Liebe Sama,
nun also: Jesus in Kaschmir““
Dazu muß ich ein wenig ausholen: Schon 1894 erschien ein Buch von Nicolai Notowitsch „Die Lücke im Leben Jesu“. Diesem Buch zufolge war Jesus gar nicht tot, wurde vom Kreuz abgenommen und gesundepflegt, ging dann nach Indien, wo er in hohem Alter starb. Und zwar in Kaschmir, wo heute noch ein Grab von seinem Aufenthalt zeugt.
Schon vorher hatte Jesus sich in Indien aufgehalten, nämlich in jenen achtzehn oder so Jahren zwischen seinem Auftreten im Tempel und seiner öffentlichen Predigt in Galiläa. Die drei Weisen aus dem Morgenland seien Inder gewesen und hätten Jesus als eine hohe Inkarnation erkannt. Sie hätten sich dann um seine Erziehung gekümmert, ihn in geheime Praktiken eingeweiht und ihm buddhistischen Religionsunterricht erteilt. Zu diesem Zweck sei Jesus auf alten Karawanenstraßen schon als Zwölfjähriger nach Indien gewandert.
Über die Lücke im Leben Jesu läßt sich also phantastisch - in des Wortes doppelter Bedeutung - fabulieren!
Zwar wurden diese Spinnereien schon ein Jahr nach Erscheinen des Buchs als völlig haltloser Unsinn entlarvt, doch in einer Neuauflage 1926 in New York wieder unters Volk gebracht und und als sensationell neue Entdeckung gefeiert. Ebenso wie 1983, als Holger Kersten diesen Blödsinn in „Jesus lebte in Indien“ wieder Auferstehung feiern ließ.
Der Leiter der Orient-Sammlung der Münchener Staatsbibliothek, Günter Grönbold, hat in „Jesus in Indien. Das Ende einer Legende“ dieses Konglomerat von Spekulationen, Halbwahrheiten und Freistilexegesen haarklein widerlegt.
So behauptet Kersten, die drei Weisen hätten die hohe Inkarnation Jesus nach dem Verfahren ermittelt, „nach dem noch heute in Tibet die Wiederverkörperungen von verstorbenen hohen buddhistischen Würdenträgern gefunden“ würden. In Wahrheit ist diese besondere Inkarnationsnachfolge inn Tibet erst im 15. Jhdt eingeführt worden.
Grönbold hat auch herausgearbeitet, aus welchen Quellen Notowitsch sein Jesusmärchen geschöpft hat und wer eine Interesse an der Verbreitung der Legende hat, Jesus sei in Indien gewesen: die islamische Ahmadiyya-Sekte. Deren Gründer Mirza Ghulam Ahmad, der von 1839 bis 1908 lebte, hat auch die Ideen von Notowitsch mit der Erfindung, Jesus habe das Kreuz überlebt und dem Jesus-Grab in Kaschmir verknüpft.
Die Ahmadiyya-Sekte wird vom orthodoxen Islam nicht anerkannt, nicht zuletzt deswegen, weil Ahmad sich als wiedergeborener Christus und als Vollender des Propheten Mohammed ausgegeben hat.
Von dem Jesus-Grab zeigt Kersten ein Foto und behauptet, bei dem „Yuz Azaf“, der hier begraben liege, handle es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Jesus.
Yuz Azaf soll „Jesus der Versammler“ bedeuten. Günter Grönbold schreibt, daß diese „philologisch natürlich Unsinn ist“. Yuz Azaf ist der Josaphat aus der „Barlaam-und-Josaphat“-Legende.
Sie erzählt von zwei Gestalten, die in der Kirche früher als Heilige verehrt wurden: Der Prinz Josaphat wird von seinem Vater mit allem Luxus umgeben und verwöhnt, damit er nicht - wie prophezeit worden ist - dem Christentum zuneige und ihm sich ergebe. Grönbold zitiert den sagenforscher Felix Librecht, der herausgefunden hat, daß hinter dieser Legende sich die Sage von Buddha verbirgt. Das Sanskrit wort „Bodhisattva“ wurde im Arabischen auf Grund eines Schreibfehlers von „Budhasaf“ zu „Yudhasaf“, kam als „Ioasaph“ ins Griechische und endlich als „Josaphat“ im Lateinischen zu enden.
In den arabischen Versionen der Legende „geht Budhasaf/Yuzasaf nach Kaschmir, stirbt dort und wird dort begraben. ‘Kashmir’ ist hierin eine irrtümliche Ortsangabe für Kusinagara (Pali: Kusinara), wo nach den indischen Berichten Buddha starb. Die nichtbuddhistischen Autoren der Josaphat-und-Barlaam-Legende verwechselten den Ort, da es Kusinagara um diese Zeit als Ort auch nicht mehr gab“ (Grönbold, S. 52).
Das also ist das ganze Geheimnis um Jesu Grab in Indien und Grönbold resümiert: „Wer hier Jesus ins Spiel bringen will, ist ein Phantast und Scharlatan“ (S. 53)
Gruß und fröhliche Diskussionen mit Deiner Kollegin! - Rolf