Wann geht eine Fremdsprache unter die Haut?

Hallo Wissende,

wegen eines Urlaubserlebisses frage ich Euch, wann gehen einem fremdsprachliche Audrücke unter die Haut, so dass sie einen betroffen machen oder beleidigen.

Im Urlaub in Griechenland sassen wir mit anderen deutschen Gästen am Pool, bis auf die üblichen Höflichkeitsformen „Bitte, Danke, Guten Morgen“ und der Kenntniss von ein paar Kraftauasdrücken sprach oder verstand keiner Griechisch. Am Nebentisch versuchten ein paar Jungs ihren Mädchen zu imponieren. Auffallend war, das diese Jungs ständig mit dem Kraftausdruck „malaka“ (Wichser) um sich warfen. Nun, für uns war es nicht zu überhören, aber ich empfand diesen Ausdruck nur als Worthülse. Andren war dem aber nicht so! Nach einiger Zeit verabschiedeten sich ein paar Gäste mit der Begründung, sie können diese ständigen Kraftausdrücke von nebenan nicht mehr aushalten Ich glaube nicht, dass das eine Ausrede war, die Leute waren tatsächlich angewiedert und sauer! Dennoch wunderte mich das, da sie gar nicht wissen konnten, in welchem Zusamenhang das Schimpfwort gebraucht wurde, der Gestik zufolge sprachen die Jungs untereinander und richteten sich nicht gegen Gäste.

Glaubt Ihr, dass einzelne bekannte Wörter in einer sonst unbekannten Fremdsprache Betroffenheit auslösen können? Oder müßte da nicht schon ein gewisses Sprachgefühl vorliegen? Wie sind Eure Erfahrungen?

Danke für Eure Meinungen

Wolfgang D.

Hallo Wolfgang

Also, junge Leute, die Quatsch reden, gibt es überall, da könnte man auch nicht daheim bleiben… Mir würde es nicht mehr als ein Kopfschütteln, verbunden mit „Jaaa, das kennen wir…“, abringen. Ich führe das direkt auf den Mangel an Bildung zurück.

Ich glaube nun aber, man kann das nicht allgemein sagen, was wieviel stört: Einer/Eine ist da mehr empfindlich, Andere weniger.

Es kommt wohl auf das Milieu an, in dem man sich bewegt: entweder ist man Leute gewohnt, die mit Kraftausdrücken herumwerfen, oder eben nicht.

lG
Martin B

Also, junge Leute, die Quatsch reden, gibt es überall, da
könnte man auch nicht daheim bleiben… Mir würde es nicht
mehr als ein Kopfschütteln, verbunden mit „Jaaa, das kennen
wir…“, abringen. Ich führe das direkt auf den Mangel an
Bildung zurück.

Hi,

Letzteres würde ich nicht unbedingt daraus schließen. „Malaka“ ist als griechischer Kraftausdruck auch in Deutschland recht bekannt (so wie viele auch хуй und merde usw. kennen), in irgendeinem bekannten deutschen Film kam das mal sehr markant vor.
Aber wissen wir bzw. diese Leute alle, was für eine Konnotation „malaka“ zurzeit bei den griechischen Jugendlichen hat? Vielleicht hat das Wort bei denen längst an Bedeutung und Ausdruckskraft verloren, so dass es jetzt vielleicht kaum schlimmer als unser „Arsch“ oder das ostdeutsche/sächsische „Kunde“ ist.

Vielleicht ist „malaka“ also gar nicht mehr so schlimm, wie es einst war? Wer weiß…

Gruß,

  • André
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Hallo Fragender,

bis auf die üblichen Höflichkeitsformen „Bitte, Danke, Guten Morgen“ und der Kenntniss von ein paar Kraftauasdrücken sprach oder verstand keiner Griechisch.

Unter diesen Voraussetzungen wäre ich sehr vorsichtig mit der Bewertung von Gesprächen am Nebentisch. In einer solchen Situation neigt mancher dazu, ein Wort, besser gesagt eine Lautfolge, die man aufschnappt, mit einem der wenigen Begriffe, die man kennt, zu assoziieren. Kapitale Mißverständnisse sind da vorprogrammiert.

Aber auch wenn man das einzelne Wort richtig versteht, wie soll man es bei null Kenntnis der Fremdsprache richtig einordnen, wo man doch den Kontext, in dem es benutzt wird, nicht kennt? Außerdem haben Schimpfworte mit gleicher Bedeutung in verschiedenen Kulturen einen ganz unterschiedlichen Stellenwert.

Und überhaupt gehen andere Kulturen mit Schimpfworten ganz anders um als wir. Wenn ich z.B. in Frankreich jedes mal pikiert das Lokal verlassen würde, wenn am Nebentisch Ausdrücke wie „merde“, „putain“, „me fait chier“, „branler“, „branleur“ gehäuft fallen, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben.

Grüße
Rainer

Hallo Wolfgang,

die Benutzung vulgärer Ausdrücke in einer Fremdsprache stimmt sehr oft nicht dem Gebrauch der Übersetzung dieser Ausdrücke im Deutschen überein. Das ist eine Sache, an die man sich gewöhnen muss und kein Grund, sich aus der Hörweite der einheimischen Bevölkerung angewidert zu entfernen. Außerdem muss man wissen oder lernen, dass solche Ausdrücke nie in ihrer wörtlichen Bedeutung gemeint sind, sondern lediglich als Kraftausdrücke benutzt werden.

Wer solche fremden Sitten nicht akzeptieren will, sollte besser zu Hause bleiben. In D sollte er dann auch die Hörweite von Jugendlichen meiden, denn in deren Vokabular haben Wichser, Hurensöhne und Co. inzwischen auch einen festen Platz.

Pit

Hi

Ich glaube das ist ein wenig eine Generationssache. Du weißt doch, schon Sokrates war mit der „heutigen Jugend“ und ihrerer Verrohun unzufrieden :wink:

Ich erlebe das momentan so (also persönliche Zeiteinteilung):
Großeltern und Generation - so gut wie keine Kraftausdrücke im nicht -Unterschichten mileu
Elterngeneration (45-60): Benutzt manchmal Kraftausdrücke, entschuldigt sich aber sofort dafür und tut selbst in familiären Situationen so, als würde man ihnen gleich den Kopf abreißen.
Zwischengeneration (30-45): Benutzt sie, hält sich in offenen Situationen zurück, kommt mehr an Stammtisch.
Meine Generation: Jetzt mal butter bei de Fische, Ausdrücke wie „scheiße“ und etwas weniger „geil“ sind eigentlich normal. Darüber regt sich keiner auf und ich bin immer wieder überrascht wie tierisch sich manche Leute über sowas aufbauschen können.

Vor allem wegen:
Jüngere Generation (

Hallo Wolfgang,

ich glaube mir wär das auch nicht sooo egal gewesen, wenn ich gecheckt hätte dass die Jungs Kraftausdrücke benutzen.

Mir ist auch mal was total Unangenehmes passiert: Ich sitz da und warte am Bahnhof aufn Zug und da standen ein paar Jungs und haben in meiner Muttersprache wild diskutiert und total versaute Sachen gesagt und dann noch teilweise Bemerkungen über mich gemacht.
Ich geduldig geblieben…bis mein Zug dann endlich kam: Ich hab dann den Halbwüchsigen gesagt, wie peinlich und unmöglich ich so ein Verhalten finde - in meiner Muttersprache natürlich. Du hättest mal die Gesichter sehen sollen! Blankes Entsetzen bei denen und totale Sprachlosigkeit, dass ich das alles verstanden hatte! *lach*

LG Melli

Hallo, Wolfgang,
das scheint mir wohl am ehesten pubertäres Gehabe zu sein.

Ich erinnere mich, das wir Klassenkameraden uns beim „Gabelmoo“ ( http://www.bamberga.de/id136.htm ) getroffen haben und die vorbeigehenden Erwachsenen damit schockten, dass wir uns mit „Wohllust!“ begrüßten. Wohlgemerkt fand das in den frühen 50er Jahren im erzkatholischen Bamberg statt.

Ich denke, Deine Beobachtung dürfte wohl in diese Richtung gehen.
Gruß
Eckard

Hallo,

Nach einiger
Zeit verabschiedeten sich ein paar Gäste mit der Begründung,
sie können diese ständigen Kraftausdrücke von nebenan nicht
mehr aushalten

Ja vielleicht konnten die anderen Gäste einfach besser Griechisch als ihr? Das wäre die naheliegendste Erklärung.

… der Gestik
zufolge sprachen die Jungs untereinander und richteten sich
nicht gegen Gäste.

Na toll! Das macht es besser, oder?
Es widert mich auch an, wenn Jugendliche glauben, keine Rücksicht nehmen zu müssen und am laufenden Band Müll von sich geben.

Glaubt Ihr, dass einzelne bekannte Wörter in einer sonst
unbekannten Fremdsprache Betroffenheit auslösen können?

Wer weiß. Kann schon sein, dass das möglich ist.
Mir missfiel jedenfalls das Wort „kike“ von Anfang an, seit ich es zum ersten Mal gehört habe. Erst zwei oder drei Wochen später erfuhr ich die Bedeutung; es ist ein Schimpfwort für „Jude“. Von daher würde ich diese Theorie nicht ganz von der Hand weisen wollen.

Schöne Grüße

Petra

Nicht immer und überall, oder?
Moin,

wenn diese teutonischen Touristen mit ihren anständigen,
unverdorbenen Ohren die gleiche Situation in den USA erlebt
hätten, wären sie dann auch angewidert gewesen und hätten das
Weite gesucht?
Wahrscheinlich nicht.

Meine Meinung dazu:
Bei den Amis würden Ausdrücke wie fuck it/you,
motherfucker, cunt-/cocksucker, son of a bitch
etc.
akzeptiert, weil die Amis unsere Freunde sind. Die Touristen
hätten die deftige Ausdrucksweise lediglich amüsiert,
allerhöchstens leicht konsterniert, zur Kenntnis genommen.
Die Einwohner von Mittelmeer-Anrainerstaaten sind von
vornherein schon mal pfui. Und je südlicher, um so
pfuiteuflischer - denen muss man als Germane zeigen, was wir
von ihnen und ihrer sexualisierten Sprach-Kraftmeierei halten.

Ja, so ist das - oder vielleicht doch nicht?

Pit

Tach,

Glaubt Ihr, dass einzelne bekannte Wörter in einer sonst
unbekannten Fremdsprache Betroffenheit auslösen können? Oder
müßte da nicht schon ein gewisses Sprachgefühl vorliegen? Wie
sind Eure Erfahrungen?

Wenn ein gewisses Sprachgefühl vorliegen würde, wüssten die Damen und Herren, dass dieses Wort im Griechischen so gebraucht wird, wie eben in Deutschland die Wörter „Alter“ oder „Ey“ oder „Dicker/Digger/Digga“.
(Wobei man sich als Rentern von dem Wort „Alter“ ja durchaus pikiert fühlen könnte. Über die Dicken mal ganz zu schweigen.)
Es handelt sich hierbei jedoch in diesem Fall (Gespräch unter Jugendlichen) nicht um eine Beleidigung, sondern nur um eine Anrede, die (um jetzt mal ganz soziologisch zu werde) durchaus zu den alltäglichen Verhaltensweisen ihrer Altersgruppe gehören.

Desweiteren wird im Griechischen das Wort „Malakies“ (Wichse) benutzt, wie im deutschen das Wort „Mist“ oder „Scheisse“.
Wenn man sich darüber nun aufregt, sollte man entweder zu Hause bleiben oder sich mal dazu aufraffen mehr zu lernen, als das was im Restaurant auf der Serviette steht. Das hat mit Sprachkenntnis nämlich nichts zu tun.

Wie auch schon meine Vorredner sagten, sind in gewissen Sprachen gewissen Sachen nicht so „schlimm“, wie in anderen.
Würde ich im griechischen wiederum jemanden als „Arschloch“ bezeichnen, wäre das weitaus schlimmer als das Malaka. (Naja, wahrscheinlich würde man mich eher auslachen). Malaka hat oft eher die Konnotation vom deutschen „Idiot“, wenn es als Beleidigung gebraucht wird.
Wenn ich alles 1 zu 1 aus meiner Sprache in die andere übersetzen könnte, wäre der Spaß an der Sache ja weg.
Und wenn ich solche pseudo-pikierten Sachen erlebe, kann ich nur sagen: die schreibe ich mir auf meine Hode. Das sagt man nämlich auf Griechisch, wenn man sagen will: Das geht mir am Arsch vorbei.
:smile:
Grüße
Herr Hallmackenreuther

Hi,

schließe mich Herrn Hallhackenreuther an: Malakas hat (für Griechen) nicht nur die Bedeutung die es bei wörtlicher Übersetzung hat. Wird sehr infaltionär gebraucht und ist manchmal tatsächlich nur ein Füllsel, wie bei uns ne oder eben ey, hey, Alter etc.

Als Beispiel: die Griechen sagen auch katse, katse (hier mal in gebräuchlicher Schrift), wenn sie meinen: nun mal langsam, ruhig, nicht so aufgeregt. Katse heisst: setzen.

Solche Wörter gibt es in jeder Sprache, oder? Aber: Die Griechen reagieren stark darauf, wenn ein Ausländer das Wort malakas ihnen gegenüber gebraucht! Dann wird es sofort wieder als Schimpfwort eingestuft. Also Vorsicht und nicht neben „Guten Tag, Bitte, Danke und Entschuldigung“ sofort in den Wortschatz einverleiben!

Alsdann
Antio! Oreo sabbatokiriako (äh, sieht ja fürchterlich aus in der Schrift)
Nita

Hallo André!

Ausdruckskraft verloren, so dass es jetzt vielleicht kaum
schlimmer als unser „Arsch“ oder das ostdeutsche/sächsische
„Kunde“ ist.

Interessant. Ich kenne „Kunde“ nur unverfänglich hochdeutsch (wenn ich bei einer Firma was bestelle). Was meinen denn die Sachsen damit?

Vielleicht ist „malaka“ also gar nicht mehr so schlimm, wie es
einst war? Wer weiß…

Ja, das kann sich natürlich ändern mit der Zeit. Aber ich bleibe dabei: wenn ich Punker bin, finde ich vielleicht, der Ausdruck sei längst salonfähig, als Nonne sage ich „Puhh…!“.

lG
Martin B

Hi,

„komischer Kunde“ = „seltsamer Typ“. Recht abfällig.

die Franzi

Hallo,

so sehe ich die Situation ebenfalls. Wenn man schon nur einzelne Worte kennt, dazu noch unvollständig, sollte man sich nicht aufregen.

Die vornehm tuenden deutschen Touristen hätten ihre „Vornehmheit“ dadurch beweisen können, dem Gespräch am Nebentisch NICHT angestrengt zu lauschen…

Unter die Haut gehen? Wie denn, warum denn? „Merde“ darauf - in Frankreich ein ganz sanfter Fluch und nicht mit dem deutschen „Sch…“ gleich zu setzen.

Gruß,
Cantate

Hallo Franzi und André,

das finde ich interessant, dass „Kunde“ im Sächsischen abfällig gebraucht wird. In (Ost-?) Berlin ist das Wort längst in den Alltagssprachschatz eingegangen:

„Na, du bist ja n Kunde!“ = „Du machst mir Spaß!“, „Warum nicht gar!“
„Was issn das fürn Kunde?“ = „Was ist das denn für ein Typ?“ (immerhin leicht abfällig)
„Der Meier is ooch son Kunde.“ = „Herr Meier ist ein echtes Original.“

Liebe Grüße
Immo

N’Ahmd,
Naja, es ist auch hier nicht immer abfällig, da kann schon mal ein Kumpel zu seinem anderen Kumpel sagen: „Ey du bist’n Kunde!“, wenn man sich mal aufregt. Oder man erzählt von „örschnd so 'nem Kundn“, womit man eigentlich einfach irgendeinen Typ(en?) meint.

Also ich würde Kunde einfach mit Typ übersetzen, das schwankt ja auch so’n bissl zwischen positiv und negativ.

Grüße,

  • André
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