Geschichte beginnt mit dem Mut der Historiker dazu
Hi Kevin,
wie man hier lesen kann, gibt es zur Frage, wann Geschichte endet, bzw. nach rückwäerts geschaut, wann sie anfängt, halt verschiedene Meinungen und Theorien. Ich würde zur Beantwortung der Frage eine Formel von einem „persönlich vertretbaren Abstand“ für Historiker befürworten.
Denn im Unterschied zu einer journalistischen Ereignisreportage darf das Publikum von einer geschichtlichen Abhandlung erwarten, von Ereignissen, auch im Lichte späterer Ereignisse, informiert zu werden. Die Frage: „Was ist geschehen“ ist in einem naiven Sinne doch eher simpel zu beantworten; erst Fragen danach, was versäumt, unterlassen, übersehen, verkannt, verwechselt, ver- pfuscht oder vermieden wurde (etc.) schafft etwas, was wir dann als „Sinn“ bezeichnen (oft ohne diesen allerdings vorher so recht einzufordern, jedoch nicht ohne ihn hinterher zu vermissen, wenn er uns fehlt, was ja vorkommt.).
Je nachdem, welcher Chance ich nachtrauere, welche Verwechselung ich verfluche und welchen Werten ich anhänge (etc.) werde ich Vergangenes anders erblicken, anders schildern und dann, oh wunder, auch anders beurteilt akzentuieren.
Wenn jemand das Unmögliche verspricht und scheitert, dann kann ich danach leicht aufschreiben: Das war ein Spinner und Versager. wenn dieses Unmögliche mal möglich geworden sein wird, werde ich auf den Versuch, seiner allzu frühzeitigen Verwirklichung ein gnädigeres Licht fallen lassen. Mit entsprechendem Abstand wird aus dem Spinner ein Visionär, aus dem Versager ein kühner Pionier.
Das ist so wie mit Terroristen und Staatsgründern. Terrorist ist man immer nur vor der Staatsgründnug, nicht mehr danach (obwohl nach der Staatsgründung auch nach den Anschlägen ist …) Vor der Staatsgründung war man (auch danach noch betrachtet) Terrorist in den Augen derer, die die Staatsgründung für einen Fehler halten. Diejenigen, denen die Staatsgründung in den Kram passt, werden den Betreffenden dagegen auch schon für die Zeit seines Terrorisierens als staatsmännisch porträtieren.
Der zeitliche Abstand läßt die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen heraus eine Vergangenheit überhaupt erblickt werden kann, entstehen.
Deswegen ist Geschichte auch im Kern eine literarische Gattung und keine journalistische (finde ich…)
Kann mich hier jemand aufklären, warum sich Historiker (?)
auch schon mit der DDR und mit dem kalten Krieg beschäftigen?
Weil sie ungeduldig sind, geldgierig oder publizitätslüstern, oder weil sie den Unfug der anderen Gattungen deswegen nicht ertragen, weil sie meinen, es müsse sich um eine Verballhornung von „Geschichte“, von doch ihrem Fach, handeln, weil doch von Vergangenem gehandelt wird.
Auch Historiker sind meistens Männer und kommen oft eher etwas zu früh und zu wenig gut gestimmt.
Peace,
Love,
Thomas