Hallo,
was treibt einen Menschen, mehr als 50 Stunden die Woche zu arbeiten?
Ich rede jetzt nicht von Ärzten, deren Arbeit zum unmittelbaren Wohl der Menschen ist, sondern z.B. von Unternehmensberatern oder Investmentbankern oder Anwälten in großen Kanzleien, also von Leuten, die im Büro arbeiten.
Ich stelle mir also einen Mann im Anzug vor, um die 30 Jahre alt, der Woche für Woche seine 70 Stunden im Büro sitzt und Präsentationen oder Excel-Tabellen erstellt, Verträge aufsetzt und dergleichen Papierkram erledigt. Er wird gut bezahlt und hat die Aussicht auf ein stetig steigendes Gehalt. Seine Firma ist ein angesehenes Unternehmen.
Der Mann ist gesund, sieht ganz gut aus, ist sehr intelligent und hat viel Energie. In gewisser Weise sind dies die besten Jahre seines Lebens. Er könnte viele amouröse Liebschaften unterhalten, monatelang reisen, sich in humanitären Projekten engagieren, ein eigenes Unternehmen gründen, Bücher schreiben, tolle Sachen mit Freunden unternehmen, Spaß haben. Stattdessen verschwendet er seine besten Jahre im BÜRO. Keine Frauen, oder höchstens eine, die er kaum sieht, nur eine 2-wöchige Reise im Jahr, kein soziales Engagement, kein eigenes Unternehmen, kein Buch, kaum Freunde, kein Sonnenschein, kein Spaß.
Meine Theorie, wie es dazu kommt, ist folgende: Dieser Mann war schon als Kind und Jugendlicher intelligenter als die meisten, aber auch schüchtern. Ein bisschen Außenseiter. Er wurde nur selten zu Partys eingeladen, konnte von einer Freundin nur träumen. M.a.W. er bekam ziemlich wenig Anerkennung. Dies minderte seine Selbstsicherheit nur noch mehr. Er wurde ehrgeizig, um es sich und anderen zu beweisen, dass er es doch draufhat. Dank seiner Intelligenz und seines Ehrgeizes erzielte er sehr gute Studienergebnisse und wurde zum perfekten Kandidaten für Unternehmen, in denen maßloses Arbeiten zur Unternehmenskultur gehört.
Dieser junge Mann (oder manchmal auch Frau) entscheidet sich also deshalb dazu, seine Blütezeit im Büro zu verbringen, weil er Anerkennung (Geld, angesehenes Unternehmen) so bitter nötig hat, um seiner fehlenden Selbstsicherheit etwas entgegenzusetzen. Sein Traum wäre es, im Porsche an den Typen vorbeizubrausen, die ihn früher auf dem Schulhof ausgelacht haben.
Im Grunde ist er aber ein Loser, der es nicht hinbekommen hat, sich ein interessantes Leben einzurichten. Anstatt diesen „Erfolgstypen“ zu beneiden, müsste man ihm eher „get a life!“ zurufen.
Habe ich das richtig analysiert, oder gibt es andere Motive, aus denen Menschen sich sowas antun?
Ich kenne schon die Argumente, dass diese arbeitsreichen Phasen ja nur ein paar Jahre dauern sollen und dann hat man sich die Basis dafür geschaffen, zu tun was man will und jeden Job zu bekommen, den man will. Darin sehe ich aber nur eine Rationalisierung. Und außerdem sind diese neuen Jobs auch wieder so ähnlich wie die bisherigen, denn man will sich im Gehalt nicht verschlechtern und der neue Arbeitgeber stellt hohe Erwartungen an den Überflieger, der es gewöhnt ist, sich für die Firma den Arsch aufzureißen.
Was meint ihr?
Herbert
