Hallo Lothar!
Der Fall Wallraff steht für mich exemplarisch für folgende,
fatale Entwicklungen:
- Die Unschuldsvermutung wird umgekehrt – unser
Rechtssystem verändert sich.
Das ist eine Entwicklung, die ich mit Sorge zur Kenntnis nehme. Aber ganz anders als Du. Ich wundere mich, warum das Argument der Unschuldsvermutung als Schutz für bestimmte in die Kritik geratenen Personen/Organisationen mißbraucht wird. Stell Dir einmal vor, Helmut Kohl hätte sich so verhalten bei der Spendenaffäre. Er hätte alles als suspekte Verschwörungstheorie erklärt und die neue Logik „man muß auf absurde Kritik nicht reagieren, weil man damit den Verschwörer stärkt und sich somit unmoralisch verhält“ auf sich bezogen. Nein, Schutz für den Privatmenschen ja, aber Menschen in der Öffentlichkeit müssen sich kritischen Fragen stellen und entsprechende Zweifel an Vorwürfen entkräften. Sonst wird die Demokratie zur Farce. Das ist, je nach dem welchem politischen Coleur man sich verpflichtet fühlt, mal mehr und mal weniger schmerzhaft. Wenn also ein Wallraff in die Schlagzeilen gerät, dann möchte ich Aufklärung. Wenn sich dann aus den Fakten geborene Spekulationen als absurd erweisen, ist wohl jedem geholfen, auch dem, der in der Kritik steht.
- Aufzeichnungen von unbekannten Verbrechern gelten als
glaubwürdig.
Absolut nicht. Die Aufzeichnungen der Stasi sind nur als Indiz zu betrachten. Die moralische Auseinandersetzung um die Schuldfrage, kann nur jeder für sich selbst beantworten. Durch das Auftauchen in den Stasi-Akten ist noch keine Schuldfrage geklärt. Die kommt dann später durch die Erläuterungen. Manfred Stolpe hat diese öffentliche Diskussion gesucht und beispielhaft seine Rolle in der Geschichte erläutert. Damit hat er mehr Glaubwürdigkeit erlangt, als wenn er seine IM-Vergangenheit einfach nur mit dem Verweis auf „Gefasel von unbekannten Verbrechern“ abgetan hätte.
- Die Geschichte der Bundesrepublik – die
Errungenschaften der Linken – soll dahingehend
denunziert werden, dass der DDR die Urheberschaft für die
linken Bewegungen der 68er Zeit und 70er Jahre zugeschrieben
werden soll.
Nein, keine Urheberschaft. Allerdings eine politisch gewollte Unterstützung jener Kräfte, die die „BRD“ umstürzen wollte. Die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder. Gesellschaftliche Errungenschaften bleiben. Morde (Terrorismus) und Kontakte zu totalitären, die eigene Bevölkerung unterdrückenden Staaten (DDR), sind die Schattenseiten. Ein Ignorieren dieser Schattenseiten führt zur politischen Einseitigkeit, die letztlich undemokratisch ist.
- Hierfür wird die bundesdeutsche Linke systematisch
verleumdet.
Das kann nur eine ganz subjektive Empfindung sein. Wenn man sich politisch von der Mitte weg in die eine oder andere Richtung bewegt, wird der Gegenwind stark. Wenn Du eine Systematik vermutest, wer definiert den dann das System? Industriebosse und Unions-Politiker in konspirativen Frühstücks-Kartellen? Mit schwarzen Aktenkoffern voller Geld, die abwechselnd den Besitzer wechseln? Ein Zerrbild der Wirklichkeit, die von der Linken gefördert wird. Umgekehrt ist das alles auch zu beobachten. Wenn die eine Seite in die Kritik gerät, wirft die andere Seite mit Dreck. Es kommt halt immer auf die Brille an, durch die man die Wirklichkeit zu erkennen glaubt. Rechte wie linke Zerrbilder zu erkennen, wird zunehmend schwieriger, weil beide auch immer ein Stück Wahrheit in sich tragen.