noch etwas über Rituale
Hi BelRia - sorry ich hatte unten die Anrede vergessen
)
also - ich sags mal so: es kommt drauf an, was Du wissen willst. Wenn Du nach den frühesten Anlässen für Kultisches fragst, dann ist eines ganz vordergründig ausgeschlossen, nämlich irgendwelche heutigen Vorstellungen vom Typ „ich könnte mir denken, daß…“. Es hilft nur, sich über äußerst sensible Beobachtung der Relikte, die wir finden, und absolute Enthaltsamkeit bezüglich Plausibilitätserklärungen langsam heranzutasten an immer frühere Epochen. Immerhin wissen wir heute schon eine Unmenge mehr als noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo die ersten umfassenden religionswissenschaftlichen Theorien entwickelt wurden (Bachofen, Taylor usw…)
Ganz klar ist, daß Jägerkulturen keine Probleme mit Laichenentsorgung hatten. Hygienische Probleme sind Phantasien von modernen Stadtmenschen, die nie einen Fuß in Dschungel oder Steppen gesetzt haben. Und die Krankheitsbewältigung war eh eine Angelegenheit der lokalen Dämonologien.
Was ich unten schrieb über die Zusammenhänge mit kosmischen und kosmogonischen Vorstellungen sind aber Ideen, die sich weit zurück verfolgen lassen auch in Zeiten, in denen von Schrift noch keine Spur vorhanden war.
Für solche Fragen überhaupt kann man eine Menge lernen aus dem Studium von Kulturen, die noch keine sog. Hochgötter-Vorstellungen ausgebildet haben, und man beobachtet, wie diese mit Toten und Kranken umgehen. Da spielen im Wesentlichen ebenfalls dämonologische Ideen eine Rolle und die sind bereits enorm kompliziert. - Daraus kann man dann auch lernen, wie unglaublich viel Dämonologisches und Magisches auch heute noch in den sog. Hochreligionen und Hochkulturen enthalten ist: Ich meine keineswegs sogenannte Esoterik, das ist chaotisches Sammelsurium aus aller Welt, daraus kann man nichts Neues lernen. Nein ich meine solche Kleinigkeiten wie Jahreswendfeste und Geburtstage und Hochzeiten und Feierabend/Wochenende und Urlaub usw… alles zigtausenjahrealte rituelle Techniken der Lebensorganisation…
Und was es bezüglich Deiner Frage nach dem warum zu erhellen gibt, folgt dann auch aus sensiblen Beobachtungen z.B. solcher Leute wie die unten schon zitierte Marie König, die - im Gegensatz zu vielen Paläo-Anthropologen die Höhlen in Frankreich mit eigene Augen gesehen hat:
Ein Beispiel: Sie entdeckte, daß die Stiere in den Höhlen in Perfektion gezeichnet sind, auch perspektivisch sogar, nur zwei Kleinigkeiten sind in der Regel nur mit Strichen angedeutet: Die Hörner und die Füße. Und dann zeigt sie, daß sich Perioden eindeutig unterscheiden lassen, in denen die Füße mit 3 Strichen gezeichnet sind, zugleich Dreiecke auftauchen und eine spätere Periode vier Striche andeutet und zugleich Vierecke als Symbole zeichnet. Mit einigen anderen Daten (das würde jetzt wieder zu weit führen) kommt sie zu dem Schluß, daß hier Spuren eines Wandels in der Deutung kosmischer Phänomene sich niedergeschlagen haben:
Das ist die Theorie, daß die Gestirne nicht nur zwischen 1. Aufgang, 2. Zenit und 3. Untergang „existieren“, sondern auch in der 4. Phase, wo sie unsichtbar sind… Hieraus - aus dem nun zyklischen Weltbild - gibt es dann eine Brücke zum Totenkult: Die Toten, obwohl nicht mehr im sozialen Kontext existierend, existieren dennoch, aber in einer unsichtbaren Phase. Der Rest zum Puzzle steht unten in dem anderen Posting aufgelistet…
Dieser Übergang von einer 3-teiligen zu einer 4-teiligen Kosmogonie zeichnet sich dann auch in allen sonstigen Ritualformen ab:
Die 1. Stufe des Rituals ist der Ausgangspunkt: Die reale historische und geografische Lebenswelt.
Die 2. Stufe ist der Einstieg in die (symbolische) Todeswelt. Das ist bei 3-tägigen Ritualen der erste Tag, international durch die magische Farbe ROT begleitet. Untergang der Gestirne.
Die 3. Stufe ist der Aufenthalt in der (symbolischen) Unter- oder Todeswelt. Der zweite Tag. Farbe SCHWARZ (assoziiert an Winter und Nacht). Die Gestirne in der unsichtbaren Phase.
Die 4. Stufe ist der Wiederaufstieg aus der Todeswelt am dritten Tag. Hier muß der Initiator dem Probanden behilflich sein. Die Farbe ist WEISS. Der Aufgang der Gestirne.
Und diese 4-Phasigkeit ist dann eben auch die Basis für den kultischen Umgang mit den real Toten. Sie sind an einem rituellen Ort, der die Urzeit repräsentiert (siehe das Posting unten). Die beiden Phasen (neben der realen Lebenswelt) spiegeln sich in den kultischen Riten der Totenpflege wieder: der Weg hin und der Weg zurück zu den sakralen Orten - der Ursprung der Pilgerreise… usw. bis in viele andere Details hinein.
Die obengenannte Entdeckung von König bezieht sich zwar auf eine Zeit um 30000 v.Chr. aber immerhin ist das ein Ansatz, der den Totenkult über die Grundprinzipien auch anderer Rituale mit kosmischen Beobachtungen zusammenbringt, die irgendwann in der Menschheitsgeschichte offenbar einmal gemacht worden sein müssen.
Jetzt kann man natürlich fragem warum haben die Menschen auf einmal geglaubt, daß die Gestirne auch weiterexistieren, wenn sie hinter dem westlichen Horizont verschwunden sind…
Soweit erstmal…
Grüße
Metapher