokratie schwadronieren, im ernst einen plebiszit oder ein totalitäres system vor augen haben.

das beides nicht rest funktioniert und das unser momentanes system noch die eher am bestfunktionierende variante ist, sollte einleuchten. sicher, in manchen situationen, wäre es besser für die aktuelle tagespolitik, wenn wir einen auf 5 - 10 jahre gewählten könig haetten, der eh nicht wieder an die macht kann, dann haette man macht in einer hand und kein problem wegen der wiederwahl. wie den aber wählen, ohne ganze bevölkerungsgruppen aussenvor zulassen? eine qualifizierte mehrheit würde reichen, aber da heutzutage noch nicht mal einfache mehrheiten zu stande kommen doch eher utopie.

ausserdem wirft dieses ein weiteres problem auf: die waehler würden eine „figur“ wählen, die sich gut verkaufen kann (okay, das muss man im heutigen wahlkampf auch), aber es würde noch weniger gewicht auf die wirkliche programmatik der parteien fallen.

und dann der plebiszit, viel wünschen sich in manchen politischen dingen direkt gefragt zu werden. ich wünsche das nicht, zum einen würde es einen enormen aufwand machen und sich logisch nicht rechnen (aufwand - nutzen) zum zweiten würden die wähler noch politikverdrossener, wenn jeder politiker denkt, das muss vom volk entschieden werden, dann ruft man 5 mal im jahr zur wahl und die ganze parteienpolitik beschäftigt sich nur mit den wahlen… ;(

was ich persönlich an der BRD demokratie unpassend finde ist nicht das system der verschiedenen institutionen, sondern eine ausgewogenere entscheidungsfindung. sitzungsteilnahmezwang der abgeordneten bei min. 66% der debatten, keine stimmenenthaltungen (das sind im volk ja dann die ungeliebten nichtwähler, die nach wahlen auch immer ihr fett abkriegen), eine festgeschriebene zeit zwischen gesetzentwurf und letzter abstimmung, danach eben gescheitert in der form. ggf. laufzeitbegrenzung von gesetzen, denn sehe ich die übergangsvorschriften des neuen körperschaftsteuergesetzes von 15 jahren, bekomme ich das grausen!!! und zu guter letzt muesste die „mindesthaltbarkeitsdauer“ eines jeden abgeordneten auf sagen wir 4 legislaturperioden beschränkt werden und die aktive regierungsfähigkeit als minister etc. auf 2 legislaturperioden von je 5 jahren, das eine klitzkleinwinzige stabilität in die politik kommt ohne aber zu erstarren!

das ist meine meinung zur momentanen demokratie und zur besseren in deutschland.

gruss an alle

vom showbee

Hi Showbee,

ausserdem wirft dieses ein weiteres problem auf: die waehler
würden eine „figur“ wählen, die sich gut verkaufen kann (okay,
das muss man im heutigen wahlkampf auch), aber es würde noch
weniger gewicht auf die wirkliche programmatik der parteien
fallen.

Ich glaube, Du überschätzt die Wähler! Wie viele Leute kennst Du, die sich voe einer Wahl die Programme der Parteien besorgen und auch noch lesen? Ich muss gestehen, dass ich mir erst ein mal ALLE Parteiprogramme zukommen ließ. Mittlerweile beschränke ich mich auf vier (rot, gelb grün und schwarz)…

und dann der plebiszit, viel wünschen sich in manchen
politischen dingen direkt gefragt zu werden. ich wünsche das
nicht, zum einen würde es einen enormen aufwand machen und
sich logisch nicht rechnen (aufwand - nutzen) zum zweiten
würden die wähler noch politikverdrossener, wenn jeder
politiker denkt, das muss vom volk entschieden werden, dann
ruft man 5 mal im jahr zur wahl und die ganze parteienpolitik
beschäftigt sich nur mit den wahlen… ;(

Ich (ich kann nur von meiner Idee reden) meinte halt: Alle WICHTIGEN Entscheidungen. Da ja nicht jede Änderung einzeln im Bundesrat beschlossen wird (werden muss), könnte man aus Kostengründen mehrere Entscheidungen auf einen Stimmzettel packen. Wie genau das aussehen sollte, weiß ich auch nicht - ist halt nur ein Denkansatz.

Grüße
Guido

Das erwartete Ergebnis *seufz*
Ich möchte euch allen für eure Antworten danken.

Leider haben gerade diejenigen, die sich immer lauthals aus was für Gründen auch immer darüber erregen, das wir in „keiner echten Demokratie“ leben, nichts geposted.

Warum nur habe ich das befürchtet…
Wissen Sie es selber nicht?
Oder ist es halt einfacher,blos zu mosern…

naja
Ich denk mir meinen Teil dazu…

Gruß an alle
Mike