Wann endet 'Geschichte'?

Hallo,

neulich erzählte mir ein Kollege, ‚Geschichte‘ würde sich nur mit Ereignissen befassen, die älter als ca. 70 Jahre sind (Faustformel), und nur mit Personen, die schon tot sind. Das hätte damit zu tun, dass Akten teilweise so lange unter Verschluss gehalten würden.
Kann mich hier jemand aufklären, warum sich Historiker (?) auch schon mit der DDR und mit dem kalten Krieg beschäftigen?

Peace,
Kevin.

Hi,
irgendwie kann ich das nicht verstehen. Vor 70 Jahren hatten wir das Jahr 1932: Was bitte ist dann der 2. Weltkrieg und alle anderen Ereigniss nach 1932?? Aktuell oder was wäre dann der Begriff, wenn es sich nicht um Geschichte handelt??

freak

Gar nicht
Gar nicht wirklich - muss man sagen.

Es gibt zwar unter Historikern interne Streitigkeiten über das Thema, aber im Prinzip sind - z.B - an der Uni unter der sogenannten Zeitgeschichte Seminar oder Vorlesungen mit Titeln wie ‚Geschichte der Vereinigten Staaten vom Ersten Weltkrieg bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts‘ oder ‚Im Schatten der Bombe. Internationale Beziehungen im Atomzeitalter 1945 - 1990‘ zu finden (Beispiel der Zeitgeschichte in Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/Zeitgeschichte/veranstal…)

Natürlich stellt sich dabei auch immer wieder die Frage, wo Geschichte aufhört und Politikwissenschaft anfängt. Im Zweifelsfall kann man die Unterscheidung über die Herangehensweise machen.

Grüße, Larissa

Hi Kevin,

… warum bei uns in der Schule (Geschichtsunterricht) der Zweite Weldkrieg und der Nationalsozialismus kein Thema waren :wink:

vordiestirnschlag

Gandalf

Definition
Hallo Kevin,

da Geschichte die Zeit ist, über die wir Hinterlassenschaften haben, beginnt sie irgendwann in der Steinzeit (Höhelenzeichnungen). Daher spricht man ja auch von dem Fach Vor- und Frühgeschichte.

Also endet die Geschichte, wenn Menschen aufhören zu sein; denn der Mensch definiert sich ja dadurch, dass er Geschichtsbewusstsein hat. Und damit hätte ich bewiesen, dass Geschichte das wichtigste Schul- und Wissenschaftsfach überhaupt ist! Ohen Geschichte keine Menschheit.

Andreas

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Kevin,

Kann mich hier jemand aufklären, warum sich Historiker (?)
auch schon mit der DDR und mit dem kalten Krieg beschäftigen?

weil sie nicht unbedingt auf die unter Verschluß gehaltenen Akten angewiesen sind, sondern mit anderen Quellen und mit früher freigegebenen Akten arbeiten können. Einiges wird z.B. nach 30 Jahren freigegeben, anderes aus Gründen der politischen Opportunität noch viel schneller.

70 Jahre ist swiw die Frist, nach der das Urheberrecht ausläuft, auch Steuersachen bleiben so lange unter Verschluß.

Als ich zu familiengeschichtlichen Recherchen Akten aus dem 18. und 19. Jahrhundert einsehen wollte, war das Stadtarchiv mit großer Diskretheit darauf bedacht, daß ich keine Daten und Vorgänge anderer Familien aus dieser Zeit zu Gesicht bekam.

Gruß,

Wolfgang Berger

Jetzt!
Jetzt!

Gruß max

Hi,
wann bzw. wo bist du bitte zur Schule gegangen???

neugierige Grüße

freak

Hallo,

Ebenfalls hallo.

neulich erzählte mir ein Kollege, ‚Geschichte‘ würde sich nur
mit Ereignissen befassen, die älter als ca. 70 Jahre sind
(Faustformel), und nur mit Personen, die schon tot sind.

Oha, es gibt tatsächlich Leute, die so denken? Warum dann gibt es moderne Geschichtsbücher bis ca. 1990?

Das hätte damit zu tun, dass Akten teilweise so lange unter
Verschluss gehalten würden.

Historiker arbeiten nicht nur mit Akten.

Kann mich hier jemand aufklären, warum sich Historiker (?)
auch schon mit der DDR und mit dem kalten Krieg beschäftigen?

Das tun sie deshalb, weil es einen Bereich der Geschichtswissenschaft nennt, der sich Zeitgeschichte nennt. Und der umfasst, grob gesagt, die Zeit vom ersten Weltkrieg (manche beginnen auch schon ca. 1870) bis heute. Also Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Besatzungszonen, zweigeteiltes Deutschland, bis hin zur Wiedervereinigung, um nur mal von der deutschen Zeitgeschichte zu sprechen. Natürlich gehörten natürlich die 90er Jahre, nennen wir es das „Zusammenwachsen“ Dtlds auch mit dazu.

Denn wenn man so will, ist Geschichte alles, was bis vor ganz kurzer Zeit passiert ist. Wenn Du also dieses Posting gelesen hast, ist Dein Lesen schon wieder Geschichte. ;o)

Rein fachlich überschneidet sich dann aber vieles wieder mit der Politikwissenschaft (siehe anderes Posting)…

Gruß sannah

Geschichte beginnt mit dem Mut der Historiker dazu
Hi Kevin,

wie man hier lesen kann, gibt es zur Frage, wann Geschichte endet, bzw. nach rückwäerts geschaut, wann sie anfängt, halt verschiedene Meinungen und Theorien. Ich würde zur Beantwortung der Frage eine Formel von einem „persönlich vertretbaren Abstand“ für Historiker befürworten.

Denn im Unterschied zu einer journalistischen Ereignisreportage darf das Publikum von einer geschichtlichen Abhandlung erwarten, von Ereignissen, auch im Lichte späterer Ereignisse, informiert zu werden. Die Frage: „Was ist geschehen“ ist in einem naiven Sinne doch eher simpel zu beantworten; erst Fragen danach, was versäumt, unterlassen, übersehen, verkannt, verwechselt, ver- pfuscht oder vermieden wurde (etc.) schafft etwas, was wir dann als „Sinn“ bezeichnen (oft ohne diesen allerdings vorher so recht einzufordern, jedoch nicht ohne ihn hinterher zu vermissen, wenn er uns fehlt, was ja vorkommt.).

Je nachdem, welcher Chance ich nachtrauere, welche Verwechselung ich verfluche und welchen Werten ich anhänge (etc.) werde ich Vergangenes anders erblicken, anders schildern und dann, oh wunder, auch anders beurteilt akzentuieren.

Wenn jemand das Unmögliche verspricht und scheitert, dann kann ich danach leicht aufschreiben: Das war ein Spinner und Versager. wenn dieses Unmögliche mal möglich geworden sein wird, werde ich auf den Versuch, seiner allzu frühzeitigen Verwirklichung ein gnädigeres Licht fallen lassen. Mit entsprechendem Abstand wird aus dem Spinner ein Visionär, aus dem Versager ein kühner Pionier.

Das ist so wie mit Terroristen und Staatsgründern. Terrorist ist man immer nur vor der Staatsgründnug, nicht mehr danach (obwohl nach der Staatsgründung auch nach den Anschlägen ist …) Vor der Staatsgründung war man (auch danach noch betrachtet) Terrorist in den Augen derer, die die Staatsgründung für einen Fehler halten. Diejenigen, denen die Staatsgründung in den Kram passt, werden den Betreffenden dagegen auch schon für die Zeit seines Terrorisierens als staatsmännisch porträtieren.

Der zeitliche Abstand läßt die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen heraus eine Vergangenheit überhaupt erblickt werden kann, entstehen.

Deswegen ist Geschichte auch im Kern eine literarische Gattung und keine journalistische (finde ich…)

Kann mich hier jemand aufklären, warum sich Historiker (?)
auch schon mit der DDR und mit dem kalten Krieg beschäftigen?

Weil sie ungeduldig sind, geldgierig oder publizitätslüstern, oder weil sie den Unfug der anderen Gattungen deswegen nicht ertragen, weil sie meinen, es müsse sich um eine Verballhornung von „Geschichte“, von doch ihrem Fach, handeln, weil doch von Vergangenem gehandelt wird.

Auch Historiker sind meistens Männer und kommen oft eher etwas zu früh und zu wenig gut gestimmt.

Peace,

Love,

Thomas