Wandel der Kampfführung

Hi an alle!

Ausgelöst durch einen Film kamen wir im Freundeskreis auf die Diskussion, wann und wodurch sich die Kampfführung der Infanterie geändert hat.

Lange Zeit galt als einzig ehrenhafte Art zu kämpfen das Aufmarschieren, Vorrücken und Schießen in der Linienformation (siehe z.B. Napoleon oder den amerikanischen Bürgerkrieg). Selbst bei Artilleriebeschuß war es verpönt, sich zu verstecken, auf den Boden zu legen oder sonstwie in Deckung zu gehen.

Wann und wodurch hat sich dieses Kampfverhalten verändert? Seit wann werden z.B. Schützengräben benutzt, der gedeckte Vorstoß, die offene Formation? Seit wann gehen Infanteristen bei Feindbeschuß in Deckung? Wann wurden Soldaten mit einem Stahlhelm ausgestattet? Kurzum: Wann und wodurch wandelte sich Art der Kampfführung?

Unsere Vermutung: durch das Aufkommen des Maschinengewehrs.

Im amerikanischen Bürgerkrieg spielte das MG noch keine Rolle, also marschierten die Regimenter in Linienformation über das Schlachtfeld. Wie war das in den europäischen Kriegen 1864, 1866 und 1870/71? Auch noch Linienformationen? Welcher Krieg war der erste, der aus Schützengräben heraus gefochten wurde? Vermutlich nicht der Erste Weltkrieg.

Hat jemand ein paar Infos?

Danke + Grüße
Heinrich

off topic: kleine Korrektur

Im amerikanischen Bürgerkrieg spielte das MG noch keine Rolle…

Im Sezessionskrieg wurde das Gatling MG bereits eingesetzt. Die Kadenz hat mit den heutigen Schussleistungen zwar nicht viel gemeinsam, war für damalige Verhältnisse allerdings furchterlich.

Otto

Hi!

Im amerikanischen Bürgerkrieg spielte das MG noch keine Rolle…

Im Sezessionskrieg wurde das Gatling MG bereits eingesetzt.
Die Kadenz hat mit den heutigen Schussleistungen zwar nicht
viel gemeinsam, war für damalige Verhältnisse allerdings
furchterlich.

Stimmt.
Aber meine Aussage war ja nicht, daß es kein MG gab, sondern daß es keine Rolle spielte. Gleiches könnte man z.B. auch vom U-Boot sagen: Teilnahme an Kampfaktionen im amerikanischen Bürgerkrieg (CSS Hunley), aber ohne jede Bedeutung. :wink:

Grüße
Heinrich

Hi Heinrich,

nur mal kurz aus dem Kopf raus, weiterführendes kann ich dir aber gerne raussuchen…

Wann und wodurch hat sich dieses Kampfverhalten verändert?
Seit wann werden z.B. Schützengräben benutzt, der gedeckte
Vorstoß, die offene Formation?

Die offenen Formationen haben sich wohl erst im Laufe des 1. WK herausgebildet.

Seit wann gehen Infanteristen
bei Feindbeschuß in Deckung?

Hm, gute Frage. Wahrscheinlich schon immer? Zumindest seit dem Russisch-Japanischen Krieg (1906), bei dem zum ersten Mal im grösseren Stil Maschinengewehre eingesetzt wurden - deren taktische Möglichkeiten aber von den Militärführen bis in den 1. WK hinein schlicht missachtet wurden.

Wann wurden Soldaten mit einem
Stahlhelm ausgestattet?

Die Briten und Franzosen hatten bereits 1915 einen Stahlhelm, die deutsche Armee bekam ihn 1916. Allerdings war das noch kein „persönliches“ Ausrüstungsstück. Der Stahlhelm wurde an die Soldaten in Frontstellung ausgegeben; nach der Ablösung mussten die Helme wieder abgegeben werden.

Kurzum: Wann und wodurch wandelte sich
Art der Kampfführung?

Mittendrin im 1. Weltkrieg, ein wahrhaft blutiger Lernprozess.

Unsere Vermutung: durch das Aufkommen des Maschinengewehrs.

Jein. Eher mit der Erkenntniss der taktischen Möglichkeiten der MGs.

Im amerikanischen Bürgerkrieg spielte das MG noch keine Rolle,
also marschierten die Regimenter in Linienformation über das
Schlachtfeld. Wie war das in den europäischen Kriegen 1864,
1866 und 1870/71? Auch noch Linienformationen?

Klar doch. Bajonettangriff und drauf…

Welcher Krieg
war der erste, der aus Schützengräben heraus gefochten wurde?
Vermutlich nicht der Erste Weltkrieg.

Wenn Du so willst, gibt es Gräben als Verteidigungsstellung sicher seit Anbeginn der Kriegsführung. Im amerikanischen Bürgerkrieg wurden im grossen Stil Schützengräben angelegt. Im Burenkrieg demonstrierten die Buren erfolgreich den Einsatz verdeckter Stellungen. Einen festgefahrenen Stellungskrieg mit riesegen Gräbensystemen auf beiden Seiten gab es aber erstmals im 1. WK.

Grüsse
Feanor

Hallo Feanor!

Zunächst mal vielen Dank für deine Informationen.

Seit wann gehen Infanteristen
bei Feindbeschuß in Deckung?

Hm, gute Frage. Wahrscheinlich schon immer? Zumindest seit dem
Russisch-Japanischen Krieg (1906), bei dem zum ersten Mal im
grösseren Stil Maschinengewehre eingesetzt wurden - deren
taktische Möglichkeiten aber von den Militärführen bis in den

  1. WK hinein schlicht missachtet wurden.

Die Frage nach dem Wechsel von der Linienformation zur in Deckung liegender und vorgehender Infanterie kam durch einen Film auf, der vor ein paar Tagen im Fernsehen lief. Da ging es um den spanisch-amerikanischen Krieg (1898 oder so) und dem Sturm auf San-Juan-Hill (die „Rough Riders“ von Teddy Roosevelt). Beide Seiten benutzten (im Film zumindest) reichlich Artillerie, und auf beiden Seiten lagen die Soldaten während des Beschusses konsequent in Deckung. Der Vorstoß lief dann auch nicht in geschlossener Formation ab (so nach dem Muster „Linie bilden - ausrichten - Salvenfeuer“), sondern ähnelte schon sehr stark dem Vorrücken der Infanterie wie im 20.Jahrhundert.

Nun kenne ich literarische und filmische Darstellungen der napoleonischen Feldzüge und der Schlachten im amerikanischen Bürgerkrieg. Dort war es bekanntlich üblich, Regimenter geschlossen in Linienformationen aufzustellen und marschieren zu lassen. Nun gab es m.W. zwischen 1865 (USA) bzw. 1870/71 (Europa) und etwa 1900 keine größeren militärischen Konflikte. Wenn als 1865/1870 die Linie als Kampfformation sowie das sich offen zur Schau stellen bei Artilleriebeschuß noch üblich war (und als „militärisch ehrenvoll“ angesehen wurde) - was hat den Wandel ausgelöst? Irgendwer muß doch militärtaktisch auf diese Änderung hingewirkt haben?

Wenn Du so willst, gibt es Gräben als Verteidigungsstellung
sicher seit Anbeginn der Kriegsführung. Im amerikanischen
Bürgerkrieg wurden im grossen Stil Schützengräben angelegt.

Ich weiß. Bei Petersburg gab es ein ziemlich großes Grabensystem. Die Frage ist, ob die Nordstaatler beim Angriff ihre Formationen aufgelöst und quasi „im Sprung“ sich vorgearbeitet haben oder weiterhin als geschlossene Einheit vorgerückt sind.

Im Burenkrieg demonstrierten die Buren erfolgreich den Einsatz
verdeckter Stellungen.

Der Burenkrieg liegt zeitlich ähnlich wie der spanisch-amerikanische Krieg, also Ende des 19.Jahrhunderts.

Einen festgefahrenen Stellungskrieg mit
riesegen Gräbensystemen auf beiden Seiten gab es aber erstmals
im 1. WK.

Korrekt. Sehe ich auch so.
Bleibt aber immer noch dieses „Zeitloch“ von knapp 30 Jahren, in denen irgendwie die Kampftaktik geändert wurde (Deckungssuche bei Beschuß, Vorrücken im Sprung, Kampf aus der Deckung heraus gilt nicht mehr als unehrenhaft, usw.)

Grüße
Heinrich

Hallo Heinrich,

leider hab ich praktisch nichts über US-amerikanische Taktiken, habe aber mal ein paar Sachen aus deutschen, französischen, britischen, russischen und österreichischen Reglements herausgesucht:

Für den Krieg 1870/71 war im deutschen Heer eine flügelweise Gliederung in Schützenschwärme vorgesehen. Ein gefechtsmässiges Eingraben wurde dabei nicht einkalkuliet. Erst 1874 wurden in der Infanterie pro Bataillon 200 kleine Spaten ausgegeben (bei einer Gefechtsstärke von ca. 1.000 Mann!). In den Gefechtsvorschriften von 1879 war als Gefechtsaufstellung die Kompaniekolonne mit drei hintereinanderstehenden Zügen vorgesehen, von denen sich der hintere zuerst zur Schützenreihe aufzulösen hatte. Die Züge sollten sich in Feuergruppen unter jeweils einem Gruppenführer auflösen.

In Frankreich wurde ab 1875 der Kampf in aufgelöster Ordnung eingeführt, aufgrund der höheren Waffenwirkung betonte man aber den Wert der Verteidigung. Mit dem Reglement von 1889/94 wurde der Erfolg allerdings allein im Angriff erwartet.

Das österreichische Exerzier-Reglement von 1874 betonte in der Schiessinstruktion den gezielten Einzelschuss, sah aber durchaus noch das altertümliche Salvenschiessen in geschlossener Formation vor.

Die deutsche Felddienstordnung von 1887 und das neue Reglement für die Infanterie von 1888 bestimmten den Schützenschwarm zur Hauptkampfform der Infanterie. Dieses Reglement war bis zum Kriegsausbruch 1914 gültig. Vorgesehen war, dass die Infanterie unter Deckung auf Nahentfernung an den Feind herangeht, dort das Feuergefecht aufnimmt und anschliessend auf Sturmentfernung zum Bajonettangriff vorgeht.

Die Japaner haben die deutschen Vorschriften von 1888 fast wörtlich übernommen. Im russisch-japanischen Krieg griffen sie anfangs noch in dichten Schützenlinien an, was zu hohen Verlusten führte.

In den deutschen Vorschriften von 1906 wurden erstmals die Erfahrungen aus dem Burenkrieg verarbeitet, bei dem die Briten erstmals gefechtsmässiges Eingraben praktiziert haben. Ebenso wurde erstmals das Vorgehen in dünnen Schützenlinien gefordert.

Allerdings erwies sich die Auflockerung meist als nicht konsequent genug. Auf den Übungsplätzen wurde noch immer in dichten Schützenlinien vorgegangen. Bei diesen Übungen war immer noch eine generelle Nichtachtung der gegnerischen Feuerwirkung zu beobachten. Der Bajonettangriff galt als der Weisheit letzter Schluss, da er von „schneidigem Vorgehen“ zeugte. In allen Heeren überwog die Forderung nach unbedingtem Angriffsgeist die bestehenden Forderungen nach gedecktem Vorgehen.

Die Russische Armee schrieb bis weit in den 1. Weltkrieg hinein zugweises Salvenschiessen vor. Das russische Reglement betonte den Offensivgedanken; Verteidigung galt nur als statthaft, wenn sie mit einem allgemeinen Gegenstoss abschloss. Die russische Infanterie ging ab einer Feindentfernung von 300 Metern zum Bajonettlauf über. General Kuropatkin bemerkte dazu: „Wir verstehen nicht, einen Angriff mit kräftiger Vorbereitung durch Artilleriefeuer auszuführen. Der Gedanke an ein unaufhaltsames Vorgehen ohne Gewehrfeuer hat sich leider bei vielen Führern eingebürgert. In vielen Fällen halten wir unsere Reserven in geschlossener Ordnung zusammen und lassen sie, ohne zu schiessen zum Bajonettangriff vorgehen.“

Maschinengewehrkompanien wurden erst 1906 versuchsweise eingesetzt, dabei erhielt eine Kompanie 2 Maschinengewehre. Erst im 1. Weltkrieg wurden sie zur wichtigsten Waffe der Infanterie.

Das sich an den taktischen Einschätzungen bis in den 1. Weltkrieg hinein nicht viel geändert hat, zeigen die Katastrophen von Langemarck 1914, wo unerfahrene Reserveoffiziere tausende junger Soldaten verheizen oder die Somme-Schlacht, bei der britische Offiziere ihre Soldaten noch in geschlossener Linie antreten lassen. Der 1. Juli 1916 verzeichnet den höchsten Tagesverlust der britischen Kriegsgeschichte. An diesem einen Tag büssten die Briten insgesamt 60.000 Mann, darunter 20.000 Gefallene ein.

Die geänderte Infanterietaktik ist sicher auch untrennbar mit der technischen Entwicklung von Waffen und Munition verbunden. Erst mit der Einführung des leistungsstarken rauchschwach Pulvers um 1883, der verbesserten Gewehre ab 1869 und die Entwicklung ruhigstehender Artillerie ab 1893 sowie verbesserter Richtmittel machte das Schiessen aus verdeckter Feuerstellung einerseits wie auch die Auflösung in kleinere Verbände mit genügend Feuerkraft möglich. Ab ca. 1865 gelang auch die Entwicklung annähernd zuverlässiger Zündmechanismen für Schrapnell-Geschosse, die eine verbesserte Deckung bei der Infanterie notwendig machte. Auch der Geschossverbrauch der Artillerie dürfte wesentlich dazu beigetragen haben. Während im gesamten deutsch-französischen Krieg pro Geschütz nur ca. 88 Schuss abgegeben wurden, wurden zum Auftakt der Aisne-Schlacht in einem 5-tägigen Trommelfeuer pro Geschütz ca. 8250 Schuss abgegeben; auf einer Frontbreite von 40 km rund 33 Mio. Schuss aus gut 4000 Geschützen.

(Quellen: Hans Linnenkohl: Vom Einzelschuss zur Feuerwalze / Georg Ortenburg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Millionenheere / Janusz Piekalkiewicz: Der erste Weltkrieg)

Gruss
Feanor

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Hi Feanor!

Klasse Beitrag!
So etwas hatte ich mir hier erhofft.
Dafür gibt es auch Sternchen! :wink:

Danke und Grüße
Heinrich

Hallihallo
zu diesem Thema gibt es Infos von Wehrtechnischen Museum in Dresden. Dort habe ich schon vor 5 Jahren ein Schaubild gesehen, wo uns der Museumsführer aufzeigte, wann genau zum ersten Mal aus der deckung geschossen wurde. Nach meiner Erinnerung war es ein Krieg vor 1900 gegen die Franzosen. Da hat irgend ein General seine Leute verdeckt aus einem Wald schiessen lassen. Und siehe da, die Verluste waren natürlich wesentlich geringer.
Geh halt mal auf die Homepage von denen oder rufe kurz an.

Gib mir aber dann bitte noch mal genaue INFO

Gruß Marco

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Kurze Anmerkung
Hallo,

obwohl ich nach diesem Vorredner nur noch stümperhaft antworten kann, muss ich ein paar Bemerkungen trotzdem loswerden.

Ganz grob hat Napoleon quasi als Erster (okay, darüber kann man wahrscheinlich auch diskutieren) vor den eigentlichen Reihen so Art Schützenschwärme verwendet. Dies waren zwar keine eigentlichen Sturmtruppen in dem Sinne als generelle Taktik, aber es waren Soldaten, die vereinzelt kämpften, bewusst zielten, quasi Scharfschützen und der Linie vorausgingen. Dabei hielten sie sich in Deckung. Ich glaube, das nannte man damals „Tirailleure“ und ist meines Erachtens eine Abwandlung der schon früher verwendeten Jäger bzw. Scharp-Shooters-Einheiten.

Der „Einzelsturm“ um es so zu nennen, hat tatsächlich im grossen Stil aber eher zufällig im Mexikanisch-US-Krieg stattgefunden. Die Stellungen und das in Deckung gehen war tatsächlich im US-Bürgerkrieg aufgekommen aber definitiv wurde hier ohne Deckung in Linie angegriffen.

Ich stimme zu, dass die ersten bewussten Deckungsmassnahmen, die quasi auch befohlen waren (und darauf kommt es ja in der Frage an), im Burenkrieg aufgekommen waren. Vielleicht auch im Krimkrieg, aber da kenne ich mich nicht genug aus.

Der Frage nach dem Stahlhelm: Der war sozusagen nie aus der Mode, Ritter trugen ihn, dann die Kürassiere oftmals verstärkte Dreispitze, die Russen hatten eine entsprechend interessante Grenadiersmütze sogar mit Nackenschutz. Der Grundlegene Unterschied: damals war er ein Schutz gegen sog. Blankwaffen. Der Stahlhelm an sich ist eher ein Schutz gegen Splitter. Das heisst, sein Sinn hat sich geändert. Der Zeitpunkt ist oben richtig beschrieben.

Zurück zur Frage, wann kam dies in Deutschland auf? Leider erst im ersten Weltkrieg. Dort wurde sogar noch manchmal versucht, mit Kavallerie was zu bewegen - aber ausser Pferd und Reiter in den Tod war das Unsinn.

Ich möchte noch hinzufügen: Hinterher kann man sich leicht auf „war ja logisch“ stellen. Ich bin mir nicht sicher, ob das damals so leicht zu verstehen war. Immerhin hat man da locker 300 Jahre komplett anders gekämpft. Damals war es auch häufig so, dass wenn man sich aufgelockert hätte, dass man dann verloren hätte. Beispiel: das Karree.

So, und nun überlasse ich die Bühne wieder den Profis.

Viele Grüsse,

Michael